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Der Sax – das einschneidige Kurzschwert der Germanen

Geschichte & Funde Der Sax – das einschneidige Kurzschwert der Germanen

Kein anderes Stück Eisen taucht in germanischen Gräbern so oft auf und wird so gründlich missverstanden wie der Sax. Er ist Messer und Waffe zugleich, Beigabe und Werkzeug, Statussymbol und Fleischschneider. Er datiert Gräberfelder auf ein Vierteljahrhundert genau, er trägt die einzige vollständige Runenreihe Englands, und er heißt in der Fachliteratur fast nie so, wie ihn die halbe Mittelalterszene nennt. Ein Deep-Dive über eine Waffe, die viel älter ist als die Wikinger – und viel interessanter.

Ein Messer, das kein Messer mehr ist

Ein Sax ist, kurz gesagt, eine einschneidige Klinge mit gerader oder geknickter Rückenlinie, aus einem Stück geschmiedet, mit einer Griffangel statt eines Schwertgriffs. So weit die Definition. Das Problem beginnt sofort danach: Wo hört das Messer auf und wo fängt die Waffe an? Die Antwort der Archäologie ist ernüchternd pragmatisch – sie zieht Grenzen bei Zentimetern. Alles unter etwa 20 Zentimetern Klingenlänge zählt in den meisten Studien als Gebrauchsmesser, alles darüber wird gezählt, vermessen und einsortiert.

Diese Willkür ist keine Schlamperei, sondern Notwehr. Die Übergänge sind fließend, und die Fundgattung reicht von der Küchenklinge bis zum halben Schwert. Wer über den Sax redet, redet deshalb nie über ein Objekt, sondern über eine Familie von Objekten, die sich über rund vierhundert Jahre stetig verändert hat. Und die sich, das ist der Reiz, gerade deswegen so gut datieren lässt.

Woher das Wort kommt

Hinter allen Formen steht ein urgermanisches Wort, rekonstruiert als *sahsa-, mit der schlichten Bedeutung „Messer, kurzes Schwert". Es lebt weiter im althochdeutschen sahs, im altenglischen seax, im altnordischen sax, im altsächsischen und altfriesischen sax – das saterfriesische Saaks für „Messer" ist bis heute in Gebrauch.

Am schönsten hat sich das Wort im modernen Skandinavien gehalten, allerdings mit einem Bedeutungssprung, über den jeder Reenactor irgendwann stolpert: Schwedisch sax, dänisch und norwegisch saks, finnisch (entlehnt) sakset bedeuten heute schlicht „Schere". Aus der Kriegerklinge ist ein Haushaltsgegenstand geworden – die Zweischneidigkeit im Wortsinn ist geblieben. Im Deutschen war die Sache lange unentschieden: Adelung führt das Wort 1811 noch als das Sachs, heute setzen Duden und Brockhaus der Sachs beziehungsweise der Sax an.

Und die Sachsen? Eine schöne Geschichte mit einem Haken

Der naheliegendste Gedanke ist auch der älteste: Die Sachsen heißen nach ihrer Waffe, sie sind die „Messerleute". Erzählt hat das im 10. Jahrhundert Widukind von Corvey in seiner Sachsengeschichte (Res gestae Saxonicae I,6–7): Bei einer Friedensverhandlung mit den Thüringern hätten die Sachsen Messer unter den Mänteln verborgen gehabt, die unbewaffneten Verhandlungspartner niedergemacht – und von dieser Tat ihren Namen bekommen.

Das ist eine gute Geschichte. Es ist keine Etymologie. Widukind schreibt rund fünfhundert Jahre nach den Ereignissen, die er beschreibt, und er schreibt als Hofhistoriograph einer sächsischen Dynastie, die eine glanzvolle Vorgeschichte brauchte. Vor allem aber: Der Volksname ist deutlich älter als die Waffe, an die man ihn hängt. Saxones begegnet bereits in der Geographie des Klaudios Ptolemaios im 2. Jahrhundert – zu einer Zeit, in der es den merowingerzeitlichen Schmalsax noch gar nicht gab. Wer die Sachsen nach dem Sax benennt, benennt ein Volk nach einer Waffe, die erst dreihundert Jahre später Mode wird.

