Das Urnes-Portal ist das geschnitzte Nordportal der Stabkirche Urnes am Lustrafjord in Norwegen: ein Kiefernholz-Relief aus der Zeit um 1070 bis 1080, das aus einer älteren Kirche stammt und in den Neubau der 1130er-Jahre übernommen wurde. Nach ihm heißt der Urnes-Stil, die letzte Tierornamentik der Wikingerzeit mit schlanken Vierbeinern, fadendünnen Schlangen und offenen Achterschleifen. Wir zeigen dir, was gesichert ist, wie die Forschung das Portal heute deutet und warum es eher eine christliche Predigt in Holz ist als ein heidnisches Ragnarök-Bild.
Stell dir eine Tür vor, die älter ist als das Haus, in dem sie steckt. Genau das ist das Nordportal von Urnes. Die Kirche, die du heute am Hang über dem Lustrafjord siehst, wurde in den 1130er-Jahren errichtet. Das Portal aber, die Wandplanken daneben und Teile der Giebel sind gut zwei Generationen älter. Die Zimmerleute des 12. Jahrhunderts haben sie aus dem Vorgängerbau geborgen – offenbar zu kostbar, um sie zu verfeuern. Kaum ein Holzwerk des skandinavischen Mittelalters ist seither so oft abgebildet und gedeutet worden.
Und es hat einer ganzen Epoche der Kunst ihren Namen gegeben. Was davor kam, findest du in unserem Überblick über die Kunststile der Wikingerzeit von Oseberg bis Urnes.
Urnes, auf Norwegisch auch Ornes, liegt in der Gemeinde Luster in Vestland, am Ostufer des Lustrafjords, eines inneren Arms des Sognefjords. Gegenüber liegt Solvorn, von wo im Sommer eine kleine Fähre übersetzt. Eine eigene Pfarrei hatte Urnes bis 1881; dann wurde sie aufgelöst und Solvorn zugeschlagen. Im selben Jahr übernahm die Fortidsminneforeningen, der norwegische Verein zur Erhaltung alter Denkmäler, das Gebäude und besitzt es bis heute. Gottesdienste gibt es nur noch zu Taufen, Hochzeiten und ähnlichen Anlässen.
Eine Stabkirche ist eine Holzkirche, deren tragendes Gerüst aus senkrechten Masten, den „Stäben“, besteht, die auf einem Schwellenrahmen stehen. Die Wände sind aus senkrecht gestellten Planken gefügt. Anders als bei älteren Pfostenbauten fault so das Holz nicht im Boden. Nach der Zählung, die die UNESCO wiedergibt, sind rund 1.300 mittelalterliche Stabkirchen in Norwegen nachweisbar; erhalten haben sich 28. Urnes gilt als eine der ältesten von ihnen und wird oft die älteste genannt. 1979 wurde sie zusammen mit Bryggen in Bergen als eine der beiden ersten Stätten Norwegens in die Welterbeliste aufgenommen, nach den Kriterien i, ii und iii.
Bei Ausgrabungen unter dem Kirchenboden in den Jahren 1955 bis 1957 fand der Architekturhistoriker Håkon Christie Pfostenlöcher eines älteren Holzbaus. Münzfunde erlaubten ihm, diese erste Kirche grob in die Mitte des 11. Jahrhunderts zu setzen. Es war ein Pfostenbau, dessen Stützen im Boden steckten.
Wie viele Kirchen danach folgten, ist in der Forschung nicht ganz einig. Der Bauforscher Kristian Bjerknes vermutete eine zweite Kirche mit Schwellenrahmen. Der dänische Archäologe Knud J. Krogh rekonstruierte eine Kirche, die er „Urnesstilens kirke“ nannte, also die Kirche des Urnes-Stils: ein rechteckiges Schiff mit schmalerem Chor, reich mit Schnitzwerk geschmückt, das nach nicht einmal sechzig Jahren wieder abgerissen worden sein soll. Aus ihr stammen nach dieser Deutung das Portal, die beschnitzten Planken der Nordwand und die Reliefbretter in den Giebeln.
