Schwert und Axt bekommen den Ruhm, doch die haeufigste Ausruestung des Wikingerkriegers war rund, aus Holz und ueberraschend leicht: der Rundschild. Er war kein passives Brett zum Dahinterkauern, sondern eine aktive Waffe - und viel duenner, als die meisten glauben.
Wer sich einen Wikinger vorstellt, sieht meist zuerst den runden Schild mit dem eisernen Buckel in der Mitte. Zu Recht: Der Rundschild war die am weitesten verbreitete Schutzausruestung des Nordens. Er war vergleichsweise guenstig herzustellen, universell einsetzbar und in der norwegischen Gesetzgebung sogar vorgeschrieben - das Gulathings-Gesetz verlangte vom freien Mann eine Grundausstattung an Waffen fuer die Landesverteidigung, die sogenannten folkvapn, typischerweise Axt oder Schwert, Speer und Schild.
Anders als Kettenhemd oder Helm, die teuer und selten blieben, gehoerte der Schild praktisch zum Standard. Er machte aus einem bewaffneten Bauern einen einsatzfaehigen Krieger. Und weil Schilde im Gebrauch schnell zerbrachen, wurden sie in grosser Zahl gebaut - Verbrauchsmaterial im besten Sinn.
Zugleich war der Schild das erste, was einem Krieger im Kampf verlorenging. Er splitterte, spaltete sich am Rand, verlor den Buckel - und wurde dann weggeworfen und ersetzt. Genau deshalb finden Archaeologen weit mehr eiserne Schildbuckel als vollstaendige Schilde: Das Holz verging, der Buckel blieb. Ueber diese Buckel laesst sich immerhin die Groesse und Verbreitung der Schilde rekonstruieren.
Ein Wikinger-Rundschild bestand aus mehreren nebeneinander gefuegten Holzplanken, verleimt und zu einer runden Scheibe von rund 80 bis 90 Zentimetern Durchmesser zusammengesetzt. Bevorzugt wurde leichtes Holz - Linde, aber auch Fichte, Tanne oder Kiefer. Entscheidend war das Gewicht: Der Schild musste stundenlang gehalten und blitzschnell bewegt werden koennen.
Und jetzt kommt der Punkt, der die meisten ueberrascht: Diese Schilde waren duenn. Der beste erhaltene Befund, die Schilde aus dem Gokstad-Schiff, misst in der Mitte nur etwa sieben Millimeter und laeuft zum Rand hin noch duenner aus. Die Bandbreite erhaltener und rekonstruierter Schilde liegt grob zwischen sechs und zwoelf Millimetern. Ein solches Brett ist kein unverwuestlicher Panzer - es ist ein leichtes, bewegliches Werkzeug, das im Kampf auch mal splittert. Genau das war beabsichtigt.
"Die" eine Groesse gab es dabei nicht. Die Durchmesser der Funde schwanken deutlich, und aeltere Schilde der Vendel- und fruehen Wikingerzeit konnten anders geschnitten sein als die spaeten. Auch die Zahl der Planken variiert - mal sind es fuenf breite Bretter, mal mehr schmale. Der Grundgedanke aber blieb ueber Jahrhunderte gleich: leicht, rund, in der Faust gefuehrt.
In der Mitte des Schildes klafft ein Loch, ueberwoelbt von einer halbrunden Eisenschale - dem Schildbuckel (altnordisch buklari-Verwandtschaft, deutsch Buckel). Dahinter, quer durch die Aushoehlung, verlaeuft ein Handgriff. Der Krieger fasste den Schild also mittig in der Faust, nicht mit dem Unterarm am Rand wie bei einem spaeteren Ritterschild. Der eiserne Buckel schuetzte die Hand und liess sich zugleich offensiv einsetzen: ein Stoss mit dem Buckel ins Gesicht des Gegners war ein anerkanntes Mittel.
Der Rand war die Schwachstelle jedes Schildes - hier splitterte das Holz zuerst. Deshalb wurde er oft mit Leder oder Rohhaut umnaeht, seltener mit schmalen Metallklammern verstaerkt. Ob und wie flaechig die Schilde zusaetzlich mit Haut oder Leinen bespannt waren, ist eine der spannendsten offenen Fragen der Forschung, weil organisches Material kaum erhalten bleibt.
