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Die Petersen-Typologie – wie man Wikingerschwerter ordnet

Geschichte & Funde Die Petersen-Typologie – wie man Wikingerschwerter ordnet

Wenn ein Fund aus dem Boden kommt, steht der Archäologe vor einer schlichten Frage: Wie alt ist das, und wo gehört es hin? Für Wikingerschwerter hat ein Norweger vor gut hundert Jahren die Antwort geliefert – nicht über die Klinge, sondern über den Griff. Wir zeigen, wie die Petersen-Typologie funktioniert, was sie leistet, und wo ihre Grenzen liegen.

Verzierte Wikingerschwert-Griffe
Verzierte Schwertgriffe der Wikingerzeit im Kulturhistorischen Museum Oslo – Knauf und Parierstange sind genau das, was die Petersen-Typologie ordnet. Foto: Wolfmann, CC BY-SA 4.0.

Was eine Typologie ist – und warum man sie braucht

Eine Typologie ist im Grunde eine sortierte Schublade: Man legt Hunderte einzelner Objekte nebeneinander, sucht nach wiederkehrenden Merkmalen und ordnet sie zu Gruppen, die sich klar voneinander unterscheiden. Das klingt trocken, ist aber das schärfste Werkzeug, das die Archäologie für datierungsarme Funde hat. Denn ein Schwert trägt kein Etikett mit Baujahr. Liegt es in einem Grab, das sich anderweitig datieren lässt, gewinnt man einen Anhaltspunkt – und wenn hundert Schwerter desselben Bautyps immer wieder mit denselben Beifunden auftauchen, entsteht daraus eine Zeitspanne. Eine Typologie ordnet also nicht nur, sie datiert. Sie ist Reihenfolge und Uhr zugleich.

Wichtig ist von Anfang an die ehrliche Trennung: Die Typologie sagt, wie ein Stück gebaut ist und in welche Gruppe es gehört. Sie sagt nicht automatisch, wem es gehörte, wo es geschmiedet wurde oder was der Träger damit erlebt hat. Diese Grenze zwischen belegter Ordnung und späterer Deutung zieht sich durch den ganzen Beitrag – und sie ist der Grund, warum die Petersen-Typologie bis heute steht.

Jan Petersen und „De norske vikingesverd“ (1919)

Der Mann hinter dem System heißt Jan Petersen, norwegischer Archäologe, später langjähriger Leiter des Museums in Stavanger. 1919 veröffentlichte er sein Standardwerk „De norske vikingesverd“ – „Die norwegischen Wikingerschwerter“. Petersen hatte dafür über tausend Schwerter durchgearbeitet, ganz überwiegend aus norwegischen Grabfunden, denn Norwegen ist beim Thema Wikingerwaffen ein Glücksfall: Nirgends sonst liegen so viele Schwerter in datierbaren Bestattungen.

Aus dieser Materialflut destillierte er eine chronologisch-typologische Reihe. Petersen benannte seine Haupttypen mit Buchstaben – gut zwei Dutzend, in der Fachliteratur meist als 26 Haupttypen von A bis Z geführt (Petersen selbst zählte in seinem norwegischen Alphabet bis Æ, und dazu kommen noch mehrere Sondertypen). Wer heute ein Wikingerschwert in die Hand nimmt, hört fast unweigerlich Sätze wie „ein klarer Typ H“ oder „das könnte ein später Typ S sein“. Diese Kürzel gehen alle auf 1919 zurück. Mehr zum Schwert als Waffe und Statussymbol steht in unserem Beitrag über das Wikingerschwert.

Der Trick: Man liest den Griff, nicht die Klinge

Petersens entscheidende Einsicht war die Wahl des Merkmals. Er ordnete nicht nach der Klinge, sondern nach dem Griff – genauer nach Knauf und Parierstange, oben wie unten. Das hat einen handfesten Grund: Wikingerzeitliche Klingen ähneln sich stark. Sie sind zweischneidig, hohlgeschliffen, oft mit einer breiten Blutrinne, viele davon importiert und über Jahrzehnte hinweg fast unverändert im Umlauf. Eine Klinge allein verrät kaum etwas über ihr Alter. Manche wurden umgeschmiedet, neu gefasst, vererbt.

