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Das Wikinger-Schwert: die teuerste Waffe des Nordens

Geschichte & Funde Das Wikinger-Schwert: die teuerste Waffe des Nordens

Wenn eine Axt die Waffe des einfachen Mannes war, dann war das Schwert das Gegenteil: teuer, selten, vererbt und oft mit eigenem Namen. Kaum ein Gegenstand der Wikingerzeit trug so viel Bedeutung. Werfen wir einen ehrlichen Blick auf das, was Klinge, Sagas und Funde wirklich hergeben.

Die teuerste Waffe des Nordens

Ein Wikingerschwert war kein Massenprodukt. Es steckten Wochen an Schmiedearbeit, seltener guter Stahl und oft importierte Klingenrohlinge darin. Entsprechend selten war es. Wer ein Schwert besass, gehoerte zur Oberschicht - oder hatte sich seines im Kampf, im Handel oder durch Erbe verdient. Ein gutes Schwert konnte so viel wert sein wie mehrere Milchkuehe, und es wurde nicht achtlos weggegeben, sondern ueber Generationen weitergereicht.

Dieser Wert erklaert, warum das Schwert in der Ueberlieferung so ueberpraesent ist, obwohl es im Boden viel seltener liegt als Axt oder Speer. Skalden besingen Schwerter, Sagas geben ihnen Namen, Koenige verschenken sie. Das Schwert war weniger reines Werkzeug als vielmehr Zeichen: von Rang, von Familie, von einem Versprechen. Wer es zog, machte eine Aussage.

Auch deshalb war das Schwert eine gesellschaftliche Angelegenheit. Ein Koenig band Gefolgsleute an sich, indem er ihnen Schwerter schenkte; ein Vater vererbte dem Sohn nicht irgendeine Klinge, sondern das Schwert des Grossvaters. In den Skaldengedichten heisst der freigebige Herr darum oft schlicht der "Schwertgeber". Wer Schwerter verschenken konnte, zeigte Macht - und band Loyalitaet an Stahl.

Aufbau eines Wikingerschwerts

Das typische Wikingerschwert ist eine zweischneidige Hiebwaffe von rund 90 Zentimetern Gesamtlaenge. Die Klinge ist breit und relativ flach, oft mit einer laengs verlaufenden Hohlkehle - der sogenannten Blutrille, ein irrefuehrender Name, denn mit Blut hat sie nichts zu tun. Die Hohlkehle spart Gewicht, ohne die Klinge nennenswert zu schwaechen; sie macht das Schwert schneller und ausgewogener. Ein solches Schwert wog meist rund ein bis anderthalb Kilogramm - deutlich leichter, als viele vermuten.

Der Griff bestand aus Parierstange, Griffangel mit Holz-, Horn- oder Lederbelag und einem Knauf. Knauf und Parier sind es, an denen Archaeologen ein Schwert am besten datieren koennen, denn ihre Formen wechselten mit der Mode. Manche Knaeufe waren dreilappig, andere flach, wieder andere mit Silber und Kupfer verziert. Der Schwerpunkt lag nah an der Hand: Ein Wikingerschwert war zum schnellen Hieb und zum Fuehren aus dem Handgelenk gebaut, nicht zum schwerfaelligen Draufschlagen.

Getragen wurde das Schwert in einer holzgefuetterten, lederbezogenen Scheide, meist an einem Gurt ueber der Schulter oder an der Huefte. Die Scheide war innen oft mit Fell oder gefetteter Wolle ausgekleidet - das haltende Fett schuetzte die Klinge vor Rost. Ein Schwert war also nicht nur teuer in der Herstellung, sondern auch im Unterhalt: Es wollte geoelt, gepflegt und vor Feuchtigkeit geschuetzt werden, sonst frass der Rost den kostbaren Stahl.

