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Die Schmiedekunst der Wikinger

Alltag & Kultur Die Schmiedekunst der Wikinger

Kein Langschiff waere je in See gestochen, kein Schwert je gezogen worden ohne die Frau und den Mann am Amboss. Die Schmiedekunst war die stille Voraussetzung der ganzen Wikingerzeit – und ihr Handwerker galt zugleich als hoch angesehener Fachmann und als halb-mythische Gestalt. Werfen wir einen ehrlichen Blick ins Feuer: was belegt ist, was Sage bleibt, und warum keine echte Klinge einen Zauberspruch braucht.

Vom Sumpf zum Stahl: woher das Eisen kam

Der Norden hatte keine grossen Erzbergwerke wie das roemische Noricum. Sein Eisen wuchs, ueberspitzt gesagt, im Moor. Ueberall in Skandinavien lagerte sich in Suempfen, Seen und feuchten Wiesen sogenanntes Raseneisenerz ab (altnordisch nahe an dem, was die Forschung heute mit dem Begriff myrmalm fasst) – knollige, rostrote Klumpen aus Eisenhydroxiden, die von Bakterien und dem eisenhaltigen Grundwasser gebildet wurden. Man erkannte sie am schillernden Film auf dem Wasser und stach sie mit dem Spaten aus dem Boden. Das klingt bescheiden, war aber eine verlaessliche, nachwachsende Quelle: Nach ein bis zwei Generationen hatte sich ein abgeerntetes Moor teilweise wieder gefuellt.

Verarbeitet wurde dieses Erz im Rennfeuer, einem niedrigen Lehm- oder Steinschachtofen. Das getrocknete und geroestete Erz wurde in Schichten mit Holzkohle in den Ofen gefuellt, ein Blasebalg trieb Luft hinein, und bei rund 1100 bis 1300 Grad geschah das Entscheidende: Das Eisenoxid gab seinen Sauerstoff an das Kohlenmonoxid der Glut ab. Das Eisen schmolz dabei NICHT vollstaendig – dafuer reichte die Temperatur nicht –, sondern sammelte sich als teigige, mit Schlacke durchsetzte Masse am Ofenboden, die Luppe. Diesen porigen Klumpen musste der Schmied gluehend immer wieder ausschmieden, falten und schweissen, um die glasige Schlacke herauszutreiben und ein brauchbares, dichtes Eisen zu erhalten. Aus einem grossen Erzansatz wurde am Ende oft nur eine faustgrosse Menge sauberes Metall.

Holzkohle: der eigentliche Engpass

Wer die Wikingerzeit verstehen will, sollte nicht nur an Erz denken, sondern an Holz. Der wahre Flaschenhals der Eisenproduktion war die Holzkohle. Sowohl fuer die Verhuettung im Rennfeuer als auch fuers spaetere Schmieden brauchte man riesige Mengen davon – Schaetzungen gehen davon aus, dass fuer ein Kilogramm fertiges Schmiedeeisen ein Vielfaches an Holz in Kohlenmeilern verbrannt werden musste. Holzkohle brennt heiss und rein, weil ihr Wasser und die fluechtigen Bestandteile bereits ausgetrieben sind; rohes Holz haette den Ofen nie auf die noetige Temperatur gebracht.

Das machte die Koehlerei zu einem eigenen, arbeitsintensiven Gewerbe. In vielen waldreichen Gegenden Skandinaviens lagen die Verhuettungsplaetze deshalb dort, wo Erz UND Wald zusammenkamen, oft abseits der Hoefe. Auf Island, wo der Birkenwald schnell schwand, wurde einheimisches Eisen im Lauf der Zeit zur Rarität, und man war zunehmend auf Import angewiesen. Eisen war also nie wirklich billig: Hinter jeder Axt und jedem Nagel steckten Tage im Wald, am Meiler und am Ofen.

Der Schmied: angesehen, unentbehrlich, halb mythisch

In einer Welt, in der ein einziger Mensch aus roter Moorerde eine Klinge machen konnte, die Ruestungen teilte, war der Schmied kein gewoehnlicher Handwerker. Er stand hoch im Ansehen, denn er beherrschte gleich mehrere Kuenste: Verhuettung, Schmieden, Schweissen, das Haerten und Anlassen von Stahl. Grabfunde von Schmiedegraebern, in denen der Tote seine Werkzeuge mit ins Jenseits bekam, zeigen, dass dieses Koennen als Teil der Person galt – manche dieser Graeber enthalten zugleich Werkzeug UND Waffen, der Schmied war also nicht selten auch ein angesehener freier Mann von Rang.

