Am oberen Duero in Spanien lebte ein keltiberisches Volk, das die antiken Autoren staunen ließ: Die Vaccäer teilten ihr Ackerland jedes Jahr neu unter allen auf – ein einzigartiges System im alten Europa.
Die Vaccäer (lateinisch Vaccaei) waren ein keltiberisches Volk in der nördlichen Meseta Spaniens, am oberen und mittleren Lauf des Duero (Douro) – im Raum der heutigen Provinzen Valladolid, Palencia und Zamora. Sie gehören zu den Keltiberern, jener Mischung aus keltischen und iberischen Völkern, die Rom die zähesten Kämpfe auf der Iberischen Halbinsel lieferten. Bekannt sind die Vaccäer vor allem für eine erstaunliche gesellschaftliche Besonderheit.
Das Land der Vaccäer war eine fruchtbare Getreideebene – die Kornkammer der nördlichen Meseta. Sie waren ein Ackerbauvolk mit befestigten Städten (Oppida) wie Pallantia (Palencia), Intercatia und Cauca. Ihr Getreidereichtum machte sie wohlhabend – und für Rom interessant, denn ein Heer marschiert auf seinem Magen. Immer wieder versuchten römische Feldherren, sich des vaccäischen Korns zu bemächtigen.
Das Berühmteste an den Vaccäern berichtet der griechische Autor Diodor: Sie hätten ihr Ackerland jedes Jahr neu unter allen aufgeteilt, die Ernte gemeinsam eingebracht und dann jedem seinen Anteil zugemessen – wer etwas für sich behielt, wurde mit dem Tode bestraft. Ob dieses System der jährlichen Neuverteilung genau so bestand, ist umstritten; es könnte ein idealisiertes oder missverstandenes Bild sein. Aber es ist eine der frühesten Beschreibungen einer gemeinschaftlichen Bodenordnung in Europa und hat die Vaccäer berühmt gemacht.
Die Vaccäer standen im 2. Jahrhundert v. Chr. immer wieder gegen Rom. Sie unterstützten ihre Nachbarn, die Keltiberer von Numantia, im großen Numantinischen Krieg. Römische Feldzüge gegen die Vaccäer waren berüchtigt für ihre Härte: Der Konsul Lucullus überfiel 151 v. Chr. die Stadt Cauca, obwohl sie sich ergeben hatte, und ließ ihre Bewohner niedermetzeln – ein Wortbruch, den selbst römische Autoren als schändlich brandmarkten. Solche Episoden zeigen die brutale Realität der römischen Eroberung Iberiens.
Der Widerstand der Keltiberer und Vaccäer gipfelte in der Belagerung von Numantia (133 v. Chr.), einem der berühmtesten Kapitel der antiken Geschichte. Obwohl Numantia die Stadt der benachbarten Arevaker war, standen die Vaccäer im selben Ringen. Die Zähigkeit dieser iberischen Völker, die Rom über Jahrzehnte trotzten, wurde sprichwörtlich – „numantinischer Widerstand" ist bis heute ein Begriff für aussichtslose, aber unbeugsame Verteidigung.
Die Vaccäer gehören zur faszinierenden Welt der Keltiberer: Völker im Zentrum und Norden Spaniens, die keltische Sprache und Kultur mit iberischen Elementen verbanden. Sie schrieben in der keltiberischen Schrift (abgeleitet vom iberischen Alphabet), prägten Münzen und bauten steinerne Oppida. Die Vaccäer zeigen, dass die keltische Welt weit über Gallien und Britannien hinausreichte – bis tief auf die Iberische Halbinsel, wo Kelten und Iberer eine eigene, hochentwickelte Kultur schufen.
Ein bleibliches Erbe der keltiberischen Welt trug Rom selbst: Das berühmte römische Kurzschwert, der gladius hispaniensis, geht auf keltiberische Vorbilder zurück. Rom übernahm die Waffe seiner zähesten Gegner – ein Zeichen für die hohe Metallhandwerkskunst der iberischen Kelten. Auch darin zeigt sich: Die Völker, die Rom bekämpfte, waren keine primitiven Barbaren, sondern technisch und gesellschaftlich hoch entwickelte Kulturen.
