Wikinger Blog / Geschichte & Funde
Aus dem Wissensarchiv

Der Speer – die Waffe, die wirklich jeder hatte

Geschichte & Funde Der Speer – die Waffe, die wirklich jeder hatte

Wenn im Film ein Nordmann aus dem Nebel tritt, hält er ein Schwert. Wenn ein Archäologe ein Waffengrab öffnet, findet er meistens etwas anderes: ein Stück rostiges Eisen mit einer Tülle, das einmal auf einem Eschenschaft saß. Der Speer ist die am schlechtesten beworbene und am besten belegte Waffe der Wikingerzeit – und wer wissen will, wie in dieser Zeit tatsächlich gekämpft wurde, muss bei ihm anfangen.

Die Waffe, die niemand auf das Plakat malt

Es gibt einen erstaunlich hartnäckigen Bildfehler in unserer Vorstellung vom Norden: Wir sehen Schwerter. Auf Buchdeckeln, in Serien, in Museumsshops. Das Schwert ist elegant, teuer, benennbar – es hat Persönlichkeit. Der Speer hat das alles nicht. Er ist ein langer Stock mit einer Spitze, und genau deshalb wurde er millionenfach gebaut und milliardenfach unterschätzt.

Die Fundlage erzählt eine andere Geschichte als das Kino. In den Waffengräbern der Wikingerzeit und in den Moordepots der römischen Eisenzeit dominiert nicht die Klinge, sondern die Spitze. Wer diese Waffe verstehen will, muss sie ernst nehmen als das, was sie war: das Rückgrat jeder germanischen und nordischen Kampfordnung, vom ersten Wurf bis zum letzten Stoß im Gedränge. Eine Übersicht über die anderen Waffengattungen findet sich in unserer Waffenkunde.

Was in den Gräbern liegt – und was nicht

Der ehrlichste Zugang zu einer prähistorischen Waffe ist das Zählen. In norwegischen Waffengräbern der Wikingerzeit gehören Speerspitze und Axt zum Normalbestand, das Schwert ist die Ausnahme. Für Norwegen sind über dreitausend wikingerzeitliche Schwerter bekannt – eine für europäische Verhältnisse absurd hohe Zahl, die vor allem daran liegt, dass dort besonders lange und besonders reich mit Waffen bestattet wurde. Trotzdem gilt auch dort: Wer nur eine Waffe mit ins Grab bekam, bekam meistens keine Klinge, sondern eine Spitze oder eine Axt.

Das ist keine Marotte der Bestatter, sondern Wirtschaftsgeschichte. Eine Speerspitze verbraucht einen Bruchteil des Eisens, das ein Schwert verschlingt, und sie verlangt einen Bruchteil der Schmiedezeit. Wer über die Herstellung nachdenkt, sollte einen Blick in die Schmiedekunst werfen – dort wird deutlich, warum eine Klinge Wochen und eine Spitze Stunden kostete.

Eine Einschränkung gehört dazu: Das norwegische Material dominiert diese Statistik, weil dort besonders lange mit Waffen bestattet wurde. In Dänemark ist die Waffenbeigabe der Wikingerzeit insgesamt viel seltener, in Schweden anders zusammengesetzt – die Kammergräber von Birka etwa zeichnen ein eigenes Bild. Genau deshalb ruht die Aussage „viele Speere, wenige Schwerter“ nicht allein auf den Gräbern, sondern zusätzlich auf den Waffendepots der Eisenzeit, wo keine Trauergemeinde ausgewählt hat, was mitgegeben wird.

Warum die Statistik streitet

Ein Vorbehalt gehört sofort dazu: Grabfunde bilden nicht ab, was Menschen im Leben besaßen, sondern was ihnen die Hinterbliebenen mitgaben. Beigabensitten wechseln nach Region, Jahrhundert und Familie. Dazu kommt ein banales Erhaltungsproblem – hölzerne Schäfte vergehen im normalen Boden restlos, Eisen rostet, und ein zerpflügtes Grab liefert die kleine Spitze eher als das große Schwert. Wer sagt „der Speer war die häufigste Waffe“, sagt streng genommen: „der Speer ist die häufigste Waffe in unserem Fundmaterial“. Das ist ein starkes Indiz, aber kein Zensusbogen.