Zugleich haftete dem Feuerhandwerk etwas Uebersinnliches an. Wer Metall fliessen laesst und Formen aus dem Glutfeuer holt, dem traute man auch andere Macht zu. In den Sagas und Liedern sind die grossen Schmiede darum keine namenlosen Arbeiter, sondern Helden, Rivalen der Goetter, Zwerge mit Zauberhaenden. Diese doppelte Rolle – nuechterner Fachmann hier, halb-mythische Gestalt dort – zieht sich durch die gesamte nordische Ueberlieferung.

Die Werkzeugkiste von Maestermyr

Wie eine solche Werkstatt tatsaechlich aussah, wissen wir dank eines Gluecksfalls aus dem Moor. Im Oktober 1936 pfluegte ein Bauer bei Sproge im Suedwesten Gotlands ein Feld, das frueher Moorland war, und stiess auf eine wikingerzeitliche Werkzeugkiste. Die Kiste aus Eichenholz, rund 90 Zentimeter lang, mit eisernen Baendern und Schloss, enthielt zusammen mit dem Umfeld ueber 200 Objekte – der groesste zusammenhaengende Werkzeugfund dieser Zeit in Europa.

Der Inhalt liest sich wie das Sortiment einer gut ausgestatteten Landwerkstatt: Zangen, Haemmer und Vorschlaghaemmer, Ambossstuecke und ein Feilen-Sortiment fuer die Metallarbeit, dazu Saegen, Zieheisen, Bohrer, Raspeln und Aexte fuer die Holzbearbeitung. Es lagen sogar Kessel und grosse Bronzeglocken dabei. Das Verblueffende: Viele dieser Werkzeuge wirken erstaunlich modern; eine Zange oder ein Hammer von Maestermyr wuerde in mancher Werkstatt bis heute nicht auffallen. Der Fund zeigt einen Handwerker, der Eisen UND Holz beherrschte – ein Universalist, wie ihn ein Hof oder eine kleine Siedlung brauchte, der Fibeln flickte, Boote reparierte und Werkzeuge selbst nachfertigte.

Amboss, Zange, Hammer, Feile

Die Grundausstattung war ueberschaubar und ueber Jahrhunderte fast unveraendert. Der Amboss – oft ein kompakter Eisenblock, in eine Holzunterlage getrieben – war das Herz der Werkstatt. Mit der Zange fasste der Schmied das gluehende Werkstueck aus dem Feuer, mit unterschiedlich schweren Haemmern trieb er es in Form: der leichtere Handhammer zum Ausformen, der schwere Vorschlaghammer, oft von einem zweiten Paar Haende gefuehrt, zum groben Strecken. Feilen, Raspeln und Schleifsteine besorgten die Feinarbeit, Meissel und Setzhaemmer das Trennen und Verzieren.

Das Feuer selbst wurde von der Esse geliefert, deren Glut ein Blasebalg auf Arbeitstemperatur brachte – Blasebalgduesen aus Ton, sogenannte Tuyeres, gehoeren zu den typischen Funden von Schmiedeplaetzen. Fuers Haerten diente Wasser, manchmal Oel; das anschliessende Anlassen bei kontrollierter niedrigerer Hitze nahm dem Stahl die Sproedigkeit. Diese Abfolge – schmieden, haerten, anlassen – erforderte reines Erfahrungswissen: Der Schmied las die Temperatur an der Farbe des gluehenden Metalls ab, lange bevor jemand ein Thermometer erfunden hatte.

So bescheiden das Werkzeug wirkt, so wenig hat es sich bis heute veraendert. Zange, Hammer und Amboss sind noch immer die Grundfiguren jeder Schmiede, und die stille Arbeitsteilung zwischen dem Meister mit dem leichten Setzhammer und dem Gehilfen mit dem Vorschlaghammer klingt bereits in den Sagas an. Ein guter Schmied brauchte kein grosses Arsenal, sondern ein sicheres Auge, eine ruhige Hand und die Geduld, ein Werkstueck ein Dutzend Mal ins Feuer zurueckzulegen. Genau diese Bescheidenheit der Mittel macht die Qualitaet der besten wikingerzeitlichen Klingen und Werkzeuge so beeindruckend.

Musterschweissung: wie ein Schwert sein Muster bekam

Das eindrucksvollste Verfahren der wikingerzeitlichen Schmiede war die Musterschweissung, im Englischen pattern-welding. Weil einheitlich hochwertiger Stahl aus dem Rennfeuer selten und teuer war, halfen sich die Schwertschmiede mit einem Trick: Sie verschweissten mehrere Staebe aus Eisen und Stahl unterschiedlichen Kohlenstoffgehalts, tordierten (verdrillten) sie und schmiedeten sie zu einem Klingenkern zusammen. Beim Schleifen und Aetzen der fertigen Klinge trat das darunterliegende Gefuege als schimmerndes Muster hervor – Fischgraeten, Wellen, Ringe.

