Die wichtigsten Bräuche der Wikingerzeit waren Gemeinschaftsrituale: das Opfermahl Blót, das Trinken auf Götter und Tote, der Eid auf den Ring, das heilige Gastrecht, die Namensgebung mit Wasser, das Erbbier nach einem Todesfall, die Hochzeit als Vertrag zweier Sippen, das Thing, die Ziehkindschaft und die Blutsbrüderschaft. Fast alles davon kennen wir aus Texten des 12. und 13. Jahrhunderts, einiges aus Funden. Wir zeigen dir bei jedem Brauch, woher unser Wissen stammt – und wie belastbar es ist.
Stell dir eine Halle im Trøndelag vor, Mitte des 10. Jahrhunderts. Feuer brennen in einer Reihe, Kessel hängen darüber, es riecht nach Rauch, Blut und Pferdefleisch. Die Bauern haben ihr eigenes Bier mitgebracht. Am Hochsitz sitzt ein Jarl und hebt das erste Horn. Und mitten in dieser Szene sitzt ein junger König, der Christ ist – und genau weiß, dass ihm diese Leute gleich ziemlich unangenehme Fragen stellen werden.
Diese Szene stammt aus der Hákonar saga góða, und sie ist so etwas wie das Schlüsselloch, durch das wir auf die Bräuche der Wikingerzeit schauen. Ein Schlüsselloch, kein offenes Tor: Geschrieben hat das Snorri Sturluson um 1230, rund 280 Jahre nach den Ereignissen, als Christ und mit eigenen Absichten. Darum steht in diesem Überblick bei jedem Brauch dabei, welche Quellenart dahintersteckt. Wir unterscheiden archäologischen Befund, zeitgenössische Schriftquelle (Runensteine, Skaldik, Berichte Außenstehender), spätere Überlieferung (Edda, Sagas, Rechtsbücher des 12./13. Jahrhunderts) und moderne Deutung. Die Feste im Jahreslauf erklärt ausführlich unser Leitartikel zu den germanischen Festen.
Das altnordische Wort blót bedeutet schlicht „Opfer“, das Verb blóta „opfern, durch Opfer verehren“. Ein Blót war vor allem ein großes gemeinsames Essen: Das Tier wurde geschlachtet, das Fleisch gekocht und von allen verzehrt. Die Götter bekamen das Blut, die Menschen den Braten.
Die ausführlichste Beschreibung steht in der Hákonar saga góða (Kapitel 14 in der isländischen Standardausgabe). Snorri erzählt, dass Jarl Sigurðr von Hlaðir bei Trondheim die Opferfeste ausrichtete. Alle Bauern sollten zum Tempel kommen und Bier mitbringen. Man schlachtete Kleinvieh und Pferde. Das aufgefangene Blut hieß hlaut, die Schalen dafür hlautbollar, und mit hlautteinar – Zweigen, die wie Weihwasserwedel benutzt wurden – sprengte man es auf die Sockel der Götterbilder, an die Wände und auf die Leute. Das Fleisch kochte in Kesseln über den Langfeuern. Dann wurden die Becher gesegnet und herumgereicht: zuerst der Becher für Odin, „für Sieg und Macht des Königs“, danach die Becher für Njörðr und Freyr, til árs ok friðar – „für ein gutes Jahr und Frieden“.
Spannend wird es im Fortgang der Saga. König Hákon, am Hof des englischen Königs Æthelstan christlich erzogen, muss an diesen Festen teilnehmen, weil die Bauern sonst den Aufstand proben. Er schlägt das Kreuzzeichen über das Horn; Jarl Sigurðr rettet die Situation mit der Erklärung, der König habe nur das Hammerzeichen Thors gemacht. Beim nächsten Fest in Mære setzen die Bauern nach, und Hákon isst am Ende ein paar Bissen Pferdeleber und trinkt die Becher ohne Kreuz. Ob das so passiert ist, wissen wir nicht. Aber die Geschichte zeigt: Ein Blót war politische Pflicht, keine Privatfrömmigkeit. Wer die Gemeinschaft führte, musste mitessen.
Snorri liefert in der Ynglinga saga (Kapitel 8) auch einen Jahresrahmen: ein Opfer zu Winteranfang „für ein gutes Jahr“, eines zu Mittwinter „für Wachstum“, eines zum Sommeranfang „für den Sieg“. Wie diese Termine zu Jul, Winternächten und Dísablót passen, erklären wir ausführlich bei den germanischen Festen und im Artikel über Jul. Wo gefeiert wurde, zeigt der Beitrag über Blót-Orte: Hörgr, Hof und Kulthalle.