Was das Bild stützt, sind zwei unabhängige Beobachtungen: die Rechtstexte, die von jedem freien Mann einen Speer verlangten, und die großen Waffendepots der Eisenzeit, in denen ganze Ausrüstungssätze zusammen im Boden liegen – ohne die Auswahl, die ein Grab immer trifft.

Die Wörter: spjót, geirr und ihre Tücken

Altnordisch heißt der Speer spjót; das dichterische, ältere Wort ist geirr, das mit althochdeutsch gêr und altenglisch gâr auf urgermanisch *gaizaz zurückgeht. Es steckt bis heute in Personennamen wie Gertrud oder Geirmundr und in der Gehrung, dem spitzen Winkel.

Daneben stehen Begriffe, die man in der Populärliteratur gern zu Waffentypen erklärt, obwohl die Quellen sie nicht sauber trennen: höggspjót, wörtlich „Hiebspeer“, eine breitblättrige Stangenwaffe, mit der man auch schlagen konnte; krókspjót, „Hakenspeer“, also eine Spitze mit Widerhaken oder Flügeln; kesja und atgeirr, beides Wörter für eine schwere Stangenwaffe, die in Übersetzungen oft als „Hellebarde“ auftauchen, was sicher falsch ist. Sprachlich ist atgeirr eher ein „Kampfspeer“ als eine eigene Gattung. Wer aus diesen Wörtern eine ordentliche Typentabelle bauen will, baut sie aus Nebel: Die Sagas benutzen die Begriffe unscharf, teils synonym, und sie wurden Jahrhunderte nach der Wikingerzeit aufgeschrieben.

Framea – das Wort, das Tacitus mitbrachte

Der älteste Blick von außen auf die germanische Bewaffnung stammt von Tacitus. In der Germania, Kapitel 6, beschreibt er eine Kriegergesellschaft, in der Eisen knapp und der Speer allgegenwärtig ist. Die Stelle ist deshalb so wertvoll, weil sie beides zusammenbringt: die Seltenheit des Schwertes und die Doppelfunktion des Speers als Wurf- und Nahkampfwaffe.

Rari gladiis aut maioribus lanceis utuntur: hastas vel ipsorum vocabulo frameas gerunt angusto et brevi ferro, sed ita acri et ad usum habili, ut eodem telo, prout ratio poscit, vel comminus vel eminus pugnent. – Nur wenige führen Schwerter oder größere Lanzen. Sie tragen Speere, in ihrer eigenen Sprache frameae genannt, mit schmalem und kurzem Eisen, aber so scharf und so handlich, dass sie mit derselben Waffe, je nachdem es die Lage verlangt, in der Nähe wie aus der Ferne kämpfen.Tacitus, Germania 6; Übersetzung: Glanz & Gravur (Originaltext gemeinfrei)

Woher das Wort framea kommt, ist bis heute ungeklärt. Tacitus sagt ausdrücklich, es sei ein einheimisches Wort, aber alle vorgeschlagenen germanischen Herleitungen bleiben Vermutungen. Der bekannteste Vorschlag verbindet es mit einem urgermanischen *þramja, verwandt mit altnordisch þremjar („Schneiden“) und altsächsisch thrumi („Speerspitze“). Sicher ist nur, was es nicht ist: framea ist nicht dasselbe Wort wie geirr.

Anatomie: Tülle, Blatt, Niet

Die nordische Speerspitze ist eine Tüllenspitze. Das Eisen läuft unten in einen konischen Hohlkegel aus, der über das zugespitzte Schaftende gesteckt und mit einem oder zwei Nieten quer durch Tülle und Holz gesichert wird. Das ist konstruktiv klüger, als es aussieht: Die Tülle verteilt die Stoßkraft auf mehrere Zentimeter Holz, statt sie in einen Schlitz zu leiten, und sie schützt das Schaftende gegen Hiebe von der Seite.

Die Klinge selbst variiert zwischen schmalen, lanzettförmigen Blättern von unter zwanzig Zentimetern und breiten, blattförmigen Ungetümen von über fünfzig Zentimetern Länge – Letztere sind die Kandidaten für das, was die Sagas höggspjót nennen. Manche Typen tragen seitlich Flügel oder Lappen am Tüllenansatz, die verhindern, dass die Waffe zu tief eindringt und sich festsetzt. Und es gab, was viele überrascht, Scheiden für Speerspitzen – Lederhüllen, die die Schneide auf dem Marsch schützten. Ein Speer war Werkzeug genug, um ihn nicht ständig blank zu tragen.

