Zwischen den Ostkarpaten und der Schwarzmeerküste lag im 9. und 10. Jahrhundert ein slawischer Verband, über den die Schriftquellen kaum drei Dutzend Wörter verlieren: die Tiwerzen. Sie saßen am Dnjestr, waren offenbar zahlreich, hatten befestigte Plätze und zogen mit Kiewer Fürsten nach Konstantinopel. Dann verschwinden sie aus den Chroniken, während im Boden noch Werkstätten, Waagen und Silbermünzen liegen. Kaum ein anderer ostslawischer Verband zeigt so klar, wie dünn unsere Grundlage ist – und wie viel spätere Jahrhunderte hineingelesen haben. Wir sortieren, was belegt ist, was plausibel bleibt und was reine Deutung ist.
Wer sich die frühe Rus als geschlossenen Block vorstellt, verrechnet sich. Am südwestlichen Rand dieser Welt, dort wo der Dnjestr aus den bewaldeten Hügeln Podoliens in die offene Steppe läuft, saß ein Verband, den die Kiewer Chronistik Tiwerzen nennt – ostslawisch Tiverci, ukrainisch Tyverci.
Ihr Raum umfasste nach heutigem Forschungsstand das mittlere und untere Dnjestrgebiet: die Westukraine, große Teile der heutigen Republik Moldau, vielleicht Streifen im Osten Rumäniens und im Süden des Gebiets Odessa. Es war Grenzland im wörtlichen Sinn – Waldsteppe im Norden, Nomadenkorridor im Süden, Byzanz und die Donau im Westen.
Das macht sie interessant. Hier trafen slawische Bauern, skandinavische Fernhändler, romanischsprachige Bevölkerung, bulgarische Herrschaft und Reitervölker der Steppe auf engstem Raum aufeinander. Und genau deshalb ist hier fast nichts eindeutig.
Praktisch alles Schriftliche über die Tiwerzen steht in der Powest wremennych let, der sogenannten Nestorchronik. Dieser Text schildert das 9. und 10. Jahrhundert – erhalten ist er aber erst in Handschriften, die deutlich später entstanden: der Laurentius-Codex von 1377, der Hypatius-Codex um 1425.
Zwischen den geschilderten Ereignissen und der ältesten erhaltenen Abschrift liegen also gut 400 Jahre, zwischen den Ereignissen und der vermuteten Redaktion in Kiew immer noch rund 250. Die frühen Jahreszahlen der Chronik – 885, 907, 944 – sind keine Protokollnotizen, sondern nachträglich errechnete, konventionelle Ansätze.
Dazu kommt die Tendenz. Die Chronik wurde in Kiew redigiert, im Interesse einer Dynastie, die ihre Herrschaft über die südlichen Verbände begründen wollte. Wer sie liest, liest immer auch eine Rechtfertigung mit.
Die entscheidende Stelle ist eine geografische Notiz im Völkerkatalog am Beginn des Textes. Sie ordnet Tiwerzen und Ulitschen dem Dnjestr zu und behauptet ausdrücklich, deren Städte bestünden zur Zeit des Schreibers noch.
Die Ulitschen aber und die Tiwerzen saßen am Dnjestr und reichten hin bis zur Donau. Ihrer war eine Menge; denn sie saßen am Dnjestr bis hinab zum Meer, und ihre Städte bestehen bis auf diesen Tag.
Powest wremennych let (Nestorchronik), Völkerkatalog; altostslawischer Wortlaut nach der Laurentius-Fassung, eigene Übersetzung
Wichtig ist die Textgeschichte dieser Zeile. Der Hypatius-Codex bietet eine abweichende Fassung, in der statt des Dnjestr der Dnjepr steht und zusätzlich der Südliche Bug genannt wird. Ob das Verschreibung ist oder eine ältere Überlieferung, ist bis heute nicht entschieden – und mit ihr die Frage, wie weit nach Osten der Verband reichte.
Der Rest ist schnell erzählt. Spätere Chronikkompilationen bringen die Tiwerzen mit Askold und Dir sowie mit Kämpfen gegen Oleg in Verbindung. 907 erscheinen sie im Heer Olegs vor Konstantinopel, 944 im Zug Igors – das ist die letzte Nennung überhaupt.
Zum Zug von 907 setzt der Chronist eine Erläuterung hinzu: die Tiwerzen seien tolkoviny. Über dieses eine Wort ist mehr geschrieben worden als über alles andere, was wir von diesem Verband wissen.