Damit ist die Verbindung nicht vollständig erledigt. Einschneidige Messer namens sahs gab es lange vor dem Merowingersax, und Forscher wie Albert Genrich und Manfred Rech halten es für möglich, dass der Name auf Kriegergruppen im chaukischen Umfeld zurückgeht, die nach ihrer Hauptwaffe bezeichnet wurden. Möglich – aber eben unbewiesen. Sauber formuliert lautet der Stand: Beide Wörter existieren, ein Zusammenhang ist denkbar, die Richtung der Ableitung ist offen, und Widukinds Erzählung belegt nur, was man im 10. Jahrhundert gern geglaubt hätte. Mehr zu diesem Volk steht in unserem Überblick zu den Sachsen.

Scramasax – das berühmteste Wort, das fast nie vorkommt

In Museen, Katalogen und Onlineshops heißt der lange Sax gern „Scramasax". Das klingt nach Fachterminologie und ist in Wahrheit eine Einzelbelegstelle. Gregor von Tours schildert in seiner Fränkischen Geschichte (Historia Francorum IV,51) die Ermordung König Sigiberts I. im Jahr 575 in Vitry – und liefert dabei das einzige antike Vorkommen des Wortes:

Tunc duo pueri cum cultris validis, quos vulgo scramasaxos vocant, infectis veneno, maleficati a Fredegunde regina, cum aliam causam suggerire simularent, utraque ei latera feriunt.

„Da stachen ihm zwei Burschen mit kräftigen Messern, die man gemeinhin Scramasaxe nennt und die mit Gift bestrichen waren, von beiden Seiten in die Flanken – gedungen von Königin Fredegunde und unter dem Vorwand, sie hätten etwas ganz anderes vorzubringen."Gregor von Tours, Historia Francorum IV,51 (MGH SS rer. Merov. 1,1); Übersetzung: Glanz & Gravur

Ein zweiter, jüngerer Beleg steht im Liber Historiae Francorum (um 727, Kap. 35), wo dieselbe Tat mit duobus scramsaxiis beschrieben wird – also einer Variante desselben Wortes, aus derselben Erzähltradition. Das ist die gesamte Quellenbasis. Was scrama- überhaupt bedeutet, ist bis heute ungeklärt; Deutungen von „Wunde" bis „scharf" konkurrieren, keine überzeugt. Die neuere Forschung meidet den Begriff daher weitgehend und spricht von Langsax oder schlicht von Sax. Und Vorsicht bei der Datierung: Gregors Tat spielt 575, also Jahrzehnte vor der Zeit der eigentlichen Langsaxe. Er meint mit größter Wahrscheinlichkeit kräftige Kampfmesser, nicht die späten Riesenklingen, die man heute unter dem Namen verkauft.

Zwei Bauweisen, ein Prinzip

Bevor es an die Typen geht, lohnt der Blick auf die Konstruktion, denn daran hängt alles Weitere. Die Forschung trennt zwei Baugruppen. Die älteren, vormerowingerzeitlichen Saxe haben eine rückenständige Angel: Der Klingenrücken läuft ohne Absatz geradlinig in die Angel über, seitlich waren Griffschalen aufgenietet – im Grunde ein großes Messer.

Die merowingerzeitlichen Saxe dagegen haben eine mittelständige Angel mit aufgeschobener Hilze, also einem Griffholz, das über die Angel geschoben wird. Die Angel ist schmaler als die Klinge und sitzt mit Absätzen auf Rücken und Schneide auf. Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist aber der eigentliche Bruch: Aus einem vergrößerten Messer wird ein Waffengriff, der Schläge aushält, weil die Klingenschultern die Kraft auffangen. Ab hier ist der Sax kein großes Messer mehr, sondern eine eigene Waffengattung.

Der Ausreißer am Anfang: der schmale Langsax des 5. Jahrhunderts

Kurios ist, dass am Beginn der merowingerzeitlichen Reihe ausgerechnet die längste Form steht. Der „lange Schmalsax" des 5. bis frühen 6. Jahrhunderts hat Klingen von über 30 Zentimetern bei einer Breite von deutlich unter zehn Prozent der Länge – ein extrem schlankes Gerät. Verbreitet ist er vor allem im mittleren Donauraum und im heutigen Südwestdeutschland, vereinzelt bei den Franken und in Gallien.