Hinter dem Buckel lief der Griff oft als schlichte Holz- oder Eisenstange, manchmal mit Leder umwickelt fuer besseren Halt. Weil die Hand mitten im Schild sass, liess sich das ganze Rund blitzschnell drehen und kippen - eine Beweglichkeit, die ein am Arm geschnallter Schild nie erreicht haette. Der Preis dafuer war die Belastung des Handgelenks; ein schwerer Schild waere hier schnell zur Last geworden. Auch das erklaert, warum die Wikinger ihre Schilde so leicht bauten.
Unser Bild vom Wikingerschild verdanken wir zu einem grossen Teil einem einzigen Fund: dem Gokstad-Schiff aus Norwegen. An den Bordwaenden des Schiffs waren 64 Rundschilde befestigt, abwechselnd gelb und schwarz bemalt. Sie geben uns die verlaesslichsten Masse und die Gewissheit, dass Schilde bemalt wurden - schlicht, kontrastreich, weithin sichtbar.
Man muss allerdings vorsichtig sein: Die Gokstad-Schilde waren an einem Prunkschiff zur Schau gehaengt und muessen nicht in jedem Detail dem Kampfschild entsprechen. Trotzdem sind sie der Massstab, an dem sich alle Rekonstruktionen messen. Ein zweiter wichtiger Befund stammt aus der daenischen Ringburg Trelleborg, wo Reste eines fast vollstaendigen Schildes gefunden wurden.
Ueber die Bemalung hinaus stellt sich die Frage nach Zeichen und Mustern. Bildsteine und spaetere Quellen zeigen Schilde mit Segmenten, Spiralen oder einfachen Motiven, doch ein festes Wappenwesen wie im spaeteren Rittertum gab es noch nicht. Farben und Muster dienten wohl der Erkennung im Getuemmel und dem Schmuck - nicht der erblichen Heraldik. Wer heute einen "authentischen" Wikingerschild bemalt, bewegt sich hier auf duennem Eis: Vieles ist plausible Rekonstruktion, wenig ist fuer ein bestimmtes Motiv sicher belegt.
In den letzten Jahren hat der Archaeologe Rolf Warming mit Kollegen die alten Gewissheiten gehoerig durchgeruettelt. Gemeinsam mit dem Museum in Trelleborg und dem daenischen Nationalmuseum wurde ein Schild rekonstruiert, der bewusst mit Rohhaut bespannt ist - dem "ersten authentischen Rundschild seit 1000 Jahren", wie das Projekt selbstbewusst hiess. Rohhaut, also ungegerbte, getrocknete Tierhaut, wird bretthart und faengt Hiebe erstaunlich gut ab.
Das Problem: Haut vergeht im Boden, und so ist bei ueber 1100 Jahre alten Funden kaum je nachzuweisen, welche Haut wie verarbeitet war. Warmings Versuche legen nahe, dass eine Rohhaut-Bespannung einen duennen Holzschild deutlich widerstandsfaehiger macht - ein Schild, der splittert, aber nicht sofort auseinanderfaellt. Ob das die Regel oder die Ausnahme war, bleibt in der Diskussion. Wichtig ist: Der duenne Schild war kein Konstruktionsfehler, sondern Teil eines Systems.
Warmings Versuche haben noch etwas anderes gezeigt: Ein duenner, leicht nachgebender Schild "schluckt" einen Hieb besser als ein starres Brett. Wo ein dickes, steifes Schild die volle Wucht an den Arm weitergibt, faengt ein duenner, elastischer Schild einen Teil der Energie ab und lenkt die Klinge zur Seite. Die vermeintliche Schwaeche - die geringe Dicke - war also in Wahrheit ein Teil der Staerke.