Die heutige Kirche ist durch Dendrochronologie datiert, die Altersbestimmung über die Jahresringe des Holzes. Nach der Zusammenfassung im Store norske leksikon wurde das Bauholz zwischen dem Winter 1129/30 und dem Winter 1131/32 gefällt; die Kirche dürfte also früh in den 1130er-Jahren fertig geworden sein. Sie ist kein schlichter Saal, sondern eine kleine Basilika aus Holz: Ein erhöhtes Mittelschiff ruht auf sechzehn großen Stäben, die mit runden Bögen und würfelförmigen Kapitellen verbunden sind. Romanische Steinarchitektur, übersetzt in Kiefer.
1601 wurde der Chor nach Osten verlängert und ausgemalt, 1704 setzte man den Dachreiter auf. Taufstein, Kanzel und Altartafel stammen aus dem 17. Jahrhundert. Bei der Restaurierung um 1900 bekamen Giebel und Südwand eine schützende Bretterverkleidung, hinter der ein Teil der alten Reliefs bis heute verborgen liegt.
Das Portal ist aus Kiefernholz geschnitzt – nicht aus Eiche, wie man gelegentlich liest. Der jüngste nachgewiesene Jahresring auf einer Portalplanke stammt aus dem Winter 1069/70. Das Relief wurde also wohl um 1070 bis 1080 geschnitzt. Damit ist es die älteste datierte Portalschnitzerei Norwegens. Ältere Handbücher setzen das Urnes-Schnitzwerk noch pauschal ins 12. Jahrhundert; die Jahresringe haben das korrigiert.
Das Ensemble ist rund dreieinhalb Meter hoch. Die Schnitzer arbeiteten in tiefem Relief, stellenweise etwa zehn Zentimeter tief ins Holz, sodass die Tierkörper wie freigestellt über dem Grund liegen und Licht und Schatten das Muster mitzeichnen. Planken, Bogenfeld und Türblatt sind von einem einzigen Geflecht überzogen.
Vieles spricht dafür, dass das Portal in der älteren Kirche an der Westseite saß, also den Haupteingang bildete. Im Neubau setzte man es an die Nordwand, wo es seither vor der Sonne geschützt ist. Die neue Kirche bekam einen eigenen, schlichteren Westeingang: ein Rundbogenportal mit Würfelkapitellen und Drachenmotiven, dessen Türblatt mittelalterliche Eisenbeschläge mit drachenförmigen Zungen trägt.
Wer davorsteht, sieht zunächst nur Bewegung. Im Zentrum steht ein großes, schlankes Tier mit vier Beinen, einem mandelförmigen Auge und einem langen, geschwungenen Hals. Es ist in einen Kampf verwickelt: Schmale, schlangenartige Wesen winden sich um seinen Körper und beißen zu, und das Tier beißt zurück. Dazu kommen zweibeinige Tiere, die in der Literatur meist als Drachen angesprochen werden. Im oberen Feld zählt man insgesamt sechs einander gegenübergestellte Tiere. In der Türöffnung schlingen sich zwei Schlangen ineinander.
Alles das ist in Achterschleifen verwoben, also in Linien, die sich wie eine liegende Acht kreuzen und wieder zurücklaufen. Kein Körper bleibt in seinem Feld; die Leiber gehen über- und untereinander durch, auch über die Grenzen der einzelnen Planken hinweg. Ein Detail lohnt den zweiten Blick: Auf der rechten Seite, etwa auf einem Drittel der Höhe, wächst aus dem Maul einer Schlange eine Lilie heraus. Ausgerechnet dieses kleine Motiv spielt in der heutigen Deutung eine große Rolle.
Wie das Portal einmal aussah, wissen wir nur zum Teil. An den Kapitellen im Inneren sind Reste von Ultramarin und Rot nachgewiesen; dass auch das Portal einst bemalt war, ist naheliegend, aber für Urnes selbst nicht sicher belegt.
