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Die Wikinger-Axt: vom Brennholz bis zum Schlachtfeld

Geschichte & Funde Die Wikinger-Axt: vom Brennholz bis zum Schlachtfeld

Die Axt ist das ehrlichste Werkzeug der Wikingerzeit. Sie spaltete Holz, zimmerte Schiffe, schlug Wege durch den Wald - und wenn es sein musste, entschied sie eine Schlacht. Kein Heldenstahl aus der Sage, sondern die Waffe, die sich fast jeder leisten konnte. Genau das macht sie so spannend.

Ein Werkzeug, das zur Waffe wurde

Die meisten Wikinger besassen keine Waffe im heutigen Sinn. Sie besassen eine Axt - und die stand ohnehin an der Hauswand. Holz spalten, Zaunpfaehle schlagen, Fleisch zerteilen, Boote bauen: Die Axt war das Multifunktionsgeraet des Nordens. Dass dieselbe Klinge im Ernstfall auch einen Schild zerlegte oder einen Helm spaltete, war kein Zufall, sondern ein willkommener Nebeneffekt. Wer zur Waffe griff, griff meist nach dem, was schon da war.

Genau darin liegt der Reiz der Wikingeraxt: Sie war demokratisch. Ein gutes Schwert kostete ein kleines Vermoegen - eine brauchbare Axt kostete Eisen und ein paar Stunden Schmiedearbeit. Der freie Bauer, der Fischer, der Handwerker: Sie alle konnten eine Axt fuehren, und viele taten es. Das aendert unser Bild vom Wikinger grundlegend. Nicht die glaenzende Klinge war der Normalfall, sondern das schlichte, harte Werkzeug.

Wie eine Wikingeraxt gebaut war

Eine Axt der Wikingerzeit war ein Meisterstueck an Sparsamkeit. Der Kopf bestand ueberwiegend aus einfachem Schmiedeeisen - weich, zaeh, billig. Nur an der Schneide setzten die Schmiede ein schmales Stueck harten, kohlenstoffreichen Stahl ein: eingeschweisst, ausgeschmiedet, gehaertet. So bekam man eine Klinge, die scharf blieb, ohne den teuren Stahl fuer den ganzen Kopf zu verschwenden. Ein Bruch im weichen Koerper liess sich neu verschweissen; die kostbare Schneide blieb, wo sie hingehoerte.

Das Auge - das Loch fuer den Stiel - wurde meist aus dem umgebogenen Eisen geformt, oft mit kleinen "Ohren" (Lappen), die den Holzschaft seitlich fassten und die Klinge stabilisierten. Der Stiel selbst ist archaeologisch fast nie erhalten, weil Holz vergeht; Laenge und Form kennen wir vor allem aus Bildquellen und wenigen Feuchtbodenfunden. Wichtig ist die Grundeinsicht: Wikingeraexte waren leicht. Ein einhaendiger Axtkopf wog oft nur einige hundert Gramm. Die schweren, klobigen Henkersbeile aus Fantasyfilmen haben mit dem Befund nichts zu tun - so ein Kloben waere im Kampf viel zu langsam gewesen.

Diese Leichtigkeit war einen taktischen Preis wert: Reichweite und Tempo. Eine Axt an einem langen Stiel schlug weiter aus als ein Schwert und entwickelte durch die Hebelwirkung enorme Wucht auf einen kleinen Punkt der Schneide. Genau deshalb fuerchtete man sie an Schild und Helm - wo ein Schwerthieb abglitt, konnte eine Axt die Kante erwischen und durchbrechen. Zugleich blieb der Kopf klein genug, um im Gedraenge schnell zurueckgezogen und neu gefuehrt zu werden.