Die Tülle selbst entsteht nicht aus dem Vollen. Der Schmied treibt ein Blech um einen Dorn, bis sich die Kanten treffen; manche Tüllen sind an dieser Naht feuerverschweißt, andere bleiben offen und zeigen einen sauberen Spalt über die ganze Länge. Beides funktioniert, und beides ist an Originalen zu sehen – ein schöner Beleg dafür, dass es nicht die eine richtige Machart gab, sondern Werkstattgewohnheiten. Für die Gravur ist das nebenbei die interessanteste Fläche der ganzen Waffe: Der Tüllenansatz ist rund, glatt und gut sichtbar, und genau dort setzten die Verzierer später ihr Silber ein.

Der Schaft: Esche, Hasel und ein Rest Unsicherheit

Bei den Schäften hilft nur der Nassboden. Wo Moor und Feuchtbodensiedlungen Holz konserviert haben, dominiert die Esche: In Auswertungen frühmittelalterlicher Schaftfunde macht sie rund drei Viertel des Materials aus, mit Hasel als klarem Zweitplatzierten. Das passt zur Sprache – altnordisch askr heißt „Esche“ und wird in der Dichtung als Wort für den Speer selbst verwendet. Esche ist elastisch, faserzäh und bricht nicht spröde, sondern splittert langfaserig; sie verzeiht Querschläge, die Eiche nicht verzeiht.

Bei der Länge wird es unangenehm ehrlich: Vollständige Schäfte sind selten, und die üblichen Angaben von zwei bis drei Metern sind zum Teil aus Bildquellen und Nachbauten gewonnen, nicht aus einer Serie gemessener Originale. Ein Wurfspeer war kürzer und leichter als ein Stoßspeer, das ist plausibel und wird von den Depotfunden gestützt – ein Maßband für jeden Typ hat uns die Überlieferung trotzdem nicht hinterlassen.

Werfen oder stoßen? Die Frage, die die Spitze nicht beantwortet

Man kann einer Spitze ihre Verwendung nicht zuverlässig ansehen. Eine schmale, schwere Spitze eignet sich zum Durchstoßen von Schild und Panzer, eine leichte zum Werfen – aber Gewicht und Schwerpunkt der ganzen Waffe entscheiden, und die hängen am Schaft, der fehlt. Deshalb sind Aussagen wie „Typ X ist ein Wurfspeer“ häufig Deutung, nicht Befund.

Was sich sagen lässt: Tacitus beschreibt ausdrücklich eine Waffe für beides, in der Nähe und aus der Ferne. Und die Sagas erzählen von Speeren, die geworfen, gefangen und zurückgeworfen werden – ein literarischer Topos, aber einer, der nur funktioniert, wenn das Publikum den Wurfspeer kennt. Die wahrscheinlichste Lösung ist die unspektakuläre: Man hatte, wenn man konnte, mehr als einen Speer.

Dafür spricht auch, dass in Gräbern gelegentlich zwei Spitzen unterschiedlicher Größe beieinanderliegen. Als Einzelfall ist das Zufall, als Muster ist es ein Argument – und im Depot von Illerup Ådal wird aus dem Muster eine Zahl.

Illerup Ådal: ein geschlagenes Heer legt seine Waffen ab

Das schlagendste Argument für den Speer liefert kein Grab, sondern ein Moor. Im dänischen Illerup Ådal bei Skanderborg wurde über Jahrhunderte die Ausrüstung besiegter Heere geopfert. Das Hauptdepot ist dendrochronologisch über die Schildbretter kurz nach 205 n. Chr. datiert. Geborgen wurden etwa 15.000 Objekte, heute im Moesgård Museum – und das, obwohl bislang nur rund vierzig Prozent der Opferfläche untersucht sind.

Die Waffenzahlen des Hauptdepots sind der eigentliche Hammer: mindestens 430 Lanzen und 439 Speere stehen gut 200 Schwertern gegenüber. Jørgen Ilkjærs Publikation trägt den Titel Die Lanzen und Speere nicht zufällig – die Trennung der beiden Kategorien ist das Ergebnis, nicht die Voraussetzung der Auswertung. Mehr zu diesem Fundtyp steht in unserem Beitrag zu den Moor- und Heeresopfern.

