Er soll geschworen haben, sich Haar und Bart nicht mehr schneiden zu lassen, bis ihm ganz Norwegen gehorche – und am Ende trug er den Beinamen „Schönhaar". Harald Hárfagri gilt als der Mann, der aus einem Flickenteppich aus Kleinkönigreichen ein einziges Reich schmiedete. Das ist eine großartige Geschichte. Sie ist nur leider erst rund dreihundertfünfzig Jahre nach seinem Tod so glatt aufgeschrieben worden. Sehen wir uns an, was gesichert scheint, was Deutung ist und was schlicht eine schöne Sage.

Harald wird in den altnordischen Quellen mit zwei sehr unterschiedlichen Beinamen geführt. Der berühmte ist hárfagri, „Schönhaar" – so kennt ihn die Nachwelt. Davor aber hieß er der Überlieferung nach lúfa, was man ungefähr mit „Zottelhaar" oder „Struwwelkopf" übersetzen kann. Genau dieser Kontrast trägt die ganze Erzählung: Der ungepflegte Königssohn wird erst dann wieder zum Kamm greifen, wenn er sein großes Ziel erreicht hat. Bis dahin bleibt das Haar wild – ein wandelndes Versprechen an sich selbst.
Als historische Gestalt ist Harald in die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts einzuordnen; die Sagas machen ihn zum Sohn eines Kleinkönigs namens Halfdan dem Schwarzen aus dem südöstlichen Norwegen (Vestfold). Handfeste zeitgenössische Urkunden über sein Leben gibt es nicht – wir hören von ihm fast nur durch Dichtung und durch spätere isländische Prosa.
Die bekannteste Szene erzählt Snorri Sturluson in der Heimskringla: Der junge Harald wirbt um eine Frau namens Gyda, doch die weist ihn hochmütig ab – sie wolle keinen König, der nur über ein paar Täler gebiete. Erst wenn er ganz Norwegen unterworfen habe, sei er ihrer würdig. Statt beleidigt zu sein, nimmt Harald die Herausforderung an und schwört, sich Haar und Bart nicht eher schneiden noch kämmen zu lassen, bis ihm das ganze Land untertan sei.
Das gelobe ich, und dabei rufe ich den Gott zum Zeugen, der mich schuf und über allem waltet, dass ich mein Haar niemals schneiden noch kämmen lassen will, bis ich ganz Norwegen gewonnen habe.nach Snorri Sturluson, Heimskringla (Harald-Schönhaar-Saga), gemeinfreie Übersetzung von Samuel Laing, 1844
Ob dieses Gelübde je gesprochen wurde, weiß niemand. Es ist ein erzählerisch perfekter Rahmen: Der Beiname „Schönhaar" bekommt eine Herkunftsgeschichte, und das ungebändigte Haar wird zum Sinnbild des ungebändigten Ehrgeizes. Solche Motive – ein Held bindet sein Aussehen an ein großes Versprechen – sind in der Sagaliteratur beliebt und sollten uns skeptisch machen.
Nach der Sagaerzählung zieht Harald über Jahre kämpfend durch das Land, unterwirft einen Kleinkönig nach dem anderen und bricht den Widerstand der alten Landadeligen. Den krönenden Abschluss bildet eine große Seeschlacht im Hafrsfjord bei Stavanger, in der ein Bündnis widerspenstiger Fürsten aus dem Westen und Südwesten Norwegens endgültig geschlagen wird. Danach, so heißt es, ließ Harald sich endlich das Haar schneiden – und trug fortan den Namen Schönhaar.
Konventionell wird die Schlacht im Hafrsfjord auf etwa 872 datiert. Diese Jahreszahl steht in vielen Büchern, ist aber kein festes Datum, sondern eine gelehrte Schätzung, die sich aus rückgerechneten Königslisten ergibt. Sicher ist nur: Irgendwann im späten 9. Jahrhundert entstand in Norwegen eine deutlich größere Herrschaft als zuvor – wie groß genau und wie dauerhaft, ist eine ganz andere Frage.
Spannender als die Schlachten ist, was Harald der Überlieferung nach mit dem eroberten Land tat. Die Sagas berichten, er habe sich das Eigentumsrecht am Boden angeeignet: Die freien Bauern hätten fortan Abgaben für ihr angestammtes Erbland, das Odal, entrichten müssen, und über die Landschaften habe er Jarle und Gefolgsleute als Verwalter eingesetzt. Aus vielen selbständigen Kleinkönigen und stolzen Grundbesitzern wurden so – im Bild der Saga – Untergebene eines einzigen Herrschers.