Die verbreitete Deutung leitet es von altostslawisch tŭlkŭ „Dolmetscher" ab: Menschen aus einer Kontaktzone, die zwei Sprachen konnten und deshalb im Heer gebraucht wurden – möglicherweise Griechischkenner auf dem Weg nach Byzanz. Diese Lesart hat sich in der Forschung weitgehend durchgesetzt, seit sie sprachwissenschaftlich neu geprüft wurde.
Sie ist aber nicht die einzige. Das Wort taucht ein zweites Mal im Igorlied auf, dort für Fremdstämmige, gemeint sind offenbar Polowzer. Aleksej Sobolewski schloss daraus 1910, die Tiwerzen seien selbst ein turksprachiger, der Rus untertäniger Verband gewesen. Diese These gilt heute als überholt, zeigt aber, wie belastbar der Boden ist: Ein einziges unklares Substantiv trägt eine ganze Ethnie.
Die am besten begründete Namensdeutung ist zugleich die unspektakulärste. Der Dnjestr hieß in der Antike Tyras – bei Herodot, später bei Strabon, Plinius und Ptolemaios. Der Flussname selbst gilt als iranisch, zu einer Wurzel mit der Bedeutung „schnell". Tiwerzen wären demnach schlicht „die Leute vom Tyras", also Dnjestranwohner.
Der Zeitrahmen passt: Bei Jordanes heißt der Fluss Mitte des 6. Jahrhunderts schon Danaster, der alte Name Tyras war da im Verschwinden. Ein davon abgeleiteter Verbandsname müsste also älter sein als das 6. Jahrhundert – ein starkes Argument, aber eben eine Rekonstruktion, kein Beleg. Konkurrierende Deutungen (etwa eine Ableitung von der spätantiken Festung Turris oder aus dem Türkischen) sind Minderheitsmeinungen geblieben.
Ein Nebenbefund stützt die Flussdeutung indirekt: Ortsnamen wie Tywriw am Südlichen Bug werden mit dem Verbandsnamen verbunden. Dass Kamjanez-Podilskyj ihr „Hauptort" gewesen sei, ist dagegen eine reine Vermutung ohne Fundgrundlage.
Eine zweite, viel ältere Quelle wird regelmäßig herangezogen, wenn es um die Größe dieser Verbände geht: der sogenannte Bayerische Geograph, eine lateinische Völker- und Ortszahlliste des 9. Jahrhunderts. Er nennt die Unlizi als „zahlreiches Volk" mit einer dreistelligen Zahl von civitates – üblicherweise mit den Ulitschen gleichgesetzt. Für die Tiwerzen selbst steht dort kein sicherer Eintrag; Vorschläge, sie hinter Namen wie Stadici oder Attorozi zu vermuten, sind Hypothesen aus Etymologie und Nachbarschaftslogik.
Die Zahlen taugen ohnehin kaum als Statistik. Civitas meint in solchen Listen eher einen befestigten Platz mit Umland als eine Stadt im späteren Sinn, und die Angaben schwanken in den Handschriften. Wer daraus Einwohnerzahlen errechnet, rechnet mit Nebel.
Die Beziehung zu der Kiewer Rus war offenkundig keine freiwillige Partnerschaft. Mehrere Chronikfassungen berichten, Oleg habe gegen Tiwerzen und Ulitschen Krieg geführt; die Forschung liest daraus meist, dass eine dauerhafte Unterwerfung zunächst misslang.
Danach erscheinen sie zweimal als Truppenkontingent – 907 unter Oleg, 944 unter Igor. Beides sind Züge gegen Byzanz, beide werden in der Chronik als große Aufgebote geschildert, deren Zahlen niemand nachprüfen kann. Ob die Tiwerzen dabei als Verbündete, als Tributpflichtige oder als angeworbene Hilfstruppe zogen, sagt der Text nicht.
Das Muster ist aus anderen Verbänden vertraut: Erst Krieg, dann Tributpflicht, dann Einbindung ins Aufgebot. Bei den Drewlanen ist dieser Vorgang ausführlich erzählt, weil er in einer Katastrophe endete; bei den Poljanen um Kiew fällt er ganz weg, weil sie der Chronik als Kern der Rus gelten. Die Tiwerzen bekommen zwei Randnotizen.
Die berühmteste Belagerung dieser Region betrifft streng genommen die Nachbarn. Die Nowgoroder Erste Chronik jüngerer Redaktion berichtet zum Jahr 940, eine Stadt namens Peresetschen habe sich nicht unterwerfen wollen; der Heerführer Sveneld habe drei Jahre vor ihr gelegen und sie nur mit Mühe genommen. Danach flossen die Abgaben der Ulitschen an ihn.