Lange galt die Musterschweissung vor allem als Weg zu einer besseren Klinge: Der Wechsel harter und zaeher Lagen sollte die Waffe zugleich scharf und bruchfest machen. Die heutige Forschung sieht das nuechterner. Vieles spricht dafuer, dass das Muster im Kern SCHMUCK und Statuszeichen war und der eigentliche Leistungstraeger die aufgeschweisste Schneide aus besserem Stahl. Das schmaelert die Kunst nicht – im Gegenteil: Eine gute Musterklinge zu schmieden verlangte Dutzende praezise gefuehrte Feuerschweissungen ohne Fehlstelle. Im Verlauf der Wikingerzeit wurde die aufwendige Torsionsklinge zunehmend von einfacheren, ganz aus gutem Stahl geschmiedeten Klingen abgeloest, sobald besserer Stahl verfuegbar war.

Die Ulfberht-Schwerter

Keine Waffengruppe der Wikingerzeit ist beruehmter als die Klingen mit der eingelegten Inschrift +VLFBERH+T. Ueber rund zwei Jahrhunderte tauchen solche Schwerter in ganz Nordeuropa auf, von Skandinavien bis an den Rhein. Der Name ist fraenkisch, und alles deutet darauf hin, dass die urspruenglichen Werkstaetten im mittleren Rheinland lagen – Ulfberht war offenbar kein einzelner Schmied, sondern ein ueber Generationen weitergegebener Werkstatt- oder Markenname.

Die metallurgische Studie von Alan Williams (Gladius, 2009) hat das Bild geschaerft. Von 44 untersuchten Ulfberht-Klingen tragen 33 die Inschrift in der Form +VLFBERHT und 11 in der Form +VLFBERH+T mit dem Kreuz VOR dem T. Nur diese elf bestanden aus homogenem, hochgekohltem Tiegelstahl (crucible steel) mit einem Kohlenstoffgehalt um ein Prozent und darueber – ein Stahl, der in dieser Reinheit im fruehmittelalterlichen Europa nicht hergestellt werden konnte und ueber Fernhandelswege aus Zentralasien und dem persischen Raum kam. Die restlichen 33 Klingen aus einfacherem Rennfeuerstahl gelten Williams zufolge als NACHAHMUNGEN – wohl weil der beruehmte Name den Absatz foerderte. Man koennte sagen: Schon in der Wikingerzeit gab es Markenpiraterie.

Nieten, Naegel und die Eisenlogistik des Schiffbaus

Man denkt beim Wikinger-Eisen zuerst an Schwerter – doch die groessten Eisenmengen verschlang der Schiffbau. Ein klinkergebautes Langschiff wurde von Tausenden handgeschmiedeter Eisennieten zusammengehalten, jede mit einer viereckigen Unterlegplatte, der Rove, vernietet. Der Nachbau grosser Wracks hat gezeigt, dass allein die Nieten eines groesseren Schiffes viele Kilogramm Eisen und ungezaehlte Arbeitsstunden am Amboss bedeuteten. Dazu kamen Anker, Ketten, Beschlaege und Werkzeuge.

Das machte Eisen zu einem strategischen Rohstoff. Barren und Halbzeug wurden gehandelt, und wer eine Flotte ausruesten wollte, brauchte nicht nur Holz und Segeltuch, sondern auch eine verlaessliche Eisenversorgung. Der unscheinbare Nagel ist damit ein besseres Symbol fuer die Schmiedekunst als das Prunkschwert: Ohne die stille, massenhafte Nietenproduktion haette es die beruehmten Fahrten nach England, Island oder ins Schwarzmeergebiet nie gegeben.

Alltagseisen: nicht nur Waffen

Der weitaus groesste Teil dessen, was ein Schmied taeglich fertigte, war schlicht Werkzeug und Hausrat: Messer, Sicheln und Sensen, Aexte und Beile, Naegel und Beschlaege, Schluessel und Schloesser, Kesselhaken, Draht, Nadeln, Zaumzeug, Pfeilspitzen. Das Messer trug praktisch jeder Mensch am Guertel, und ein grosser Teil der Eisenfunde einer wikingerzeitlichen Siedlung besteht aus solchen unspektakulaeren Alltagsdingen.

Auch die Feinschmiede gehoerte dazu: Buntmetallhandwerker gossen und feilten Fibeln, Anhaenger und Beschlaege aus Bronze, Silber und Gold, oft in denselben Handelsplaetzen wie Haithabu oder Birka, wo Rohstoffe und Kaeufer zusammenkamen. Die Grenze zwischen grobem Eisenschmied und feinem Metallhandwerker war fliessend – viele beherrschten beides, wie es die gemischte Ausstattung der Maestermyr-Kiste nahelegt.