Historisch ist dieses Bild mit Vorsicht zu genießen. Es spiegelt zumindest ebenso sehr die Sorgen der isländischen Schreiber des 13. Jahrhunderts wider, die um Freiheit und Odalrecht ihrer eigenen Zeit rangen, wie die tatsächlichen Verhältnisse um 880. Dass Harald die Machtverhältnisse verschob, ist plausibel. Dass er ein durchorganisiertes Steuerkönigtum über ganz Norwegen aufbaute, ist wohl übertrieben.
Als Folge von Haralds harter Hand, so erzählen es die Sagas, hätten viele stolze Häuptlinge das Land verlassen: Sie segelten hinaus auf die Inseln und über den Nordatlantik – zu den Orkneys, den Färöern, den Hebriden und vor allem nach Island. Die norwegische Reichseinigung wird damit zum Startschuss der isländischen Landnahme. Wer sich unter Harald nicht beugen wollte, suchte sein Glück im Westen.
Dieses Erklärmuster ist elegant, aber mit Bedacht zu lesen. Für viele Auswanderer gab es handfeste Gründe – Land, Handel, Ehrhändel, schlicht Abenteuerlust –, und die Vorstellung, „alle flohen vor Harald", ist zum Teil ein literarisches Gründungsmotiv der Isländer, die ihren Ahnen gern eine stolze, freiheitsliebende Herkunft gaben. Wer tiefer in diese Welt eintauchen will, findet sie bei Erik dem Roten, der noch weiter nach Westen bis Grönland vorstieß, bei der Siedlerin Aud der Tiefsinnigen und im großen Überblick zu den Wikingern im Nordatlantik. Dass zur selben Zeit auch im Süden Wikinger Land gewannen, zeigt die Geschichte von Rollo und der Normandie.
Harald war der Überlieferung nach mehrfach verheiratet und hatte eine ganze Schar von Söhnen. Das ist kein Klatsch, sondern die Wurzel des nächsten Kapitels: Wo viele Erben sind, ist der Streit ums Erbe nah. Nach Haralds Tod zerfiel das mühsam gefügte Reich prompt in Rivalitäten. Sein Sohn Erik, der den wenig schmeichelhaften Beinamen „Blutaxt" trug, versuchte die Brüder mit Gewalt auszuschalten und geriet dadurch selbst ins Abseits. Erst der jüngere Håkon, am englischen Königshof christlich erzogen und darum „der Gute" genannt, brachte für eine Weile wieder Ruhe.
Damit zeigt sich das eigentliche Problem der glatten Sagaerzählung: Ein Reich, das angeblich in einer Schlacht geeint wurde, zerfällt gleich nach dem Tod des Einigers wieder in Teilreiche. Die norwegische Königsherrschaft war eben kein fertiger Staat, sondern eine wackelige Konstruktion, die jede Generation neu erkämpft werden musste.
Beleg: Dass es im späten 9. Jahrhundert in Norwegen einen mächtigen König Harald gab, der die Herrschaft über mehrere Landschaften bündelte, wird von der Skaldendichtung gestützt, die noch zu seinen Lebzeiten oder kurz danach entstand und ihn und den Sieg im Hafrsfjord besingt – Dichtung, die mündlich weitergegeben und später aufgezeichnet wurde. Sicher ist außerdem, dass in dieser Epoche die Besiedlung Islands begann und die norwegische Königsmacht in den folgenden Generationen tatsächlich weiterwuchs.
Mythos-Check: Die zusammenhängende Lebensgeschichte stammt aus Snorris Heimskringla und verwandten Sagas – also aus dem 13. Jahrhundert, rund 350 Jahre nach den Ereignissen. Das Bild „ein Mann einigt Norwegen in einer einzigen Schlacht" ist eine Saga-Vereinfachung. Datierung, Umfang und sogar die genaue historische Bedeutung der Schlacht im Hafrsfjord sind umstritten; „~872" ist eine Rückrechnung, kein überliefertes Datum. Das Gelübde vom ungeschnittenen Haar ist erst spät bezeugt und ein typisches Erzählmotiv. Und die Formel „alle flohen wegen Harald nach Island" ist zu einem guten Teil literarisches Gründungsmotiv, kein nüchterner Reisebericht.
