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Schwertscheide, Ortband und Trageweise – wie das Schwert am Mann hing

Geschichte & Funde Schwertscheide, Ortband und Trageweise – wie das Schwert am Mann hing

Über Wikingerschwerter ist viel geschrieben worden: über Damastmuster, über Klingeninschriften, über Griffformen. Über das Ding, in dem die Klinge neunundneunzig Prozent ihres Lebens verbrachte, erstaunlich wenig. Dabei ist die Scheide der eigentliche Prüfstein für Handwerk: dünnes Holz, Futter, Leder, Beschläge, Aufhängung – und alles muss zusammen funktionieren, sonst rostet die Klinge fest oder das Schwert schlägt beim Gehen gegen das Knie. Dieser Text sammelt, was Grabungsbefunde, Holzbestimmungen und Bildquellen hergeben, und trennt dabei sauber, was Fund ist und was Deutung.

Die Scheide ist kein Zubehör

Ein Schwert der Wikingerzeit war teuer, und zwar in einer Größenordnung, die man sich heute schwer vorstellt. Die Klinge kam bei den guten Stücken oft aus dem Frankenreich, importiert oder nachgeahmt; die berühmten Klingen mit eingelegten Namen sind das bekannteste Beispiel dafür, wie weit dieser Handel reichte (mehr dazu im Artikel über die Ulfberht-Klingen). Wer so etwas besaß, ließ es nicht in einem Sack liegen. Die Scheide war das Bauteil, das dieses Vermögen trocken hielt, transportabel machte und – nicht zuletzt – zeigte.

Trotzdem ist sie in der Forschungsliteratur lange ein Nebensatz geblieben. Der Grund ist banal: Sie besteht fast vollständig aus Holz, Fell, Textil und Leder, und all das vergeht im Boden. Was Archäologen normalerweise in Händen halten, ist eine verrostete Klinge – und wenn sie Glück haben, klebt an diesem Rost der Abdruck dessen, was sie einmal umgab. Ganze Kapitel der Scheidenkunde hängen an solchen Millimeterresten.

Zwei dünne Leisten Holz – der Kern jeder Scheide

Der Aufbau ist über ganz Europa hinweg bemerkenswert einheitlich. Grundlage jeder frühmittelalterlichen Schwertscheide ist ein hölzerner Korpus aus zwei langen, gleich geschnittenen Leisten. Ihre Stärke liegt in der Regel bei etwa einem bis fünf Millimetern – man sollte sich also keine Bretter vorstellen, sondern etwas, das eher an Furnier erinnert. Die Innenseite wurde in Klingenform ausgehöhlt, sodass die Klinge satt, aber nicht klemmend sitzt.

Interessant ist die Holzausrichtung: Die Leisten wurden bewusst so aus dem Stamm gespalten, dass die Jahresringe quer über die schmale Seite laufen. Das ist keine Marotte, sondern Statik. Radial gespaltenes Holz verzieht sich weniger, reißt seltener und lässt sich in dieser Dünne überhaupt erst verarbeiten. Dazu kommt ein Punkt, den man leicht übersieht: Eine Scheide musste auch Schläge aushalten. Im Handgemenge fängt man mit dem, was greifbar ist, und dazu gehörte offenbar die Scheide.

Welches Holz? Was dreiundvierzig analysierte Scheiden zeigen

Für das 8. bis 12. Jahrhundert liegt inzwischen ein Katalog von rund dreiundvierzig holzbestimmten Scheiden vor, zusammengetragen aus Grabungspublikationen von Haithabu bis Kiew. Das Ergebnis ist erfreulich unspektakulär: Verwendet wurde, was vor Ort wuchs und sich gut spalten ließ. Am häufigsten erscheinen Buche und Erle, dann Eiche, Linde, Ahorn, Pappel und Weide, Esche, Birke, Hainbuche. Die Hafenfunde von Haithabu allein decken Buche, Eiche, Ahorn und Erle ab.

Zwei Einzelfälle sind aufschlussreich. Auf Island, wo Bauholz notorisch knapp war, findet sich Birke – das war schlicht das, was es gab. Und eine hochmittelalterliche Prunkscheide aus Wien besteht aus Olivenholz, was zeigt, dass bei Repräsentationsstücken andere Regeln galten. Die zusammenfassende Aussage mancher Übersichten, Nadelholz komme überhaupt nicht vor, sollte man vorsichtig lesen: Für Eikrem in Norwegen und für ein Stück aus Mikulčice ist Kiefer notiert. Selten, ja – aber nicht null.