Musterschweissung - Kunst aus Eisen und Stahl

Die schoensten Klingen der fruehen Wikingerzeit entstanden durch Musterschweissung (englisch pattern welding). Dabei wurden mehrere Staebe aus Eisen und Stahl verdreht, gefaltet und zusammengeschmiedet. Nach dem Schleifen und Aetzen trat auf der Klinge ein wellen-, schlangen- oder fischgraetenartiges Muster hervor - je nach Verdrehung. Dieses Muster war zunaechst technisch bedingt: Es war die Antwort der Schmiede auf uneinheitliches Rohmaterial. Durch das Kombinieren weicher und harter Lagen bekam man eine Klinge, die zugleich zaeh und schneidhaltig war.

Mit der Zeit wurde die Musterschweissung auch Schmuck: Man legte die Muster bewusst so an, dass sie glaenzten. Doch je besser der verfuegbare Stahl wurde, desto weniger noetig war der Aufwand. Ab dem 10. und 11. Jahrhundert setzten sich zunehmend homogenere Klingen aus gleichmaessigem Stahl durch, und die Musterschweissung trat in den Hintergrund. Ein einziger Klingenzug aus gutem Stahl war jetzt besser als das kunstvollste Geflecht aus schlechtem.

Der Aufwand dahinter war enorm. Fuer eine einzige musterschweisste Klinge musste der Schmied Dutzende Male erhitzen, falten und neu verschweissen, ohne dass Schlacke oder Kaltschweissstellen die Klinge im Kampf brechen liessen. Ein Fehler in der Mitte dieses tagelangen Prozesses konnte die ganze Arbeit zunichte machen. Kein Wunder, dass gute Klingen gehandelt und ueber weite Strecken importiert wurden, statt sie in jeder Doerfschmiede selbst herzustellen.

+VLFBERH+T - die Marke aus dem Rheinland

Manche Klingen tragen einen eingelegten Schriftzug, der zwischen zwei Kreuzen den Namen +VLFBERH+T nennt. Ueber rund 170 solcher Schwerter sind bekannt. Sie gelten als Spitzenprodukte ihrer Zeit, und ihre Werkstaetten werden im fraenkischen Rheinland vermutet - also praktisch vor unserer Haustuer. Ein Ulfberht-Schwert war eine Art Markenzeichen fuer Qualitaet, gefaelscht inklusive: Es gibt Klingen mit falsch gesetzten Kreuzen, offenbar billigere Kopien, die vom guten Ruf des Namens profitieren wollten. Wir haben den Ulfberht-Schwertern einen eigenen Beitrag gewidmet und lassen es hier bei diesem Fingerzeig bewenden.

Petersen und die Schwerttypologie

Auch beim Schwert fuehrt kein Weg an Jan Petersen vorbei. In seinem Werk von 1919 ordnete er die norwegischen Wikingerschwerter nach der Form von Knauf und Parierstange in ein System, das er mit ueber zwanzig Buchstaben durchbuchstabierte - von Typ A bis hin zu den Sonderzeichen des norwegischen Alphabets. Spaetere Forscher haben das System verfeinert, aber die Grundidee blieb: Wer die Griffform kennt, kann ein Schwert grob einordnen und datieren. So wird aus einem einzelnen Fund ein Baustein in der Geschichte einer ganzen Waffengattung.

Ganz nebenbei zeigt Petersens System, wie international die Wikingerwaffe war. Viele der schoensten Klingen kamen als Rohlinge aus dem Frankenreich und wurden erst im Norden mit heimischen Griffen versehen. Ein einziges Schwert konnte so eine rheinlaendische Klinge, einen skandinavischen Knauf und eine Inschrift in lateinischen Buchstaben vereinen - Handelsgut und Statussymbol zugleich.