Der Griff dagegen war Mode. Knaufform, Zahl der Knaufbuckel, der Querschnitt der Parierstangen (vierkantig, mit runden oder spitzen Enden), ob der Knauf aus einem oder zwei Teilen bestand, ob er verziert war – all das wechselte im Lauf der Wikingerzeit erkennbar. Der Griff ist damit das diagnostische Merkmal: der Teil, an dem man ablesen kann, wann und in welchem Umfeld ein Schwert zusammengesetzt wurde. Das ist zugleich der Kern eines häufigen Missverständnisses, auf das wir noch zurückkommen.

Das Alphabet der Schwerter: von A bis Z

Die frühesten Typen – Petersens A und B – stehen noch nah an den Waffen der Merowingerzeit und sind teils einschneidig; sie führen aus der Zeit vor den großen Fahrten ins 9. Jahrhundert hinein. Von dort läuft die Reihe durch das ganze Alphabet bis zu den späten Formen des 10. und frühen 11. Jahrhunderts. Jeder Buchstabe steht für eine erkennbare Griffgestalt: mal ein schlichter dreieckiger Knauf, mal ein flacher Halbmond, mal ein reich gegliederter Knauf mit mehreren Buckeln.

Man darf sich das Alphabet nicht als schnurgerade Zeitleiste vorstellen. Typen überlappen sich, laufen nebeneinander her, halten sich zäh oder verschwinden schnell. Petersen ordnete nach Verwandtschaft und Wahrscheinlichkeit, nicht nach starren Jahreszahlen. Neben den Haupttypen führte er außerdem Sondertypen – Griffe, die sich in kein Standardschema fügten. Genau diese Ausreißer sind für uns oft die spannendsten, weil an ihnen das Kunsthandwerk am deutlichsten wird.

Typ H – der Massentyp

Wenn ein Wikingerschwert ein „Durchschnittsschwert“ hat, dann trägt es einen H-Griff. Typ H ist mit Abstand der häufigste Griff-Typ der gesamten Wikingerzeit – Hunderte Exemplare allein aus Norwegen, im Umlauf vom späten 8. bis ins späte 10. Jahrhundert. Nach verschiedenen Zählungen macht Typ H (samt dem eng verwandten Typ I) einen sehr großen Teil aller norwegischen Funde aus.

Der H-Griff ist dabei alles andere als schmucklos: Knauf und Parierstange bestanden häufig aus Eisen, in das feiner Draht aus Silber, Kupfer oder Messing in dichten, meist geometrischen Streifen eingelegt war. Der Massentyp war also durchaus repräsentativ – nur eben in Serie, nicht als Einzelstück. Dass ausgerechnet die häufigste Form so oft verziert ist, sagt viel über den Stellenwert des Schwerts in dieser Gesellschaft.

Prunkstücke: Typ D, S und O

Am anderen Ende der Skala stehen die Schaustücke. Typ D fällt durch besonders reich gegliederte, im Tierstil verzierte Griffe auf, oft mit Silber- und Kupferauflagen. Typ S trägt einen mehrbuckeligen Knauf und dichte Silbertauschierung; er gehört ins 10. Jahrhundert und ist eines der klaren Beispiele dafür, wie viel Aufwand in einen Griff fließen konnte. Typ O schließlich zeigt zwei Spielarten: einmal Knauf und Parierstangen aus Bronze gegossen und mit Knotenwerk verziert, einmal aus Eisen mit aufgelegten Silberplatten, in die Flechtband- oder Tiermuster eingraviert sind – und ausgerechnet auf einem Schwert dieses Typs sitzt eine berühmte Ulfberht-Klinge.

Diese verzierten Typen sind der Beweis, dass ein Schwertgriff eine Bildfläche war. Wer die Ornamentik dieser Griffe studiert, liest dieselben Formensprachen, die auch auf Fibeln, Steinen und Holzschnitzereien der Zeit erscheinen – von den frühen Greiftieren bis zu den späten, verschlungenen Bändern.

Wenn der Dichter das Schwert beschreibt

Die Archäologen lesen den Griff – die Dichter der Zeit lasen die Klinge. Im altenglischen „Beowulf“ trägt das Schwert, das Unferð dem Helden leiht, einen eigenen Namen und eine liebevolle Beschreibung seiner gemusterten Schneide:

Der Griffwaffe war der Name Hrunting; sie war einer der vornehmsten alten Schätze; die Schneide war aus Eisen, mit Gifzweig-Mustern gezeichnet, gehärtet im Kampfblut.Beowulf 1457–1460; Übersetzung: Glanz & Gravur

„Mit Gifzweig-Mustern gezeichnet“ – das altenglische atertanum fah wird meist als Beschreibung der gemusterten, damaszierten Klingenoberfläche gelesen. Der Dichter feiert also genau die Klinge, die dem Archäologen zur Datierung kaum taugt. Beide Blicke ergänzen sich: Die Sage nennt den Namen und den Glanz, die Typologie nennt den Bautyp und die Zeitstellung.