Das Futter: Fell, Wolle, Leinen – und die Sache mit dem Wollfett

Hier wird es kniffliger, denn hier hat sich ein Reenactment-Standard so fest gesetzt, dass er inzwischen als Faktum durchgereicht wird: Schaffell, Wolle nach innen, das Lanolin schützt die Klinge vor Rost. Belegt ist das – aber nicht überall und nicht als Regel.

Es gibt echte Befunde für Fellfutter mit Haaren nach innen, etwa bei den norwegischen Schwertern von Kvam und Eikrem, wo ausdrücklich ungegerbtes Fell notiert ist. Esther Cameron hat allerdings in ihrer Untersuchung der englischen Scheiden darauf hingewiesen, dass gerade dieses Fellfutter eher ein westeuropäisches Merkmal ist, während in Skandinavien häufig Textil als Innenlage erscheint. Die beiden bestdokumentierten Wikingerscheiden überhaupt – Ballateare und Cronk Moar auf der Isle of Man – hatten Textil direkt an der Klinge, vermutlich Wolle, nicht Fell.

Was das Wollfett angeht: Dass Lanolin Metall vor Feuchtigkeit schützt, ist unbestritten und wird bis heute so genutzt. Dass die Menschen des 9. Jahrhunderts genau deshalb Fell einbauten, ist eine plausible funktionale Deutung, aber keine Quellenaussage. Kein Text sagt es, und der Befund kann es nicht sagen. Wollfutter tut denselben Dienst, weil auch gewaschene Wolle Restfett trägt – und Wolle war in jedem Haushalt vorhanden.

Textil, Leder, Naht: die Außenhaut

Über dem Holzkorpus lag typischerweise eine Textillage und darüber Leder. Bei Cronk Moar ist die Abfolge besonders klar zu lesen: Textil an der Klinge, zwei Eichenleisten von zwei bis drei Millimetern, mit Leinen zusammengebunden, das Ganze in Leder gehüllt, dessen Vorderseite in ein erhabenes Muster gearbeitet war. Bei Ballateare dieselbe Logik, nur mit einem fein gewebten Textil als Bindung.

Das ist bemerkenswert, weil es zeigt, dass die Scheide kein Kasten mit Deckel war, sondern ein Verbundbauteil: Jede Lage hat eine Aufgabe. Das Textil hält die Leisten zusammen und gleicht aus, das Leder gibt die Oberfläche, die Feuchtigkeit abweist und sich verzieren lässt. Gewachstes Leinen dehnt sich kaum, was der Konstruktion Formstabilität gibt. Wer sich für die Werkstattseite interessiert, findet im Beitrag über das Lederhandwerk der Wikingerzeit den Hintergrund zu Gerbung und Verarbeitung.

Umwickelte Scheiden – ein Statuszeichen des 9. und 10. Jahrhunderts

Eine Untergruppe sticht heraus: Scheiden, die dicht mit schmalen Textil- oder Lederbändern umwickelt sind. Alfred Geibig hat die Technik am mitteleuropäischen Material beschrieben, Kainov am Fundstoff von Gnjozdowo. Die Bänder sind rund acht Millimeter breit, der Abstand zwischen den Windungen liegt bei etwa zwei Millimetern, sodass an einer Stelle bis zu vier Lagen übereinander liegen; bei doppelt geführten Bändern werden daraus bis zu acht. Die kürzesten archäologisch fassbaren Wicklungen zählen achtzehn Windungen, die längste über fünfzig.

Gewickelt wurde vor allem dort, wo mechanisch am meisten passiert – an der Spitze. Die Wicklung ersetzt oder ergänzt also genau das, was sonst ein Ortband leistet. Ein verklebter Wickel ist bislang nur in Gnjozdowo nachweisbar; wenn das häufiger so war, wäre es ein ausgesprochen wirksamer Kantenschutz gewesen. Solche Scheiden erscheinen in Norwegen, Dänemark, Deutschland, Schweden, England, Böhmen und der Rus, immer in gut ausgestatteten Gräbern, und sie sind in westeuropäischen Handschriften abgebildet. Und – ein hübsches Detail – auf dem Oseberg-Wandbehang ist eine umwickelte Scheide zu sehen. Das Motiv war also auch im Norden Bildwürdig.