Zwei Stangenwaffen pro Mann

Die annähernd gleiche Zahl von Lanzen und Speeren ist der interessanteste Einzelbefund der ganzen Debatte. Sie legt nahe, dass ein Krieger im Regelfall mit zwei Stangenwaffen antrat: einer schwereren zum Stoßen im Nahkampf und einer leichteren zum Werfen. Für den ausgegrabenen Teil des Depots rechnet die Forschung mit einem Aufgebot von etwa 450 bis 500 Mann; für das gesamte geschlagene Heer werden mindestens tausend Mann angenommen.

Setzt man das ins Verhältnis, kommt auf rund vier Stangenwaffen ein Schwert. Und das in einem Zusammenhang, in dem niemand aus Sparsamkeit gewählt hat – geopfert wurde, was auf dem Feld lag. Wer das Zahlenverhältnis von 205 n. Chr. vorsichtig in die Wikingerzeit verlängert, tut das mit sechs Jahrhunderten Abstand und sollte es sagen; die Grundordnung „viele Speere, wenige Schwerter“ bleibt über den ganzen Zeitraum aber stabil.

Illerup liefert noch eine zweite Beobachtung, die selten erzählt wird. Die Ausrüstungen lassen sich nach Aufwand staffeln: eine sehr kleine Gruppe mit vergoldeten und silbernen Beschlägen, eine größere mit Bronzebeschlägen, und darunter die Masse, die mit Stangenwaffe und Schild auskommt. Man darf darin eine Rangordnung sehen – Anführer, mittlere Ebene, gewöhnliche Kämpfer –, und die Forschung tut das auch. Es bleibt eine Deutung, aber eine, die vom Fundmaterial ungewöhnlich sauber getragen wird. Der Speer steht dabei nicht unten in der Hierarchie, sondern quer durch alle drei Gruppen.

Øvre Stabu: der Speer, der einen Namen trägt

Manche Speere reden. Auf einer eisernen Spitze vom Hof Øvre Stabu in Østre Toten, Innlandet, steht in älteren Runen das Wort raunijaR – „der Prüfer“ oder „Erprober“. Die Spitze ist 28 Zentimeter lang, gehört dem sogenannten Vennolum-Typ an und wird in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts datiert, mit Vorschlägen bis 210–240 n. Chr. Damit gehört sie zusammen mit dem Kamm von Vimose zu den ältesten sicher lesbaren Runeninschriften überhaupt.

Bemerkenswert ist, was dort nicht steht: kein Zauberspruch, kein Götteranruf, sondern ein Waffenname. Der Speer heißt „Prüfer“, weil er den Gegner prüft. Das ist Handwerksstolz und schwarzer Humor in einem Wort – und ein Hinweis darauf, dass Runen auf Waffen zunächst einmal Namen bezeichnen, nicht Beschwörungen.

Kragehul: eine Inschrift, die sich sträubt

Anders liegt der Fall beim Lanzenschaft von Kragehul auf Fünen, 1877 in einem Moor mit fünf Waffendepots zwischen etwa 200 und 475 n. Chr. gefunden. Die Inschrift im älteren Futhark beginnt lesbar – ein Mann nennt sich erilaʀ, gibt einen Namen an – und läuft dann in eine Folge, in der unter anderem gagaga steht, teils in Binderunen geschrieben. Ein germanisches Wort ist das nicht.

Die naheliegende Deutung als Ruf- oder Zauberformel ist verbreitet, aber die Inschrift gilt der Runologie als eine der schwierigsten überhaupt; jede Übersetzung im Umlauf ist eine Rekonstruktion. Festhalten lässt sich: Auf einem Speerschaft steht etwas, das kein Alltagssatz ist. Was genau, wissen wir nicht.

Petersen, Solberg und die Ordnung im Eisen

Wer Speerspitzen wissenschaftlich sortiert, arbeitet bis heute mit Jan Petersen. Sein Standardwerk De norske vikingesverd von 1919 ist berühmt für die Schwerttypologie, enthält aber auch die erste brauchbare Ordnung der Speerspitzen, mit Buchstabentypen von A bis M. Datiert hat Petersen sie über die Beifunde in norwegischen heidnischen Gräbern – ein Verfahren, das funktioniert, aber die Gefahr birgt, Grab und Typ gegenseitig zu datieren.

