In fast jedem Buch über die Wikinger tauchen sie irgendwann auf, meist in einem Nebensatz: die „Finnen" aus dem Norden, die Pelze liefern, zaubern können und schöne Töchter haben. Das sagt mehr über die Erzähler als über die Erzählten. Die Samen lebten lange vor der Wikingerzeit im Norden Skandinaviens, sie sprachen eine ganz andere Sprache, und sie leben dort noch heute. In den nordischen Quellen sind sie Nachbarn, Handelspartner, Tributzahler, Ehefrauen und Zauberer. Wir sortieren, was davon Bericht ist, was Saga und was Vorurteil.

Die Samen sind das indigene Volk im Norden Norwegens, Schwedens und Finnlands und auf der russischen Halbinsel Kola. Ihr Siedlungsgebiet nennen sie Sápmi. Ihre Sprachen gehören zur uralischen Sprachfamilie und sind mit dem Finnischen und Estnischen verwandt, nicht mit dem Norwegischen oder Schwedischen. Man zählt je nach Abgrenzung neun bis elf samische Sprachen. Wie viele Menschen sich heute als Samen verstehen, ist schwer zu sagen; Schätzungen liegen meist zwischen 80.000 und über 100.000. In Norwegen, Schweden und Finnland haben sie eigene gewählte Parlamente.
Wer über die Samen in der Wikingerzeit schreibt, hat ein Quellenproblem. Die Samen selbst haben aus dieser Zeit nichts aufgeschrieben. Alles, was wir lesen, stammt von Römern, Byzantinern, Engländern, Norwegern und Isländern. Das heißt nicht, dass es falsch ist. Es heißt, dass wir die Samen nur im Spiegel ihrer Nachbarn sehen, und der Spiegel ist nicht immer sauber.
In den altnordischen Texten heißen die Samen Finnar, im Singular Finnr, im Altenglischen Finnas. Das ist die erste Falle für heutige Leser: Gemeint sind in aller Regel nicht die Bewohner des heutigen Finnland, sondern die Samen. Die Landschaft Finnmörk, die heutige Finnmark, ist entsprechend das „Grenz- oder Waldland der Samen". Ganz einheitlich ist der Gebrauch nicht, und in manchen Texten bleibt offen, wer genau gemeint ist. Woher das Wort Finnr kommt, ist nicht sicher geklärt.
Das deutsche Wort „Lappen", schwedisch lapp, ist jünger. Es taucht um 1200 bei Saxo Grammaticus im Landschaftsnamen auf und wurde in der Neuzeit zur üblichen Bezeichnung, auch in der Wissenschaft. Viele Samen empfinden es heute als abwertend, und wir verwenden es nur, um genau das zu erklären. Die Selbstbezeichnung ist Sámi. Der Name der Landschaft Lappland ist dagegen bis heute gebräuchlich.
Die älteste Nachricht, die man mit den Samen in Verbindung bringt, steht bei Tacitus. Am Ende seiner Germania, um 98 n. Chr., beschreibt er die Fenni:
Fennis mira feritas, foeda paupertas: non arma, non equi, non penates; victui herba, vestitui pelles, cubile humus.
„Bei den Fennen herrscht erstaunliche Wildheit und bittere Armut: keine Waffen, keine Pferde, kein Hausstand; zur Nahrung Kräuter, zur Kleidung Felle, zum Lager der Erdboden."Tacitus, Germania 46; Übertragung von uns
Tacitus war nie im Norden. Er gibt weiter, was ihm Händler erzählten, und er schreibt nach einem Muster, in dem die Völker umso „wilder" werden, je weiter sie vom Reich entfernt leben. Ob seine Fenni die Vorfahren der Samen waren oder allgemein Jägervölker irgendwo im Osten der Ostsee, ist umstritten. Er fügt übrigens hinzu, sie hielten sich für glücklicher als die Bauern, die sich mit Feldarbeit plagen. Auch das ist eher Moral für römische Leser als Völkerkunde.