Der Schmied in der Sage: Wieland/Voelund

Wo die reale Werkstatt aufhoert, beginnt der Mythos – und im Norden hat er einen Namen: Voelund, festlaendisch Wieland der Schmied. Die Voelundarkviza der Lieder-Edda und Bildquellen wie das angelsaechsische Franks Casket erzaehlen seine dunkle Geschichte: Der Meisterschmied Voelund wird vom Koenig Nizhud gefangen, gelaehmt und gezwungen, auf einer Insel fuer ihn zu schmieden. Seine Rache ist grausam und beruehmt – und am Ende entkommt er auf selbstgeschmiedeten Fluegeln in die Luft.

Da sass er, schlief nicht, schlug mit dem Hammer, / schuf schnell dem Nizhud schlimme Kleinode.Wielandslied (Voelundarkviza), Str. 20; Uebersetzung Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)

Wieland ist die Verkoerperung des Schmieds als Grenzgaenger: kunstfertig genug, um Fluegel zu bauen, gefaehrlich genug, um sich blutig zu raechen. Dass sein Bild auf einem angelsaechsischen Kaestchen des 8. Jahrhunderts genauso erscheint wie in einem altnordischen Lied und auf gotlaendischen Bildsteinen, zeigt, wie tief die Figur in der gesamten germanischen Welt verwurzelt war.

Zwerge als Urschmiede: Sindri, Brokkr, Regin

Die groessten Kleinode der Goetterwelt stammen nicht von den Goettern, sondern von zwergischen Schmieden. In der Prosa-Edda schmieden die Brueder Sindri (auch Eitri genannt) und Brokkr auf Lokis Wette hin drei Wunderwerke: den Eber Gullinborsti, den Ring Draupnir und – trotz Lokis Sabotage als stechende Fliege – den Hammer Mjoellnir, dessen kurzer Stiel der einzige Makel bleibt. Auch Odins Speer Gungnir und Sifs goldenes Haar gehen auf Zwergenhaende zurueck. Und in der Voelsungensage ist es der Schmied Regin, der Sigurd das Schwert schmiedet, mit dem der den Drachen Fafnir erschlaegt.

In diesen Geschichten wird der Schmied zur schoepferischen Urkraft: Was die Welt an Macht und Glanz besitzt, ist am Amboss entstanden. Fuer ein Handwerk, das Rohstoff in Wert verwandelt, ist das eine treffende, fast philosophische Ueberhoehung.

Beleg: Raseneisenerz-Verhuettung im Rennfeuer und die Herkunft nordischen Eisens sind durch zahllose Ofen- und Schlackefunde archaeologisch gesichert. Die Werkzeugkiste von Maestermyr (Gotland, gefunden 1936, ueber 200 Objekte) ist der groesste Werkzeugfund der Epoche und belegt das gemischte Eisen- und Holzhandwerk. Die metallurgische Studie von Alan Williams (Gladius 39, 2009) wies bei 11 von 44 Klingen der Form +VLFBERH+T homogenen Tiegelstahl nach, dessen Reinheit auf importierten Rohstahl deutet; die 33 Klingen der Form +VLFBERHT aus einfacherem Stahl gelten als Nachahmungen.

Mythos-Check: Der zauberkundige Schmied und das unzerstoerbare Wunderschwert sind Motive der SAGE, nicht der Werkstatt. Musterschweissung war vor allem Koennen und Schmuck, kein Zauber, und wurde von besserem Stahl abgeloest, sobald er verfuegbar war. Die Klingeninschriften – +VLFBERH+T, INGELRII und aehnliche – nennen WERKSTATT- oder Personennamen, keine Beschwoerungsformeln. Und ein Schwert, das Amboss und Fels spaltet, ohne Schaden zu nehmen, gehoert ins Heldenlied, nicht in die Metallurgie. Beeindruckend genug ist das Wahre: aus rotem Moorschlamm eine scharfe, elastische Klinge zu treiben.

Was davon bleibt

Die Schmiedekunst der Wikinger war weniger Magie als Meisterschaft: geduldiges Roesten und Verhuetten, tagelange Koehlerei, das ruhige Lesen der Glutfarben, Tausende Hammerschlaege fuer eine einzige gute Klinge. Genau darin liegt ihre Groesse – und der Grund, warum wir in unserer Werkstatt in Alsdorf mit demselben Respekt an Material und Handwerk herangehen, wenn wir nordische Motive in Stein und Holz gravieren. Das Feuer ist geblieben, das Handwerk auch.

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