Genau hier liegt das groesste Missverstaendnis. Ein Wikinger kauerte nicht regungslos hinter seinem Schild und wartete auf Treffer. Ein duenner Schild in der Faust ist eine aktive Waffe: Man faengt den Hieb nicht stumpf ab, sondern lenkt ihn mit einer Drehung ab, "bindet" die gegnerische Klinge, hakt mit dem Rand einen fremden Schild weg und stoesst mit dem Buckel nach vorn. Der Schild war Angriff und Verteidigung zugleich. Dass er dabei splitterte, war einkalkuliert - ein Schild war Verbrauchsmaterial, kein Erbstueck.
Am haeufigsten trat der Schild im Duo mit dem Speer auf, der eigentlichen Alltagswaffe des Nordens. Der Schild deckte, waehrend die Speerspitze auf Distanz stach; erst im Handgemenge kamen Axt oder Schwert zum Zug. So gesehen war der Rundschild das verbindende Element fast jeder Kampfausruestung - die eine Sache, die praktisch jeder Krieger dabeihatte, ganz gleich, was er in der anderen Hand fuehrte.
Aus vielen einzelnen Schilden wird die beruehmteste Formation der Wikingerzeit: der Schildwall, in dem sich die Krieger Schulter an Schulter aufstellen und ihre Schilde zu einer Front verbinden. Wie eng die Schilde dabei wirklich ueberlappten und wie starr die Linie stand, ist unter Fachleuten umstritten - wir haben dem Schildwall einen eigenen Beitrag gewidmet. Fuer den Schild selbst genuegt hier: Er war nicht nur individueller Schutz, sondern das Bauteil einer taktischen Wand. Und dass das Wort "Schild" so tief in der Kriegersprache steckt, zeigt schon die altenglische Dichtung, die den Krieger schlicht ueber sein Holz benennt:
Nie trugen sich Fremde so ungeniert hierher, Lindentraeger: doch fehlt euch klar das Wort der Erlaubnis von den Sippen hier...Beowulf, uebers. nach Francis B. Gummere 1910, gemeinfrei
"Lindentraeger" - so heissen die bewaffneten Maenner, die der daenische Kuestenwaechter anspricht. Der Krieger und sein Schild aus Lindenholz sind eins geworden.
Wikinger-Rundschilde bestanden aus verleimten Holzplanken (bevorzugt Linde, auch Fichte/Tanne/Kiefer) von rund 80 bis 90 cm Durchmesser mit zentralem Eisenbuckel und einem Handgriff in der Faust. Die 64 Schilde des Gokstad-Schiffs (etwa 7 mm in der Mitte, zum Rand hin duenner, gelb und schwarz bemalt) liefern die verlaesslichsten Masse; ein weiterer Fund stammt aus Trelleborg. Erhaltene und rekonstruierte Schilde liegen grob bei 6 bis 12 mm Dicke. Der Rand wurde mit Leder oder Rohhaut gefasst; Rekonstruktionsforschung (Rolf Warming, Nationalmuseet/Trelleborg) untersucht die Rohhaut-Bespannung.
Die dicken, schweren Bohlenschilde aus Film und Spiel gab es nicht - echte Schilde waren mit sechs bis zwoelf Millimetern erstaunlich duenn und bewusst leicht. Sie waren Verbrauchsmaterial, das im Kampf splitterte, kein unverwuestlicher Panzer. Auch das Bild des reglos hinter dem Schild kauernden Kriegers taeuscht: Der duenne Rundschild war eine aktive Waffe zum Ablenken, Binden und Stossen. Und die exakt geschlossene, unbewegliche Schildwall-Mauer aus vielen Actionfilmen ist eine Vereinfachung - wie eng die Linie wirklich stand, ist unter Fachleuten bis heute umstritten.

Die Wikinger-Axt · Das Wikinger-Schwert · Der Schildwall · Das Große Heer · Berserker.
Quellen: Ausgrabung des Gokstad-Schiffs (Universitetets Oldsaksamling / Kulturhistorisk museum Oslo); Rolf Warming u. a. zur Rekonstruktion und Funktion der Gokstad-Schilde sowie zum Trelleborg-Schildprojekt (Nationalmuseet Danmark); ScienceNorway, "New studies are upending our ideas about Viking shields"; Gulathings-Gesetz zu den folkvapn; Beowulf in der Uebersetzung von Francis B. Gummere (1910, gemeinfrei).
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