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Die Petrocorii: Kelten von Périgueux

Aufklärung Die Petrocorii: Kelten von Périgueux Im Land der Höhlen und Flüsse Südwestfrankreichs saßen die Petrocorii. Aus ihrem Hauptort wurde eine der schönsten gallorömischen Städte – und ihr Name lebt bis heute im Périgord.

Die Petrocorii waren ein keltischer Stamm im Südwesten Galliens, im hügeligen Land zwischen Dordogne und Isle – im Raum des heutigen Périgord. Ihr Name bedeutet vermutlich „die vier Heere" oder „die vier Stämme" (zu keltisch petru- „vier" und corio- „Heer/Schar"), was auf einen Zusammenschluss mehrerer Gruppen hindeuten könnte. Bekannt sind sie weniger für Schlachten als für die prächtige Stadt, die aus ihrem Hauptort erwuchs.

Ein Volk im Périgord

Das Land der Petrocorii war reich an Wäldern, Flüssen und den berühmten Kalksteinhöhlen der Region. Sie lebten von Ackerbau, Viehzucht und dem Handel entlang der Flusswege, die den Südwesten mit dem Atlantik und dem Mittelmeerraum verbanden. Wie die meisten gallischen Stämme wohnten sie in Gehöften und befestigten Höhensiedlungen. Ihr Gebiet lag im Übergangsraum zwischen dem keltischen Kerngallien und dem aquitanischen Südwesten.

Im Gallischen Krieg

Die Petrocorii erscheinen bei Caesar unter den Völkern, die 52 v. Chr. dem großen Aufstand des Vercingetorix Truppen zum Entsatzheer für Alesia stellten. Wie fast ganz Gallien mussten auch sie nach der Niederlage die römische Herrschaft anerkennen. Doch anders als bei den Aduatukern endete ihre Geschichte nicht in Katastrophe: Ihr Land wurde friedlich in die römische Provinz Aquitania eingegliedert und erlebte eine bemerkenswerte Blüte.

Vesunna – die Stadt der Göttin

Der Hauptort der Petrocorii wurde unter Rom zu einer glänzenden Stadt: Vesunna, das heutige Périgueux. Benannt war sie nach der gleichnamigen keltischen Stadt- und Quellgöttin Vesunna. Die gallorömische Stadt besaß ein Amphitheater, Thermen, Wohnhäuser mit Mosaiken und – ihr berühmtestes Bauwerk – den Tour de Vésone, den gewaltigen Rundturm eines Tempels der Vesunna. Dieser über 20 Meter hohe Turm ist bis heute erhalten und eines der eindrucksvollsten gallorömischen Denkmäler Frankreichs.

Der Turm der Vesunna

Der Tour de Vésone war das cella-Rund eines großen Tempels, umgeben einst von Säulenhallen und einem heiligen Bezirk. Dass ausgerechnet der Tempel der einheimischen Göttin zum Wahrzeichen der Stadt wurde, zeigt die typische gallorömische Verschmelzung: Eine keltische Gottheit erhielt einen Tempel in römischer Bauform. Vesunna blieb Schutzgöttin ihrer Stadt, auch als diese längst römisch geworden war. Der Turm steht heute neben einem modernen Museum, das die gallorömische Stadt eindrucksvoll präsentiert.

Der Name lebt: Périgueux und Périgord

Wie bei so vielen gallischen Stämmen verdrängte im Laufe der Spätantike der Stammesname den alten Stadtnamen: Aus „civitas Petrocoriorum" wurde Périgueux, und die ganze Landschaft heißt bis heute Périgord – beide direkt vom Namen der Petrocorii abgeleitet. Der Stamm, der einst dem Vercingetorix Krieger schickte, lebt so in einer der bekanntesten Regionen Frankreichs weiter, berühmt für Trüffel, Höhlenmalereien und mittelalterliche Burgen.

Vier Heere?

Die Deutung des Namens als „die vier Heere/Stämme" ist sprachlich gut begründet (petru-corii), aber was genau die „vier" waren, wissen wir nicht. Möglich ist ein Bund aus vier Untergruppen – ein bei Kelten verbreitetes Muster (auch die Petrucorii-Nachbarn hatten oft Bundesstrukturen). Sicher belegt ist das nicht; wir halten es hier ehrlich: Die Etymologie ist wahrscheinlich, die konkrete „Vierteilung" bleibt eine plausible, aber unbewiesene Deutung.

Zwischen Kelten und Aquitaniern

Die Petrocorii saßen an einer Kulturgrenze. Südlich von ihnen lebten die Aquitanier, ein Volk, das Caesar ausdrücklich von den Galliern unterschied und dessen Sprache mit dem späteren Baskischen verwandt gewesen sein dürfte. Die Petrocorii selbst waren keltisch, gehörten aber zur Provinz Aquitania. Diese Lage im Übergangsraum macht sie interessant: Sie zeigen, dass die Grenzen zwischen den großen Völkergruppen Galliens fließend waren und dass „keltisch" nur eine von mehreren Schichten im alten Südwestfrankreich war.

