Die meisten Menschen der Wikingerzeit kennen wir nur aus der Sicht anderer. Ottar ist eine Ausnahme. Irgendwann in den Jahren um 890 stand ein Mann aus dem äußersten Norden Norwegens vor König Alfred von Wessex, schenkte ihm Walrosszähne und erzählte. Von seinen sechshundert Rentieren und seinen zwanzig Kühen. Von einer Fahrt ins Unbekannte, die ihn bis ans Weiße Meer führte. Von Handelsplätzen im Süden. Ein Schreiber hielt es auf Altenglisch fest. So ist die älteste Beschreibung Norwegens nicht in Norwegen entstanden, sondern in England – aus dem Mund eines Nordmanns.

Der Bericht steht an einer Stelle, an der man ihn nicht sucht: im altenglischen Orosius. Das ist eine freie Bearbeitung der Weltgeschichte, die der spätantike Geistliche Paulus Orosius im frühen 5. Jahrhundert geschrieben hatte. Um 900 wurde sie in Wessex ins Altenglische übertragen, lange hielt man Alfred selbst für den Übersetzer, heute ist das stark bezweifelt. In die Erdbeschreibung am Anfang hat der Bearbeiter zwei Reiseberichte eingefügt, die es bei Orosius nicht gibt: den des Norwegers Ohthere – so die englische Form, auf Altnordisch wohl Óttarr – und den eines Mannes namens Wulfstan. Die älteste Handschrift, heute in der British Library, stammt aus dem frühen 10. Jahrhundert.
Der Text beginnt ohne Umschweife:
Ohthere sæde his hlaforde, Ælfrede cyninge, þæt he ealra Norðmonna norþmest bude.
„Ohthere sagte seinem Herrn, König Alfred, dass er von allen Nordmännern am nördlichsten wohne."Altenglischer Orosius, Buch I; Übertragung von uns
Zwei Dinge fallen auf. Erstens ist das kein Tagebuch, sondern ein Gespräch, von einem Schreiber in der dritten Person aufgezeichnet. Wir hören Ottar durch einen Engländer. Zweitens nennt der Text Alfred Ottars hlaford, seinen Herrn. Ob Ottar in Alfreds Dienst getreten war oder ob das nur höfliche Form ist, wissen wir nicht. Das Jahr des Besuchs steht nirgends. „Um 890" ist eine Schätzung, die sich aus der Regierungszeit Alfreds (871–899) und der Entstehung des Textes ergibt. Mehr über den König steht bei Alfred dem Großen.
Ottar wohnte, so der Text, in einer Landschaft namens Hålogaland, Halgoland, an der Küste zur „Westsee". Das Land sei sehr lang und sehr schmal. Was man beweiden oder pflügen könne, liege am Meer, und auch das sei an manchen Stellen felsig. Östlich davon ziehe sich wildes Bergland hin, und dort lebten die Finnas. Gemeint sind nicht die Finnen, sondern die Samen, die Ureinwohner des Nordens. Ihnen widmen wir einen eigenen Artikel: Die Samen in den nordischen Quellen.
Wo genau Ottars Hof lag, verrät der Bericht nicht. Man sucht ihn meist irgendwo zwischen Lofoten, Senja und der Gegend um Tromsø. Wie ein Häuptlingssitz in dieser Welt aussehen konnte, zeigt Borg auf den Lofoten, wo ein Langhaus von gut achtzig Metern Länge ausgegraben wurde. Ottars Hof war das nicht, oder jedenfalls weiß das niemand. Aber es zeigt, dass es in Hålogaland Macht und Reichtum gab.
Ottar zählte Alfred seinen Besitz auf, und die Liste ist bemerkenswert ehrlich. Er hatte, als er den König aufsuchte, noch sechshundert zahme Rentiere, tamra deora unbebohtra syx hund. Das Wort unbebohtra heißt wörtlich „ungekaufte"; ob gemeint ist, dass er sie nicht verkauft hatte oder dass er sie nicht zugekauft, sondern selbst gezogen hatte, ist umstritten. Unter ihnen waren sechs stælhranas, Lockrentiere, mit denen man wilde Rentiere fängt, und die seien bei den Finnas sehr teuer.