Sveneld ist eine der greifbarsten Gestalten dieser Jahrzehnte: ein Anführer mit skandinavischem Namen, der unter Igor und Swjatoslaw dient, sagenhaft reich wird und in der Chronik am Rand fast jeder Krise auftaucht. Sein Aufstieg beginnt genau hier, an der Südwestgrenze.
Wo Peresetschen lag, weiß niemand. Die naheliegende Gleichsetzung mit dem heutigen Dorf Peresecina bei Orhei gilt in der Forschung als unsicher bis unwahrscheinlich. Und eine dreijährige Belagerung durch ein Heer des 10. Jahrhunderts ist logistisch so anspruchsvoll, dass die Zahl eher als erzählerische Steigerung gelesen werden sollte denn als Kriegstagebuch.
Archäologisch fällt der Raum in den Bereich der Luka-Rajkivci-Kultur (auch Luka-Rajkovezkaja), einer frühmittelalterlichen Kultur vom Ende des 7. bis in die erste Hälfte des 10. Jahrhunderts. Sie geht aus der älteren Prager-Korczak-Kultur hervor und breitet sich in der Waldsteppe westlich des Dnjepr aus, mit Ausläufern zur oberen Theiß und zur unteren Donau.
Typisch sind Siedlungsnester aus Grubenhäusern und ebenerdigen Bauten mit Steinöfen, dazu ab dem 8. Jahrhundert eine deutliche Zunahme befestigter Plätze: Holz-Erde-Wälle mit Gräben, oft auf Sporne über dem Fluss gesetzt. Die Keramik wechselt im Lauf der Zeit von handgeformt zu scheibengedreht – ein brauchbarer Datierungsanker.
Die Zuordnung dieser Fundplätze zu „den Tiwerzen" erfolgt allerdings über die Landkarte, nicht über die Funde. Spezifische Merkmale, die sie von den Nachbarn unterschieden, ließen sich bisher nicht herausarbeiten. Was wir haben, ist eine Region – kein archäologisch fassbares Volk.
Am mittleren Dnjestr, im heutigen Rajon Rezina in der Republik Moldau, liegen zwei der wichtigsten Fundplätze: die Burgwälle von Echimăuți und Alcedar, ergänzt durch Plätze wie Rudi. Echimăuți wurde in mehreren Kampagnen zwischen 1950 und 1964 untersucht und ins 9. bis 10. Jahrhundert datiert.
Was dort zutage kam, ist für unser Handwerksinteresse das Spannendste an der ganzen Geschichte: Schmiedewerkstätten, Waffenherstellung und Schmuckproduktion innerhalb der Befestigung, dazu eiserne Ackergeräte. Das war kein Fluchtburgbetrieb, sondern ein Produktionsplatz mit spezialisierten Handwerkern.
Dazu kommt Handel. Aus Echimăuți und Alcedar sind Gewichte des 9. bis 11. Jahrhunderts publiziert, aus Alcedar ein Hort mit Silbermünzen, der ins späte 10. Jahrhundert gestellt wird. Auch Objekte skandinavischen Typs, darunter Streitäxte, sind aus dem Raum bekannt. Wer Waagen und Gewichte benutzt, wiegt Silber ab – wir sind hier im selben Wirtschaftssystem wie am Warägerweg.
Bei Alcedar wurde ein Hügelgräberfeld mit 34 flachen Hügeln festgestellt; elf davon wurden in den frühen 1960er Jahren untersucht. Jeder Hügel enthielt mehrere Brandbestattungen, teils zehn, teils weit über vierzig – offenbar Grabstätten einzelner Familienverbände über Generationen hinweg.
Die Verbrennung fand auswärts statt; der Leichenbrand wurde anschließend auf einer Lehmfläche im Hügel, in flachen Gruben oder in Urnen niedergelegt. Die Beigaben sind auffällig arm: einige Glasperlen, eine Halsberge, wenige Bronzeteile, Eisenmesser. Nichts davon ist regional eigenständig, alles gehört zu allgemein slawischen Typen.
Bei Brănești im Rajon Orhei liegt ein Flachgräberfeld, in dem sich der Übergang abzeichnet: einige frühe Brandbestattungen, dann rund 94 untersuchte Körpergräber, die Toten gestreckt auf dem Rücken, den Kopf im Westen. Der Fundstoff reicht bis in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts.
Durch die Landschaft zwischen Prut und Dnjestr ziehen mächtige Erdwälle, die im Volksmund und in älterer Literatur „Trajanswälle" heißen. Sie sind eindrucksvoll, und sie werden in populären Darstellungen gern den Tiwerzen zugeschrieben. Dafür gibt es keine Grundlage.