Mundblech, Randbeschläge, Beschlagplatten

Am oberen Ende, dort wo die Klinge einfährt, sitzt bei besseren Stücken ein Mundblech: ein schmaler Metallstreifen, der die empfindliche Kante fasst und verhindert, dass sich die Holzleisten beim Ziehen auseinanderarbeiten. Bei der Scheide von Sæveli ist zwischen Scheide und Parierstange eine schmale Lücke dokumentiert, die ursprünglich offenbar genau von einem solchen Mundstück gefüllt war.

Bei Cronk Moar lag stattdessen ein Lederband um die Mündung, das als Verstärkung gedeutet wird – ein Hinweis darauf, dass Metall hier keineswegs Standard war. Dazwischen, entlang des Korpus, sitzen die Beschlagplatten für die Aufhängung. Bei Ballateare liegen sie 129 und 287 Millimeter unter der Mündung, bei Cronk Moar deutlich enger, 81 und 148 Millimeter. Die Bänder waren um die Scheide gelegt, mit einem Lederband unterfüttert und vernietet. Beide Scheiden sind übrigens ungefähr gleich lang, rund 72 Zentimeter, bei sechseinhalb bis siebeneinhalb Zentimetern Breite.

Das Ortband: der „Tauschuh" am unteren Ende

Das Ortband ist der U-förmige Metallbeschlag an der Scheidenspitze. Seine Aufgabe ist doppelt: Es hält das Ende zusammen, schützt es vor Abrieb und Feuchtigkeit – und es ist die Stelle, an der man sichtbar Aufwand treiben konnte. Der altnordische Name ist wunderbar bildhaft: dǫggskór, „Tauschuh", weil dieses Teil den Scheidenzipfel vor dem nassen Gras schützt. Daneben steht sverðskór, „Schwertschuh".

Wichtig ist die Häufigkeit, und die ist ernüchternd. Ortbänder waren selten. Fedir Androshchuk hat einhundertvierundfünfzig skandinavische Exemplare zusammengetragen – für einen Zeitraum von rund zweihundert Jahren und ein Gebiet von Island bis zur Wolga. Zum Vergleich: Allein aus Norwegen sind Tausende Schwerter bekannt. Neun Ortbänder stammen aus Norwegen, acht aus Dänemark, sechs aus Island. Die weit überwiegende Mehrheit aller Scheiden endete also schlicht in Holz, Leder oder einer Bandwicklung. Und nicht jedes Ortband war aus Metall: An der Spitze der Cronk-Moar-Scheide saß ein – inzwischen zerfallenes – Stück aus Bein, das als Ortband gedeutet wird.

Paulsen 1953, Androshchuk 2014 – und die Motive

Die klassische Ordnung stammt von Peter Paulsen: Schwertortbänder der Wikingerzeit, Stuttgart 1953, mit dem sprechenden Untertitel „ein Beitrag zur Frühgeschichte Osteuropas". Paulsen unterschied sieben Typen nach Verzierung und geographischer Verbreitung. Das Buch ist bis heute die Referenz, wenn man ein Ortband einordnen will – und es ist genau deshalb interessant, weil Paulsen die Stücke von Anfang an als Ost-West-Phänomen las.

Die aktuellere Gliederung hat Androshchuk 2014 vorgelegt, ebenfalls mit sieben Typen, nun stärker nach Stil und Chronologie. Die Motive sind erstaunlich eng gefasst. Typ 2 zeigt ein Tier im Borre-Stil mit verschlungenem Körper und einer Tier- oder Menschenmaske in der Mitte, datiert etwa 970 bis 990. Typ 3 ist die große Vogelgruppe: 3a ein schematischer Vogel, oft mit Punktkreisen, 3b ein Vogel mit deutlich ausgeführtem Kopf, Flügeln und Schwanz, 3c ein „Vogeltier" im Borre-, Jellinge- oder Mammen-Stil mit doppelt konturiertem, geflochtenem Leib. Typ 6 zeigt ein beziehungsweise zwei verschlungene Tiere mit achtförmigem Körper. Bronze dominiert klar, Vergoldung ist selten, Silber kennt man vor allem aus dem Baltikum. Wer die Stilnamen einordnen will, findet sie im Überblick zu den nordischen Kunststilen; zur Technik lohnt der Blick in den Beitrag über die Goldschmiedekunst der Wikingerzeit.

