Das Wikingerschiff war nicht nur ein Werkzeug – es war ein Statussymbol. Und an seiner Spitze glänzte oft ein Meisterwerk aus vergoldeter Bronze: die Wetterfahne.
Das Wikingerschiff war weit mehr als ein Fortbewegungsmittel. Es war das teuerste, aufwendigste Objekt, das eine Gemeinschaft besaß – ein Zeichen von Macht, Reichtum und Können. Die berühmten Prunkschiffe von Oseberg und Gokstad zeigen, mit welcher Liebe zum Detail man diese Fahrzeuge schmückte. Und an ihrer Spitze glänzte oft ein wahres Meisterwerk der Goldschmiedekunst: die Wetterfahne.
Schon die Dichtung feierte das vollkommene Schiff als eines der größten Wunderwerke – nicht zufällig gehört das beste Schiff in der Mythologie einem Gott.
„Skidbladnir ist das beste der Schiffe." — Grímnismál 44, nach Simrock
Wenn selbst die Götter ihr Wunderschiff Skíðblaðnir besaßen, das man wie ein Tuch zusammenfalten konnte, dann verwundert es nicht, dass die Menschen ihre eigenen Schiffe mit dem kostbarsten Schmuck versahen, den sie herstellen konnten.
Erhalten sind mehrere dieser prunkvollen Fahnen, benannt nach ihren Fundorten: Heggen und Söderala in Skandinavien, Källunge auf Gotland. Sie sind halbmondförmig, aus vergoldeter Bronze, und über und über mit fein gravierten Tieren im eleganten Ringerike-Stil geschmückt – Löwen, Fabelwesen und Vögel, verschlungen in rankendem, lebendig wirkendem Schlingwerk. An der gebogenen Unterkante hingen kleine Ringe, an denen Bänder oder Wimpel flatterten, und oft krönte ein plastisches Tier – ein Drache oder Löwe – die Spitze.
Man muss sich das im Sonnenlicht vorstellen: Am Mast oder Vordersteven eines Langschiffs blitzte und glänzte so eine goldene Fahne weithin über das Wasser, während die Bänder im Fahrtwind knatterten. Sie war Schmuck und Statussymbol zugleich, ein Signal, das schon von Weitem verkündete: Hier kommt ein mächtiger Herr.
Das Faszinierende ist, wie diese Kunstwerke überhaupt überlebten. Als das Christentum kam, verschwanden die Fahnen nämlich nicht – sie wanderten vom Schiff auf den Kirchturm. Ihre halbmondförmige, wehende Gestalt eignete sich hervorragend als Windfahne, und so dienten mehrere der erhaltenen Stücke jahrhundertelang als Kirchen-Windfahnen hoch über den Dörfern Skandinaviens. Gerade weil sie dort oben in Ehren gehalten und immer wieder ausgebessert wurden, blieben sie uns erhalten.
So erzählen die Wetterfahnen zweierlei zugleich: von der überragenden Handwerkskunst der späten Wikingerzeit und davon, wie geschmeidig nordische Kunst ins christliche Zeitalter hinüberwuchs. Das heidnische Prunkstück eines Kriegerschiffs wurde zum Schmuck eines Gotteshauses, ohne dass die Kunst dabei verloren ging.
Dass die Fahnen ursprünglich auf Schiffen saßen, ist durch zeitgenössische Bildquellen – etwa Münzbilder und den Teppich von Bayeux – und durch ihre Form gut gestützt, auch wenn nicht bei jedem Einzelstück die genaue Anbringung (Mast oder Steven?) zweifelsfrei geklärt ist. Solche offenen Detailfragen ändern nichts an der Bewunderung, die diese Objekte verdienen.
Für uns als Gravur-Manufaktur sind die Wetterfahnen ein besonderes Vorbild. Sie zeigen, mit welcher Sorgfalt und Kunstfertigkeit die Nordleute Metall gravierten und gestalteten – jede Ranke, jedes Tier von Hand gesetzt. Genau dieser Geist, ein Gebrauchsstück durch feine Gravur zum Kunstwerk zu erheben, verbindet uns über tausend Jahre hinweg mit den Meistern, die diese goldenen Fahnen schufen.

Langschiffe · Bildsteine · Runen · Alltag der Wikinger.
Wetterfahnen von Heggen, Söderala, Källunge. Signe Horn Fuglesang, Some Aspects of the Ringerike Style; Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.