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Die Kunststile der Wikingerzeit: Oseberg bis Urnes

Kunst & Ornament Die Kunststile der Wikingerzeit: Oseberg bis Urnes Verschlungene Tiere, greifende Bestien, endlose Ranken: Die Wikingerzeit hatte keinen einzigen Stil, sondern eine ganze Abfolge davon. Wir gehen die sechs klassischen Tierstile chronologisch durch — von Oseberg bis Urnes — mit ihren Leitfunden. Und wir sagen ehrlich, wo die Ordnung sauber ist und wo sie kunsthistorische Konstruktion.

Ein Stil? Nein — eine ganze Abfolge

„Der Wikingerstil" ist eine bequeme Redewendung, aber es gibt ihn nicht. Was wir Wikingerkunst nennen, ist eine Kette sich überlappender Tierstile über rund dreihundert Jahre. Die Grundidee bleibt gleich — stilisierte Tiere, geflochten, verschlungen, in Bänder und Ranken aufgelöst —, doch Haltung, Körperbau und Zierrat wandeln sich von Generation zu Generation. Die Forschung ordnet das seit dem schwedischen Archäologen Bernhard Salin (1904) und seinen Nachfolgern in sechs Hauptstile: Oseberg, Borre, Jelling, Mammen, Ringerike und Urnes.

Salin selbst hatte die ältere germanische Tierornamentik in drei Stufen (Stil I bis III) gegliedert; die Sechser-Reihe der eigentlichen Wikingerzeit ist das Ergebnis späterer Forschung, die auf ihm aufbaute. Diese Einteilung ist ein nützliches Gerüst, kein Naturgesetz. Die Stile lösen einander nicht sauber ab, sondern greifen ineinander; ein Handwerker konnte Altes und Neues mischen, eine Region hinter der Mode zurückbleiben, ein Motiv über zwei Stile hinweg weiterleben. Wer die echten Motive der Wikingerzeit gravieren will — und genau das tun wir —, sollte diese Abfolge kennen, aber die scharfen Trennlinien mit Vorsicht genießen.

Wichtig ist auch, was diese Kunst NICHT ist: Sie erzählt kaum Geschichten und trägt fast nie eine „geheime Bedeutung" im esoterischen Sinn. Es geht um Rhythmus, Symmetrie und die lückenlose Füllung der Fläche — ein Tier windet sich, ein Band greift ineinander, eine Ranke schlägt aus. Die Kunst schmückt Schiffe, Waffen, Schmuck und Runensteine; sie ist Handwerk und Prunk, kein Bilderbuch. Genau das macht sie für uns so reizvoll: klare, tragfähige Formen, die man auf Schiefer, Holz oder Glas übersetzen kann, ohne etwas hineinzudichten, das nie da war.

Oseberg (um 800): das Greiftier erwacht

Am Anfang steht der Oseberg-Stil, benannt nach dem berühmten norwegischen Schiffsgrab. Sein Kennzeichen ist das „Greiftier" (gripping beast): eine gedrungene Bestie mit muskulösem Körper und Pranken, die alles um sich herum packt — den eigenen Leib, den Rahmen, die Nachbartiere. Dieses greifende Motiv ist die große Neuerung der Frühzeit; es gibt der Fläche eine nervöse, verhakte Spannung. Daneben stehen lange, gewundene Tierleiber mit kleinen Köpfen im Profil und hervortretenden Augen. Eng verwandt ist die Broa-Gruppe (nach Beschlägen von Broa auf Gotland), die man oft im selben Atemzug nennt.

Der Leitfund ist das Osebergschiff selbst mit seinen kunstvoll geschnitzten Steven, Schlitten, Tierkopfpfosten und dem berühmten Wagen — eine ganze Werkstatt in Holz, um 834 in den Grabhügel gelegt. Hier zeigt sich schon das Programm der ganzen Epoche: Fläche und Rand werden lückenlos mit Leben gefüllt, kein Zentimeter bleibt leer. Wer verstehen will, wie nordische Kunst „denkt", fängt bei Oseberg an.