Ortbänder als Landkarte des Handels

Die Verteilung ist der eigentlich spannende Befund. Von Androshchuks einhundertvierundfünfzig Stücken kommen neunundvierzig aus Schweden, achtunddreißig aus Osteuropa, neunundzwanzig aus dem Baltikum und elf aus Finnland – der gesamte Westen Skandinaviens, also Norwegen, Dänemark und Island zusammen, bleibt unter fünfundzwanzig. Da für Schweden auch die Herstellung nachweisbar ist, liegt der Schluss nahe, dass Schweden als Verteiler dieser Objektgruppe fungierte.

Bei einzelnen Typen ist die Ostlastigkeit noch deutlicher: Vom Vogeltyp 3a stammen siebzehn Stücke aus dem Baltikum und zehn aus Osteuropa, gegenüber sieben aus Schweden und zwei aus Norwegen. Charlotte Hedenstierna-Jonson hat eine dieser Gruppen ausdrücklich als Spiegel der politischen Geographie ihrer Zeit gelesen. Man muss diese Deutung nicht teilen – ein Ortband kann als Ware, als Geschenk oder am Mann eines Reisenden gewandert sein –, aber als Verbreitungskarte sind die Stücke ein handfester Beleg dafür, wie eng der schwedisch-baltisch-russische Raum verknüpft war. Andere Forscher, Paulsen eingeschlossen, hielten übrigens mehrere Produktionsorte für wahrscheinlich.

Wie das Schwert hing: die Zwei-Punkt-Aufhängung

Die Scheide hing an zwei Punkten. Das ist der entscheidende technische Befund, und er ergibt sich direkt aus den Beschlägen: eine obere Platte oder ein oberes Band, ein unteres Band mit Aufhängering, beide um den Korpus gelegt und vernietet. Von diesen zwei Punkten laufen Riemen zu einem Verteiler.

Auf der Isle of Man sind diese Verteilerringe erhalten. Bei Ballateare ein Ring von einundzwanzig Millimetern Durchmesser mit drei Klemmen, bei Cronk Moar ein Ring von dreiundzwanzig Millimetern mit zwei Klemmen und einer Schnalle, in der Mitte ein Cabochon aus schlichtem Glas. Dazu kommen Riemenzungen, in einem Fall offenbar ein zweitverwendeter Buchbeschlag. Die Zwei-Punkt-Lösung hat einen praktischen Sinn: Sie legt die Scheide schräg an den Körper, üblicherweise in einem Winkel von etwa fünfundvierzig bis sechzig Grad, sodass die Spitze nach hinten zeigt und beim Gehen nicht gegen das Knie schlägt. Getragen wurde links, wenn man rechtshändig war – man greift mit der rechten Hand über den Körper.

Wehrgehänge oder Gürtel? Der Streit um den fetill

Jetzt zu der Frage, an der sich die Geister scheiden. Altnordisch heißt der Schwertgurt sverðfetill; fetill bezeichnet allgemein einen Trageriemen oder eine Schlinge, die zugehörige Schnalle ist die fetils sylgja. Das Wort allein entscheidet nichts, denn ein Riemen kann über der Schulter oder um die Hüfte laufen.

Für das Wehrgehänge über der Schulter gibt es Rekonstruktionen, die sich direkt an den Man-Funden orientieren: Der Verteilerring säße dann am linken Oberschenkel, der Riemen liefe über die Brust zur Schnalle. Dagegen steht der Befund der Bildquellen. In der westeuropäischen Buchmalerei des 9. bis 11. Jahrhunderts zeigt die große Mehrheit der Darstellungen Gürtel, nicht Schulterriemen; Schultertragen kommt vor, bleibt aber Ausnahme, häufig in biblischen Szenen. Entsprechend gilt in Teilen der Forschung die Zwei-Punkt-Aufhängung an einem Taillengürtel ab der Mitte des 9. Jahrhunderts als die verbreitete Lösung. Ehrlich gesagt: Beides ist belegbar, und die Metallteile, die im Boden liegen, sehen in beiden Fällen ähnlich aus. Wer behauptet, es gäbe hier eine eindeutige Antwort, hat die Quellenlage zu freundlich gelesen.