Dieter Quast hat vorgeschlagen, die Form auf reiternomadische Vorbilder zurückzuführen, die über byzantinische Vermittlung zu den Alamannen gelangten. Zu den prominentesten Stücken gehören ein Scheidenbeschlag aus dem Grab Childerichs I. und eine goldene Grifftülle aus dem Fürstengrab vom Ailenberg. Wichtig für das Verständnis der weiteren Entwicklung: Dieser frühe schmale Langsax gilt nicht als Ahnherr der folgenden Reihe. Er ist eine Sackgasse mit prächtigen Vertretern – die eigentliche Linie beginnt kleiner.

Kurzsax: die dolchartige Stufe

Der Kurzsax hat bei 28 bis 30 Millimetern Breite eine durchschnittliche Blattlänge von 200 bis 250 Millimetern. Die Klinge ist schlicht und messerähnlich, die Spitze sitzt zwischen Mitten- und Rückenlinie, die kurze Angel ist mittig angesetzt, Metallbeschläge am Griffholz sind selten. Diese Klingen sind Weiterentwicklungen spätantiker Messerformen, und um die Mitte des 5. Jahrhunderts erreichen sie im fränkischen Bereich ihre größte Verbreitung – in Niederdeutschland fehlen sie zu dieser Zeit noch.

Geführt wurde der Kurzsax nach Einschätzung der Forschung dolchartig, also stechend. Das passt zu Gregors Mordszene ebenso wie zu der Beobachtung, dass Kurzsaxe in den Gräbern meist als Zusatzbewaffnung neben dem Schwert liegen, nicht als Hauptwaffe.

Schmalsax I und II: die Waffe wird erwachsen

Ab der Mitte des 6. Jahrhunderts wachsen die Klingen auf durchschnittlich 300 Millimeter Länge bei rund 30 Millimetern Breite. Die Angel wird lang, sitzt auf Klingenschultern, und die Hilze trägt nun häufig eine Hilzenplatte, ein bündiges Stichblatt und einen Knauf. Die Gesamtlänge erreicht bis zu 400 Millimeter. Jetzt tauchen Schmalsaxe auch in Niederdeutschland auf.

Ab dem letzten Viertel des 6. Jahrhunderts folgt der Schmalsax II – und der ist, entgegen der Erwartung, schlichter gearbeitet als sein Vorgänger. Durchschnittlich 290 Millimeter Blattlänge, etwa 33 Millimeter Breite, Spitze auf der Mittellinie, kürzere Angelstümpfe, keine Verzierung. Solche Rückschritte im Aufwand sind typisch für die Fundgattung: Der Sax wird häufiger, breiter gestreut und damit alltäglicher. Was viele haben, muss nicht mehr glänzen.

Breitsaxe: die Machete der Merowingerzeit

Ende des 6. Jahrhunderts kippt die Proportion. Der leichte Breitsax kommt auf durchschnittlich 305 Millimeter Länge bei 43 Millimetern Breite, der schwere Breitsax auf 355 Millimeter bei rund 49 Millimetern. Die mittenständigen Angeln erreichen häufig die Länge des Blattes. Die Klingen tragen Zierrillen und rechteckige Hohlkehlen, die der Rückenlinie folgen; schmiedetechnische Besonderheiten fehlen weitgehend, dafür finden sich auf einigen Breitsaxen Inschriften in Runen oder lateinischen Buchstaben.

Vor allem aber wird jetzt die Scheide zum Prunkstück, dazu gleich mehr. Auffällig sind die Knäufe: Sie tragen ab dieser Phase oft kräftige plastische Verzierungen – Tiergestalten, bärtige Gesichter, selten auch Phallusdarstellungen, die auf spätrömische Vorbilder aus Gallien zurückzugehen scheinen. Breitsaxe wurden häufig als Zweitwaffe neben der Spatha getragen und dürften wie eine Machete geführt worden sein: hauend, nicht stechend.