Borre (um 850–975): Ringkette und Greiftier

Der Borre-Stil, benannt nach vergoldeten Beschlägen aus einem Grabhügel bei Borre in Norwegen, war der am weitesten verbreitete von allen. Sein Markenzeichen ist die symmetrische „Ringkette" — ein geflochtenes Band aus ineinandergreifenden Ringen, oft mit einem Knoten in der Mitte — zusammen mit einem einzelnen Greiftier mit dreieckigem, katzenartigem Kopf und verdrehtem Körper. Borre schmückte Fibeln, Riemenzungen und Silberschmuck von Skandinavien bis in die Wikingersiedlungen der Britischen Inseln, Islands und der Rus im Osten.

Gerade weil Borre so alltagstauglich, populär und langlebig war, findet er sich massenhaft auf Schmuck — und überlappt zeitlich stark mit dem folgenden Jelling-Stil. Beide liefen ein gutes Stück nebeneinander her, und viele Stücke tragen Züge von beiden. Für Gravuren ist die Ringkette dankbar: klar, rhythmisch, wiederholbar — ein echtes nordisches Ornament, das nichts mit keltischem Flechtwerk zu tun hat, auch wenn es auf den ersten Blick ähnlich wirkt.

Jelling (um 900–975): die S-förmigen Bandtiere

Der Jelling-Stil verschlankt das Tier zum bandförmigen, S-geschwungenen Leib mit Kopf im Profil, oft doppelt konturiert und mit perlenartigen Reihen gefüllt. Zwei solcher Tiere verschlingen sich gern zu einem symmetrischen, verwobenen Muster. Namensgeber ist das dänische Königsgut Jelling, dessen große Steinsetzung Harald Blauzahn ausbauen ließ — auf dem großen Jelling-Stein steht das berühmte Selbstzeugnis der Dynastie:

König Harald ließ dieses Denkmal errichten zum Gedenken an Gorm, seinen Vater, und an Thyra, seine Mutter — jener Harald, der sich ganz Dänemark und Norwegen gewann und die Dänen christlich machte.Runeninschrift auf dem großen Jelling-Stein (DR 42), um 965 (gemeinfrei)

Der Stein trägt neben der Inschrift ein großes, von einer Schlange umwundenes Tier und — auf einer weiteren Seite — die älteste heimische Darstellung des gekreuzigten Christus im Norden. Damit ist er ein Scharnier gleich doppelt: zwischen Heidentum und Christentum und zwischen dem Jelling-Stil und dem kraftvolleren Mammen-Stil, der ihm folgt.

Mammen (um 960–1025): Großtier und Ranken in Silber

Der Mammen-Stil ist benannt nach einer Prunkaxt aus einem reichen dänischen Grab bei Mammen, dessen Grabkammer dendrochronologisch in den Winter 970/971 datiert wurde. Aus dem schlanken Bandtier wird jetzt ein großes, kraftvolles Einzeltier mit spiralförmigen Schultern und Hüften, oft asymmetrisch und dynamisch — und erstmals treten pflanzliche Ranken deutlich hinzu. Charakteristisch ist die Technik: Auf der Mammen-Axt sind die Motive in Silber tauschiert, also als fein eingelegte Metallfäden ins Eisen eingehämmert; auf der einen Seite ein Tier, auf der anderen ein Ranken- oder Baummotiv.

Neben der Axt zählen der große Jelling-Stein und geschnitzte Elfenbein- und Geweiharbeiten zu den Leitstücken. Mammen ist das Bindeglied zwischen der strengen Tierwelt der Frühzeit und den ausschwingenden Ranken der Spätzeit — hier wird die nordische Kunst zum ersten Mal richtig „pflanzlich". Wer ein Motiv mit Wucht und Bewegung sucht, ist bei Mammen gut aufgehoben.

Ringerike (um 990–1050): Löwe und lange Ranken

Der Ringerike-Stil, benannt nach einer Steinsorte aus der norwegischen Landschaft Ringerike, treibt das Pflanzenwerk auf die Spitze. Im Zentrum steht ein großes, meist vierbeiniges „Löwentier" in dynamischer Pose, umspielt von langen, symmetrisch auslaufenden Ranken und peitschenden Trieben, die in feine Spitzen auslaufen. Der Stil war besonders in England und Irland beliebt und findet sich auf Runensteinen (etwa dem Vang-Stein), auf der berühmten Grabplatte von St Paul's in London und auf vergoldeten Schiffs-Wetterfahnen.