1984 hat Bergljot Solberg in Bergen die norwegischen Spitzen der Merowinger- und Wikingerzeit neu aufgearbeitet, diesmal mit multivariater Statistik statt reinem Augenmaß; die Arbeit wird gelegentlich auch mit 1985 zitiert. Beide Systeme sind norwegisch gewachsen. Auf dänisches, schwedisches oder britisches Material lassen sie sich anwenden, aber nicht bruchlos übertragen – ein Punkt, den Nachbauten und Museumsschilder gern übergehen.

Was die Typen zusätzlich verraten, ist Handel. Ein Teil der geflügelten Spitzen, die in Skandinavien auftauchen, folgt fränkischen Vorbildern; im Reich standen Waffen zeitweise auf der Verbotsliste für den Export an die Nachbarn – das Diedenhofener Kapitular von 805 nennt Waffen und Panzerhemden ausdrücklich. Ob solche Verbote je durchgesetzt wurden, ist eine andere Frage. Die Spitzen im Boden legen nahe: eher nicht.

Silber in der Tülle: der Prunkspeer

Und dann gibt es die Speere, die dem Klischee vom Bauernwerkzeug direkt widersprechen. Etwa um 900 taucht eine neue Mode auf: Die Tülle wird mit eingelegtem Silber, teils mit Kupfer und Messing verziert, zunächst bei den Petersen-Typen I und K. Im 11. Jahrhundert entstehen Spitzen, deren Tüllenansatz im Ringerike-Stil ornamentiert ist – Signe Horn Fuglesang hat eine Gruppe von 24 solcher Stücke der Typen K, K/M und M zusammengestellt.

Diese Waffen waren teuer. Wer eine silbertauschierte Tülle bezahlte, konnte sich auch ein Schwert leisten und besaß vermutlich eines. Der verzierte Speer ist keine Notlösung, sondern eine Statusaussage – und er zerlegt die bequeme Gleichung „Schwert gleich Elite, Speer gleich arm“ von innen heraus. Die Formensprache dieser Ornamente kehrt auf Schwertknäufen, Steigbügeln und Riemenbeschlägen wieder; es ist dieselbe Werkstattkultur, die auch die berühmten Klingen hervorgebracht hat.

Der Speer im Schildwall

Taktisch ist der Speer die logische Waffe einer Formation. Er reicht über den Schildrand des Vordermanns hinaus, er erlaubt es der zweiten Reihe, in den Kampf einzugreifen, ohne die Linie zu öffnen, und er hält den Gegner auf Abstand, wo Axt und Schwert erst auf Griffweite wirken. Wer eine geschlossene Front verteidigen will, verteilt Speere, keine Klingen.

Dazu passt die Bewaffnung des Normalkriegers: Speer und Rundschild, dazu ein Messer, mit Glück eine Axt. Wie diese Ordnung im Einzelnen funktionierte – und was daran Rekonstruktion ist – behandelt unser Beitrag zum Schildwall. Kurz gesagt: Die Quellen beschreiben eine dichte Front; die Details der Reihenstaffelung stammen weitgehend aus moderner Auslegung.

Die Bildquellen stützen das Bild, aber mit Vorsicht: Auf gotländischen Bildsteinen tragen Reiter und Fußkrieger Speere, auf den Helmblechen von Torslunda erscheint eine Figur mit zwei Speeren, die häufig auf Odin gedeutet wird – eine Deutung, kein Bildtitel. Und der Teppich von Bayeux, dessen Speerwald jeder kennt, entstand nach der Wikingerzeit und zeigt normannische Verhältnisse. Bilder erzählen, was man zeigen wollte; das ist nicht dasselbe wie das, was man tat.

Der erste Wurf: Taktik und Ritual zugleich

Mehrere Erzählquellen berichten, dass eine Schlacht mit einem Speerwurf über das gegnerische Heer eröffnet wurde. Praktisch ist das plausibel: Ein Hagel von Wurfspeeren vor dem Zusammenprall ist eine der wenigen Fernwirkungen, die eine Fußtruppe ohne Bogenübermacht hat. Tacitus beschreibt für die Fußkämpfer genau das – jeder wirft, und sie werfen weit.

