An der Rhônemündung, rund um das steinerne Oppidum von Entremont, saß ein Bund keltisch-ligurischer Stämme: die Salluvier. Ihr Sturz gab der „Provence" ihren Namen.
Wenn man fragt, wo Rom zum ersten Mal ernsthaft mit den Galliern Südfrankreichs aneinandergeriet, führt die Spur zu den Salluviern (auch Salyer, lateinisch Salluvii/Salyes). Sie waren kein einzelner Stamm, sondern ein Bund aus keltischen und älteren ligurischen Gruppen in der Provence, zwischen unterer Rhône, Durance und Küste. Ihr Untergang im späten 2. Jahrhundert v. Chr. war der Beginn der römischen Herrschaft in Gallien – und der Ursprung des Namens „Provence".
Die Salluvier saßen an einer alten Kulturgrenze. Hier trafen sich die keltische Welt Galliens und die ältere ligurische Bevölkerung des Mittelmeerraums. Antike Autoren nannten sie darum oft „Keltoligurer". Diese Mischung prägte ihre Kultur: befestigte Höhensiedlungen (Oppida) aus trockenem Bruchstein, eine kriegerische Adelsschicht und ein ausgeprägter Kopfkult, den die Funde besonders eindrücklich belegen. Im Hinterland lag mit Massalia (Marseille) zugleich eine mächtige griechische Handelskolonie, mit der die Salluvier abwechselnd Handel trieben und in Fehde lagen.
Das Zentrum des Bundes war das Oppidum von Entremont auf einem Plateau über dem heutigen Aix-en-Provence. Die Grabungen dort haben eine dicht bebaute, planmäßig angelegte Steinstadt mit Wällen und Türmen freigelegt – und die berühmten Zeugnisse des Kopfkults: Pfeiler und Türstürze mit eingehauenen abgeschlagenen Köpfen sowie steinerne Sitzstatuen von Kriegern. Vom nahen Heiligtum Roquepertuse stammt der bekannte Türsturz mit Nischen, in denen echte Schädel steckten. Für die Kelten war der Kopf Sitz der Lebenskraft – der Feindeskopf ein Trophäen- und Kraftobjekt. Die griechischen und römischen Beobachter waren zugleich fasziniert und entsetzt.
Weil die Salluvier immer wieder das verbündete Massalia bedrängten, rief die Handelsstadt Rom zu Hilfe. 125–123 v. Chr. zogen römische Heere in die Provence; 123 v. Chr. wurde Entremont erobert und zerstört. Der Konsul Sextius Calvinus gründete an einer Quelle unterhalb des Plateaus einen befestigten Stützpunkt: Aquae Sextiae, das heutige Aix-en-Provence. Mit dem Sieg über die Salluvier und ihre Verbündeten sicherte Rom die Landverbindung nach Spanien und legte den Grundstein für die erste gallische Provinz.
Wenige Jahre später, um 121 v. Chr., organisierte Rom das eroberte Gebiet als Provinz Gallia Narbonensis – für die Römer schlicht „die Provinz" (provincia nostra). Genau daraus wurde der Landschaftsname Provence. So haben die Salluvier, obwohl selbst besiegt, dem Land ihren indirekten Stempel aufgedrückt: Ihr Untergang machte aus Südgallien römisches Kernland, lange bevor Caesar den Rest Galliens unterwarf. Ihr Anführer Teutomalius floh nach der Niederlage zu den benachbarten Allobrogern – und zog damit auch diese in den nächsten Krieg mit Rom.
Für die Salluvier stützen wir uns auf griechische und römische Autoren (Strabon, Livius' Zusammenfassungen, spätere Geographen) – also auf die Sicht ihrer Gegner und Nachbarn. Umso wichtiger ist die Archäologie: Entremont und Roquepertuse sind heute Schlüsselfundorte der keltischen Kunst Südgalliens, die Steinskulpturen sind im Museum von Aix zu sehen. Wo die Texte werten („grausamer Kopfkult"), fragt die Archäologie nüchtern nach Befund und Zusammenhang. Beleg und Deutung halten wir auch hier auseinander.