So gewaltig Haralds Ruf ist, so dünn ist der Boden, auf dem er steht. Kein einziger Zeuge hat ihn zu Lebzeiten beschrieben. Der älteste Anhaltspunkt stammt von Ari fróði Þorgilsson, dem isländischen Chronisten des frühen 12. Jahrhunderts, der Haralds Regierung als Zeitanker für die Besiedlung Islands benutzt — also gut zweihundert Jahre nach den Ereignissen. Danach reihen sich die Königsgeschichten: das knappe Ágrip (um 1190), die Fagrskinna und schließlich, um 1230, Snorri Sturlusons große Heimskringla, die Harald das erste ausführliche Lebensbild schenkt. Zwischen dem Mann und seinen Biografen liegen also rund drei Jahrhunderte mündlicher Überlieferung, Skaldenverse und literarischer Ausschmückung. Die einzigen wirklich zeitnahen Stimmen sind Skalden wie Þorbjörn hornklofi, dessen Haraldskvæði einen siegreichen König und eine große Seeschlacht preist — Preislyrik freilich, kein Geschichtsbuch.
Das berühmte Jahr 872 für die Schlacht im Hafrsfjord ist deshalb eine Konvention, kein Messwert. Die moderne Forschung setzt das Ereignis irgendwo zwischen 872 und rund 900 an; manche Historiker zweifeln überhaupt an einer einzelnen, reichsgründenden Entscheidungsschlacht und vermuten eher einen langen, unordentlichen Prozess aus vielen kleinen Machtkämpfen. Selbst die Reichweite von Haralds Herrschaft — ganz Norwegen oder doch nur die Küste im Westen und Südwesten? — ist umstritten. Wer heute am Hafrsfjord steht, sieht das mächtige Denkmal „Sverd i fjell", drei in den Fels gerammte Bronzeschwerter. Es wirkt uralt, stammt aber von 1983. Die zeitgenössischen Fotos vom Schlachttag sind uns leider ausgegangen.
Die Sagas erzählen Haralds Aufstieg als kühle Verwaltungsrevolution: Er habe die Kleinkönige und trotzigen Häuptlinge einen nach dem anderen unterworfen, ihre Gebiete in Verwaltungseinheiten (fylki) gegliedert und über jede einen jarl oder Statthalter gesetzt, der Abgaben eintrieb und Recht sprach. Wer sich nicht beugen wollte, verlor Land und Rang — oder das Leben. Der schärfste und umstrittenste Punkt aber betrifft den Boden selbst.
König Harald erließ in allen Ländern, die er eroberte, das Gesetz, dass aller Odalbesitz ihm gehören solle und dass die Bauern, große wie kleine, ihm für ihren Grund Landabgaben zahlen müssten.Snorri Sturluson, Heimskringla, Haralds saga hárfagra; Übersetzung nach Laing 1844: Glanz & Gravur
Das ist eine erstaunlich moderne Vorstellung von Staat — der König als oberster Grundherr, der freie Bauer plötzlich als Steuerzahler auf seinem eigenen Erbland. Genau hier ist Vorsicht geboten. Viele Fachleute halten diese saubere „Verstaatlichung" des Odal-Landes für eine Rückprojektion: Snorri und seine Vorgänger schrieben im Hochmittelalter, als das norwegische Königtum tatsächlich ein solches Steuer- und Lehnswesen besaß, und legten dessen Logik dem Reichsgründer in den Mund. Dass Harald mächtige Gefolgsleute belohnte, Gegner enteignete und eine Schicht loyaler Statthalter aufbaute, ist plausibel; dass er aber ein durchorganisiertes Abgabensystem aus dem kargen Fels stampfte, ist eher Wunschbild der späteren Krone als gesicherte Verwaltungsgeschichte. Die Einigung Norwegens war vermutlich weniger ein Gründungsakt als ein zäher Anfang — ganz ähnlich wie das, was den dänischen Königen später am Stein von Jelling zugeschrieben wurde.
Zu Haralds treuesten Verbündeten zählt in den Sagas Rögnvald Eysteinsson, der Jarl von Møre. Als Wikinger von den Inseln im Westen immer wieder die norwegische Küste heimsuchten — nicht selten dieselben Männer, die vor Harald geflohen waren —, soll er eine Strafexpedition über die See geführt und anschließend die Orkneys und Shetlands an Rögnvalds Familie übertragen haben. Das war die Geburtsstunde des mächtigen Orkney-Jarltums, das die nordischen Inseln im Norden Britanniens über Jahrhunderte prägte.
