Nicht jeder gallische Stamm endete unter Roms Schwert. Die Vocontier behielten als Verbündete eine seltene Selbstständigkeit – und brachten sogar einen der großen Geschichtsschreiber der Antike hervor.
Wenn von Kelten und Rom die Rede ist, denkt man an Eroberung und Untergang. Die Vocontier (lateinisch Vocontii) erzählen eine andere Geschichte: die eines Volkes, das sich mit Rom arrangierte und dafür ein außergewöhnliches Maß an Freiheit behielt. Ihr Gebiet lag in den Voralpen zwischen Rhône und Alpen, im Raum der heutigen Departements Drôme und Vaucluse – ein Land der Hügel, Flusstäler und Lavendelfelder, das schon in der Antike als fruchtbar galt.
Die Vocontier waren ein großer und angesehener Stamm Südgalliens. Sie kontrollierten wichtige Verbindungswege zwischen der Küste und den Alpenpässen und hatten zwei Hauptorte: Vasio (das heutige Vaison-la-Romaine) und Dea Augusta (das heutige Die). Anders als viele gallische Stämme, deren Macht sich in einem einzigen Oppidum bündelte, lebten die Vocontier in einer über mehrere Zentren verteilten Landschaft. Der Geograph Strabon nennt sie ausdrücklich unter den bedeutenderen Völkern der Region.
Als Rom im späten 2. Jahrhundert v. Chr. Südgallien zur Provinz Gallia Narbonensis machte, gerieten die meisten Stämme unter direkte römische Verwaltung. Die Vocontier aber erhielten einen seltenen Status: den einer civitas foederata, einer verbündeten Bürgerschaft mit eigenem Recht. Sie behielten ihre inneren Einrichtungen, ihre lokale Selbstverwaltung und eine Autonomie, die im römischen Gallien ungewöhnlich war. Dieser Status war Ausdruck eines klugen politischen Arrangements: Wer sich mit Rom vertrug, konnte mehr bewahren als der, der bis zum bitteren Ende kämpfte.
Der berühmteste Sohn der Vocontier war der Historiker Pompeius Trogus. Er lebte zur Zeit des Kaisers Augustus und verfasste die Historiae Philippicae, eine umfassende Weltgeschichte in 44 Büchern. Sein Werk ist zwar nur in einer späteren Kurzfassung (der Epitome des Justin) erhalten, war aber eines der wichtigsten Geschichtswerke der römischen Antike. Dass ein Angehöriger eines gallischen Stammes eine Weltgeschichte auf Latein schrieb, zeigt, wie tief die Vocontier in die griechisch-römische Bildungswelt hineingewachsen waren – und wie falsch das Klischee vom „wilden, ungebildeten Gallier" ist.
Die Religion der Vocontier zeigt dieselbe Verschmelzung. In Dea Augusta wurde die Göttin Andarta verehrt, eine keltische Schutz- und vielleicht Kriegsgöttin, deren Name an die britannische Andraste erinnert; der römische Ortsname Dea („Göttin") bewahrt ihren Kult bis heute im Stadtnamen Die. Daneben standen die üblichen römischen Gottheiten. In Vaison-la-Romaine haben Ausgrabungen eine reiche gallorömische Stadt freigelegt – mit Theatern, Villen und Mosaiken –, die zeigt, wie wohlhabend das Land der Vocontier unter Rom wurde.
Die Vocontier sind das Gegenbild zu den Salluviern, ihren südlichen Nachbarn: Wo diese im Krieg untergingen und mit ihnen das Oppidum Entremont fiel, wählten die Vocontier den Weg des Ausgleichs – und bewahrten dadurch mehr von sich selbst. Ihr Beispiel zeigt, dass die „Romanisierung" Galliens kein einfacher Prozess von Sieg und Niederlage war, sondern viele Wege kannte: Widerstand, Anpassung, Bündnis. Für ein ehrliches Bild der keltischen Welt gehören beide Geschichten zusammen – die der Unterworfenen und die der Verbündeten.