Langsax: fast ein Schwert

Ab dem letzten Viertel des 7. Jahrhunderts werden die Klingen wieder schlanker und deutlich länger – durchschnittlich 490 Millimeter bei rund 42 Millimetern Breite, in der Endphase im Schnitt 520 Millimeter. Verfeinerte Schmiedetechnik und Damaszierung erlauben es, diese Länge leicht genug zu halten; der Schwerpunkt rückt in die Nähe der Klingenschulter, die Waffe wird handlich wie ein Schwert. In der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts wandert die Spitze in Richtung Schneidenlinie.

Bemerkenswert ist die regionale Aufteilung. In den sächsisch geprägten Landschaften – Westfalen, Niedersachsen – tritt der Langsax als alleinige Hauptwaffe auf, ohne Spatha. In friesisch und fränkisch geprägten Regionen ist er einfacher gearbeitet und begleitet das zweischneidige Schwert als Beiwaffe. Zwei Gesellschaften, zwei Bewaffnungsphilosophien, dieselbe Klinge. Wie sich das in die übrige Ausrüstung einfügt, zeigt unsere Waffenkunde.

Wer diese Ordnung gemacht hat

Die Reihe Kurzsax – Schmalsax – Breitsax – Langsax fällt nicht vom Himmel. Ihr Fundament legte Kurt Böhner 1958 mit „Die fränkischen Altertümer des Trierer Landes", der ersten großen chronologischen Auswertung eines fränkischen Fundgebiets. Böhners Einteilung wurde vielfach korrigiert – er ist heute etwa der einzige namhafte Forscher, der die Nutzung des Langsax noch bis ins 9. Jahrhundert hinein annimmt, während die Mehrheit spätestens mit dem 8. Jahrhundert Schluss macht.

Verfeinert wurde das System unter anderem durch Wolfgang Hübener 1988, durch Jo Wernards Studie zum einschneidigen Schwert der Merowingerzeit in Süddeutschland (Germania 76, 1998) und durch Frank Siegmunds „Merowingerzeit am Niederrhein" (1998). Die heute meistzitierte Zusammenfassung mit den oben genannten Maßen stammt von Herbert Westphal im Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (Band 26, 2004). Wer also „nach Böhner" sagt, meint fast immer ein System, an dem seither vier Jahrzehnte weitergearbeitet wurde.

Der Sax als Uhr im Gräberfeld

Warum dieser Aufwand um Millimeter? Weil der Sax eines der besten Datierungsmittel der Merowingerzeit ist. Er verändert sich schnell, er liegt häufig im Grab, und er lässt sich messen. Kombiniert man ihn per Seriation und Korrespondenzanalyse mit Gürtelgarnituren, Fibeln und Perlen, entsteht eine Feinchronologie, die einzelne Bestattungen auf Zeitspannen von teils nur fünfzehn bis fünfundvierzig Jahren eingrenzt.

Siegmund hat für den Niederrhein genau das getan: elf Niederrhein-Phasen zwischen der Mitte des 5. und der Mitte des 8. Jahrhunderts, gestützt auf 316 Männer- und 215 Frauengräber mit 158 beziehungsweise 124 Typen. Zusammen mit den südwestdeutschen Modephasen wurde daraus die Grundlage der heutigen süddeutschen Chronologie. Ein Sax ist damit weniger eine Waffe als ein Zeitstempel – nur einer, den man in die Hand nehmen kann.

Niederrhein und Krefeld-Gellep: Fundlandschaft vor der Haustür

Für eine Werkstatt bei Aachen ist das keine ferne Materie. Der Niederrhein gehört zu den am dichtesten erforschten Sax-Landschaften Europas, und das Gräberfeld von Krefeld-Gellep, dem römischen Gelduba, ist ihr Zentrum: über 6.000 untersuchte Gräber, eine Belegung vom 1. bis ins 8. Jahrhundert und damit eine der seltenen Siedlungskontinuitäten von der römischen bis in die merowingische Zeit.

Ausgegraben hat zunächst ab den 1930er Jahren Albert Steeger, ein Geologe und Schulleiter, der 1936 seinen Schuldienst quittierte, um sich ganz der Grabung zu widmen; nach seinem Tod 1959 übernahm Renate Pirling, die 1962 das reich ausgestattete Grab 1782 freilegte. Rechnet man die Nachbargebiete hinzu – die Räume der Franken zwischen Maas und Rhein –, liegt hier ein Materialbestand, an dem sich die gesamte Sax-Entwicklung ablesen lässt, keine hundert Kilometer von unserer Werkbank entfernt.