Wheeler und die sieben (I–VII)

Petersens System ist gründlich, aber für den Alltagsgebrauch fein gerastert. 1927 legte der britische Archäologe Mortimer Wheeler eine vereinfachte Fassung vor, zugeschnitten auf das britische Fundmaterial: nur noch sieben Typen, mit römischen Ziffern I bis VII. Wheeler zog dabei Griff- und Klingenmerkmale zusammen und fasste mehrere Petersen-Typen in einer Gruppe zusammen. Für einen schnellen Überblick ist das praktisch – man sortiert grob statt fein.

Man sollte die beiden Systeme aber nicht durcheinanderwerfen. Ein „Typ H“ nach Petersen und ein „Typ VII“ nach Wheeler sind Aussagen in zwei verschiedenen Sprachen; sie lassen sich nicht eins zu eins ineinander übersetzen. Wer beide Kürzel liest, muss wissen, wessen Zählung gerade gemeint ist.

Oakeshott und was danach kam

Der britische Waffenkundler Ewart Oakeshott knüpfte an Wheeler an. Er ergänzte zwei Übergangstypen (VIII und IX), die den Sprung aus der Wikingerzeit ins Hochmittelalter markieren, und entwickelte dann ein ganz eigenes System für die Schwerter des europäischen Mittelalters – die Typen X bis XXII, grob vom 11. bis ins 16. Jahrhundert. Damit übernimmt Oakeshott dort, wo Petersen und Wheeler aufhören. Die drei Systeme greifen also zeitlich ineinander: Petersen und Wheeler für die Wikingerzeit, Oakeshott für das, was danach kommt. Wer die ganze Kette der europäischen Schwertformen verstehen will, findet den Überblick in unserer Waffenkunde.

Die Äxte: von A bis M – und die „Dänenaxt“

Petersen ordnete nicht nur Schwerter. Im selben Werk stellte er auch eine Typologie der Äxte auf – rund ein Dutzend Formen, mit Buchstaben von A bis M. Zwei große Gruppen lassen sich unterscheiden: die Bartaxt (altnordisch skeggøx) mit ihrer nach unten gezogenen Schneide, die Petersen in den Varianten B bis E fasste, und die großen breiten Kriegsäxte.

Der Star unter Letzteren ist Typ M – die berühmte „Dänenaxt“. Ihr Kopf ist breit ausgeschwungen, keilförmig und erstaunlich dünn: die Schneide meist nur etwa zwei bis fünf Millimeter stark, mit ausgezogenen Lappen zur Schäftung. Typ M kam um die Mitte des 10. Jahrhunderts auf und wurde so beliebt, dass er sich von England bis in die Rus verbreitete und bis ins 13. Jahrhundert in Gebrauch blieb. Wer tiefer in die Formen und den Gebrauch der Streitäxte einsteigen will, dem sei unser Beitrag zur Wikingeraxt empfohlen; auch beim Speer half Petersens Ordnungsblick.

Der Gravur-Blick: Der Griff als Ornament-Vokabular

Für uns in der Werkstatt ist die Typologie mehr als eine Datierungshilfe – sie ist ein Katalog von Ornamenten. Denn was einen Schwertgriff zum Typ macht, ist am Ende oft der Schmuck: eingelegter Silberdraht, geometrische Bänder, Tierstil-Motive in Flechtbandtechnik. Genau das ist die Sprache, die auch ein Graveur liest. Ein Knauf im Borre-Stil mit seinem Greiftier, ein Griff im Mammen- oder Ringerike-Stil mit seinen ausgreifenden Ranken – das sind nicht nur Datierungsmarker, sondern abgeschlossene, in sich stimmige Musterwelten.

Wer ein historisch stimmiges Motiv gravieren will, tut deshalb gut daran, die Ornamentik nach Zeit und Stil sauber zu trennen, statt Epochen zu mischen. Der Grifftyp verrät nämlich nicht nur ein Jahrhundert, sondern auch den passenden Formenschatz. Ein spätes Flechtband gehört nicht auf einen frühen Knauf – die Typologie ist hier ganz nebenbei ein Stilführer.