Die Vaccäer erweitern das Bild der keltischen Welt nach Süden, auf die Iberische Halbinsel. Ihr System der gemeinschaftlichen Landverteilung ist einzigartig überliefert und hat sie schon in der Antike berühmt gemacht; ihr zäher Widerstand gegen Rom steht neben dem der Gallier bei Alesia. Für ein ehrliches, vollständiges Bild der Kelten gehören die iberischen Völker unbedingt dazu – sie zeigen, wie weit und wie vielfältig die keltische Welt wirklich war.
Über die Vaccäer berichten griechische und römische Autoren – vor allem Diodor (das gemeinsame Land), Appian (die Kriege) und Strabon (Geographie). Alle sehen die Vaccäer von außen und mit römisch-griechischer Wertung. Das Gegengewicht liefert die Archäologie der keltiberischen Oppida (Pallantia, Numantia u. a.) und die keltiberischen Münzen und Inschriften. Beleg und Deutung halten wir auseinander: Lage, Getreidereichtum und die Kriege sind gut bezeugt; das System der jährlichen Landneuverteilung ist möglicherweise idealisiert.
Die Vaccäer lebten in großen, befestigten Städten (Oppida) wie Pallantia, Intercatia, Cauca und Rauda. Diese waren keine bloßen Fluchtburgen, sondern echte Zentren mit Handwerk, Handel und Verwaltung. Die Keltiberer, zu denen die Vaccäer zählten, prägten eigene Silbermünzen mit Reiterdarstellungen und keltiberischer Schrift und stellten hochwertige Keramik und Metallwaren her. Die Archäologie zeichnet das Bild einer entwickelten, städtischen Gesellschaft – weit entfernt vom römischen Klischee des „wilden Barbaren".
Schon vor Rom bekamen die Vaccäer die großen Mächte des Mittelmeers zu spüren. 220 v. Chr., noch vor dem Zweiten Punischen Krieg, zog Hannibal gegen die Vaccäer und belagerte ihre Städte Salmantica (Salamanca) und Arbucala. Eine Anekdote erzählt, wie die Frauen von Salmantica Waffen unter ihren Kleidern aus der Stadt schmuggelten, um den Männern zum Kampf zu verhelfen. Ob wahr oder ausgeschmückt – die Episode zeigt, dass das Land der Vaccäer schon im 3. Jahrhundert v. Chr. ein umkämpfter Preis war, lange bevor Rom kam.
Die Vaccäer erinnern daran, dass „keltisch" weit mehr war als Gallien und Britannien. Von Irland bis Anatolien, von Böhmen bis nach Spanien erstreckte sich eine Welt verwandter Sprachen und Kulturen. Auf der Iberischen Halbinsel verschmolzen keltische Zuwanderer mit der einheimischen iberischen Bevölkerung zu den Keltiberern. Die Vaccäer mit ihrem gemeinsamen Ackerland, ihren Oppida und ihrem zähen Widerstand sind ein besonders eindrückliches Kapitel dieser weiten keltischen Welt – und ein wichtiger Baustein für ein ehrliches, gesamteuropäisches Bild der Kelten.
Was von den Vaccäern bleibt, ist neben ihren Städten und Münzen vor allem das Bild eines zähen, selbstbewussten Volkes. Ihr gemeinsames Ackerland faszinierte die antiken Autoren, ihr Widerstand gegen Hannibal wie gegen Rom machte sie zu einem Symbol iberischer Unbeugsamkeit. Wie die Gallier bei Alesia oder die Germanen im Teutoburger Wald gehören die Keltiberer zu den Völkern, die dem übermächtigen Rom über Jahrzehnte trotzten – und deren Erbe bis heute in den Namen und Landschaften Spaniens weiterlebt.
Wer heute über die weiten Getreidefelder der spanischen Meseta blickt, sieht dieselbe Kornkammer, die einst die Vaccäer reich und für jede Großmacht begehrenswert machte – ein keltisches Volk mitten in Iberien, dessen Ackerland Geschichte schrieb.
Die Vaccäer gehören damit fest an die Seite der Gallier und Germanen, wenn es um die Völker geht, die dem antiken Rom die Stirn boten – ein keltisches Kapitel Spaniens, das zu Unrecht weniger bekannt ist als Alesia oder der Teutoburger Wald.
„Die Vaccäer teilen jedes Jahr das Land unter sich auf, bebauen es und verteilen die Früchte an alle."nach Diodor, Bibliotheke V (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

Die Keltiberer · Die Arverner · Die Insubrer.
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