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Die Baetasier - ein Volk zwischen Maas und Niers

Geschichte & Funde Die Baetasier - ein Volk zwischen Maas und Niers Von manchen Völkern der römischen Zeit sind Städte übrig, von anderen Grabsteine, von den Baetasiern fast nur Namen in fremden Texten. Plinius der Ältere schreibt sie in eine Liste. Tacitus lässt sie zweimal auftreten, beide Male als Bewaffnete in einem Krieg, den andere angezettelt hatten. Und dann verschwinden sie aus der Erzählung und tauchen dort wieder auf, wo man sie am wenigsten sucht: auf Altären am Antoninuswall in Schottland und auf Ziegelstempeln an der englischen Kanalküste. Ihr Siedlungsgebiet lag irgendwo zwischen Maas, Niers und Rhein, also im weiteren Umfeld unserer eigenen Werkstatt. Wo genau, weiß bis heute niemand.

Ein Volk am Rand der Überlieferung

Die Baetasier, lateinisch Baetasii oder Betasii, gehören zu jenen Völkern der Provinz Germania inferior, über die wir fast alles nur aus zweiter Hand wissen. Kein antiker Autor beschreibt ihre Sitten, keine Inschrift aus ihrem eigenen Land nennt sie unzweifelhaft, kein Ort trägt sicher ihren Namen. Was bleibt, sind drei Arten von Zeugnissen: eine geographische Aufzählung, zwei Szenen aus einem Aufstandsjahr und eine erstaunlich gut belegte Hilfstruppeneinheit, die ihren Namen über Jahrhunderte durch das Römische Reich trug. Aus diesen Bruchstücken lässt sich ein Bild bauen, aber es bleibt ein Bild mit großen Leerstellen. Wer die Leerstellen mit Vermutungen füllt und sie dann für Wissen ausgibt, macht aus einem interessanten Fall eine Legende. Genau das ist bei den Baetasiern oft geschehen.

Roemischer Weihealtar mit der Inschrift COH I BAETASIOR C R vom Kastell Bar Hill am Antoninuswall
Der Stein, auf dem der Name steht: ein Altar aus dem Kastell Bar Hill am Antoninuswall, in der zweiten Zeile deutlich lesbar BAETASIOR. Die cohors I Baetasiorum civium Romanorum ist der einzige Beleg dafuer, dass Maenner dieses Volkes bis nach Schottland kamen. Abbildung aus George Macdonald, The Roman Wall in Scotland (gemeinfrei); die Inschrift wird als RIB 2169 gefuehrt.

Der Katalog des Plinius

Der älteste Beleg steht in der Naturalis Historia des Plinius, Buch IV, Kapitel 106. Dort zählt er die Völker im Binnenland der Gallia Belgica auf, und in dieser Reihe stehen hintereinander: Tungri, Sunuci, Frisiavones, Baetasi, Leuci liberi. Die Namensform bei Plinius lautet also Baetasi, nicht Baetasii. Verlockend ist die Annahme, die Reihenfolge spiegele die Landkarte, und dann säßen die Baetasier zwischen den Sunukern und den Leuci. Nur funktioniert das nicht: Die Leuci lagen weit im Süden um Toul, die Tungrer westlich der Maas. Plinius ordnet nicht nach Nachbarschaft, sondern nach einer Logik, die wir nicht mehr rekonstruieren können. Die Liste beweist damit vor allem eines: Um 77 nach Christus galten die Baetasier der römischen Verwaltung als eigene, benennbare Größe.

Krieg an der Maas: das Jahr 69/70

Zum zweiten Mal erscheinen sie im Bataveraufstand. Der bataverische Offizier Claudius Labeo, ein persönlicher Rivale des Aufstandsführers Iulius Civilis, war von diesem zu den Friesen abgeschoben worden. Labeo entkam, erhielt vom römischen Befehlshaber Vocula eine kleine Abteilung und begann einen Kleinkrieg. Tacitus berichtet in den Historien IV,56, er habe wenige Nervier und Baetasier zu den Waffen gebracht und damit weniger Feldzüge als Überfälle gegen Cananefaten und Marsaker geführt. Das ist eine beiläufige Notiz, aber sie sagt etwas Wichtiges: Die Baetasier waren offenbar nicht geschlossen aufständisch, sondern als Kriegermannschaft anwerbbar, für die eine wie für die andere Seite. Kleine Völker an der Grenze hatten selten die Wahl zwischen Krieg und Frieden, nur zwischen verschiedenen Herren.