Der Punkt, an dem Taktik und Kult ineinanderlaufen, ist der Wurf über das feindliche Heer hinweg. Ein Speer, der niemanden trifft, ist militärisch wertlos. Als Geste ist er eindeutig: Was hinter der Speerlinie steht, gehört dem Gott.

Odin, Gungnir und ein Vers, der weniger sagt als gedacht

Der mythische Bezugspunkt ist Odins Speer Gungnir und der erste Krieg der Welt. In der Völuspá heißt es an der bekannten Stelle: Fleygði Óðinn ok í fólk um skaut, þat var enn fólkvíg fyrst í heimi – „Odin schleuderte und schoss in das Heer; das war der erste Volkskrieg in der Welt.“

Und hier lohnt Genauigkeit: Der altnordische Text nennt an dieser Stelle kein Objekt. Es steht dort nicht „den Speer“. Henry Adams Bellows ergänzt in seiner Übersetzung von 1923 „his spear“, weil der Zusammenhang es nahelegt – die Ergänzung ist gut begründet, aber sie ist eine Ergänzung. Dass Odin ein Speergott ist, steht wegen anderer Stellen außer Frage; wer aber diesen einen Vers als Wortbeleg für den Speerwurf zitiert, zitiert eine Übersetzerentscheidung mit. Zu Odins Waffen und Attributen insgesamt findet sich mehr in unserem Odin-Artikel.

Deutlicher sind zwei andere Stellen. Im Hávamál beschreibt Odin sein Selbstopfer am Baum mit den Worten geiri undaðr ok gefinn Óðni, sjalfr sjalfum mér – „vom Speer verwundet und Odin gegeben, ich selbst mir selbst“. Der Speer ist hier das Instrument der Weihe, nicht die Waffe des Kampfes. Und Snorri erzählt in der Ynglinga saga, Odin habe sich vor seinem Tod mit einer Speerspitze zeichnen lassen und alle für sich beansprucht, die im Kampf fielen. Beide Texte sind spät, beide sind christlich überliefert – aber sie zeigen dasselbe Denkmuster: Wen der Speer trifft, den hat der Gott genommen.

„at fornum sið“ – der geweihte Wurf in den Sagas

Die klarste Erzählstelle steht in der Eyrbyggja saga: Steinþórr wirft einen Speer at fornum sið, „nach altem Brauch“, über die Schar Snorri goðis hinweg, um sich Glück zu sichern. Die Saga bewertet das nicht als Zauber, sondern als Herkommen – und liefert im selben Atemzug die bissigste Pointe der ganzen Speergeschichte: Der Wurf trifft Már Hallvarðsson, Steinþórrs eigenen Verwandten, und setzt ihn außer Gefecht.

Ein zweiter, oft zitierter Beleg ist der Styrbjarnar þáttr Svíakappa in der Flateyjarbók. Dort spricht König Eiríkr die Formel Óðinn á yðr alla – „Odin besitzt euch alle“ – und wirft damit über das Heer Styrbjörns. Wichtig, weil es fast überall falsch steht: Was er wirft, ist im Text kein Speer, sondern ein Schilfrohr, das im Flug zum Speer wird. Beide Texte wurden im 13. oder 14. Jahrhundert niedergeschrieben, also gut zweihundert bis dreihundert Jahre nach den Ereignissen, die sie schildern. Sie belegen sicher, dass christliche Isländer den Brauch als heidnisch kannten. Dass er in der Wikingerzeit so vollzogen wurde, ist wahrscheinlich, aber nicht durch einen zeitgenössischen Zeugen gedeckt.

Recht und Aufgebot: was das Gesetz verlangte

Vom Mythos zurück in die Verwaltung. Die norwegischen Landschaftsrechte, allen voran das Gulathingsrecht, regeln die folkvápn, die Volkswaffen: Jeder wehrfähige Mann hatte Speer und Schild zu stellen, dazu eine Axt oder ein Schwert; auf je eine Ruderbank kamen ein Bogen und vierundzwanzig Pfeile. Wohlhabendere mussten in den jüngeren Fassungen mehr beibringen, bis hin zu Helm und Panzerhemd.