Dann folgt der Satz, der die Maßstäbe zurechtrückt: Ottar gehöre zu den ersten Männern des Landes, habe aber nicht mehr als zwanzig Rinder, zwanzig Schafe und zwanzig Schweine, und das Wenige, das er pflüge, pflüge er mit Pferden. Ein Großbauer aus Wessex hätte darüber gelächelt. Ottars Reichtum lag woanders: Ac hyra ar is mæst on þæm gafole þe ða Finnas him gyldað – „Aber ihr Einkommen besteht zumeist aus der Abgabe, die die Finnas ihnen zahlen."
Der Bericht beschreibt diese Abgabe genauer als jede spätere Quelle:
Þæt gafol bið on deora fellum, and on fugela feðerum, and hwales bane, and on þæm sciprapum þe beoð of hwæles hyde geworht, and of seoles.
„Diese Abgabe besteht aus Tierfellen, aus Vogelfedern und Walbein, und aus den Schiffstauen, die aus der Haut von Walen und von Robben gemacht werden."Altenglischer Orosius, Buch I; Übertragung von uns
Jeder zahle nach seinem Stand. Der Vornehmste müsse fünfzehn Marderfelle geben, fünf Rentier(felle) – der Text sagt nur „fünf vom Ren" –, ein Bärenfell, zehn ambra Federn, ein Hohlmaß, dessen Größe wir nicht kennen, einen Rock aus Bären- oder Otterfell und zwei Schiffstaue, jedes sechzig Ellen lang, das eine aus Walhaut, das andere aus Robbenhaut.
Wie man diese Beziehung nennt, hängt vom Blickwinkel ab. Für Ottar war es gafol, Abgabe. War es Tribut unter Zwang, Schutzgeld, ein Tauschverhältnis, bei dem die Samen Eisen, Tuch oder Getreide zurückbekamen? Der Text sagt es nicht. Die Tatsache, dass die teuersten Tiere in Ottars Herde „bei den Finnas" geschätzt wurden, hat manche Forscher vermuten lassen, dass Samen seine Rentiere hüteten. Auch das ist Deutung. Sicher ist nur: Der Wohlstand der Nordnorweger beruhte auf Waren aus samischer Hand.
Den größten Raum nimmt eine Fahrt ein, die Ottar aus Neugier unternahm. Er wollte herausfinden, hu longe þæt land norþryhte læge oþþe hwæðer ænig mon be norðan þæm westenne bude – wie weit sich das Land nach Norden erstrecke und ob jenseits der Wildnis noch jemand wohne.
Er segelte drei Tage nach Norden, bis dorthin, wo die Walfänger am weitesten fahren, dann noch drei Tage weiter. Dort bog das Land nach Osten, „oder das Meer ins Land hinein, er wusste nicht, was von beidem". Er wartete auf Westwind und segelte vier Tage nach Osten, wartete auf Nordwind und segelte fünf Tage nach Süden, bis ein großer Fluss ins Land führte. Das ist die Umrundung des Nordkaps und der Halbinsel Kola bis ins Weiße Meer. Welcher Fluss gemeint ist, wird diskutiert; oft genannt wird die Nördliche Dwina.
Unterwegs lebten nur Fischer, Vogelfänger und Jäger, alle Finnas. Am Fluss aber begann ein gut besiedeltes Land, das der Beormas. Hinein wagte Ottar sich nicht. Die Beormas erzählten ihm viel über ihr Land und die Länder ringsum, und dann folgt ein Satz, den man jedem Chronisten ins Stammbuch schreiben möchte:
Ac he nyste hwæt þæs soþes wæs, for þæm he hit self ne geseah.