Ringerike wirkt eleganter und flüssiger als Mammen; die Bewegung läuft nun in großen, weit ausgreifenden Bögen, das Rankenwerk ordnet sich zu Bündeln und Achsen. Es ist der direkte Vorläufer des letzten und feinsten Stils — man sieht förmlich zu, wie das kräftige Mammen-Tier schlanker und geschmeidiger wird.

Urnes (um 1050–1125): die drakslingor

Der Urnes-Stil ist der Schlusspunkt und für viele der schönste. Benannt ist er nach dem geschnitzten Nordportal der Stabkirche Urnes in Norwegen (heute UNESCO-Welterbe). Hier sind die Tiere zu extrem schlanken, elegant geschwungenen Leibern geworden, die sich in offenen Schlaufen mit dünnen, fadenförmigen Schlangen und Trieben durchdringen — die skandinavischen „drakslingor", Drachenschlingen. Alles ist asymmetrisch, luftig, in weiche Achter- und Schlaufenformen aufgelöst; das dicke Greiftier der Frühzeit ist zu einer feinen Linie geworden.

Urnes fällt schon in die frühchristliche Zeit und war besonders in Irland einflussreich, wo er sich mit einheimischen Traditionen zu einer eigenen Spielart verband. Mit ihm läuft die eigenständige Tierstil-Tradition der Wikingerzeit aus und geht in die romanische Kunst des europäischen Mittelalters über. Der letzte große Bogen der nordischen Kunst schließt sich hier — mit einer Linienführung von fast musikalischer Leichtigkeit.

Was belegt ist

Die sechs Stile hängen an konkreten Leitfunden: Oseberg am gleichnamigen Schiffsgrab (um 834), Borre an den Beschlägen aus dem Grabhügel von Borre, Jelling und Mammen am großen Jelling-Stein und der Mammen-Axt (Grabkammer 970/971), Ringerike an Runensteinen und Schiffs-Wetterfahnen, Urnes am Portal der Stabkirche Urnes. Die groben Zeitspannen (Oseberg um 800 bis Urnes um 1125) sind über Datierung von Gräbern, Münzen und Dendrochronologie gut abgesichert. Die Namen stammen jeweils vom Fundort, nicht von den Wikingern selbst — sie sind moderne Etiketten für eine reale Entwicklung.

Was das für echte Gravuren bedeutet — und ein Mythos-Check

Wer heute ein „wikingisches" Ornament will, kann viel gewinnen, wenn er weiß, aus welchem Stil sein Motiv stammt: Ein greifendes Borre-Tier wirkt anders als eine luftige Urnes-Schlinge, eine wuchtige Mammen-Bestie anders als eine feine Ringerike-Ranke. Genau darum arbeiten wir mit den belegten Stilen statt mit beliebigen Fantasie-Ranken — es sind die echten Formen, die die Wikinger geschnitzt, gehämmert und geritzt haben, und sie tragen jede für sich einen eigenen Charakter.

Praktisch heißt das: Ein Motiv im Borre-Stil passt zu einem strengen, symmetrischen Stück, ein Ringerike- oder Urnes-Motiv zu einer bewegten, ausschwingenden Gestaltung. Die frühen Stile (Oseberg, Borre) sind flächig und packend, die späten (Ringerike, Urnes) linear und fließend — dazwischen liegt mit Jelling und Mammen der Übergang vom Band zum Großtier und zur Ranke. Wer das im Kopf hat, wählt nicht „irgendein Wikingermuster", sondern ein Ornament mit echter Herkunft. Und genau darauf legen wir Wert.

Mythos-Check

Es gibt nicht „den einen Wikingerstil" — es sind mehrere, sich überlappende Stile, deren Übergänge fließend sind. Die saubere Sechser-Einteilung ist eine kunsthistorische Konstruktion (nach Salin und der späteren Forschung); die Handwerker der Wikingerzeit dachten nicht in diesen Schubladen und gaben ihren Stilen keine Namen. Und ein hartnäckiger Irrtum: „Keltische Knoten" sind nicht dasselbe wie Wikingerkunst. Das keltische Flechtwerk (etwa im Book of Kells) und die nordischen Tierstile sind verwandte, aber verschiedene Traditionen — sie sehen sich ähnlich, gehören aber nicht in denselben Topf.

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