Der Urnes-Stil lässt sich an wenigen Kennzeichen erkennen:
Pflanzen spielen kaum noch eine Rolle – anders als im vorangehenden Ringerike-Stil mit seinen langen Ranken, aus dem Urnes um die Mitte des 11. Jahrhunderts hervorgeht. Gemeinsam haben beide das Motiv des großen Tiers im Kampf mit Schlangen, das schon im Mammen-Stil des späten 10. Jahrhunderts auftaucht. Wenn du die Unterschiede selbst ausprobieren willst, findest du in unserer Anleitung Nordische Tierornamente zeichnen Schritt-für-Schritt-Hinweise für jeden Stil.
Zeitlich setzt die Forschung den Urnes-Stil meist von etwa 1050 bis in die ersten Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts an. Datiert wird er über Dendrochronologie wie in Urnes selbst und über Münzen, die zusammen mit Schmuck in diesem Stil vergraben wurden, etwa Prägungen der norwegischen Könige Harald Hardråde und Olav Kyrre. Die einflussreichste Gliederung stammt von der norwegischen Kunsthistorikerin Signe Horn Fuglesang, die zwischen frühem, mittlerem und spätem Urnes-Stil unterscheidet.
Lange war die Deutung naheliegend und romantisch: heidnische Bilder an einer christlichen Kirche. Das große Tier im Kampf mit den Schlangen wurde mit Ragnarök in Verbindung gebracht, dem Untergang der Götterwelt, oder mit dem Weltenbaum Yggdrasil, an dessen Wurzeln der Drache Níðhöggr nagt. Manche vermuteten sogar, die ältere Kirche sei wegen zu heidnischer Bilder so früh ersetzt worden. Diese Lesart steht bis heute in vielen Reiseführern.
Belegen lässt sie sich nicht. Es gibt auf dem Portal keine einzige Szene, die man eindeutig einem Text aus der Edda zuordnen könnte: kein Baum mit drei Wurzeln, keine Hirsche, keinen Adler, keinen Gott. Die Völuspá, das große Seherinnenlied, endet zwar mit dem Bild eines dunklen Drachen, der Leichen in seinen Schwingen trägt und Níðhöggr genannt wird. Aber zwischen diesem Gedicht, das erst im 13. Jahrhundert aufgeschrieben wurde, und einem Kirchenportal von 1070 fehlt jede direkte Verbindung. Mehr zum Drachen findest du bei Drachen und Schlangen in der nordischen Welt.
Seit einigen Jahren untersucht ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Kunsthistorikerin Margrete Syrstad Andås von der NTNU in Trondheim die Kirche in ihrem europäischen Zusammenhang. Ergebnisse erschienen 2022 im Sammelband „Urnes Stave Church and Its Global Romanesque Connections“, herausgegeben von Kirk Ambrose, Griffin Murray und Andås. Ihre Kernthese: Urnes ist nicht das letzte Aufbäumen einer heidnischen Kunst, sondern ein Bau, der auf Entwicklungen in ganz Europa antwortet.
Andås deutet das große Tier des Portals als stilisierten Löwen. Der Löwe war ein verbreitetes Herrschaftszeichen und konnte in christlicher Bildsprache für Christus stehen, den „Löwen aus dem Stamm Juda“. Die Schlangen, die ihn angreifen, wären dann das Böse, gegen das er kämpft. Die französische Kunsthistorikerin Nathalie Le Luel hat auf das Detail mit der Lilie hingewiesen: Mehrere der Schlangen, die den Löwen attackieren, verwandeln sich in Lilien – ein Symbol des Heils. Das Böse wird nicht nur besiegt, es wird verwandelt.