Die Forschung datiert die bessarabischen Wälle überwiegend in die Spätantike beziehungsweise die Völkerwanderungszeit – diskutiert werden gotische oder spätrömische Zusammenhänge. Der Name Trajan ist eine späte, vermutlich neuzeitliche Zuschreibung, nicht eine antike Bezeichnung.
Davon zu trennen sind die „Schlangenwälle" im Dnjepr-Raum bei Kiew. Auch deren Datierung ist umstritten: Ältere Grabungen setzten sie ins späte 10. und 11. Jahrhundert und deuteten sie als Schutz gegen Petschenegen und Polowzer, neuere Radiokohlenstoffdaten sprechen für erhebliche Zeittiefe und mehrere Bauphasen. Zwei verschiedene Systeme, zwei verschiedene Debatten – und keines von beiden ist ein Tiwerzenwall.
Warum lag dort überhaupt so viel Silber im Boden? Weil der Dnjestr eine Route war. Neben dem berühmten Dnjeprweg lief eine zweite Verbindung von den Karpatenvorländern zur westlichen Schwarzmeerküste – weniger spektakulär, aber ohne die berüchtigten Stromschnellen.
Wer diesen Weg nutzte, bewegte sich zwischen skandinavischen Fernhändlern, slawischen Burgherren, bulgarischer Herrschaft an der unteren Donau und byzantinischen Märkten. Dass Tiwerzen als Sprachkundige in einem Heer nach Konstantinopel gebraucht wurden, ergibt in dieser Landschaft schlicht Sinn.
Wie diese Welt von außen wahrgenommen wurde, zeigen die arabischen Beschreibungen der Rus an der Wolga – ein Beobachterbericht, den wir uns bei Ibn Fadlan genauer angesehen haben. Für den Dnjestr fehlt eine vergleichbare Augenzeugenquelle vollständig.
915 erscheinen die Petschenegen in den nordpontischen Steppen, wenige Jahre später an der unteren Donau. Die slawischen Siedlungen im Unterlauf des Dnjestr brechen ab; im Süden des Prut-Dnjestr-Zwischenstromlands setzt sich für eine Weile bulgarisch geprägte Kultur durch.
Der eigentliche Zusammenbruch kommt später. Viele untersuchte Siedlungen in der heutigen Republik Moldau enden im 11. bis frühen 12. Jahrhundert – nach dem Untergang des Ersten Bulgarischen Reiches und unter dem Druck der nachrückenden Polowzer. Das Ergebnis ist kein Massaker, sondern ein Abfluss: Die Bevölkerung zieht nach Norden.
Dorthin, wo Schutz zu haben war – in den Bereich des Fürstentums Halytsch, das im 12. Jahrhundert die Länder zwischen Karpaten und Dnjestr bis hinab zur Donau zusammenfasst, mit Burgstädten wie Uschyzja und Bakota am Fluss. Ältere Forschung, etwa Lubor Niederle, nahm zusätzlich einen Zug in die Karpaten und nach Transkarpatien an; das bleibt eine Hypothese. In den Prut-Dnjestr-Raum kehrten nur Inseln slawischer Bevölkerung zurück, die im Lauf der Zeit romanisiert wurden.
Ein Verband, der aus den Quellen verschwindet, ist ein bequemes Gefäß. Ukrainische Darstellungen sehen in den Tiwerzen einen der Bausteine der ukrainischen Ethnogenese, speziell für Podolien. Rumänische und moldauische Forscher betonen umgekehrt den romanisch-slawischen Mischcharakter der Dnjestrbevölkerung. Sowjetische Arbeiten wiederum ordneten alles in ein gesamtostslawisches Schema ein.
Alle drei Positionen lassen sich mit demselben dünnen Material bestreiten oder stützen, weil das Material die Frage gar nicht beantwortet. Ein Gräberfeld sagt, wie man bestattet hat, nicht, welche Sprache am Grab gesprochen wurde.
Ehrlicher ist der bescheidene Befund: Am Dnjestr lebte im 9. und 10. Jahrhundert eine bäuerlich-handwerkliche Bevölkerung mit befestigten Plätzen, Fernhandelskontakten und wechselnden Oberherren. Kiewer Schreiber nannten sie Tiwerzen. Mehr wissen wir nicht – und das ist immer noch eine Menge.

Die Rus (Kiew) · Die Poljanen · Die Drewlanen · Der Warägerweg · Die Dregowitschen.
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