Während die einen Wikinger nach Westen segelten, zog es andere nach Osten — die Flüsse hinauf und hinab, bis vor die Mauern von Konstantinopel. Der „Weg von den Warägern zu den Griechen“ war Handelsader, Kriegspfad und Kulturbrücke zugleich. Wir folgen ihm Stromschnelle für Stromschnelle.
Wenn wir „Wikinger“ hören, denken wir an Drachenschiffe vor der englischen Küste. Doch ein großer Teil der nordischen Expansion verlief nach Osten, über ein Netz aus Flüssen und Landbrücken, das die Ostsee mit dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer verband. Die altrussische Nestorchronik nennt diese Strecke den „Weg von den Warägern zu den Griechen“ — von den skandinavischen Warägern (altnordisch Væringjar) zu den „Griechen“, den Byzantinern.
Das Ziel trug einen klangvollen Namen: Miklagarðr, die „große Stadt“ — Konstantinopel, die reichste Metropole der damaligen Welt. Für einen Händler aus dem Norden war sie ein Sehnsuchtsort aus Gold, Seide und Wein. Der Weg dorthin war jedoch alles andere als einfach. Er führte nicht über das offene Meer, sondern durch das Landesinnere Osteuropas, auf Flüssen, die nicht überall schiffbar waren, durch Gebiete fremder Völker und über Stromschnellen, die schon manches Schiff zerschmettert hatten.
Die Reisenden nutzten dafür kleinere, wendige Boote statt der großen Seeschiffe — Fahrzeuge, die man notfalls über Land tragen oder ziehen konnte. Reisen bedeutete hier Rudern, Staken, Schleppen und immer wieder Ausladen.
Man muss sich das nicht als einzelne Heldenfahrt vorstellen, sondern als jährlichen Rhythmus. Konstantin VII. beschreibt, wie die Rus im Winter Tribut und Waren aus dem Hinterland sammelten und im Frühjahr, wenn das Eis brach, in Kiew ihre Flotte zusammenstellten, um im Konvoi flussabwärts aufzubrechen. Die Reise war ein Unternehmen auf Zeit: Wer zu spät kam, riskierte niedriges Wasser an den Stromschnellen; wer zu weit aufschloss, geriet allein zwischen die Reitervölker der Steppe.
Der Einstieg lag im Norden: über den Finnischen Meerbusen zum Ladogasee und der frühen Handelssiedlung Aldeigjuborg (Staraja Ladoga), deren Holzbauten dendrochronologisch bis ins 8. Jahrhundert zurückreichen. Von dort ging es weiter nach Holmgarðr (Nowgorod) und über ein System aus Flüssen und kurzen Landwegen zum Oberlauf des Dnepr. Der Dnepr wurde zur Hauptschlagader der Südroute: Er trug die Boote hinab bis ans Schwarze Meer, an dessen Küste entlang man schließlich Konstantinopel erreichte.
Der gefährlichste Abschnitt lag im Unterlauf des Dnepr: eine Kette von Stromschnellen, an denen das Wasser über Felsbänke tobte. Genau hier haben wir eine der faszinierendsten Quellen der ganzen Wikingerzeit. Der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos beschreibt in seinem Werk De administrando imperio (um 950) sieben dieser Stromschnellen — und nennt für die meisten zwei Namen: einen „slawischen“ und einen „rhosischen“, also altnordischen.
Sie gelangen an die vierte Stromschnelle, die große, die auf rhosisch Aeifor, auf slawisch Neasit heißt, weil in den Felsen der Stromschnelle die Pelikane nisten.Konstantin VII. Porphyrogennetos, De administrando imperio, Kap. 9 (um 950, gemeinfrei)
Dieses Nebeneinander ist ein sprachlicher Fingerabdruck. Die „rhosischen“ Namen — etwa Ulvorsi, Gelandri („der Tosende“), Aeifor, Varuforos — lassen sich überzeugend aus dem Altnordischen deuten. Sie sind einer der stärksten Belege dafür, dass die Rus dieser Route eine skandinavische Komponente hatten. An der schlimmsten Stelle mussten die Boote aus dem Wasser genommen werden; Bewaffnete gingen an Land und sicherten gegen Überfälle der Petschenegen, während andere die Schiffe schleppten.