Gibt es auch Spuren im Boden? Ja. In Hofstaðir im Norden Islands fanden Archäologen an einem großen Hallenbau aus dem 10. Jahrhundert die Schädel von mindestens 23 Rindern. Gavin Lucas und Thomas McGovern zeigten 2007, dass die Tiere per Schlag zwischen die Augen betäubt, dann geköpft und die Schädel offenbar lange sichtbar ausgestellt wurden. Das passt erstaunlich gut zu dem Bild aus der Saga: Schlachtung, Blut, großes Mahl, Erinnerungszeichen.

Nach dem Essen kam das Trinken. Das altnordische sumbl (altenglisch symbel, das Wort kennst du vielleicht aus dem Beowulf) bedeutet „Gelage, Trinkfest“. Eine feste Liturgie mit drei Runden, wie sie heute viele heidnische Gruppen feiern, beschreibt keine alte Quelle; das ist moderne Rekonstruktion. Wie das heute aussieht, zeigen wir in Wie feiern Heiden heute?
Belegt ist dagegen das Minni, das „Gedächtnis“- oder Erinnerungstrinken. In der Hákonar saga folgt auf die Götterbecher das Trinken auf verstorbene Verwandte, die in Grabhügeln lagen. Die Kirche schaffte den Brauch nicht ab, sondern widmete ihn um: Man trank die Minne auf Christus, Maria oder den Erzengel Michael, und die „Johannesminne“ mit geweihtem Wein am 27. Dezember hat sich mancherorts bis heute gehalten. Was im Horn war, erklärt unser Artikel über Met – Spoiler: nicht immer Met.
Das Bragafull (auch bragarfull) war der feierlichste Becher. Der Name wird meist als „Becher des Besten, des Fürsten“ gedeutet, seltener mit dem Gott Bragi verbunden – beides wird diskutiert. Wer ihn hob, legte öffentlich ein Gelübde ab. In der Ynglinga saga (Kapitel 36) gelobt der junge König Ingjaldr beim Erbbier für seinen Vater, sein Reich nach jeder Himmelsrichtung um die Hälfte zu vergrößern – und löst das in derselben Nacht ein, indem er sechs Könige in der Halle verbrennt. In der Prosa des Eddalieds Helgakviða Hjörvarðssonar schwört Heðinn am Julabend über dem Bragafull, die Braut seines Bruders zu gewinnen, und bereut es sofort. Ein Wort am Horn ließ sich nicht zurücknehmen.
Verbindliche Eide schwor man auf einen Ring. Das Landnámabók, das isländische Buch der Landnahme, bewahrt eine Rechtsbestimmung: In jedem Haupttempel sollte ein Ring von mindestens zwei Unzen Gewicht auf dem Sockel liegen. Der Gode, also der Häuptling mit kultischer und rechtlicher Funktion, trug ihn bei jeder Versammlung am Arm. Wer vor Gericht aussagte, nannte Zeugen und sprach dann die Formel, dass er einen Eid auf den Ring leiste – hjálpi mér svá Freyr ok Njörðr ok inn almáttki áss, „so helfe mir Freyr und Njörðr und der allmächtige Ase“. Wer mit dem „allmächtigen Asen“ gemeint ist, Thor, Odin oder gar schon der Christengott, ist bis heute umstritten.
Das klingt nach isländischer Gelehrtenfantasie des 13. Jahrhunderts? Dann lohnt ein Blick nach England. Die Angelsächsische Chronik meldet zum Jahr 876, die Dänen hätten König Alfred in Wareham Eide auf den „heiligen Ring“ (halgan beage) geschworen – etwas, das sie, so der Chronist spitz, vorher keinem Volk gewährt hätten. Gebrochen haben sie ihn trotzdem. Aber die zeitgenössische Quelle der Gegenseite zeigt: Der Ringeid war bekannt und ernst gemeint. Mehr zu Funden, Formen und Deutungen steht in unserem Artikel über die Eidringe.
Wo Wege weit und Winter hart sind, ist Gastfreundschaft überlebenswichtig. Das Eddalied Hávamál, die „Sprüche des Hohen“, beginnt deshalb nicht mit Götterweisheit, sondern mit Hausregeln. Sinngemäß, in eigener Übertragung: Heil den Gebern, ein Gast ist gekommen – wo soll er sitzen? Feuer braucht, wer mit kalten Knien hereinkommt; Essen und trockene Kleidung braucht, wer über das Gebirge gezogen ist. Wasser, ein Handtuch und ein freundliches Wort gehören dazu.