Die Brücke über die Maas

Die zweite Szene ist die berühmtere. Civilis hatte sich mit der Kolonie am Rhein verständigt und wandte sich den Nachbarvölkern zu. Tacitus schreibt in den Historien IV,66, er habe die Sunuker besetzt und ihre Jugend in Kohorten gegliedert. Wer weiter wollte, musste an Labeo vorbei.

Occupatisque Sunucis et iuventute eorum per cohortis composita, quo minus ultra pergeret, Claudius Labeo Baetasiorum Tungrorumque et Nerviorum tumultuaria manu restitit, fretus loco, quia pontem Mosae fluminis anteceperat.
Nachdem er die Sunuker besetzt und ihre wehrfähige Jugend in Kohorten gegliedert hatte, trat ihm Claudius Labeo mit einer zusammengerafften Schar von Baetasiern, Tungrern und Nerviern entgegen, damit er nicht weiter vordringe; er verließ sich auf die Örtlichkeit, weil er die Brücke über den Fluss Maas vorher besetzt hatte.Tacitus, Historien IV,66; Übersetzung: Glanz und Gravur

Der Kampf blieb in der Enge unentschieden, bis germanische Krieger den Fluss durchschwammen und Labeo in den Rücken fielen. Civilis ritt an die Tungrer heran und rief ihnen zu, man habe nicht zu den Waffen gegriffen, damit Bataver und Treverer über die Völker herrschten. Zwei tungrische Vornehme, Campanus und Iuvenalis, übergaben daraufhin den ganzen Stamm. Labeo floh, bevor man ihn einschließen konnte.

Unterworfen und eingegliedert

Was mit den Baetasiern geschah, sagt Tacitus im selben Satzbogen: Civilis nahm auch sie und die Nervier in seine Treue auf und fügte sie seinen Truppen hinzu. Die lateinische Formel in fidem acceptos meint Unterwerfung und Schutzverhältnis zugleich. Was nach einem politischen Akt klingt, war praktisch eine Zwangsrekrutierung: Aus einem geschlagenen Volk wurden Verbände. Genau dieses Muster hatte Civilis bei den Sunukern schon vorgeführt. Für die Baetasier bedeutet die Stelle, dass sie am Ende des Aufstands auf der Verliererseite standen, ohne ihn begonnen zu haben. Danach schweigen die Geschichtsschreiber über sie. Der Aufstand endete 70 mit der Kapitulation der Bataver, und die römische Verwaltung ordnete die Landschaft am Niederrhein neu.

Wo lag ihr Land?

Hier beginnt der ehrliche Teil. Es gibt keine gesicherte Lokalisierung. Die heute in der Fachliteratur meistvertretene Annahme setzt die Baetasier südlich der Niers an, also im Raum zwischen Maas und Rhein südwestlich der späteren Colonia Ulpia Traiana bei Xanten. Vorgeschlagen wurden konkret die Gegend um Gennep, Goch und Geldern. Ein zweiter Vorschlag geht deutlich weiter nach Westen und knüpft an den belgischen Ortsnamen Geetbets an, was die Baetasier in das Gebiet der Tungrer versetzen würde. Beides sind Hypothesen, keine Befunde. Für die östliche Ansetzung spricht immerhin, dass Tacitus sie im selben Atemzug mit Sunukern, Tungrern und Nerviern nennt und dass die Inschriften sie später mit Xanten verbinden. Beweisen lässt sich damit nichts.

Ein Name zwischen zwei Sprachen

Die Römer zählten die Baetasier zu den Germanen der linken Rheinseite, in der Tradition jener Gruppen, die Caesar Germani cisrhenani nannte. Der Name selbst spricht eine andere Sprache. Bernard Sergent hat ihn 1991 an eine urkeltische Wurzel angeschlossen, die man mit Eber oder Wildschwein übersetzt; Günter Neumann wies darauf hin, dass die Endung -asio- im Gallischen häufig, im Germanischen dagegen kaum belegt ist. Sprachlich sieht der Name also gallisch aus. Das ist kein Widerspruch, sondern der Normalfall an dieser Grenze: Volksnamen konnten älter sein als die Menschen, die sie später trugen, und römische Kategorien wie germanisch oder gallisch waren politische Ordnungsbegriffe, keine Sprachstatistik. Wie die Baetasier sich selbst nannten und in welcher Sprache, wissen wir nicht.