Der Fall der Salluvier zog seine Nachbarn mit hinein. Ihr geflohener Fürst Teutomalius fand Zuflucht bei den Allobrogern, die daraufhin ebenfalls mit Rom in Krieg gerieten; 121 v. Chr. schlug Rom Allobroger und Arverner unter König Bituitus vernichtend. Quer durch das eroberte Land legte Rom bald die Via Domitia an, die erste römische Straße in Gallien, die Italien mit Spanien verband. Aus dem Land des Kopfkults und der Steinstädte wurde eine durchorganisierte Provinz mit Straßen, Städten und Weinbau – doch die keltisch-ligurische Vorbevölkerung verschwand nicht, sie ging in der gallorömischen Kultur der Provence auf.
Kaum irgendwo lässt sich das Zusammenspiel von Kelten und Mittelmeer so gut greifen wie bei den Salluviern. Über das benachbarte Massalia flossen griechische Waren, Wein und Ideen ins Hinterland; keltische Fürsten tranken aus importierten Gefäßen und ließen sich von griechischen Vorbildern anregen. Zugleich hielten die Salluvier an einer zutiefst keltischen Praxis fest: dem Kult der abgeschlagenen Köpfe. In Entremont und im Heiligtum von Roquepertuse fanden sich Pfeiler mit Schädelnischen, steinerne Kriegerstatuen im Schneidersitz und Darstellungen erbeuteter Häupter. Für die Kelten war der Kopf der Sitz von Seele und Kraft; den Kopf eines starken Gegners zu bewahren, hieß dessen Kraft zu binden. Die griechischen und römischen Beobachter beschrieben das mit Schaudern – doch für die Salluvier war es Religion und Ehre zugleich, kein bloßer Schrecken. Diese Spannung zwischen mediterraner Verfeinerung und eigenständiger keltischer Tradition macht sie zu einem der faszinierendsten Völker Südgalliens.
Die Salluvier verloren ihren Krieg, aber sie prägten das Land bis heute. Aus ihrem zerstörten Zentrum wuchs mit Aix-en-Provence eine der schönsten Städte Südfrankreichs; ihre Steinskulpturen zählen heute zu den Schätzen der keltischen Kunst und stehen im Museum von Aix. Der Name der Provinz, die Rom nach ihrem Sturz einrichtete, wurde zum Namen einer ganzen Landschaft: der Provence. Und doch bleibt vieles Deutung: Wir kennen ihre Sprache nur aus Namen, ihre Religion nur aus Steinen, ihre Politik nur aus den Berichten ihrer Gegner. Was wir sicher wissen, ist, dass hier ein selbstbewusstes Mischvolk aus Kelten und Ligurern lebte, das Rom ernst nehmen musste – und dass ihr Untergang der Anfang jener Verschmelzung war, aus der die gallorömische Welt und am Ende das heutige Südfrankreich hervorgingen.
Die Zerstörung von Entremont 123 v. Chr. war mehr als ein militärischer Sieg – sie war ein Wendepunkt. Zum ersten Mal setzte sich Rom dauerhaft nördlich der Alpen fest, und aus dem befestigten Lager Aquae Sextiae wuchs die erste bleibende römische Stadt in Gallien. Nur zwei Jahrzehnte später, 102 v. Chr., schlug der Feldherr Marius genau hier bei Aquae Sextiae die heranziehenden Kimbern und Teutonen – die Provence war endgültig zum römischen Aufmarschraum geworden. Die Salluvier standen am Anfang dieser Kette: Ihr Widerstand und ihr Sturz zogen Rom tiefer und tiefer nach Gallien hinein, bis Caesar ein gutes halbes Jahrhundert später das ganze Land unterwarf. So sind die Salluvier der erste Stein in einer Reihe, die von Entremont bis nach Alesia führt.
Bis heute lohnt der Aufstieg zum Plateau von Entremont über Aix: Wall und Gassen der alten Steinstadt sind noch zu erkennen, und der Blick reicht weit über die Provence – dieselbe Landschaft, um die Kelten, Ligurer, Griechen und Römer einst rangen.
„Die Ligurer und die mit ihnen vermischten Kelten bewohnen das Land oberhalb von Massalia."nach Strabon, Geographika IV (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

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