Warum das Schwert nicht auf dem Rücken saß

Kommen wir zu dem Bild, das jeder im Kopf hat und das aus keiner einzigen mittelalterlichen Quelle stammt: das Schwert quer über dem Rücken, Griff über der Schulter, ein beherzter Griff nach hinten und die Klinge ist frei.

Das Problem ist Geometrie. Eine wikingerzeitliche Klinge misst um die achtzig Zentimeter, das rekonstruierte Schwert von Ballateare gut sechsundachtzig, das von Cronk Moar knapp einundneunzig Zentimeter Gesamtlänge. Um eine Klinge vollständig aus einer Scheide zu ziehen, braucht man einen Zugweg, der mindestens so lang ist wie die Klinge. Der menschliche Arm ist das nicht. Vom Rücken ziehen funktioniert daher nur mit Trickscheiden, sehr kurzen Klingen oder in Filmen. Dazu kommt der praktische Einwand: Der Arm steht beim Ziehen sekundenlang ungeschützt in der Luft, und das Zurückstecken ist blind.

Der Befund passt dazu. Die Beschläge sitzen so, dass die Scheide längs am Bein hängt, nicht quer über der Schulter. In Gräbern liegt das Schwert regelmäßig an der Körperseite. Und in der zeitgenössischen Bildkunst – Bildsteine, Handschriften, später der Teppich von Bayeux – trägt niemand ein Schwert auf dem Rücken. Der Teppich ist ohnehin ein Nachzügler, entstanden in den 1070er Jahren, also nach der Wikingerzeit; er zeigt normannische Verhältnisse und ist als Beleg nur mit dieser Einschränkung brauchbar. Er zeigt aber, wie alle anderen: Gürtel, Hüfte, links.

Mythos-Check

Das Schwert auf dem Rücken ist ein Bild des 20. Jahrhunderts, populär geworden durch Film und Fantasy. Es gibt dafür keinen wikingerzeitlichen Fund, keine Darstellung und keine Textstelle; die Ziehlänge macht es bei achtzig Zentimeter Klinge schlicht unmöglich. „Alle Scheiden waren mit Schaffell gefüttert" ist ebenfalls zu grob: Fellfutter ist belegt, gilt aber eher als westeuropäisches Merkmal, während im Norden häufig Textil an der Klinge lag – Ballateare und Cronk Moar sind die klarsten Beispiele. „Jedes Schwert hatte ein Ortband" stimmt nicht: Bekannt sind rund 154 skandinavische Ortbänder insgesamt; die Masse der Scheiden endete in Holz, Leder oder Bandwicklung, in einem Fall in Bein. Und die verbreitete Formel „Wollfett schützte die Klinge" ist eine funktional plausible Deutung moderner Handwerker, keine Aussage einer Quelle.

Karolingische Schwertgurte, die zu Frauenschmuck wurden

Ein Detail dieser Geschichte ist so schön, dass man es kaum glauben mag – und es ist gut belegt. Karolingische Schwertgurte hatten kleeblattförmige Riemenverteiler: Metallbeschläge, die den Gurt in drei Riemen aufteilten, damit das Schwert besser saß. Genau das Bauteil also, um das es in diesem Text geht.

Solche Verteiler gelangten als Handelsware, Geschenk oder Beute nach Skandinavien. Dort wurden sie nicht etwa in nordische Schwertgurte eingebaut – Egon Wamers hat argumentiert, dass die nordischen Krieger den karolingischen Gurt gerade nicht übernahmen –, sondern von findigen Handwerkern mit einer Nadel versehen und zu Fibeln umgearbeitet. Aus dem Beschlag eines feindlichen Wehrgehänges wurde ein Verschluss für Halsausschnitt, Schal oder Mantel. Die frühen Stücke tragen noch die karolingische Akanthusornamentik, die späteren nordische Tierstile.

Die Kleeblattfibel wurde in kürzester Zeit fester Bestandteil der nordischen Frauentracht und in großer Zahl produziert. Sie erscheint praktisch ausschließlich in Frauengräbern, oft mittig zwischen zwei ovalen Schalenfibeln. Die vergoldete Frauenfigur von Revninge in Dänemark zeigt auf Gürtelhöhe eine dreieckige Zier, die einer Kleeblattfibel verblüffend ähnelt – womöglich ein Nachhall der ursprünglichen Funktion. Ob die Franken diese Umwidmung ihrer Kriegstracht bemerkt haben, wissen wir nicht. Mehr zur Trachtseite steht im Beitrag über Schmuck der Wikingerzeit.