Warum Klinge und Griff oft getrennt entstanden

Ein Punkt, den die Typologie geradezu erzwingt: Klinge und Griff waren häufig zwei Paar Schuhe. Viele der besten Klingen wurden nicht im Norden geschmiedet, sondern kamen als Handelsware aus dem Frankenreich, oft aus dem Rheinland – man denke an die berühmten Ulfberht-Klingen. Der Griff wurde dann vor Ort angepasst, aus regionalem Formenschatz. Ein Schwert konnte also eine fränkische Klinge und einen norwegischen Griff tragen.

Das hat eine unbequeme Folge: Der Grifftyp datiert die Zusammensetzung des Schwerts und verortet sie kulturell – über die Herkunft der Klinge sagt er fast nichts. Die lange Tradition der geschmiedeten Eisenklinge reicht ohnehin weit zurück; ihre Wurzeln liegen schon in der La-Tène-Zeit, lange vor den Wikingern. Griff und Klinge erzählen zwei verschiedene Geschichten – die Typologie erzählt zuverlässig nur eine davon.

Was gesichert ist: Jan Petersen veröffentlichte 1919 „De norske vikingesverd“ und ordnete darin gut zwei Dutzend Haupttypen (in der Literatur meist 26, A bis Z) plus Sondertypen, gestützt auf über tausend überwiegend norwegische Schwerter. Grundlage ist der Griff, nicht die Klinge. Typ H ist der mit Abstand häufigste Griff-Typ. Mortimer Wheeler vereinfachte das System 1927 auf sieben Typen (I–VII), Ewart Oakeshott führte es mit Übergangstypen fort und schuf für das Hochmittelalter seine eigene Reihe (X–XXII). Petersen ordnete außerdem die Äxte (Typen A–M); die breite „Dänenaxt“ ist sein Typ M mit dünner Schneide, aufgekommen um die Mitte des 10. Jahrhunderts.

Die Grenzen der Typologie

So mächtig das Werkzeug ist – es hat klare Grenzen, und die gehören zur ehrlichen Darstellung dazu. Erstens datiert es unscharf: Wo Griffkomponenten gemischt sind (etwa eine ältere Parierstange mit einem jüngeren Knauf), lässt sich kaum ein präzises Jahr nennen. Zweitens liefen viele Typen über Jahrzehnte, manche über ein Jahrhundert – eine Zuordnung ergibt eine Zeitspanne, kein Datum. Drittens gibt es regionale Überlappungen und lokale Sonderwege, die sich nicht sauber ins Alphabet fügen.

Und viertens, der wichtigste Vorbehalt: Der Typ beschreibt den Griff, nicht die Klinge und schon gar nicht die Herkunft der Waffe als Ganzes. Ein „Typ-H-Schwert“ zu bestimmen heißt, den Griff eingeordnet zu haben – über den Stahl der Klinge, ihren Schmied oder ihren Weg durch die Welt ist damit noch nichts gesagt.

Mythos-Check: Die Petersen-Typologie klassifiziert Griffe, nicht Klingen – wer ein „Typ-H-Schwert“ sagt, hat über die Klinge selbst noch fast nichts ausgesagt. Wheelers sieben Typen sind eine Vereinfachung Petersens und lassen sich nicht eins zu eins mit dessen Buchstaben gleichsetzen; die Systeme sind nicht austauschbar. Und die Typenbuchstaben sind reine Ordnungskürzel: Sie haben nichts mit Runen, „Kraftzeichen“ oder Namensmagie zu tun. Ein Grifftyp ist eine Bauform, kein Zauber.

Was die Typen wirklich erzählen

Am Ende ist die Petersen-Typologie ein Denkwerkzeug, das nüchtern bleibt und gerade deshalb so lange hält. Sie verwandelt einen Haufen verrosteter Eisenstücke in eine lesbare Geschichte: von den frühen, noch merowingisch anmutenden Griffen über den allgegenwärtigen Typ H bis zu den silbertauschierten Prunkstücken des 10. Jahrhunderts. Sie ordnet, sie datiert grob, und sie öffnet – über die Griffornamentik – ein Fenster in das Kunsthandwerk einer ganzen Epoche.

Wer das nächste Mal ein Wikingerschwert sieht und jemand murmelt „ein schöner Typ S“, weiß jetzt, was gemeint ist: nicht die Klinge, nicht der Krieger, nicht die Legende – sondern der Griff, an dem ein norwegischer Museumsmann vor über hundert Jahren gelernt hat, die Zeit zu lesen.

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