Die Bartaxt - Haken, Zug und Naehe

Der Klassiker der Wikingerzeit ist die Bartaxt, altnordisch skeggoex. Ihr Name kommt vom "Bart": Die untere Schneidenecke ist nach unten gezogen und verlaengert das Blatt asymmetrisch. Das sieht dekorativ aus, ist aber vor allem funktional. Der Bart vergroessert die Schneidflaeche, ohne den Kopf schwerer zu machen. Mit dem Haken liess sich ein gegnerischer Schildrand herunterziehen oder ein Bein einhaken. Und weil zwischen Bart und Stiel eine Luecke bleibt, konnte man die Hand dicht hinter den Kopf legen und die Axt fuer feine Arbeiten wie ein Zugmesser nutzen - Werkzeug und Waffe in einem Stueck.

Bartaexte gibt es in vielen Groessen, vom handlichen Beil bis zur ausgewachsenen Kampfaxt. Diese Bandbreite ist typisch: Es gab nicht "die" Wikingeraxt, sondern eine ganze Familie von Formen, die sich ueber Jahrhunderte und Regionen hinweg wandelten.

Im Grab lag die Axt oft neben Speer und Schild - der typischen Ausruestung eines freien Mannes. Dass Aexte in Kriegergraebern so haeufig auftauchen, ist einer der Gruende, warum wir ihre Formen so gut kennen: Wo ein Schwert fehlte, gab man dem Toten die Waffe mit, die er im Leben wirklich gefuehrt hatte.

Die breite Axt - der Zweihaender der spaeten Wikingerzeit

Ab etwa der Mitte des 10. Jahrhunderts taucht ein neuer, spektakulaerer Typ auf: die grosse Breitaxt, altnordisch breidoex, in englischen Quellen spaeter beruehmt als "Dane-Axe". Ihr Kopf ist weit ausladend, die Schneide oft 20 bis 30 Zentimeter breit, und der Stiel misst gut einen Meter oder mehr. Das ist eine reine Zweihandwaffe - wer sie fuehrte, hatte keine Hand mehr fuer den Schild frei.

Trotz ihrer Groesse blieb die Breitaxt erstaunlich leicht, weil das Blatt duenn ausgeschmiedet war. Sie war keine plumpe Keule, sondern ein schnelles, weit reichendes Werkzeug des Schlachtfelds. In der Formation stand der Axtkaempfer meist in der zweiten Reihe oder an offener Flanke - er brauchte Raum zum Ausholen und den Schutz der Schildtraeger neben sich. Die Breitaxt wurde so populaer, dass sie sich von England bis in die Rus verbreitete und noch bis ins 13. Jahrhundert in Gebrauch blieb - etwa bei der beruehmten Leibgarde der byzantinischen Kaiser.

Bei dieser Garde, den Waraegern, wurde die grosse Axt geradezu zum Markenzeichen: Zeitgenoessische byzantinische Quellen nennen die nordischen Soeldner schlicht die "axttragenden Barbaren". Ein nordisches Werkzeug war so zum Statussymbol einer kaiserlichen Elitetruppe am anderen Ende der bekannten Welt geworden - ein schoenes Bild dafuer, wie weit die Wikinger und ihre Ausruestung reisten.

Petersen und die Ordnung im Axt-Chaos

Wer sich mit Wikingerwaffen beschaeftigt, stolpert unweigerlich ueber einen Namen: Jan Petersen. Der norwegische Archaeologe legte 1919 mit seinem Werk ueber norwegische Wikingerwaffen das Fundament, auf dem bis heute geforscht wird. Petersen ordnete die Axtkoepfe nach Kopfform in Typen und bezeichnete sie schlicht mit Buchstaben - grob von A bis M.

Die Bartaexte fallen dabei vor allem in die Typen B bis E; bei Typ C ist der Bart besonders extrem ausgezogen. Die grossen Breitaexte sind die spaeten Typen L und M. Typ M, ab etwa 950 verbreitet, ist die klassische "Dane-Axe" mit breitem, symmetrischerem Blatt. Diese Buchstaben sind kein Selbstzweck: Weil sich die Formen zeitlich staffeln lassen, kann ein Fund ueber seinen Axttyp grob datiert werden. Petersens Typologie ist damit weniger ein Katalog als ein Kalender.