Die Scheide: der eigentliche Schmuck

Wer nur auf die Klinge schaut, verpasst das Kunsthandwerk. Bei den Breitsaxen sind es die Scheiden, die den Aufwand tragen: Leder über Holz, gefasst mit Scheidenmundblechen und Ortbändern, besetzt mit Reihen von Bronzenieten und Knöpfen, dazu punzierte oder geschnittene Lederverzierung. Die Mundbleche der Originale sind aus Bronze und zeigen Motive wie Triskele oder Tierwirbel, die in Vogelköpfen auslaufen.

Getragen wurde der Sax nicht am Schwertgehänge, sondern annähernd waagerecht am Gürtel, quer über Bauch oder Hüfte, befestigt über mehrere Trageösen und Lederschlaufen. Das ergibt Sinn: eine Waffe, die man im Gedränge und im Sitzen erreicht, ohne einen halben Meter Klinge über dem Boden zu haben. Bei den späteren Langsaxen kippt der Aufwand übrigens zurück – ihre Scheiden sind im Vergleich zu den Breitsaxen auffällig schlicht und beschränken sich rückseitig oft auf kleine eiserne Ösenbügel. Die Prachtentfaltung wandert von der Scheide in die Klinge.

Was im Stahl steckt

Lange galt der Sax als grobes Hiebmesser aus mäßigem Eisen – die schlichtere Verwandtschaft des edlen Schwertes. Diese Einschätzung ist widerlegt. In einem Projekt von Stefan Mäder wurden 1999 Saxklingen vom japanischen Spezialisten Sasaki Takushi poliert und vom Schwertschmied Amada Akitsugu beurteilt, mit erstaunlichem Ergebnis.

Eine untersuchte Klinge aus Bad Krozingen, datiert zwischen 550 und 650, erwies sich als Kompositklinge aus Kernstahl und Mantelstahl mit unterschiedlichem Kohlenstoffgehalt. Der Kernstahl war rund zehnfach gegärbt, der Mantelstahl homogen mit etwa 0,5 Prozent Kohlenstoff. Die Klinge war selektiv gehärtet – im Schneidenbereich ließen sich Martensitkristalle nachweisen, wohl mithilfe einer wärmedämmenden Auflage erzeugt – und anschließend angelassen. Das ist kein Grobschmiedewerk, das ist kontrollierte Wärmebehandlung. Wie so etwas praktisch entsteht, beschreibt unser Artikel zur Schmiedekunst.

Waffe oder Werkzeug? Beides, und das ist der Punkt

Die Frage wird gern als Entweder-oder gestellt und lässt sich nicht so beantworten. Ein Kurzsax ist Zweitwaffe und Alltagsgerät zugleich; ein schwerer Breitsax ist ohne Zweifel eine Waffe; ein schmaler Langsax skandinavischer Prägung war, nach Häufigkeit und Form zu urteilen, eher ein Schlacht- und Zerlegemesser als eine Kampfklinge. Für die angelsächsischen Stücke hat Rosalind Gale genau das schon 1989 formuliert.

Ein Fund untermauert es hübsch: Das lange Messer aus dem Schiffsgrab von Oseberg lag zusammen mit Küchengerät. Umgekehrt gilt: Das gewöhnliche Gebrauchsmesser, altnordisch knifr, ist der häufigste Metallfund der Wikingerzeit überhaupt und trug jeder – Frauen wie Männer – am Gürtel. Zwischen diesem Alltagsmesser und dem zweischneidigen Schwert spannt sich das ganze Spektrum auf, und der Sax füllt die Mitte. Die Grenze war schon damals unscharf, und die Trennung in „Waffe" und „Werkzeug" ist unsere Kategorie, nicht ihre.

Schrift auf der Klinge: Beagnoth und Sittingbourne

Das berühmteste Einzelstück der Gattung fand 1857 der Arbeiter Henry J. Briggs in der Themse bei Battersea: den Sax von Beagnoth, heute im British Museum (Inv. 1857,0623.1). 72,1 Zentimeter Gesamtlänge, davon 55,1 Zentimeter Klinge und 17 Zentimeter Angel, 985 Gramm schwer, datiert ins 10. Jahrhundert. In eingehauene Rillen sind gedrehte Drähte aus Kupfer, Messing und Silber eingehämmert, dazu Dreiecke und Rauten – auf einer Seite ein Rautenmuster, das möglicherweise Musterschweißung imitieren soll.