Die Wörter: slíðrar, skálpr, umgerð, döggskór

Das Altnordische ist an dieser Stelle ungewöhnlich differenziert, und die Wörter verraten etwas über die Bauweise. Slíðrar ist der gängige Ausdruck für Scheide; das Wort steht im Plural, und man hat es mit den zwei Holzhälften in Verbindung gebracht. Spænir, Plural von spánn, „Span, Holzleiste", bezeichnet vermutlich genau diesen hölzernen Kern. Skálpr heißt ebenfalls Scheide, wird aber in Zusammenhängen gebraucht, die eher auf den Lederüberzug deuten. Umgerð beziehungsweise umgjǫrð schließlich meint das fertige Ganze aus Holz und Leder – um heißt „herum", gjǫrð ist der Gurt.

Man hat also getrennte Begriffe für Holzkern, Lederhaut und Gesamtscheide. Das ist kein Zufall bei Leuten, die diese Dinge selbst bauten. Dazu kommt der bereits genannte dǫggskór für das Ortband. Die im Netz gelegentlich zu lesende Form „umgerdi" gibt es so nicht – gemeint ist umgerð. Übrigens: Für das Mundblech und den Riemendurchzug ist kein gesicherter altnordischer Name überliefert. Wer dazu etwas Definitives liest, liest eine Rekonstruktion.

Friedensbänder: wenn das Schwert gefesselt wird

Ein Bauteil der Scheide hat rein rechtlichen Charakter: die friðbǫnd, „Friedensbänder". Das waren Riemen, die um die Scheide gewickelt und an einem Ring am Griff befestigt wurden. Solange sie saßen, konnte man das Schwert nicht ziehen, jedenfalls nicht schnell. Die Wendung dafür lautet spretta friðbǫndum – „die Friedensbänder lösen".

Gebraucht wurden sie dort, wo Waffengebrauch verboten war, insbesondere auf Thingversammlungen. Ein Beispiel steht in der Gísla saga, Kapitel 28, beim Frühjahrsthing am Þorskafjörður. Man sollte den Befund nicht überdehnen: Die Sagas sind im 13. Jahrhundert aufgeschrieben und beschreiben eine literarisch geformte Welt. Aber die Regel selbst ist plausibel und passt zu dem, was die Rechtstexte über Waffenruhe an Gerichtsorten sagen. Erzählerisch ist das Motiv Gold wert – ein Mann, der am Thing die Bänder löst, kündigt damit an, was gleich passiert.

Skofnung und die Sonne auf den Hilzen

Und dann gibt es noch die Ebene, auf der das Schwert kein Werkzeug mehr ist. In der Laxdœla saga geht das Schwert Skǫfnungr, angeblich aus dem Grabhügel des Dänenkönigs Hrólfr kraki geholt, von Eiðr auf seinen Verwandten Þorkell über. Eiðr gibt ihm dabei Gebrauchsanweisungen mit, die eher zu einem Wesen als zu einem Gegenstand passen.

„Das ist die Natur dieses Schwertes: Auf seine Hilzen soll keine Sonne scheinen, und man soll es nicht ziehen, wenn Frauen dabei sind. Empfängt jemand eine Wunde von diesem Schwert, so kann sie nicht heilen, wenn nicht der Heilstein daran gerieben wird, der dazugehört."Laxdœla saga, Kap. 57 (altnord. „sú er náttúra sverðsins, at eigi skal sól skína á hjǫltin …", Íslenzk fornrit V, S. 172); eigene Übersetzung

In der Kormáks saga, Kapitel 9, steht eine Parallele: Dort darf die Sonne nicht auf das obere Hilzteil scheinen, das Schwert nicht ohne Kampfabsicht gezogen werden, und ein Beutel gehört dazu, den man in Ruhe lassen soll. Was das für unser Thema heißt, ist bemerkenswert nüchtern: Beide Vorschriften laufen darauf hinaus, dass das Schwert in der Scheide zu bleiben hat. Die Scheide ist hier nicht Verpackung, sondern Bändigung. Man sollte daraus allerdings keine wikingerzeitliche Ritualpraxis machen. Beide Sagas sind Texte des 13. Jahrhunderts, Skǫfnungr ist ein Sagenschwert, und die Anweisungen gehören zur Erzählform „verwunschener Gegenstand", nicht zum Grabbefund.