Dazu passt der Ort. Ein Portal ist im Mittelalter mehr als eine Tür; es ist die Schwelle zwischen Welt und Heiligtum. In der mittelalterlichen Liturgie, etwa bei der Kirchweihe, wurde am Portal Psalm 24 gesungen, mit der Frage und Antwort, die Luther so übersetzt: „Wer ist derselbe König der Ehren? Es ist der HERR Zebaoth; er ist der König der Ehren.“ Andås hat ihren Beitrag zum Portal und Westgiebel genau nach dieser Frage benannt. Wer durch dieses Portal ging, ging symbolisch durch den Kampf zwischen Gut und Böse hindurch zu Christus.
Auch die christliche Lesart bleibt Deutung – eine schriftliche Erklärung aus der Entstehungszeit gibt es nicht. Offen ist auch, ob jede Schlinge etwas bedeutet oder ein Teil schlicht Ornament ist. Von rund 120 erhaltenen Stabkirchenportalen zeigen übrigens nur wenige biblische Szenen, viele aber Drachen – und der Drache ist in der Kunst des Kontinents ein Bild des Bösen, während die vorchristliche Kunst Skandinaviens eher flügellose Schlangen kennt.
Das Portal ist nicht das Einzige, was in Urnes von Bedeutung ist. Die Kapitelle im Mittelschiff tragen 54 beschnitzte Felder. Darauf erscheinen Löwen, Drachen, ein Kamel, Kentauren, Vögel und ein barfüßiger Geistlicher mit Hirtenstab und Kreuz, den manche als Pilger lesen. Das Relief ist flach und scharf geschnitten, ohne plastische Modellierung; Ranken gibt es nur an den Eckkapitellen. Diese Bilder gehören zum Neubau der 1130er-Jahre und sind deutlich romanisch.
An der Wand zum Chor hängt eine Kreuzigungsgruppe: Christus mit Königskrone, flankiert von Maria und Johannes. Ihre Datierung schwankt in der Literatur zwischen etwa 1150 und dem späten 12. Jahrhundert; bemalt wurde sie später, im 13. Jahrhundert. Christus als gekrönter König am Kreuz – auch hier also der „König der Ehren“. Zur Ausstattung gehörten außerdem zwei emaillierte Bronzeleuchter aus Limoges in Frankreich aus dem 13. Jahrhundert, die heute nicht mehr in der Kirche aufbewahrt werden, sowie ein mittelalterlicher schmiedeeiserner Leuchter auf dem Altar in Form eines Bootes mit Wetterfahnen an den Steven.
Die Limoges-Leuchter zeigen, wie vernetzt der abgelegene Ort war: Der Sognefjord war eine Wasserstraße zum Meer, nach Bergen, England und auf den Kontinent. Das Land war erst wenige Generationen zuvor unter Königen wie Olav Haraldsson christianisiert worden, der 1030 bei Stiklestad fiel und bald als Heiliger verehrt wurde. Wie dieser Wandel im ganzen Norden verlief, beschreiben wir im Beitrag über die Christianisierung der Germanen.
Das Portal gab den Namen, aber die meisten Werke im Urnes-Stil stehen gar nicht in Norwegen. Die größte Gruppe findet sich auf Runensteinen in Uppland, der Landschaft um Uppsala und Stockholm. Deshalb sprechen manche Forscher auch vom „Runensteinstil“. Die schwedische Archäologin Anne-Sofie Gräslund hat die Ornamentik dieser Steine in Gruppen eingeteilt, die sich zur Datierung nutzen lassen. Danach gehört die Gruppe Pr3 mit Übergangsmerkmalen etwa in die Zeit von 1050 bis 1080, Pr4 von etwa 1060/70 bis 1100 und Pr5 von etwa 1080/1100 bis 1130. Mit Pr5 endet in Uppland die Zeit der Runensteine.
Die Runenschlange, deren Körper die Inschrift trägt, wird dabei immer schlanker. Ihr Meister war der Runenritzer Öpir, der im späten 11. und frühen 12. Jahrhundert vor allem im Süden und Osten Upplands arbeitete. Rund fünfzig Steine hat er signiert, etwa ebenso viele werden ihm zugeschrieben. Typisch für ihn ist eine einzelne Runenschlange in Form einer Acht, so fein und offen, dass sie fast schwebt. Zu seinen Werken gehören der Stein von Vaksala (U 961), der Stein von Marma (U 485), auf dem er seinen vollen Namen nennt, und ein Stein im Dom von Uppsala. Den mittleren Urnes-Stil prägen dagegen die Runenmeister Fot und Balli.