Wo ein Fluss unpassierbar wurde oder gar kein durchgehender Wasserweg existierte, half nur eines: das Schiff über Land bringen. Diese Landübergänge heißen im Altostslawischen volok (Schleppstelle) — ein Wort, das sich bis heute in Ortsnamen wie Wyschni Wolotschok erhalten hat. Boote wurden entladen, auf Rollen oder Stämmen über Wege und Wasserscheiden gezogen und am nächsten Fluss wieder eingesetzt. Deshalb waren leichte Boote so wichtig: Ein schwerer Seesegler wäre auf dieser Route ein Klotz am Bein gewesen.
Die Portagen waren zugleich die verwundbarsten Punkte der ganzen Reise. Wer sein Schiff auf Rollen über eine Wasserscheide wuchtet, hat weder Deckung noch Fluchtweg. Genau an solchen Engstellen lauerten Räuber und Steppenreiter. Handel und Krieg lagen hier keine Bootslänge auseinander: Dieselben Männer, die als Kaufleute mit Silber feilschten, mussten am nächsten Morgen die Axt schwingen, um Ladung und Leben zu behalten.
Was trieb Menschen dazu, sich durch dieses Nadelöhr zu quälen? Silber. Der Norden lechzte nach dem geprägten Silber des Orients — den Dirhams des Kalifats —, und Byzanz bot Seide, Wein, Gewürze und Luxusgüter. Im Gegenzug lieferte der Norden, was der Süden nicht hatte: Pelze (besonders Eichhörnchen- und Marderfell), Bienenwachs, Honig, Bernstein, Waffen — und Menschen. Der Sklavenhandel war ein bitterer, aber zentraler Teil dieser Wirtschaft; das Wort Slawe und das mittellateinische sclavus hängen sprachlich mit den versklavten Völkern des Ostens zusammen. Ehrlichkeit gebietet, das nicht zu beschönigen: Die Ostroute war Handelsader und Menschenhandelsstraße zugleich.
Wie mächtig dieser Strom aus dem Süden war, zeigt kein Text so eindrücklich wie das Silber selbst. In den Erdreichen Gotlands und ganz Skandinaviens liegen bis heute riesige Horte arabischer Dirhams — Zehntausende Münzen, geprägt in Samarkand, Bagdad und Buchara, vergraben Tausende Kilometer von ihrem Ursprung entfernt. Oft sind sie zerhackt: Für den Norden zählte nicht der Nennwert, sondern das Gewicht des Edelmetalls. Man wog das Silber auf kleinen Klappwaagen ab und prüfte es mit feinen Kerben. Diese Gewichtsgeldwirtschaft ist der stille, unwiderlegbare Beleg dafür, wie tief der Osten den Reichtum des Nordens prägte.
Nicht alle, die Miklagard erreichten, kamen zum Handeln. Viele kamen, um zu dienen. Die byzantinischen Kaiser stellten eine Elitegarde aus nordischen und später angelsächsischen Kriegern auf — die berühmte Warägergarde. Sie galt als loyal (weil fremd und nicht in die Hofintrigen verstrickt) und als furchterregend im Kampf mit der Streitaxt. Der wohl berühmteste Waräger war Harald Hardrada, der spätere norwegische König, der als junger Mann jahrelang in kaiserlichen Diensten stand, ehe er reich in den Norden zurückkehrte. Runensteine in Schweden — die sogenannten Griechenlandsteine — erinnern an Männer, die „nach Griechenland“ zogen und teils nicht zurückkehrten.
