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Alfred der Große und der Kampf um Wessex

Geschichte & Funde Alfred der Große und der Kampf um Wessex Im Winter 878 war das angelsächsische England einen Steinwurf vom Untergang entfernt. Dass es überlebte, verdankt es einem König, der sich in ein Sumpfversteck zurückzog – und wenige Monate später zurückschlug. Alfred von Wessex ist der einzige englische Herrscher, den die Nachwelt „den Großen“ nannte. Wir schauen uns an, was davon belegt ist – und was Legende.

Wenn die Wikingerzeit in England einen Namen hat, dann zwei: das „Große Heidnische Heer“ und den Mann, der es aufhielt. Alfred von Wessex (871–899) ist der einzige König der englischen Geschichte mit dem Beinamen „der Große“ – und anders als bei vielen Sagengestalten haben wir für ihn zeitgenössische Quellen. Doch das Bild vom weisen Landesvater ist über die Jahrhunderte kräftig übermalt worden. Trennen wir das Belegte vom Erfundenen.

König in schwerer Zeit

Alfred wurde um 849 als jüngster Sohn König Æthelwulfs von Wessex geboren. Dass er überhaupt König wurde, war ein Ergebnis der Krise: Ein Bruder nach dem anderen starb, während die skandinavischen Heere Northumbria, East Anglia und Mercia bereits überrannt hatten. Als Alfred 871 den Thron bestieg, war Wessex das letzte der großen angelsächsischen Königreiche, das noch stand. Schon als Königssohn hatte er an der Seite seines Bruders Æthelred gekämpft; die Angelsächsische Chronik verzeichnet für das Jahr 871 eine ganze Kette von Gefechten – darunter den Sieg der Westsachsen bei Ashdown und schwere Rückschläge bei Reading und Wilton. Es war ein Kriegsjahr, das die Chronik fast im Akkord abhandelt. Am Ende stand kein dauerhafter Sieg, sondern ein Frieden, den Alfred sich mit Silber erkaufte. Für einen jungen König, dessen Reich am Abgrund stand, war Zeitgewinn schon ein Erfolg – und genau das wurde zu seiner Devise: aushalten, sich neu aufstellen, den richtigen Moment abwarten.

Das Große Heidnische Heer

Das „Große Heidnische Heer“ (altenglisch micel hæðen here) war kein Überfalltrupp, sondern eine über Jahre operierende Streitmacht, die 865 in East Anglia landete und sich fortan durch England fraß. Es war kein Volk auf Wanderung, sondern ein bewegliches Kriegsunternehmen mit wechselnden Anführern und Zielen. 866 fiel York, 869 wurde König Edmund von East Anglia getötet, 874 zerbrach das Königreich Mercia. Wessex geriet zwischen die Fronten. Der Winterfeldzug 878 war der gefährlichste Moment: Statt sich wie üblich in ein Winterlager zurückzuziehen, schlug ein Teil des Heeres unter Guthrum mitten in der kalten Jahreszeit zu.

In diesem Jahr, mitten im Winter, nach dem Zwölften Tag, kam das Heer heimlich nach Chippenham und überritt das Land der Westsachsen und setzte sich darin fest, und viele des Volkes trieben sie über die See, und von den übrigen unterwarfen sie den größten Teil – bis auf König Alfred; der zog mit einer kleinen Schar mühsam durch Wälder und in die Unwegsamkeit der Sümpfe.Angelsächsische Chronik, zum Jahr 878 (nach der gemeinfreien Überlieferung)

Rückzug nach Athelney

Der Überraschungsangriff auf Chippenham nach dem Dreikönigstag traf Wessex ins Mark. Alfred verlor die Kontrolle über sein Kernland und musste fliehen. Er zog sich in die Sümpfe von Somerset zurück, auf die kaum zugängliche Insel Athelney zwischen Mooren, Wasserläufen und Röhricht. Von dort führte er einen Kleinkrieg aus dem Hinterhalt und ließ eine befestigte Basis errichten. Was nach ausweglosem Elend klingt, war in Wahrheit ein geschickter Rückzug: Die Sümpfe schützten ihn, gaben ihm Zeit und einen Sammelpunkt. In diese Wochen fällt der berühmteste Alfred-Mythos überhaupt – doch dazu weiter unten.