Auf der anderen Seite steht das, was das Stück einzigartig macht: die vollständige angelsächsische Runenreihe mit allen 28 Zeichen – der einzige bekannte epigraphische Beleg des kompletten Futhorc – und, durch ein Fischgrätmuster abgesetzt, der Männername Beagnoþ. Die Reihe ist allerdings fehlerhaft: Die Runen 20 bis 23 stehen in einer Folge, die sonst nirgends belegt ist, das kleine s wirkt nachträglich eingequetscht, und mehrere Zeichenformen sind ungewöhnlich. Der Handwerker war offenbar kein geübter Runenritzer und hat vermutlich von einer Handschrift abgeschrieben.

Wer Beagnoth war, ist offen. Raymond Page zählt vier Möglichkeiten auf – Schmied, Runenmeister, Besitzer oder Schenker – und schließt mit dem ehrlichsten Satz der Forschungsliteratur: Wir können es nicht entscheiden. Klarer ist der Sax von Sittingbourne aus Kent, ein Stück des 9. Jahrhunderts mit Knickrücken, das in insularen Majuskeln gleich beides nennt: „Biorhtelm machte mich" und „Sigebereht besitzt mich". Zwei Namen, zwei Rollen, eine Klinge. Wer heute über Gravur nachdenkt, findet hier die älteste Version des Themas – mehr dazu in unserem Überblick zu den Runen.

Und in der Wikingerzeit? Weniger, als alle denken

Jetzt der unangenehme Teil. Der Sax gilt in der Populärkultur als Wikingerwaffe – und genau dort ist er am dünnsten belegt. Tomáš Vlasatý hat das skandinavische Material gesichtet: In Dänemark sind ganze vier lange Messer des betreffenden Typs bekannt, drei davon aus Haithabu und eines aus Schonen, gegenüber weit über hundert Schwertfunden. In Norwegen kommen etwa zwanzig Stücke sicher in die Zeit nach 800, meist 20 bis 35 Zentimeter lang und 2 bis 3 Zentimeter breit. Auf Gotland sind es 18 lange Messer – bei insgesamt rund 800 Messern.

Die einzige echte Blüte ist eine Mode des 10. Jahrhunderts in Mittelschweden, wo mindestens 54 lange Messer bekannt sind, viele mit aufwendig verzierten Scheiden, die Klinge und Griff umschließen; damit man sie herausziehen konnte, saß am Griffende ein kleiner Ring mit Lederschlaufe. Die Formensprache dieser Scheiden ist baltisch beeinflusst. Was in Skandinavien tatsächlich die Nachfolge antritt, sind nicht Saxe, sondern einschneidige Schwerter: Jan Petersen zählte 1919 allein 370 Stück, rund 23 Prozent aller von ihm erfassten norwegischen Schwerter. Um die Mitte des 10. Jahrhunderts verschwinden auch sie zugunsten der zweischneidigen Klinge.

Wie der Sax verschwand

Auf dem Kontinent endet die Geschichte im 9. Jahrhundert – aber Vorsicht mit dem Schluss. Was in dieser Zeit endet, ist zunächst die Beigabensitte: Es hören die Waffengräber auf, nicht zwingend die Waffen. Dass der Langsax noch länger im Gebrauch war, legt etwa eine Darstellung im Stuttgarter Psalter (WLB Cod.bibl.fol.23, fol. 5v, um 820/830) nahe.

Der eigentliche Grund dürfte anderswo liegen: In der karolingischen Reformzeit entstehen zentrale Werkstätten, die zweischneidige Schwerter in bis dahin unbekannter Zahl und Qualität liefern, mit besseren Klingen und fortschrittlicheren Gefäßen. Gegen diese Waffenrevolution wirkte der Sax altmodisch. Auf den Britischen Inseln und in Skandinavien hielt er sich noch einige Zeit – als Werkzeug, als Statusstück, als Regionalmode. Aber die Hauptzeit des Sax liegt im 6. bis 8. Jahrhundert, und die war da bereits vorbei.