Bis heute sichtbar ist ein Gruß dieser Männer an einem der berühmtesten Orte der Welt: In die Marmorbrüstung der Hagia Sophia in Konstantinopel ritzte einer von ihnen seinen Namen — „Halfdan“ — vermutlich aus Langeweile während eines endlosen Gottesdienstes. Ein zweites Runengraffito ist nebenan zu finden. Kein Heldenepos, kein Schatzfund, nur ein Name in Stein — und gerade deshalb ein rührend menschliches Zeugnis dafür, wie weit die Wege dieser Nordmänner reichten.
Der Dnepr war nicht die einzige Ostroute. Weiter östlich führte die Wolga zum Kaspischen Meer und damit in die Reichweite des islamischen Kalifats. Hierhin gehört einer der berühmtesten Augenzeugenberichte überhaupt: Der arabische Gesandte Ibn Fadlan begegnete um 922 an der Wolga einer Gruppe von Rus und beschrieb ihr Aussehen, ihren Handel und ein aufwendiges Schiffsbegräbnis mit erschreckender Genauigkeit. Über die Wolga floss das arabische Silber in den Norden — die riesigen Dirham-Horte Skandinaviens sind der stumme Beweis dieses Handels.
Ibn Fadlans Bericht ist so wertvoll, weil er von außen kommt: ein gebildeter Muslim, der die Rus weder verklärt noch verteufelt, sondern schildert, was er sieht — ihre Größe und Tätowierungen, ihre Waffen, aber auch ihre aus seiner Sicht mangelnde Reinlichkeit. Berühmt ist seine Schilderung des Schiffsbegräbnisses eines Vornehmen, mit Opfer, Rausch und Flammen. Man muss diese Quelle vorsichtig lesen — Ibn Fadlan verstand die Sprache nicht und deutete manches als Fremder —, doch als Momentaufnahme nordischer Händler weit im Osten ist sie unersetzlich. Der Hollywood-Film „Der 13. Krieger“ hat aus ihr eine Abenteuergeschichte gemacht; das Original ist nüchterner und gerade deshalb kostbarer.
Und damit zur heikelsten Frage: Wer waren diese Rus? Die Nestorchronik erzählt, slawische und finnische Stämme hätten die warägischen Rus zu sich gerufen, um Ordnung zu stiften — allen voran den Fürsten Rurik. Die sogenannten Normannisten sehen darin einen klaren Beleg, dass die Rus Skandinavier waren, und verweisen auf die nordischen Stromschnellen-Namen, die Gesandtennamen in den byzantinischen Verträgen und die Funde. Die Gegenseite betont die slawischen Anteile und warnt vor einer allzu geradlinigen Herleitung.
Der ehrliche Stand: Die Rus waren keine „reinen“ Skandinavier und kein rein slawisches Volk, sondern eine Mischbevölkerung, in der nordische Händler und Krieger anfangs eine prägende Rolle spielten und rasch mit der slawischen Umwelt verschmolzen. Was bleibt, ist ein faszinierendes Bild: Menschen aus dem hohen Norden, die ihre Boote über Wasserscheiden schleppten, um vor den Toren der reichsten Stadt der Welt Handel zu treiben.
Konstantin VII. überliefert für die Dnepr-Stromschnellen slawische UND nordische Namen — sprachlich aus dem Altnordischen deutbar. Byzantinische Verträge mit den Rus (911/944) nennen skandinavische Gesandtennamen. Ibn Fadlan beschrieb die Rus an der Wolga um 922. Staraja Ladoga ist dendrochronologisch ins 8. Jahrhundert datiert. Die Griechenlandsteine und riesige Dirham-Horte belegen Fernhandel und Söldnerdienst.
„Die Rus waren eindeutig Skandinavier“ ist die Normannisten-Position und bleibt umstritten: Es gab nordische UND slawische Anteile, die rasch verschmolzen. Die Route war Handel und Gewalt, kein reines Kaufmannsidyll. Und „die Wikinger gründeten Russland“ ist eine grobe Verkürzung, die aus einer komplexen Verflechtung eine simple Gründungsgeschichte macht.

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