Die Hávamál sehen aber beide Seiten. Der Gast soll aufmerksam sein, nicht prahlen, nicht zu viel trinken – und wissen, wann es genug ist: Ein Gast, der zu lange sitzt, macht aus Freundschaft Überdruss, heißt es sinngemäß in Strophe 35. Gastrecht war ein Vertrag auf Gegenseitigkeit.
Wie ernst das war, zeigt die Egils saga: Egill Skallagrímsson kehrt in Värmland bei Ármóðr ein. Der Gastgeber lügt, er habe kein Bier, und bewirtet ihn erst mit Skyr, dann doch mit starkem Bier, um ihn bloßzustellen. Egill rächt sich drastisch: Am Morgen schneidet er Ármóðr den Bart ab und drückt ihm ein Auge aus. Die Saga erzählt das als Antwort auf verletztes Gastrecht.
Ein Neugeborenes war nicht automatisch Teil der Familie: Nach Sagas und Rechtsbüchern entschied der Vater, ob es aufgezogen wurde. Die Kehrseite war das Aussetzen, altnordisch útburðr: Ein Kind, das nicht angenommen wurde, ließ man draußen sterben. Wie verbreitet das war, verrät das Íslendingabók des Ari Þorgilsson (um 1125): Bei der Annahme des Christentums auf Island um das Jahr 1000 handelten die Heiden aus, dass das Aussetzen von Kindern und das Essen von Pferdefleisch vorerst erlaubt blieben. Wenige Jahre später fiel auch das.
Zur Annahme gehörte ein Ritual mit Wasser: ausa vatni, „mit Wasser begießen“. Im Eddalied Rígsþula heißt es bei jeder Geburt, man habe das Kind mit Wasser begossen und ihm einen Namen gegeben. In den Hávamál rühmt sich Odin in Strophe 158 eines Zaubers: Wenn er einen jungen Krieger mit Wasser begieße, falle der in keiner Schlacht.
Aber: War das ein heidnischer Brauch oder eine Nachahmung der Taufe? Die Forschung streitet. Für ein hohes Alter spricht, dass die Texte es klar von der Taufe (skírn) unterscheiden; dagegen, dass alle Belege aus christlicher Zeit stammen. Sicher entscheiden lässt sich das nicht.
Zum Namen gehörte oft ein Geschenk, die nafnfesti, „Namensbefestigung“. Wer einen Namen gab – auch einen neuen Beinamen für Erwachsene –, legte etwas Wertvolles dazu: einen Ring, ein Schwert, Land. Mehr zu Bauplan und Bedeutung findest du bei den Wikinger-Namen.
Nach einem Todesfall kam erst die Bestattung, dann das Fest. Erfi oder erfiöl heißt wörtlich „Erbbier“: das Gelage, mit dem der Erbe das Erbe antrat. Nach Snorris Darstellung in der Ynglinga saga durfte der Erbe den Hochsitz seines Vaters erst nach diesem Fest einnehmen. Beim Erbbier saß er zunächst auf einer Stufe vor dem Hochsitz, bis das Bragafull hereingetragen wurde. Dann stand er auf, sprach sein Gelübde, leerte den Becher und setzte sich auf den Platz des Toten. Die Gäste waren Zeugen.
Beim Erbbier des dänischen Königs Sveinn für seinen Vater legen die Jomswikinger nach den Königssagas so großspurige Gelübde ab – etwa, Jarl Hákon aus Norwegen zu vertreiben –, dass daraus die Schlacht von Hjörungavágr folgt.
Hier gibt es endlich zeitgenössische Belege. Viele Runensteine zeugen genau davon: Ein Sohn, eine Witwe, ein Bruder lässt den Stein für den Toten errichten und schreibt damit die eigene Stellung als Erbe in die Landschaft. Der Hillersjö-Stein in Uppland erzählt sogar eine ganze Erbkette über mehrere Ehen und Todesfälle, an deren Ende eine Frau namens Geirlaug das Erbe hält. Wie die Toten selbst bestattet wurden, mit Hügeln, Booten und Beigaben, haben wir im Artikel Tod und Jenseits im Norden ausführlich beschrieben.
Die Hochzeit hieß altnordisch brúðlaup, wörtlich etwa „Brautlauf“. Ob damit der Zug der Braut zum Haus des Bräutigams gemeint war, ist unsicher. Sicher ist: Eine Ehe war eine Vereinbarung zwischen zwei Familien. Am Anfang stand die Verlobung (festar) vor Zeugen, per Handschlag zwischen den Männern beider Sippen. Das isländische Rechtsbuch Grágás und die Sagas nennen drei Vermögensbestandteile: den mundr, den der Bräutigam zahlte, die heimanfylgja, die Mitgift aus dem Elternhaus, und die morgingjöf, die Morgengabe nach der Hochzeitsnacht.