Edington 878 – die Wende

Im Frühjahr 878 gelang Alfred, woran kaum jemand mehr geglaubt hatte: Sieben Wochen nach Ostern ritt er aus den Sümpfen, sammelte die Aufgebote der Grafschaften Somerset, Wiltshire und Hampshire an einem vereinbarten Treffpunkt (der Chronik zufolge am „Egbert-Stein“) und stellte Guthrums Heer bei Edington in Wiltshire. Dass die Bauern und Krieger überhaupt in dieser Zahl erschienen, war für sich genommen schon ein Sieg – es zeigte, dass Alfred trotz allem noch als König galt und man ihm folgte. Die Angelsachsen gewannen die Schlacht, verfolgten die Fliehenden bis zu ihrer Festung und schlossen sie dort ein. Nach zwei Wochen Belagerung, ohne Nachschub und Hoffnung auf Entsatz, gab Guthrum auf. Edington war keine Vernichtungsschlacht, aber ein Wendepunkt: Zum ersten Mal seit Jahren diktierte ein angelsächsischer König den Dänen die Bedingungen, nicht umgekehrt.

Guthrums Taufe und der Frieden

Der Friede, den Alfred aushandelte, war ungewöhnlich. Guthrum musste sich taufen lassen – Alfred stand ihm dabei als Taufpate zur Seite und gab ihm den christlichen Namen Æthelstan. Wer diese Taufe für eine bloße Formalie hält, unterschätzt ihre politische Wucht: Sie band den ehemaligen Feind in ein gemeinsames religiöses und rechtliches Wertesystem ein und machte aus einem heidnischen Kriegsherrn einen christlichen Nachbarkönig, mit dem man Verträge schließen konnte. Guthrum zog mit seinem Heer nach East Anglia ab, wo sich viele der Krieger als Bauern niederließen. Aus Räubern wurden Siedler. Der oft genannte „Vertrag von Wedmore“ ist übrigens ein späterer Sammelbegriff – überliefert ist ein eigener, etwas jüngerer Vertragstext zwischen Alfred und Guthrum, der eine Grenze festhält.

Das Danelaw und die Grenze

Der Vertrag zwischen Alfred und Guthrum zog eine Linie durch England – grob von London nordwestwärts entlang der alten Römerstraße Watling Street. Nördlich und östlich davon lag das Gebiet, in dem skandinavisches Recht und skandinavische Siedlung galten; die spätere Forschung nennt es das „Danelaw“. Wichtig: Das Danelaw war kein Staat und keine feste Nationsgrenze, sondern ein Rechts- und Siedlungsraum, dessen Ausdehnung sich im Lauf der Jahrzehnte verschob. Bis heute erkennt man ihn an Ortsnamen auf -by und -thorpe und an hunderten skandinavischen Lehnwörtern im Englischen – Alltagswörter wie they, egg oder knife gehen auf das Altnordische zurück. Sprache und Landkarte tragen die Spuren dieser Grenze also bis heute. Alfred hatte den Norden nicht zurückerobert – aber er hatte den Kern von Wessex gesichert und dem Vordringen eine Grenze gesetzt.