Was gesichert ist

Das Wort ist gut belegt: urgermanisch *sahsa-, althochdeutsch sahs, altenglisch seax, altnordisch sax. „Scramasax" dagegen steht genau einmal in einer antiken Quelle: Gregor von Tours, Historia Francorum IV,51 (cultris validis, quos vulgo scramasaxos vocant), dazu eine abgeleitete Stelle im Liber Historiae Francorum 35. Die Typenreihe Kurzsax – Schmalsax I/II – leichter und schwerer Breitsax – Langsax mit den genannten Maßen ist Forschungsstandard (Böhner 1958; Hübener 1988; Wernard 1998; Siegmund 1998; zusammenfassend Westphal, RGA 26, 2004). Siegmunds Niederrhein-Chronologie umfasst elf Phasen zwischen Mitte des 5. und Mitte des 8. Jahrhunderts, gestützt auf 316 Männer- und 215 Frauengräber. Krefeld-Gellep zählt über 6.000 untersuchte Gräber vom 1. bis 8. Jahrhundert. Der Sax von Beagnoth (British Museum 1857,0623.1) misst 72,1 cm bei 55,1 cm Klinge und 985 g und trägt den einzigen vollständigen epigraphischen Beleg des 28-zeichigen Futhorc. Die Klinge aus Bad Krozingen (550–650) ist eine selektiv gehärtete Kompositklinge aus Kern- und Mantelstahl.

Mythos-Check

„Der Sax war die typische Wikingerwaffe." Nein. Seine Hauptzeit ist das 6. bis 8. Jahrhundert auf dem Kontinent, dazu das angelsächsische England. Für die eigentliche Wikingerzeit sind in Dänemark vier lange Messer bekannt, in Norwegen rund zwanzig, auf Gotland achtzehn – gegenüber Hunderten von Schwertern. „Die Sachsen heißen nach dem Sax." Das erzählt Widukind von Corvey im 10. Jahrhundert (Res gestae Saxonicae I,6–7), also rund ein halbes Jahrtausend nach den Ereignissen; der Volksname Saxones ist aber schon bei Ptolemaios im 2. Jahrhundert belegt, lange vor dem merowingerzeitlichen Sax. Ein Zusammenhang bleibt denkbar (Genrich; Rech), die Richtung der Ableitung ist ungeklärt – Widukinds Geschichte ist Volksetymologie, kein Beweis. „Scramasax ist der Fachbegriff." Er ist eine Einzelbelegstelle mit ungeklärter Wortbedeutung; die Forschung sagt Langsax. Reenactment-Formen ohne Fundbeleg: Der geknickte Rücken (broken back) ist ein angelsächsisches Merkmal – skandinavische lange Messer haben ihn nicht. Getragen wurde vorn oder seitlich, nicht auf dem Rücken. Die Scheiden umschlossen meist auch den Griff, weshalb am Griffende ein Ring mit Lederschlaufe saß; der nackte Griff aus unbearbeitetem Geweih ist moderne Bühnenausstattung. Und die alte Lehrmeinung vom groben, schlecht geschmiedeten Hiebmesser ist metallografisch widerlegt.

Was davon bleibt

Der Sax ist die ehrlichste Waffe der Völkerwanderungs- und Merowingerzeit, weil er nie so getan hat, als wäre er etwas Besseres. Er wuchs aus dem Messer, blieb dem Messer verwandt und wurde trotzdem für Jahrhunderte die Standardklinge halb Europas. Er ist zugleich das nützlichste Fundstück, das die Archäologie hat: eine Uhr aus Eisen, die uns sagt, wann ein Mensch am Niederrhein bestattet wurde.

Und er trägt die frühesten Sätze, die Handwerker über ihre eigene Arbeit geschrieben haben – „Biorhtelm machte mich", eine Runenreihe mit Tippfehlern, ein Name namens Beagnoth, über den bis heute niemand Genaueres weiß. Wer Klingen und Schriftzeichen mag, findet in diesen Stücken den Ursprung eines Gedankens, der sich seither nicht geändert hat: Wer etwas gut macht, will seinen Namen darauf.

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