Noch folgenreicher ist eine andere Behauptung der isländischen Überlieferung: Ein Sohn Rögnvalds, Gǫngu-Hrólfr — „Hrólf der Geher", angeblich zu schwer für jedes Pferd —, sei aus Norwegen verbannt worden und schließlich als jener Rollo in der Normandie gelandet, der 911 vom Frankenkönig ein Herzogtum erhielt und zum Stammvater Wilhelms des Eroberers wurde. Damit hätte Harald indirekt eine Linie begründet, die 1066 auf dem englischen Thron endete. So elegant sich dieser Faden auch spinnt: Die Gleichsetzung des norwegischen Hrólfr mit dem Normannen Rollo ist Jahrhunderte jünger, und dänische Quellen beanspruchen Rollo umgekehrt für sich. Seine Herkunft ist schlicht nicht zu entscheiden — ein Musterfall dafür, wie gern Sagas berühmte Namen zu einem einzigen glänzenden Stammbaum verknüpfen.
Harald war, wenn man den Quellen glaubt, ebenso fleißig im Zeugen wie im Erobern. Die Sagas schreiben ihm zahlreiche Frauen und ein gutes Dutzend Söhne zu — und legten damit den Keim für den Zerfall des Reiches gleich mit an. Zu Lebzeiten setzte er einzelne Söhne als Unterkönige ein und übergab die Oberherrschaft schließlich Eirik, der den wenig schmeichelhaften Beinamen „Blutaxt" trug, weil er mehrere seiner Brüder aus dem Weg räumte. Ein anderer Sohn, Håkon, wuchs derweil weit weg am Hof des englischen Königs Æthelstan auf, wurde dort christlich erzogen und kehrte als „Håkon der Gute" zurück, um Eirik zu vertreiben.
Das Ergebnis war eher Familienfehde als geordnete Thronfolge. Kaum war Harald tot, zerfiel die mühsam zusammengezwungene Einheit wieder in konkurrierende Herrschaften; norwegische Könige, dänische Oberherren und rebellische Jarle rangen über Generationen um das Erbe, das der große Einiger hinterlassen hatte. Wer diesem Gezerre entgehen wollte, auf der Verliererseite stand oder schlicht sein eigener Herr bleiben wollte, suchte sein Glück oft weit weg — im Nordatlantik, auf Island und darüber hinaus. Haralds Reich war damit weniger ein dauerhafter Staat als ein Moment, den seine Nachkommen immer wieder neu erkämpfen mussten.
Zum großen Einiger des Vaterlands wurde Harald erst lange nach seinem Tod — und am gründlichsten im 19. Jahrhundert. Als Norwegen seine nationale Identität gegen Dänemark und Schweden zu behaupten suchte, kam ein Urkönig, der das Land „zum ersten Mal" vereint hatte, wie gerufen. Dichter, Historiker und Festredner machten aus dem sagenhaften Harald das Fundament einer tausendjährigen Nation, und aus dem Hafrsfjord wurde ein Gründungsmythos mit Denkmal und Feiertagsglanz. Ein Held, der so gut passt, wird selten allzu kritisch befragt.
Die Hauptquelle für all das bleibt Snorri — ein glänzender Erzähler, aber eben ein Autor des 13. Jahrhunderts mit Sinn für Dramatik und für königliche Ahnentafeln, die seinen eigenen Gönnern gefielen. Seine Heimskringla ist große Literatur und ein Schatz für die Kulturgeschichte, aber kein Protokoll. Dass der Norden nie ein einziger Block war, sondern sich die Wikinger je nach Region ganz unterschiedlich orientierten, gehört zum ehrlichen Bild dazu. Harald Schönhaar bleibt deshalb eine faszinierende Doppelgestalt: halb historischer Machtmensch, halb national aufpolierte Erinnerung — und gerade diese Mischung macht ihn so haltbar.
Beleg: Gesichert ist wenig und spät. Ari fróði (frühes 12. Jh.) nennt Haralds Regierung als Zeitanker für die Landnahme Islands; Skaldenverse wie Þorbjörn hornklofis Haraldskvæði preisen einen siegreichen König und eine große Seeschlacht. Ausführliche Lebensbilder liefern erst Ágrip, Fagrskinna und Snorris Heimskringla (um 1230) — rund drei Jahrhunderte nach den Ereignissen.
Mythos-Check: „872" ist eine Konvention (Forschung: ca. 872–900), und ob der Hafrsfjord überhaupt die eine reichsgründende Schlacht war, ist offen. Die geschlossene „Verstaatlichung" des Odal-Landes gilt vielen als Rückprojektion des Hochmittelalters. Rollo als Sohn Rögnvalds von Møre ist unbeweisbar; seine Herkunft bleibt strittig. Das Denkmal „Sverd i fjell" wirkt uralt, wurde aber erst 1983 errichtet — und Harald als „Vater der Nation" ist wesentlich ein Bild des 19. Jahrhunderts.

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