Konkreter wird der Byzantiner Prokop um die Mitte des 6. Jahrhunderts. Auf der großen Insel „Thule", mit der er Skandinavien meint, lebten die Skrithiphinoi. Sie trügen keine Kleider aus Stoff und keine Schuhe, tränken keinen Wein, bauten nichts an und lebten von der Jagd. Der Name wird meist als „Ski-Finnen" gedeutet, zu altnordisch skríða, gleiten. Jordanes nennt dasselbe Volk verballhornt Screrefennae, und Paulus Diaconus erzählt im 8. Jahrhundert von den Scritobini, die auf gebogenem Holz Wild hinterherjagen. Das ist, so weit wir sehen, eine frühe Beschreibung des Skilaufs.
Die erste Quelle, in der ein Nordmann selbst von den Samen spricht, ist der Bericht des Ottar von Hålogaland am Hof König Alfreds um 890. Für ihn sind die Finnas Nachbarn. Sie leben im Bergland östlich der Küste, jagen im Winter und fischen im Sommer, und entlang seiner Fahrt zum Weißen Meer trifft er fast nur sie.
Vor allem aber sind sie die Grundlage seines Wohlstands. Ottar erzählt, dass die Samen den Nordnorwegern eine Abgabe leisten, gestaffelt nach Rang: Marderfelle, Rentierfelle, Bärenfelle, Federn, Walbein und Schiffstaue aus Wal- und Robbenhaut. Seine Lockrentiere seien „bei den Finnas" sehr teuer. Ob diese Abgabe Zwang, Schutzgeld oder Teil eines Tausches war, sagt der Text nicht. Klar ist: Die Wirtschaft des Nordens beruhte auf Zusammenarbeit, wie ungleich sie auch gewesen sein mag.
Die isländischen Sagas des 13. Jahrhunderts kennen dieses System unter eigenen Namen. Finnskattr ist die Samen-Steuer, finnkaup der Handel mit den Samen. Am ausführlichsten erzählt die Egils saga davon, entstanden wohl zwischen 1220 und 1240. Dort erhält ein Mann aus Hålogaland vom König finnferð, konungssýslu á fjalli ok finnkaup – „die Samenfahrt, das Königsamt im Gebirge und den Samenhandel". Später zieht Thorolf Kveldulfsson mit Handelswaren ins Gebirge, nimmt die Steuer ein und handelt mit Fellen. Der Streit darum, wie viel davon beim König ankommt, wird ihm schließlich zum Verhängnis.
Wie viel davon Geschichte des 9. Jahrhunderts ist und wie viel die Verhältnisse des 13. Jahrhunderts spiegelt, lässt sich nicht trennen. Dass das Recht, die Samen zu besteuern und mit ihnen zu handeln, ein lohnendes Königsrecht war, passt aber gut zu Ottars Bericht. Pelze aus dem Norden waren eine der wertvollsten Waren im Handel der Wikingerzeit.
Die berühmteste samische Frau der nordischen Literatur ist Snæfríðr. Die Geschichte steht unter anderem in Ágrip und am ausführlichsten in Snorris Heimskringla. Harald Schönhaar kommt im Winter zu einem Samen namens Svási, dessen Tochter ihm einen Becher reicht. Der König verliebt sich so heftig, dass er sie heiratet und seine Pflichten vergisst. Sie bekommen vier Söhne. Als Snæfríðr stirbt, verwest ihr Leichnam drei Jahre lang nicht, und Harald wacht bei ihr, bis man sie umbettet und Gewürm aus dem Körper kriecht. Erst da erkennt er, dass er verzaubert war.
Das ist Saga, und zwar eine, die viel erklären will: warum ein Teil des Königshauses zweifelhafte Herkunft hat und warum ein großer König so lange vom rechten Weg abkam. Trotzdem steckt darin etwas, das auch sonst auffällt. Ehen zwischen Nordleuten und Samen kommen in der Literatur vor, und zwar fast nur in einer Richtung: nordische Männer, samische Frauen. Auch Königin Gunnhild soll nach Snorri ihre Zauberkunst bei zwei Samen in der Finnmark gelernt haben. Dass es solche Verbindungen tatsächlich gab, ist sehr wahrscheinlich. Wie sie aussahen, sagen die Sagas nicht.