Viele dieser Steine tragen ein Kreuz und christliche Gebetsformeln wie „Gott helfe seiner Seele“. Hier zeigt sich derselbe Befund wie in Urnes: Der Stil ist nicht heidnisch, sondern die Bildsprache einer frisch christianisierten Oberschicht, die ihre Toten ehrte, Besitz dokumentierte und zugleich ihren Glauben bekannte. Mehr über diese Denkmäler findest du in unserer ehrlichen Einführung in die Runen.
Auch in Dänemark hat der Stil Spuren hinterlassen. Die Hørning-Planke, 1887 als Füllmaterial in der romanischen Kirche von Hørning bei Randers entdeckt, ist der einzige Rest einer Stabkirche aus der Zeit um 1070. Auf ihrer Außenseite tragen geschnitzte und bemalte Drachen den Urnes-Stil, auf der Innenseite sind Weinranken und Trauben gemalt, ein Bild für die Eucharistie. Sie liegt heute im Nationalmuseet in Kopenhagen. Typisch sind außerdem durchbrochene Tierfibeln mit einem großen Tier im Kampf mit Schlangen, gefunden in ganz Skandinavien.
In England gilt die Fibel von Pitney als bestes Beispiel. Die vergoldete Kupferlegierungsscheibe von nur 39 Millimetern Durchmesser wurde wohl in den 1870er-Jahren auf dem Kirchhof von Pitney in Somerset gefunden und 1979 vom British Museum erworben. Sie zeigt, durchbrochen gearbeitet, ein bandförmiges Tier im Kampf mit einer Schlange. Der Archäologe James Graham-Campbell hat ihr Kampfmotiv ausdrücklich mit den Kompositionen von Urnes verglichen.
Am längsten lebte der Stil in Irland. Dort hatten sich Skandinavier seit dem 9. Jahrhundert in Städten wie Dublin, Waterford und Limerick festgesetzt; über diese Ostmänner und ihre Nachbarn lief der Austausch. Irische Goldschmiede übernahmen den Urnes-Stil um 1100 und entwickelten ihn zu einer eigenen Spielart, die die Forschung „Hiberno-Urnes“ nennt. Frühe Beispiele sind der Schrein für die Glocke des heiligen Patrick, der nach seinen Inschriften in die Jahre um 1094 bis 1105 gehört, und der Bischofsstab von Lismore, um 1100 bis 1113 für Bischof Niall mac Meic Áeducáin gefertigt. Die Kunsthistorikerin Máire de Paor nannte ihn „Irish-Urnes in its full development“.
Das berühmteste Stück ist das Kreuz von Cong. Der König von Connacht und Hochkönig Tairrdelbach Ua Conchobair ließ es für eine Kreuzreliquie anfertigen, die um 1123 aus Rom nach Irland kam. Das etwa 76 Zentimeter hohe Vortragekreuz war zuerst für die Kirche von Tuam bestimmt und kam später in die Abtei von Cong, daher der Name. Seine Flächen sind mit Bandgeflecht im Urnes-Stil überzogen, und am Fuß halten Tierköpfe das Kreuz im Maul. Die Inschriften nennen den Goldschmied Máel Ísu mac Bratáin Uí Echach. Heute liegt es im National Museum of Ireland in Dublin. Während der Stil in Skandinavien längst der Romanik gewichen war, schmückte er in Irland noch Reliquiare des 12. Jahrhunderts. Mehr zum Hintergrund findest du bei uns über die Wikinger in Irland, Schottland und auf den Inseln.