Was im Boden übrig bleibt: Pseudomorphosen und Erbstücke

Warum wissen wir überhaupt etwas über Materialien, die vergehen? Weil Eisen rostet. Beim Korrodieren wandern Eisenverbindungen in das anliegende organische Material und bilden dessen Struktur nach; Holzzellen, Fellhaare und Gewebebindungen bleiben als mineralisierte Abdrücke am Rost sitzen. Diese Pseudomorphosen sind der Grund, warum man an einer verrosteten Klinge Buche von Erle und Köperbindung von Leinwandbindung unterscheiden kann.

Esther Cameron hat auf dieser Grundlage für England Entwicklungslinien herausgearbeitet – etwa in der Machart der Holzleisten oder im Gebrauch bestimmter Mundbänder. Das erlaubt gelegentlich sogar Aussagen über die Biographie eines Stücks: Neuere Arbeiten haben untersucht, ob Klinge und Scheide gleich alt sind oder ob eine ältere Klinge eine jüngere Scheide bekam. Genau das wäre bei einem Erbstück zu erwarten. Ein Schwert konnte Generationen überdauern; die Scheide, aus dünnem Holz und Leder, sicher nicht. Dass ein Schwert im Lauf seines Lebens mehrere Scheiden verbrauchte, ist die wahrscheinlichste Annahme – der Nachweis im Einzelfall bleibt schwierig.

Ein letzter Punkt zur Pflege: Kein Text der Wikingerzeit beschreibt, wie man ein Schwert einfettete. Dass es geschah, ist praktisch sicher, denn ungeschütztes Eisen in einem feuchten Nordseeklima ist innerhalb von Wochen ein Problem. Fett, Öl und Fettleder sind die naheliegenden Mittel. Aber auch hier gilt: naheliegend ist nicht belegt.

Was gesichert ist

Der Grundaufbau ist durch zahlreiche Befunde gedeckt: zwei innen ausgehöhlte Holzleisten von etwa 1–5 mm Stärke, radial gespalten, dazu ein Innenfutter aus Textil oder Fell, eine Textillage und außen Leder. Rund 43 holzbestimmte Scheiden des 8.–12. Jahrhunderts zeigen ausschließlich beziehungsweise fast ausschließlich Laubhölzer, am häufigsten Buche und Erle. Die dicht mit 8-mm-Bändern umwickelten Scheiden sind aus mehreren Ländern und aus westeuropäischer Buchmalerei bekannt und erscheinen auf dem Oseberg-Wandbehang. Für die Aufhängung sind zwei Beschlagpunkte plus Verteilerring durch die Funde von Ballateare und Cronk Moar (Bersu/Wilson 1966) gesichert; die Scheide hing schräg an der linken Körperseite. Ortbänder sind selten: Androshchuk zählt 154 skandinavische Stücke, Schwerpunkt Schweden, Baltikum und Osteuropa. Der altnordische Name lautet dǫggskór. Die Ableitung der Kleeblattfibel aus karolingischen Riemenverteilern ist durch frühe Stücke mit karolingischer Akanthusornamentik belegt.

Was das für die Ornamentik heißt

Wer sich das Material ansieht, merkt schnell, wo die Wikingerzeit ihre Gestaltungsenergie hingesteckt hat: nicht in die Klinge. Die Klinge trug Muster aus dem Schmiedeprozess und gelegentlich eine eingelegte Inschrift, aber sie war zuerst Werkzeug. Verziert wurden Knauf, Parierstange, Griffbänder – und am unteren Ende das Ortband. Genau dort, an einem Stück Bronze von drei bis acht Zentimetern Höhe, sitzt oft das feinste Ornament des ganzen Ensembles: ein Vogel, ein doppelt konturiertes Tier, geflochtene Leiber im Borre- oder Mammen-Stil.

Das ist eine brauchbare Lehre für jede Auseinandersetzung mit nordischer Ornamentik. Die Fläche, die den größten Eindruck macht, ist selten die größte Fläche. Die Wikingerzeit setzte Ornament dort ein, wo das Auge ohnehin hinschaut – an Kanten, Enden und Übergängen. Wer sich an diese Objekte hält, statt sich Motive auszudenken, arbeitet näher am Befund. Und wer wissen will, was am Schwert selbst historisch belegbar ist, findet das im Beitrag über das Wikingerschwert.

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