Die Burgen – Wessex wird uneinnehmbar

Alfred zog aus der Beinahe-Katastrophe eine Lehre: Ein Land ohne feste Plätze ist wehrlos. Er ließ ein Netz befestigter Orte anlegen, die burhs (altenglisch für „Festung“, später „borough“). Eine Verwaltungsliste, die „Burghal Hidage“, hält fest, wie viele Männer jede Burg nach der Länge ihres Walles zu stellen hatte – ein durchdachtes System, bei dem sich die Garnison rechnerisch aus dem umliegenden Land ergab und kein Ort mehr als eine Tagesreise von der nächsten Festung entfernt lag. So konnte ein Wikingerheer nicht mehr ungestraft durchs offene Land ziehen: Es fand überall Widerstand und lief Gefahr, selbst eingeschlossen zu werden. Viele dieser Burgen wurden zu Städten, die es bis heute gibt: Winchester, Oxford, Wallingford. Dazu ordnete Alfred das Aufgebot neu, sodass immer nur die Hälfte der Kämpfer im Feld stand, während die andere Hälfte Höfe und Burgen hielt – eine stehende Verteidigung statt eines einmaligen Massenaufgebots, das nach der Ernte auseinanderlief. Und er begann, eigene, größere Schiffe bauen zu lassen, um die Angreifer schon auf See abzufangen. Nicht die eine Schlacht bei Edington, sondern dieser dauerhafte, unspektakuläre Umbau machte Wessex uneinnehmbar – und half seinem Sohn Eduard und seiner Tochter Æthelflæd später, das Danelaw Stück für Stück zurückzugewinnen.

Bildung, Bücher und der Beiname „der Große“

Alfred war überzeugt, dass die Wikingerzüge auch eine Strafe für den Verfall der Gelehrsamkeit seien – zu viele Kirchen und Klöster waren geplündert, zu wenige Menschen konnten noch Latein. Also startete er ein Bildungsprogramm, das für einen Krieger-König erstaunlich ist: Er holte Gelehrte an seinen Hof, unter ihnen den Waliser Asser, und ließ Werke, die er für „am nötigsten zu wissen“ hielt, ins Altenglische übertragen – darunter die Seelsorgeregel Gregors des Großen, Boethius' Trost der Philosophie und die Weltgeschichte des Orosius. Der Überlieferung nach legte er selbst Hand an. Dazu ließ er ein Gesetzbuch (die domboc) zusammenstellen, das ältere angelsächsische Rechtssammlungen bündelte. Sein Biograph Asser hielt sein Leben in der Vita Ælfredi fest – eine der wichtigsten und zugleich umstrittensten Quellen der Zeit, denn ihre Überlieferung wirft eigene Fragen auf. Der Beiname „der Große“ ist übrigens nicht zeitgenössisch, sondern setzte sich erst Jahrhunderte später durch, als Alfred zur Gründerfigur einer englischen Nation stilisiert wurde – im 19. Jahrhundert wurde er regelrecht zum Nationalhelden aufgebaut. Historisch war er weder ein Halbgott noch ein Heiliger, sondern der König, der Wessex rettete und den Grundstein legte, auf dem seine Nachfolger ein geeintes England bauten.

Was belegt ist

Für Alfred gibt es zeitnahe Quellen: die Angelsächsische Chronik (deren Zusammenstellung selbst in seine Regierungszeit fällt) und die Vita Ælfredi des Mönchs Asser. Belegt sind der Winterangriff auf Chippenham 878, der Rückzug nach Athelney, der Sieg bei Edington, Guthrums Taufe mit Alfred als Paten, der Vertrag mit der Grenzlinie, das Burgen-System und das Übersetzungsprogramm. Die Angelsächsische Chronik ist allerdings eine westsächsische Quelle mit klarer Perspektive – sie erzählt Alfreds Krieg aus Alfreds Sicht.

Mythos-Check

Die berühmte Anekdote, Alfred habe sich in Athelney unerkannt bei einer Bäuerin verdungen und dabei aus Zerstreutheit deren Brote (oft „Kuchen“) anbrennen lassen, steht nicht in der Angelsächsischen Chronik und nicht bei Asser – sie taucht erst rund ein Jahrhundert später in Anhängen auf und ist eine erbauliche Legende. Und noch ein Punkt: „England“ gab es zu Alfreds Zeit noch nicht. Er war König von Wessex und wird in seiner eigenen Zeit „König der Angelsachsen“ genannt – nicht „König von England“. Das geeinte England schufen erst seine Nachfolger im 10. Jahrhundert.

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