Traianenses Baetasii

Um 100 bis 105 gründete Kaiser Traian bei Xanten die Colonia Ulpia Traiana. Kurz darauf ändert sich die Art, wie Baetasier sich in Inschriften vorstellen. Kaiserliche Gardereiter in Rom bezeichnen sich im 2. und 3. Jahrhundert als traianensische Baetasier, verbinden also ihren Volksnamen mit der neuen Kolonie. Für die Forschung ist das der wichtigste Hinweis auf ihre Verwaltungszugehörigkeit: Die Baetasier gehörten offenbar zum Umland der Colonia Ulpia Traiana, ähnlich wie die benachbarten Cugerner. Man sieht hier zugleich zu, wie eine Identität sich verschiebt. Aus dem Angehörigen eines Volkes wird der Angehörige eines Bezirks. Die Herkunftsangabe bleibt, aber sie hängt nun an einer römischen Stadt und nicht mehr an einer Stammesgrenze.

Gab es eine civitas Baetasiorum?

Eine eigene selbstverwaltete Gemeinde der Baetasier ist nicht belegt. Für das 1. Jahrhundert ist völlig offen, ob es sie gab; für die Zeit nach der Koloniegründung spricht die Formel der Gardereiter eher dagegen. Dasselbe Problem stellt sich bei den Cugernern und bei den Sunukern: In der älteren Forschung wurden diesen Völkern gern eigene civitates zugeschrieben, neuere Untersuchungen halten das für unsicher bis unwahrscheinlich. Man muss diese Unsicherheit aushalten. Die römische Verwaltung im nördlichen Niedergermanien war dünner und beweglicher, als Karten mit sauberen Grenzlinien vermuten lassen, und für weite Strecken zwischen Maas und Rhein wissen wir schlicht nicht, wer Recht sprach und wer Steuern eintrieb.

Die cohors I Baetasiorum

Am besten belegt ist ausgerechnet das, was das Volk verlassen hat: seine Kohorte. Die cohors I Baetasiorum war eine Fußtruppe von nominell fünfhundert Mann. Sie erscheint in britannischen Militärdiplomen am 19. Januar 103 (Fundort Malpas), am 17. Juli 122 (Brompton-by-Sawdon), im Jahr 124 (Stannington) und am 14. April 135 (Wroxeter). Diese Urkunden sind Entlassungsdokumente für Veteranen und die härteste Art von Beleg, die man haben kann: amtliche Bronzetafeln mit Datum. Sie zeigen, dass die Einheit spätestens 103 in Britannien stand, also wenige Jahre nach der Gründung der Kolonie in Xanten. Die Rekrutierung dürfte anfangs tatsächlich aus dem Volk erfolgt sein, später wurde die Einheit wie üblich vor Ort aufgefüllt.

Am Antoninuswall: Bar Hill und Old Kilpatrick

Unter Antoninus Pius stand die Kohorte in Schottland. Aus dem Brunnen des Stabsgebäudes von Bar Hill kamen 1903 zwei Steine: ein Altar mit dem schlichten Text coh I Baetasior c R und eine Bauinschrift für den Kaiser, auf der die Einheit als römische Bürger bezeichnet wird, geehrt wegen Tapferkeit und Treue. Die Wendung ob virtutem et fidem ist allerdings zu einem guten Teil ergänzt, der Stein war in drei Stücke zerbrochen. In Old Kilpatrick am Westende des Walls fand man 1969 einen Altar für Iuppiter Optimus Maximus, gestiftet von derselben Kohorte unter dem Präfekten Publicius Maternus, mit dem Zenturio Iulius Candidus als amtierendem Kommandeur. Am Stein waren noch Reste roter Farbe zu sehen. Er war offenbar bald nach der Weihung vergraben worden.