Die Mammen-Axt - wenn eine Axt zum Kunstwerk wird

Dass eine Axt nicht nur Werkzeug, sondern auch Prunkstueck sein konnte, zeigt der spektakulaerste Einzelfund: die Axt aus dem Grab von Bjerringhoej bei Mammen in Daenemark, um 970 niedergelegt. Ihr eiserner Kopf ist ueber und ueber mit Silberdraht tauschiert - eingelegten Faeden aus Silber, die in feinen Ranken ein ganzes Bildprogramm ergeben: ein Baum, ein Vogel, verschlungenes Rankenwerk im Stil, der nach diesem Fund benannt ist (Mammen-Stil).

Eine solche Axt hat nie Brennholz gesehen. Sie war ein Statusobjekt, das den Rang ihres Besitzers vor Augen fuehrte - ein Zepter in Form einer Waffe. Sie erinnert daran, dass die Grenze zwischen Werkzeug, Waffe und Schmuck in der Wikingerzeit fliessend war. Wer es sich leisten konnte, liess selbst das Alltaeglichste veredeln.

Aexte in der Schlacht - Stamford Bridge und Hastings

Auf dem Hoehepunkt ihrer Wirkung sehen wir die grosse Axt im Jahr 1066. Am Anfang steht Stamford Bridge, wo das Heer des norwegischen Koenigs Harald Hardrada unterlag - die Ueberlieferung kennt hier den einsamen Axtkaempfer, der die Bruecke haelt, auch wenn diese Szene stark ausgeschmueckt ist. Wenige Wochen spaeter, bei Hastings, kaempften die angelsaechsischen Huscarls Wilhelms Reiterei mit genau jener Breitaxt entgegen. Der Teppich von Bayeux zeigt es Bild fuer Bild: Krieger, die die Zweihandaxt ueber den Kopf reissen, Schilde und Pferde gleichermassen im Blick.

Wie brutal effektiv eine Axt in geuebter Hand war, halten die islaendischen Sagas fest. In der Njals saga fuehrt Skarphedinn seine Axt mit dem sprechenden Namen "Kriegsunholdin". Als er ueber das Eis heranrutscht, trifft er den ahnungslosen Thrain am Kopf:

...und nun stuerzte Skarphedinn ueber sie herein und hieb mit seiner Axt, "der Kriegsunholdin", nach Thrain und traf ihn am Kopf und spaltete ihn hinab bis zu den Zaehnen, sodass die Backenzaehne auf das Eis fielen.Njals saga (Die Geschichte vom weisen Njal), uebers. nach George W. Dasent 1861, gemeinfrei

Die Saga ist Literatur, kein Protokoll - aber sie zeigt, welchen Respekt die Axt genoss und wie selbstverstaendlich sie zum Bild des Kriegers gehoerte.

Was belegt ist

Aexte gehoeren zu den haeufigsten Waffenfunden der Wikingerzeit; erhalten sind fast immer nur die eisernen Koepfe. Der Aufbau aus weichem Eisenkoerper mit eingeschweisster Stahlschneide ist metallurgisch nachgewiesen. Petersens Typologie von 1919 (Typen A bis M) ordnet die Koepfe bis heute; die grosse Breitaxt (Typ M) ist ab etwa 950 fassbar. Die silbertauschierte Mammen-Axt aus Bjerringhoej (um 970) belegt die Axt als Prestigeobjekt. Bildquellen wie der Teppich von Bayeux zeigen die Zweihandaxt im Einsatz.

Mythos-Check

"Dane-Axe" ist keine Selbstbezeichnung der Wikinger, sondern eine spaetere englisch-lateinische Fremdbezeichnung fuer die grosse Breitaxt. Riesige, klobige Beile aus Film und Fantasy haben mit den Funden nichts zu tun - echte Axtkoepfe waren leicht und duennwandig, sonst waeren sie im Kampf unbrauchbar. Und die Axt war gerade keine Waffe stolzer Elite: Sie war die Waffe des einfachen Mannes, billiger und haeufiger als jedes Schwert. Der Doppelaxt-Krieger schliesslich ist reine Erfindung - gefuehrt wurde einhaendig mit Schild oder zweihaendig mit der Breitaxt, nie mit zwei Aexten zugleich.

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