„Aber er wusste nicht, was davon wahr war, weil er es nicht selbst gesehen hatte."Altenglischer Orosius, Buch I; Übertragung von uns
Ihm schien, die Finnas und die Beormas sprächen fast dieselbe Sprache. Vor allem aber sei er, neben der Neugier, der horshwælas wegen gefahren, der Walrosse: Ihre Zähne seien sehr edles Bein, einige davon brachte er dem König mit, und ihre Haut ergebe sehr gute Schiffstaue. Dazu behauptete er, in seiner Heimat mit fünf Gefährten in zwei Tagen sechzig Wale erlegt zu haben, die größten fünfzig Ellen lang. Wie diese Zahl zu verstehen ist, ist unter Forschern umstritten.
Der Bericht nennt auch Ottars Wege nach Süden. Im Süden des Landes liege ein Handelsplatz namens Sciringes heal. Dorthin könne man in einem Monat nicht segeln, wenn man nachts an Land gehe und jeden Tag guten Wind habe – eine Monatsreise also mindestens, und die ganze Zeit liege an Backbord Norðweg. Es ist einer der ältesten Belege für den Namen Norwegen: „der Weg nach Norden".
Sciringes heal ist Skiringssal in Vestfold, und der Handelsplatz dort ist Kaupang bei Larvik. Ausgrabungen, zuletzt unter Dagfinn Skre ab 2000, haben gezeigt, dass Kaupang um 800 angelegt wurde und im 9. Jahrhundert ein Ort mit Handwerk und Fernhandel war.
Von dort, so Ottar, segelte er in fünf Tagen zu dem Hafen, den man æt Hæþum nennt. Er liege zwischen den Wenden, den Sachsen und den Angeln und gehöre zu den Dänen. Das ist Haithabu an der Schlei. Auf dieser Fahrt hatte Ottar drei Tage lang Denamearc an Backbord und das offene Meer an Steuerbord – eine der frühesten Nennungen Dänemarks überhaupt.
Unmittelbar nach Ottar folgt im selben Text ein zweiter Bericht. Ein Mann namens Wulfstan erzählte, er sei von Haithabu aus in sieben Tagen und Nächten nach Truso gesegelt, die ganze Zeit unter Segel. Ob Wulfstan Engländer war, wie sein Name nahelegt, ist offen.
Er beschreibt, welche Länder an welcher Seite lagen und wem sie gehörten: an Steuerbord das Land der Wenden, an Backbord Langeland, Lolland, Falster und Schonen, die zu Dänemark gehörten, dann Bornholm mit eigenem König, dann Blekinge, Möre, Öland und Gotland, die den Svear gehörten. Truso lag an einem See nahe der Weichselmündung. Es wird heute mit dem Fundplatz Janów Pomorski bei Elbląg gleichgesetzt.
Wulfstans Blick auf die Esten, die Bewohner des Landes östlich der Weichsel, ist der eines Fremden, der genau hinsieht: viele Burgen mit je einem König, viel Honig und Fisch, Stutenmilch für die Reichen, Met für Arme und Unfreie, kein Bier. Die Toten blieben unverbrannt einen Monat oder länger im Haus, dann wurde ihr Besitz in einem Pferderennen verteilt. Mehr über dieses Volk steht bei den Aestiern.
Zeitgenössische Schriftquelle ist der Bericht selbst, aufgeschrieben in Wessex kurz vor 900. Er ist eine der ganz wenigen Quellen, in denen ein Skandinavier der Wikingerzeit über sich selbst spricht – wenn auch durch einen englischen Schreiber und in dessen Sprache.
Archäologisch belegt sind Kaupang, Haithabu und Truso als Handelsplätze, der Reichtum Hålogalands, etwa in Borg, und der Handel mit Walrosselfenbein.
Spätere Überlieferung spielt hier kaum eine Rolle. Das Bjarmaland der Sagas, in dem Wikinger des 11. Jahrhunderts Heiligtümer plündern, ist ein literarisches Echo der Beormas, kein Beleg für Ottars Zeit.
Moderne Deutung sind der Ort von Ottars Hof, die Frage, wer seine Rentiere hütete, die Natur der Abgabe der Samen und der Fluss, an dem er umkehrte.
Was bleibt, ist ein Mann, der wissen wollte, wie weit die Welt reicht, und der zugab, wenn er etwas nicht selbst gesehen hatte. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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