Ein Schwert bekam einen Namen

Kaum etwas zeigt den Rang des Schwertes so deutlich wie die Tatsache, dass man ihm einen Namen gab. In den Sagas heissen Klingen "Beinbeisser", "Schlangenzunge" oder "Erbe". Ein benanntes Schwert hatte eine Biografie: Es wurde vererbt, verschenkt, im Kampf erbeutet, manchmal einem Toten mit ins Grab gegeben oder aus einem Grabhuegel wieder herausgeholt. Historisch fassbar - wenn auch durch die Sagabrille - ist etwa Skofnung, das Schwert eines legendaeren daenischen Koenigs, das in mehreren Erzaehlungen weiterlebt. Andere Namen gehoeren ganz ins Reich der Heldendichtung: Gramr, mit dem der Drachentoeter Sigurd den Wurm Fafnir erschlaegt, ist reine Sage.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Dass Schwerter benannt und vererbt wurden, ist gut belegt. Dass ein bestimmtes Schwert Zauberkraefte besass, unzerstoerbar war oder von selbst zuschlug, gehoert in die Literatur - so schoen die Geschichten sind.

Manche Schwerter folgten ihrem Besitzer ins Grab, andere wurden bewusst verbogen oder zerbrochen, bevor man sie niederlegte - "getoetet", wie die Forschung sagt, damit die Waffe dem Toten ins Jenseits folgte und niemand sie ausgrub. Wieder andere blieben oben und wanderten weiter durch die Generationen. Ein Schwert war eben nicht ersetzbar wie eine Axt; es hatte eine Geschichte, und diese Geschichte war Teil seines Werts.

Was ein Schwert wirklich konnte - und was nicht

Ein gutes Wikingerschwert war eine hervorragende Waffe: scharf, schnell, ausgewogen. Aber es war kein Wundermittel. Gegen einen Schild oder einen Helm richtete auch die beste Klinge wenig aus, wenn der Hieb schlecht sass; die Sagas erzaehlen freimuetig von Schwertern, die sich im Kampf verbogen und die der Kaempfer erst wieder geradetreten musste. Die Dichtung dagegen liebt die makellose Klinge. In der altenglischen Dichtung Beowulf traegt der Held ein solches Erbstueck:

"Hrunting" nannten sie das Schwert mit dem Heft, das erste unter alten Erbstuecken; Eisen war seine Schneide, mit Gift geaetzt, im Kampfblut gehaertet...Beowulf, uebers. nach Francis B. Gummere 1910, gemeinfrei

Das "mit Gift geaetzte" Eisen ist ein dichterisches Bild fuer genau jene gemusterte, musterschweisste Klinge, die wir aus den Funden kennen. Und doch versagt Hrunting im entscheidenden Moment - selbst der Dichter wusste: Auf die Klinge allein war kein Verlass.

Diese Ehrlichkeit steckt schon in den nordischen Quellen selbst. Immer wieder erzaehlen die Sagas von Klingen, die sich im Gefecht verbogen und die der Kaempfer mitten im Kampf unter dem Fuss wieder geradebiegen musste. Das teuerste Statussymbol des Nordens war eben doch nur so gut wie das Eisen, aus dem es geschmiedet war - und der Krieger, der es fuehrte.

Was belegt ist

Wikingerschwerter waren zweischneidige Hiebwaffen von rund 90 cm Laenge mit Hohlkehle, Knauf und Parierstange, meist rund 1 bis 1,5 kg schwer. Musterschweissung ist metallurgisch nachgewiesen und wich ab dem 10./11. Jahrhundert zunehmend homogeneren Klingen. Rund 170 Klingen tragen die Inschrift +VLFBERH+T; ihre Herstellung wird im fraenkischen Rheinland vermutet. Petersens Typologie von 1919 ordnet die Schwerter nach Griffform. Dass Schwerter benannt und ueber Generationen vererbt wurden, ist in Sagas und durch Graeber breit belegt.

Mythos-Check

Nicht jeder Wikinger trug ein Schwert - im Gegenteil. Das Schwert war die teuerste und seltenste Waffe; Axt und Speer waren weit haeufiger. Die "Blutrille" leitet kein Blut ab, sondern spart Gewicht. Und die unzerstoerbaren Wunderschwerter der Sagas - Gramr, das Fafnir toetet, oder Klingen, die nie stumpf werden - sind Heldendichtung, keine Metallurgie. Echte Klingen konnten sich verbiegen und mussten gepflegt werden. Auch das dramatische Verpennen im Zweikampf, bei dem das Schwert "nicht beisst", steht schon in den Quellen selbst.

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