Schlanke Tiere und Schlangen, die sich in endlosen, eleganten Schleifen umeinander winden, so fein wie mit dem Federstrich gezogen: Das ist der Urnes-Stil, die letzte große Kunstrichtung der Wikingerzeit. Ihr Name stammt von einem geschnitzten Kirchenportal hoch über einem norwegischen Fjord – und ihre Ornamente sind bis heute eine Fundgrube für jeden, der schöne Muster liebt.
Die Kunst der Wikinger war über Jahrhunderte eine Kunst der Tiere. In immer neuen Stilen – Broa, Borre, Jelling, Mammen, Ringerike – verschlangen sich Bänder, Greiftiere und Ranken zu dichten Mustern. Der Urnes-Stil ist der letzte davon. Er entsteht in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, noch stark vom vorangehenden Ringerike-Stil geprägt, und bleibt bis zum Beginn des 12. Jahrhunderts in Gebrauch. Dann verdrängt die europäische Romanik die alten Tierschlingen.
Sein Kennzeichen ist die Feinheit. Wo ältere Stile kräftig und füllig wirken, wird der Urnes-Stil dünn, geschmeidig, fast nervös. Schlanke Vierbeiner und schmale Schlangen – die Skandinavier nannten sie drakslingor, „Drachenschlingen" – winden sich in weiten Achten und Schleifen umeinander, oft in einem Kampf, den man kaum entwirren kann.
„Da kommt der dunkle Drache geflogen, die glänzende Natter, herauf von den Nidabergen." Völuspá, nach Karl Simrock (gemeinfrei)
Den Namen gab ein Ort: Urnes am Ostufer des Lustrafjords, eines Seitenarms des Sognefjords in Norwegen. Dort steht die Stabkirche von Urnes, deren Ursprünge vor das Jahr 1100 zurückreichen; sie gilt als die älteste Stabkirche Norwegens. Ihr Schmuckstück ist das reich geschnitzte Nordportal – große, in Holz gearbeitete Tierschlingen, so lebendig, dass sie den ganzen Stil benannt haben. Wegen dieses Portals wurde die Kirche 1979 UNESCO-Welterbe.
Das Faszinierende: Hier sitzt heidnische Tierornamentik am christlichen Gotteshaus. Das Portal vereint keltische Anklänge, wikingische Tradition und die aufkommende Romanik in einem einzigen Werk – ein Bild des Übergangs, in Eichenholz geschnitten.
Der Urnes-Stil blieb nicht auf Norwegen und nicht auf Portale beschränkt. Man findet ihn auf Runensteinen, auf Schmuck, auf Metallbeschlägen quer durch Skandinavien – die feinen Drachenschlingen sind auf schwedischen Runensteinen geradezu allgegenwärtig. Sogar auf dem Teppich von Bayeux, dem gestickten Bildbericht der normannischen Eroberung Englands, lassen sich Anklänge an Urnes, Ringerike und Mammen erkennen. Weil sich die Muster im Lauf der Zeit veränderten, helfen sie den Forschern sogar beim Datieren: Am Stil der Schlinge lässt sich ablesen, wann ein Stück entstand.
Diese alten Muster sind zeitlos schön – und sie sind genau das, was gute Gravur ausmacht: eine klare, fließende Linie, die sich zu einem Ganzen fügt. Wer nordische Ornamentik auf Schiefer oder Holz sehen will, steht in einer tausend Jahre alten Tradition der Tierschlinge. Mehr zu den verwandten Zeichen und ihrer Echtheit findest du in unserem Beitrag über nordische Symbole.
Der Urnes-Stil ist die späteste Kunstrichtung der Wikingerzeit; er entsteht in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts und bleibt bis zum Beginn des 12. Jahrhunderts in Gebrauch, aus dem Ringerike-Stil hervorgehend. Sein Kennzeichen sind feinlinige, ineinander verschlungene Tiere und Schlangen (drakslingor). Namensgeber ist das geschnitzte Nordportal der Stabkirche Urnes (Lustrafjord, Norwegen), der ältesten Stabkirche des Landes, seit 1979 UNESCO-Welterbe. Der Stil findet sich auch auf Runensteinen, Schmuck und Metallarbeiten in ganz Skandinavien.
Die verschlungenen Tiere des Urnes-Stils sind Ornament, kein geheimes Schriftsystem – man sollte nicht jede Schlinge als „Botschaft" deuten. Auch ist das erhaltene Gebäude der Stabkirche jünger als das wiederverwendete Portal: Die Kirche selbst stammt im Wesentlichen aus dem 12. und 13. Jahrhundert, das ältere Portal wurde übernommen. Der Stil ist echte Wikingerkunst an der Schwelle zum christlichen Mittelalter.

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