Ist der mundr ein „Brautkauf“? So nannte es die ältere Forschung. Heute sieht man es differenzierter: Der mundr ging in der Praxis meist in das Vermögen ein, über das die Frau verfügen konnte, und er sicherte ihre Stellung. Nach der Grágás galt eine Ehe nur mit einem mundr in festgelegter Mindesthöhe als vollgültig – wichtig vor allem für das Erbrecht der Kinder. Ware war die Braut nicht, ihr Mitspracherecht aber oft gering. Scheiden lassen konnten sich Frauen nach den Sagas aber, samt Vermögen. Mehr dazu bei den Frauen in der Wikingerzeit.
Zum Fest selbst wird es dünn. Die einzige eddische Hochzeitsweihe ist ein Witz: In der Þrymskviða sitzt Thor als Braut verkleidet beim Riesen Þrymr, und der Riese ruft nach dem Hammer, man solle ihn der Braut in den Schoß legen und das Paar mit der Hand der Göttin Vár weihen. Vár ist bei Snorri die Göttin der Eide und Verträge – das passt. Ob der Hammer im Schoß echter Brauch oder Pointe des Dichters war, wissen wir nicht. Das brúðlaup selbst war jedenfalls ein Gelage, oft über mehrere Tage, mit dem Brautbier als Mittelpunkt.
Das Thing war die Versammlung der freien Männer, auf der Recht gesprochen, Streit geschlichtet und Politik gemacht wurde. Zugleich war es ein Ritual: Der Platz stand unter besonderem Frieden, der þinghelgi. Auf Island trat ab etwa 930 das Allthing in Þingvellir zusammen; der Gesetzessprecher (lögsögumaðr) trug die Gesetze vom Gesetzesfelsen aus vor, jedes Jahr einen Teil, über drei Jahre das ganze Recht.
Schon Tacitus beschrieb um 98 n. Chr. in der Germania, dass die Germanen ihre Zustimmung bei Versammlungen durch Schlagen der Waffen ausdrückten. Im Altnordischen heißt der Waffenschlag vápnatak, und daraus wurde im englischen Danelag das wapentake – ein Verwaltungsbezirk, dessen Name bis ins 20. Jahrhundert in Mittelengland weiterlebte. Kein Beweis für eine ungebrochene Tradition, aber ein auffälliges Echo.
Viele Thingplätze lagen bei Grabhügeln, Runensteinen oder Kultorten; Recht und Kult waren nicht sauber getrennt. Beispiele zeigt Bällsta & Anundshög – Thing- und Kultplätze; das Rechtssystem selbst mit Fehde, Buße und Acht erklärt Recht & Thing der Wikinger.
Kinder wuchsen oft nicht bei ihren Eltern auf, sondern bei Pflegeeltern – altnordisch fóstr. Wer gemeinsam aufgezogen wurde, hieß fóstbræðr, Ziehbrüder. Die Bindung war oft so stark wie Blutsverwandtschaft.
Wer das Kind eines anderen aufzog, ordnete sich in der Regel unter. Dazu erzählt Snorri in der Haralds saga hárfagra eine Anekdote: Ein Gesandter des norwegischen Königs Haraldr setzt dessen Sohn Hákon dem englischen König Æthelstan auf den Schoß, und weil Æthelstan das Kind nun gewissermaßen aufzieht, gilt er nach dem Sprichwort als der Geringere – „geringer ist, wer eines anderen Kind aufzieht“. Ob diese Szene historisch ist, darf bezweifelt werden. Dass Hákon am englischen Hof erzogen wurde, gilt aber als glaubwürdig, und sein Beiname Aðalsteinsfóstri, „Ziehsohn Æthelstans“, ist in den Königssagas fest verankert. Das Verwandtschaftsnetz erklärt Sippe & Familie.
Das Wort fóstbræðralag bedeutet zunächst „Ziehbruderschaft“. In einigen Sagas meint es einen rituell geschlossenen Bund Erwachsener – unsere Blutsbrüderschaft. Die eindrucksvollste Beschreibung steht in der Gísla saga Súrssonar, verfasst wohl im 13. Jahrhundert, die Handlung spielt im 10.