In Skandinavien selbst verschmolz der Urnes-Stil im 12. Jahrhundert mit der Romanik. Diese Mischform, oft „Urnes-Romanik“ genannt, findet sich vor allem auf Gotland und auf dem schwedischen Festland, aber nicht mehr auf Runensteinen. Ein bekanntes dänisches Beispiel ist das vergoldete Altarfrontale von Lisbjerg bei Aarhus aus der Zeit um 1135. Die Tiere werden fülliger, Blattwerk kehrt zurück, die Kompositionen ordnen sich nach Achsen. Urnes selbst zeigt diesen Übergang auf engstem Raum: draußen das Portal von etwa 1070, drinnen die romanischen Kapitelle von etwa 1130.
Das Original darf nicht angefasst werden, und es ist empfindlich. Umso bemerkenswerter ist ein Projekt der Fortidsminneforeningen: Unter dem Titel „Treets mester“ (Meister des Holzes) haben drei norwegische Schnitzwerkstätten seit 2020 eine Replik des Portals angefertigt – von Hand, mit Werkzeugen, die nach mittelalterlichen Vorbildern aus Raseneisenerz geschmiedet wurden. Grundlage waren 3D-Scans des Kulturhistorischen Museums in Oslo, auf denen sich die Werkzeugspuren der ursprünglichen Schnitzer ablesen ließen. Das Holz lieferte eine Kiefer aus Vik in Sogn. Am 22. September 2024 wurde die Replik vorgestellt. Sie soll in einem geplanten Welterbe-Besucherzentrum gezeigt werden.
Uns gefällt daran, dass es das Portal als Handwerk ernst nimmt: Die Schnitzer erlebten, wie viel Zeit die tiefen, schattigen Partien kosten. Mehr über die Techniken liest du in unserem Beitrag über die Holzschnitzerei der Wikinger.
Wenn wir in unserer Werkstatt in Alsdorf ein Motiv im Urnes-Stil auf Schiefer oder Holz übertragen, ist das eine Übersetzung in ein anderes Material und eine andere Technik. Das Ziel bleibt dasselbe wie vor 950 Jahren: eine Linie, die nie abreißt, die über- und untertaucht und am Ende doch ein Ganzes ergibt. Welche nordischen Zeichen echt sind und welche nicht, erklären wir in unserem Beitrag über Wikinger-Symbole und ihre Bedeutung.

Wie alt ist das Urnes-Portal? Der jüngste Jahresring auf einer Portalplanke stammt aus dem Winter 1069/70. Das Portal wurde also um 1070 bis 1080 geschnitzt und ist damit rund 60 Jahre älter als die heutige Kirche.
Ist die Stabkirche Urnes die älteste Stabkirche Norwegens? Sie gilt als eine der ältesten erhaltenen und wird oft als die älteste genannt. Ihr Bauholz wurde 1129/30 bis 1131/32 gefällt; Teile wie das Nordportal sind aus einem Vorgängerbau übernommen.
Woran erkennt man den Urnes-Stil? An schlanken Vierbeinern und fadendünnen Schlangen, die sich in offenen Achterschleifen umschlingen, an meist nur zwei Linienstärken und an einem offenen Muster ohne Symmetrieachse.
Was bedeuten die Tiere am Urnes-Portal? Die neuere Forschung deutet das große Tier als Löwen, also als Christus-Bild im Kampf gegen das Böse, und die Schlangen, die sich in Lilien verwandeln, als besiegtes und verwandeltes Böses. Die ältere Ragnarök- oder Níðhöggr-Deutung ist nicht belegt.
Wo gibt es außer in Urnes noch Kunst im Urnes-Stil? Vor allem auf Runensteinen in Uppland in Schweden, auf durchbrochenen Fibeln in ganz Skandinavien, auf der Pitney-Fibel in England und auf irischen Kirchenschätzen wie dem Kreuz von Cong.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Runen & ihre Bedeutung · Thors Hammer · Nordische Symbole: echt oder erfunden? · Die Goldhörner von Gallehus · Guldgubber – die winzigen Goldgötter.