Maryport, Reculver und das Ende der Spur

Später lag die Einheit in Maryport an der Küste Cumbriens. Von dort stammen mehrere Altäre für Iuppiter, Mars und Victoria, gestiftet von der Kohorte unter Kommandeuren wie T. Attius Tutor und Ulpius Titianus, überwiegend datiert in die Jahre um 165 bis 185. Zuletzt begegnet sie an der Kanalküste: In Reculver in Kent tragen Ziegel den Stempel C I B, eine stark ergänzte Bauinschrift des frühen 3. Jahrhunderts nennt die Kohorte, und die spätantike Notitia dignitatum führt für Regulbium einen Tribun der ersten Kohorte der Baetasier. Damit endet die Spur nach rund dreihundert Jahren an der englischen Küste, während das Herkunftsgebiet am Niederrhein in der Spätantike weitgehend entvölkert und von neuen Gruppen besiedelt wurde, aus denen die Franken hervorgingen.

Was gesichert ist

Plinius nennt die Baetasi in seiner Völkerliste der Gallia Belgica (Naturalis Historia IV,106). Tacitus erwähnt sie zweimal im Bataveraufstand: als Teil von Labeos Streifschar (Historien IV,56) und im Gefecht an der Maasbrücke, nach dem Civilis sie in seine Truppen einreiht (Historien IV,66). Die cohors I Baetasiorum civium Romanorum ist durch britannische Militärdiplome von 103, 122, 124 und 135 sowie durch Altäre und Bauinschriften von Bar Hill, Old Kilpatrick, Maryport und Reculver dokumentiert; Ziegelstempel und die Notitia dignitatum belegen sie zuletzt in Reculver. Dass Angehörige des Volkes sich im 2. und 3. Jahrhundert als traianensische Baetasier bezeichneten, verbindet sie verwaltungsmäßig mit der Colonia Ulpia Traiana bei Xanten.

Mythos-Check

Populäre Darstellungen nennen Novaesium, das heutige Neuss, als Hauptort der Baetasier. Dafür gibt es keinen Beleg; Neuss war ein Legionslager. Auch die Gleichsetzung der Maasbrücke mit Maastricht ist eine moderne Deutung, Tacitus nennt nur den Fluss. Die Ehrenformel wegen Tapferkeit und Treue auf der Bauinschrift von Bar Hill ist zu großen Teilen ergänzt und darf nicht als vollständig erhaltener Wortlaut zitiert werden. Ableitungen des Volksnamens aus heutigen Ortsnamen wie Beeck oder Baesweiler sind sprachwissenschaftlich nicht abgesichert; selbst der in der Literatur diskutierte Anschluss an das belgische Geetbets bleibt eine Vermutung. Und die römische Einordnung als germanisches Volk ist eine politische Kategorie: Der Name selbst sieht sprachlich gallisch aus.

Nachbarn in unserer Landschaft

Für uns in Alsdorf ist an dieser Geschichte der Ausschnitt der Landkarte das Interessante. Die Sunuker, deren Besetzung Tacitus unmittelbar vor dem Baetasier-Gefecht schildert, saßen im Raum Aachen zwischen Maas und Rur. Westlich der Maas lagen die Tungrer, südöstlich die Ubier um Köln, nördlich die Cugerner um Xanten, und vor der römischen Zeit hatten die Eburonen weite Teile dieser Bördelandschaft bewohnt. Alle Orte, die im Jahr 70 in Bewegung gerieten, liegen in einem Umkreis, den man heute an einem Tag abfährt. Wer von Alsdorf über Jülich zum Niederrhein fährt, folgt in Abschnitten noch römischen Trassen. Wir gravieren keine Baetasier-Symbole, weil es keine gibt. Aber die Landschaft, in der unsere Werkstatt steht, war ihr Grenzland.

Was von ihnen bleibt

Die Baetasier sind ein gutes Beispiel dafür, wie Geschichte aussieht, wenn man sie nicht glättet. Ein Volksname in einer Liste. Zwei Sätze bei einem Historiker, der sich für ganz andere Leute interessierte. Ein Bezirk, der ihren Namen aufsog. Und eine Kohorte, die den Namen dreihundert Jahre lang weitertrug, bis er auf Dachziegeln an der englischen Küste erschien, als das Volk selbst längst nicht mehr fassbar war. Genau darin liegt der Reiz: Nicht alles, was einen Namen hatte, hat auch eine Geschichte hinterlassen. Manchmal bleibt nur die Spur, die andere von einem gemacht haben.

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