Über die Vocontier berichten römische und griechische Autoren – vor allem Strabon und, indirekt, das Werk ihres eigenen Landsmanns Pompeius Trogus. Dazu kommt die reiche Archäologie von Vaison-la-Romaine und Die, die das Bild einer wohlhabenden gallorömischen Kultur zeichnet. Wo die Texte werten oder verkürzen, fragt die Archäologie nach dem Befund. Beleg und Deutung halten wir auseinander: Der Sonderstatus als civitas foederata ist gut bezeugt; die genaue Ausdehnung des Stammesgebiets und die Deutung einzelner Kulte bleiben Gegenstand der Forschung.
Ungewöhnlich für einen gallischen Stamm war die Doppelstruktur der Vocontier: Sie besaßen mit Vasio (Vaison-la-Romaine) und Dea Augusta (Die) gleich zwei bedeutende Zentren. Beide entwickelten sich unter Rom zu wohlhabenden Städten mit Foren, Tempeln, Thermen und Theatern. In Vaison-la-Romaine haben Ausgrabungen ganze Stadtviertel mit prächtigen Wohnhäusern, Säulenhallen und Mosaikböden freigelegt – eines der eindrucksvollsten Zeugnisse gallorömischen Stadtlebens überhaupt. Dass ein einziger Stamm zwei solche Zentren trug, spricht für seine Größe und seinen Wohlstand.
Der Sonderstatus als verbündete civitas foederata war nur der Anfang. Über die Generationen wuchsen die Vocontier immer tiefer in das römische Gemeinwesen hinein: Ihre Oberschicht erhielt das römische Bürgerrecht, junge Männer machten Karriere im Militär und in der Verwaltung, und mit Pompeius Trogus stellte der Stamm sogar einen lateinischen Historiker von Rang. Diese friedliche Integration ist das Gegenteil des blutigen Weges, den Caesar später im übrigen Gallien ging. Die Vocontier zeigen, dass „römisch werden" nicht nur Unterwerfung bedeuten musste, sondern auch ein selbstgewählter Aufstieg sein konnte.
Trotz aller Romanisierung blieb die keltische Wurzel sichtbar – vor allem in der Religion. Die Göttin Andarta, deren Name im Stadtnamen Die (aus Dea, „Göttin") bis heute nachklingt, war eine Schutzgottheit der Vocontier; Weihinschriften bezeugen ihren Kult. Daneben verehrte man einheimische Quell- und Berggottheiten neben den großen römischen Göttern. Diese Mischung aus keltischem Erbe und römischer Form ist typisch für die gallorömische Welt: Die alten Mächte des Landes verschwanden nicht, sie zogen nur neue Gewänder an.
Wer heute durch Vaison-la-Romaine geht, wandelt buchstäblich über der Geschichte der Vocontier. Die ausgedehnten Ausgrabungsfelder mit ihren Wohnvierteln, das gut erhaltene römische Theater und die Funde im örtlichen Museum machen die Stadt zu einem der wichtigsten archäologischen Orte Südfrankreichs. Sie erzählen von einem Stamm, der nicht durch Untergang, sondern durch kluge Anpassung in Erinnerung blieb – und der beweist, dass die keltische Geschichte weit mehr kennt als nur Krieg und Niederlage gegen Rom.
Die Lage der Vocontier war ihr Kapital. Ihr Gebiet beherrschte die Übergänge zwischen der Rhône-Ebene und den Alpen – Wege, über die Waren, Menschen und Heere zogen. Diese Kontrolle über wichtige Routen machte den Stamm für Rom wertvoll und erklärt zum Teil den großzügigen Bündnisstatus: Ein verlässlicher Verbündeter an einer Schlüsselstelle war mehr wert als ein unterworfenes, aber unzufriedenes Volk. Von der Wolle ihrer Herden über den Wein ihrer Täler bis zum Handel entlang der Straßen – die Vocontier wurden unter Rom wohlhabend, ohne ihre Eigenart ganz zu verlieren.
So sind die Vocontier ein wichtiges Gegengewicht im Bild der keltischen Welt: nicht nur Krieger und Verlierer, sondern auch Diplomaten, Städtebauer und Gelehrte, die ihren Platz in einer neuen Ordnung fanden, ohne ihre Herkunft zu vergessen.
„Zu den bekannteren Völkern gehören die Vocontier, die Salluvier und die Cavarer."nach Strabon, Geographika IV (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

Die Salluvier · Die Allobroger · Keltische Fürstengräber.
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