Gísli, sein Bruder Þorkell, ihr Schwager Þorgrímr und Gíslis Schwager Vésteinn wollen sich zu Blutsbrüdern verbinden, weil ein Weiser ihnen Zwietracht vorhergesagt hat. Sie schneiden einen langen Rasenstreifen so los, dass beide Enden mit dem Boden verbunden bleiben, und stützen ihn mit einem verzierten Speer auf, sodass ein Mann darunter stehen kann. Alle vier treten unter den Bogen, lassen ihr Blut in die Erde laufen und mischen es mit der Erde. Dann knien sie nieder und schwören, einander wie Brüder zu rächen, und rufen alle Götter als Zeugen an. Oft wird das als Wiedergeburt aus der Erde gedeutet – moderne Deutung, aber naheliegend.
Doch beim Handschlag zieht Þorgrímr zurück: An Vésteinn wolle er sich nicht binden. Daraufhin weigert sich Gísli, sich an Þorgrímr zu binden. Der Bund scheitert – und die Saga entfaltet daraus eine Tragödie mit Mord, Rache und Acht. Archäologisch bestätigt ist das Ritual nicht.
Auch die Götter kennen den Blutsbund. In der Lokasenna erinnert Loki Odin daran, dass sie in Urzeiten ihr Blut gemischt hätten und Odin versprochen habe, kein Bier zu trinken, wenn es nicht beiden gebracht werde. Mit diesem Hebel zwingt Loki sich ins Gelage. Die Fóstbræðra saga erzählt dagegen von einem Bund, der hält – zwischen dem Krieger Þorgeirr und dem Skalden Þormóðr.
Fast jeder dieser Bräuche macht etwas öffentlich, das sonst unsichtbar bliebe: die Gunst der Götter beim Blót, das Gedenken an die Toten beim Minni, ein Versprechen beim Bragafull, die Wahrheit vor Gericht beim Ringeid, die Annahme eines Kindes beim Wasserbegießen, das Erbe beim Erfi, eine neue Verwandtschaft bei Hochzeit, Ziehkindschaft und Blutsbund. In einer Welt fast ohne Schrift war das Ritual die Urkunde, und die Gäste waren die Notare.
Und fast immer geschieht es am Tisch, am Horn, am Feuer – gemütlicher, als es war, denn ein falsches Wort am Horn konnte noch Jahrzehnte später Tote kosten. Wer heute einen Ring oder eine Schieferplatte gravieren lässt, folgt mit Abstand derselben Logik: Ein Versprechen wird sichtbar, damit es hält. Einen Überblick über Kult und Kultorte findest du im Hub Ritualkunde.
Was war ein Blót bei den Wikingern? Ein Blót war ein Opferfest: Tiere wurden geschlachtet, ihr Blut den Göttern geweiht und das Fleisch von der Gemeinschaft gemeinsam gegessen. Snorri beschreibt es um 1230, Knochenfunde wie in Hofstaðir stützen das Bild.
Was ist der Unterschied zwischen Sumbl und Bragafull? Sumbl ist das Trinkgelage allgemein. Das Bragafull war ein besonders feierlicher Becher darin, über dem man öffentlich ein Gelübde ablegte, etwa beim Erbbier für einen verstorbenen Vater.
Haben Wikinger auf Ringe geschworen? Ja. Isländische Quellen beschreiben einen Tempelring für Gerichtseide, und laut Angelsächsischer Chronik schworen Dänen 876 König Alfred auf ihren heiligen Ring.
Wie heirateten die Wikinger? Die Ehe war ein Vertrag zweier Familien mit Verlobung vor Zeugen, Brautgabe des Bräutigams, Mitgift und Morgengabe; darauf folgte ein mehrtägiges Fest.
Gab es bei den Wikingern Blutsbrüderschaft? In den Sagas ja, als fóstbræðralag. Die Gísla saga beschreibt ein Ritual unter einem Rasenbogen, bei dem das Blut in die Erde floss – archäologisch belegt ist es nicht.
Tauften die Wikinger ihre Kinder? Sie begossen Neugeborene mit Wasser und gaben ihnen dabei einen Namen (ausa vatni). Ob das ein heidnischer Brauch war oder von der christlichen Taufe beeinflusst ist, bleibt umstritten.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Germanische Feste (Leitartikel) · Blót & Sumbel · Blót-Kalender · Namensweihe, Ehe & Abschied.
Alle Geschichte & Funde-Artikel →
Ohne ihre Schiffe wären die Wikinger nie zu Wikingern geworden. Das Langschiff war die Hochtechnologie seiner Zeit …
Weiterlesen →