Was die Petrocorii besonders macht

Die Petrocorii sind ein Musterbeispiel für den friedlichen Weg in die gallorömische Welt. Statt Untergang und Sklaverei erlebten sie Städtebau, Wohlstand und eine Verschmelzung, bei der ihre eigene Göttin zum Wahrzeichen der Stadt wurde. Ihr Name überdauerte die Jahrtausende in Périgueux und Périgord. Für ein vollständiges Bild der keltischen Welt gehören solche Stämme dazu: nicht nur die Krieger von Alesia, sondern auch die Bürger, Bauern und Tempelbauer, deren Erbe in der französischen Landkarte weiterlebt.

Woher wir das wissen

Über die Petrocorii berichten Caesar (De bello Gallico) und spätere geografische Quellen; ihr eigentlicher Reichtum ist aber die Archäologie von Vesunna/Périgueux – der Tour de Vésone, die Ausgrabungen der gallorömischen Stadt und das moderne Vesunna-Museum. Wo die Texte knapp sind, spricht der Boden. Beleg und Deutung halten wir auseinander: Stadt, Tempel und Namensfortleben sind gut bezeugt; die „Vier Heere"-Deutung und die genaue Stammesstruktur bleiben Vermutung.

Mosaike, Thermen, Alltag

Wie reich das gallorömische Vesunna war, zeigt das heutige Vesunna-Museum, das über den Resten einer großen römischen Stadtvilla („Domus of Vesunna") errichtet wurde. Zu sehen sind Mosaikböden, bemalte Wände, Fußbodenheizungen und Alltagsgegenstände einer wohlhabenden Bürgerschaft. Solche Funde erzählen von einer Gesellschaft, die längst nicht mehr in Rundhütten lebte, sondern in Stadthäusern mit römischem Komfort. Die Petrocorii der Kaiserzeit waren gebildete Provinzbürger – ein weiter Weg von den keltischen Kriegern, die einst zu Vercingetorix zogen.

Ein Land der Höhlen

Das Périgord ist eine der ältesten Kulturlandschaften Europas – lange vor den Kelten. In den Kalksteinhöhlen der Region, etwa in Lascaux, finden sich weltberühmte eiszeitliche Malereien, zehntausende Jahre älter als die Petrocorii. Als die Kelten hier siedelten, war das Land also schon uralt bewohnt. Diese Tiefe der Besiedlung macht das Périgord besonders: Die Petrocorii sind nur eine Schicht in einer Landschaft, deren menschliche Geschichte bis in die Altsteinzeit zurückreicht – und deren keltischer Name bis heute überdauert.

Der leise Weg der Romanisierung

Die Petrocorii zeigen, dass „Romanisierung" oft leise verlief. Kein Massaker, keine Deportation – stattdessen Straßen, Städte, Handel und eine allmähliche Verschmelzung der Kulturen. Die einheimische Göttin Vesunna behielt ihren Tempel, die Sprache wandelte sich langsam vom Gallischen zum Lateinischen, aus Stammeskriegern wurden Stadtbürger. Dieser unspektakuläre Weg war für die meisten Gallier der Normalfall – auch wenn die dramatischen Geschichten von Alesia und den Aduatukern die Erinnerung prägen. Für ein ehrliches Bild gehören beide Seiten zusammen.

Handel und Reichtum im Südwesten

Das Land der Petrocorii war ein Knotenpunkt. Über die Flüsse Isle und Dordogne liefen Waren zum Atlantik und weiter, über Landwege verband sich der Südwesten mit Aquitanien und dem Mittelmeer. Vesunna wurde dadurch zu einem regionalen Zentrum für Handwerk, Handel und Verwaltung; Töpferwaren, Wein und Landwirtschaftsprodukte prägten die Wirtschaft. Der Wohlstand, den die prächtigen Bauten der Stadt verraten, kam nicht von ungefähr: Er ruhte auf der günstigen Lage und der Einbindung in das gallorömische Wirtschaftsnetz, das den einst abgelegenen keltischen Stamm mit dem ganzen Imperium verband.

„Von den Petrocorii forderte Vercingetorix ihren Anteil an Kriegern für das Heer, das Alesia entsetzen sollte."nach Caesar, De bello Gallico VII (gemeinfrei, eigene Übersetzung)
Was belegt ist: Die Petrocorii als keltischer Stamm im Périgord; ihr Hauptort Vesunna (Périgueux) mit dem Tempelturm Tour de Vésone und der Stadtgöttin Vesunna; ihre Beteiligung am Alesia-Entsatzheer 52 v. Chr. (Caesar); das Fortleben des Namens in Périgueux und Périgord.
Was Deutung ist: Die Namensdeutung „die vier Heere/Stämme" ist sprachlich plausibel, die konkrete Vierteilung aber unbewiesen. Umfang und innere Struktur des Stammes sind unsicher; das meiste Wissen stammt aus der römischen Stadtphase, nicht aus der keltischen Frühzeit.
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