Zwei Dinge stehen damit fest. Erstens: Der Speer war nicht optional, sondern Pflichtausrüstung – bei der Axt oder dem Schwert ließ das Gesetz eine Wahl, beim Speer nicht. Zweitens: Diese Texte sind hochmittelalterlich aufgeschrieben. Sie beschreiben ein Aufgebotssystem, das jünger ist als die Wikingerzeit, auch wenn es auf älteren Vorstellungen aufsitzt. Man darf sie als Beleg dafür nehmen, dass der Speer als Grundwaffe des freien Mannes galt – nicht dafür, dass genau diese Paragraphen im 9. Jahrhundert gegolten hätten.

Was gesichert ist

Speer- und Lanzenspitzen sind in den Waffendepots und Waffengräbern der germanischen Eisenzeit und der Wikingerzeit häufiger als Schwerter: Das Hauptdepot von Illerup Ådal, dendrochronologisch kurz nach 205 n. Chr. datiert, enthält mindestens 430 Lanzen und 439 Speere gegenüber gut 200 Schwertern. Die Konstruktion ist durchgehend die Tüllenspitze mit Quernietung; erhaltene Schäfte bestehen zu etwa drei Vierteln aus Esche. Die Spitze von Øvre Stabu trägt mit raunijaR („Prüfer“) eine der ältesten lesbaren Runeninschriften, datiert in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts. Ab etwa 900 sind silbertauschierte Tüllen belegt; für den Ringerike-Stil hat Signe Horn Fuglesang 24 verzierte Spitzen der Typen K, K/M und M zusammengestellt. Die Typologien von Jan Petersen (1919) und Bergljot Solberg (1984) beruhen auf norwegischem Material. Das Gulathingsrecht führt Speer und Schild als Pflichtausrüstung des freien Mannes.

Mythos-Check

Das Bild vom Nordmann mit dem Schwert ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts und des Films; die Masse kämpfte mit Speer und Schild. Umgekehrt greift auch die Gegenformel zu kurz: Der Speer war nicht die „Waffe der Armen“. Silbertauschierte und im Ringerike-Stil verzierte Spitzen sind teure Elitewaffen, und das Gesetz verlangte den Speer von jedem, auch vom Reichen. Bei den Wortarten ist Vorsicht geboten: kesja, atgeirr und höggspjót werden in den Sagas unscharf und teils synonym verwendet – die scharfen Waffentypen-Tabellen, die daraus gebastelt werden, sind modern. Die Übersetzung von atgeirr mit „Hellebarde“ ist definitiv falsch. In der Völuspá steht an der berühmten Stelle kein Wort für „Speer“; das Objekt ergänzen erst die Übersetzer. Im Styrbjarnar þáttr wird ein Schilfrohr geworfen, kein Speer. Und Angaben zur Schaftlänge von zwei bis drei Metern stammen überwiegend aus Rekonstruktion, nicht aus einer Serie vollständig erhaltener Originale.

Was der Speer über eine ganze Epoche verrät

Am Ende ist der Speer ein besserer Zeuge als das Schwert, gerade weil er unspektakulär ist. Er zeigt eine Gesellschaft, in der Eisen kostbar und Holz billig war, in der man mit Formation statt mit Einzelheldentum gewann, und in der ein Bauer binnen einer Stunde zum Krieger wurde, weil das Gesetz es von ihm verlangte und weil die Waffe im Haus stand.

Er zeigt außerdem, wie eng Handwerk, Recht und Glaube ineinandergriffen. Dieselbe Waffe, die als Pflichtausrüstung im Gesetzestext steht, trägt bei Øvre Stabu einen Eigennamen, bei Kragehul eine unverstandene Formel, im 11. Jahrhundert Silber in der Tülle – und im Mythos den Wurf, der den ersten Krieg der Welt eröffnet. Ein langer Stock mit einer Spitze, gewiss. Aber einer, an dem die ganze Epoche hängt.

Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: Odin mit Gungnir und andere nordische Motive, lasergraviert auf echtem Naturschiefer - aus Alsdorf bei Aachen. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Waffenkunde · Das Wikinger-Schwert · Die Wikinger-Axt · Der Wikinger-Schild · Der Schildwall · Kriegsführung.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Geschichte & Funde

Alle Geschichte & Funde-Artikel →

Wikinger Symbole & ihre Bedeutung – echt oder erfunden?

Weiterlesen →

Die Wjatitschen: Die letzten Heiden

Weiterlesen →

Wolin & Jomsborg: Die Metropole an der Odermündung

Weiterlesen →

Die Zirzipanen: das Volk jenseits der Peene

Weiterlesen →