Kein Motiv hängt so fest an den Samen der Sagas wie die Zauberei. Samen sagen die Zukunft voraus, rufen Stürme herbei, schicken ihre Seele in Tiergestalt auf Reisen. Die Historia Norwegie aus dem späten 12. oder frühen 13. Jahrhundert schildert eine Szene, die Forscher oft zitieren: Ein samischer Zauberer versucht, die Seele einer plötzlich gestorbenen Frau zurückzuholen, mit einem Gerät, das wie eine Trommel beschrieben wird und mit Walen, Rentieren, Skiern und einem Boot bemalt ist. Das ist die älteste Beschreibung einer samischen Trommel.
Man muss hier zwei Dinge auseinanderhalten. Die Samen hatten eine eigene Religion mit Trommeln, heiligen Orten und Fachleuten für den Kontakt mit der Anderwelt. Das ist gut belegt, wenn auch meist aus viel späteren Quellen. Die Sagas aber machen daraus ein literarisches Etikett: Wer „Finnr" ist, kann zaubern, und wer zaubern kann, ist gefährlich. Die ostnorwegischen Gesetze, in Handschriften des 14. Jahrhunderts erhalten, verbieten es, in die Finnmark zu fahren, um sich weissagen zu lassen, oder an die Samen zu glauben. Das zeigt zweierlei: dass Nordleute genau das taten, und dass die Kirche darin eine Gefahr sah. Auch die nordische Zauberei, der Seiðr, wurde in den Sagas gern mit den Samen verknüpft.
Die Archäologie liefert ein Bild, das die Texte ergänzt. In Nordschweden und in Norwegen kennt man samische Opferplätze, oft an auffälligen Felsen oder Seen, an denen über lange Zeit Geweihe und Knochen niedergelegt wurden. An einem Dutzend solcher Plätze, darunter Rautasjaure und Unna Saiva in Lappland, lagen auch Metallfunde: Pfeilspitzen, Schmuck, Münzen, darunter norwegische des 11. Jahrhunderts. Julie Lund hat 2015 dafür argumentiert, dass diese Plätze schon in der Wikingerzeit genutzt wurden und dass samische und nordische Opfersitten einander ähnlicher waren, als man lange dachte.
Auch die Grenze selbst war durchlässig. Im Gräberfeld von Vivallen in Härjedalen aus dem 11. und 12. Jahrhundert fand Inger Zachrisson Bestattungen in samischer Art mit Kleidung und Schmuck, wie man sie auch im nordischen Süden trug. Solche Befunde sind schwer zu deuten, denn Gegenstände haben keine Nationalität. Sie zeigen aber, dass die Menschen im Norden nicht in zwei säuberlich getrennten Welten lebten.
Zeitgenössische Schriftquellen sind Tacitus, Prokop und Jordanes aus der Ferne und vor allem Ottars Bericht um 890 aus der Nähe. Sie beschreiben Jäger, Fischer und Rentierhalter, die Abgaben an die Nordnorweger leisten.
Archäologisch belegt sind samische Opferplätze mit Metallfunden, Gräber in samischer Tradition und Handelswaren, die in beide Richtungen gingen.
Spätere Überlieferung sind die Sagas und Chroniken des 12. und 13. Jahrhunderts: Finnskattr und Finnkaup, Snæfríðr und Harald, Gunnhilds Lehrzeit, die Zauberer. Das Zauberer-Motiv ist Literatur mit einem wahren Kern und viel Vorurteil.
Moderne Deutung sind die Gleichsetzung der Fenni mit den Samen, die Natur der Abgabe und die ethnische Zuordnung einzelner Funde.
Was bleibt, ist ein Volk, das die Nordleute brauchten, bewunderten und fürchteten, und das seine eigene Geschichte hat, lange vor ihnen und lange nach ihnen. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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