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Die Nordleute auf der Isle of Man

Geschichte & Funde Die Nordleute auf der Isle of Man

Die Isle of Man ist kleiner als Rügen. Trotzdem stehen dort mehr Runensteine aus der Wikingerzeit als in manchen Landschaften Skandinaviens. Einer ihrer Steinmetzen hat mit einem Satz unterschrieben, der nach Werbung klingt: Er habe dieses Kreuz gemacht und alle auf Man. Auf dieser Insel mitten in der Irischen See ließen sich ab dem späten 9. Jahrhundert Nordleute nieder, begruben ihre Toten in Booten, heirateten in gälische Familien ein und hinterließen ein Königreich, das erst 1266 an Schottland fiel. Und ein Parlament, dessen Alter man genauer prüfen sollte, als es die Festreden tun.

Gaut's Cross, ein Steinkreuz mit Flechtband in der Kirche von Kirk Michael
Das als Gaut's Cross bekannte Kreuz in Kirk Michael. Seine Runeninschrift nennt den Stifter Melbrigdi und rühmt den Steinmetzen: Gaut habe dieses Kreuz gemacht und alle auf Man. Foto: Malost, CC BY-SA 3.0.

Eine Insel in der Mitte

Man liegt beinahe gleich weit von England, Schottland, Irland und Wales entfernt. Für Seefahrer der Wikingerzeit war das kein Randort, sondern eine Drehscheibe. Wer von Dublin nach Norden zu den Hebriden und weiter nach Orkney wollte, kam hier vorbei, und wer zwischen Irland und Northumbria Handel trieb, ebenso. Die Insel gehört deshalb in den großen Zusammenhang der Wikinger in Irland, Schottland und auf den Inseln.

Zeitgenössische Schriftquellen über die Ankunft der Nordleute auf Man gibt es praktisch nicht. Keine Chronik notiert, wann das erste Schiff anlegte. Was wir wissen, stammt aus dem Boden und aus Stein: aus Gräbern, Silberhorten und Kreuzen. Die Gräber setzen im späten 9. und frühen 10. Jahrhundert ein. Die Menschen, die sie anlegten, trafen auf eine christliche, gälisch sprechende Bevölkerung mit Kirchhöfen und kleinen Kapellen, den keeills.

Balladoole: ein Boot über christlichen Gräbern

Die bekanntesten Gräber hat ein Mann ausgegraben, der eigentlich gar nicht auf Man sein wollte. Gerhard Bersu, deutscher Archäologe, war im Zweiten Weltkrieg auf der Insel interniert und durfte unter Aufsicht graben. 1945 legte er bei Balladoole im Süden der Insel, nahe Castletown, ein Bootsgrab frei.

Vom Boot selbst war nichts mehr übrig außer den eisernen Nieten, die seine Planken zusammengehalten hatten. Sie zeichnen den Umriss eines Klinkerbootes von etwa elf Metern Länge nach. Darin lag ein Mann, bestattet mit Reitzeug – Trense, Steigbügel, Sporen –, mit Schild, Messern, einem Feuerstahl und einem eisernen Kessel. Ein Schwert fehlte. Datiert wird das Grab in die Zeit zwischen etwa 850 und 950.

Der Befund hat eine unangenehme Pointe. Das Boot wurde direkt über älteren christlichen Steinkistengräbern eingelassen, teils in sie hinein. Ob das Absicht war – eine Demonstration, wer jetzt das Land besaß – oder ob man den alten Friedhof schlicht als herausgehobenen Platz nutzte, lässt sich nicht entscheiden. Beides wird vertreten. Sicher ist nur: Wer hier lag, hatte Leute, die ein Boot einen Hang hinaufzogen, um ihn so zu bestatten. Wie verbreitet diese Sitte im Norden war, zeigen Gräber von Norwegen bis zur Bretagne.

Ballateare: der Mann, die Frau und die Tiere

Ein Jahr später grub Bersu im Norden der Insel, in Ballateare bei Jurby, einen Hügel von rund zwölf Metern Durchmesser aus. Im Zentrum lag ein junger Mann in einem Sarg aus dünnen Eichenbrettern. Bei ihm: ein Schwert mit Silbereinlagen, absichtlich zerbrochen, ein zerhackter Schildbuckel, drei Speerspitzen, ein Messer.

Höher im Hügel lag eine zweite Tote, eine Frau zwischen zwanzig und dreißig Jahren. Ihr Schädel zeigt eine schwere Verletzung am Hinterkopf, nach dem Befund wohl ein Hieb mit einer Klinge. Über ihr lag eine Schicht verbrannter Tierknochen: Pferd, Rind, Schaf, Hund.

Bersu deutete die Frau als Menschenopfer. Diese Deutung ist bis heute die gängige, aber sie bleibt eine Deutung. Ob die Frau zum Begräbnis getötet wurde, ob sie eine Unfreie war, ob sie freiwillig starb oder ob ihr Tod mit dem des Mannes nur zeitlich zusammenfiel – das kann kein Knochen beantworten. Die Forschung der letzten Jahre hat eher davor gewarnt, solche Befunde vorschnell mit den bekannten arabischen Berichten von der Wolga zu verbinden. Auch in Balladoole gibt es übrigens Hinweise auf einen weiteren Toten im Hügel.

Gaut und die Kreuze

Wer heute an die Nordleute auf Man denkt, denkt an die Kreuze. Die Insel besitzt gut zwei Dutzend Steine mit Runeninschriften aus der Wikingerzeit, dazu viele Kreuzplatten ohne Inschrift. Geschrieben ist fast alles in den sogenannten Kurzzweigrunen, einer Variante des jüngeren Futhark, die man vor allem aus Norwegen und Schweden kennt. Die Steine gehören überwiegend ins 10. Jahrhundert, einzelne wohl ins frühe 11.

Das ist bemerkenswert, denn es sind christliche Kreuze. Die Nordleute auf Man setzten Grabdenkmäler nach nordischer Sitte – „X errichtete dieses Kreuz nach Y" –, aber in Form der Kreuzplatten, die auf den Britischen Inseln üblich waren. Zwei Traditionen in einem Stein.

Einer der Steinmetzen nennt sich selbst. Auf einem Kreuz in Andreas steht, Gaut habe es gemacht, Sohn des Björn aus Kuli. Auf einem Kreuz in Kirk Michael geht er weiter:

Gautr gerði þanna ok alla í Mǫn.

„Gaut machte dieses und alle auf Man."Runenkreuz Kirk Michael (Br Olsen 208B); normalisierte Lesung nach der Samnordisk runtextdatabas, Übertragung von uns

Wörtlich wird man das nicht nehmen müssen. Aber der Satz passt zum Befund: Mit Gaut beginnt auf Man ein eigener Stil, runde Radkreuze nach schottisch-irischem Vorbild, überzogen mit Ringketten und Flechtbändern, die an den skandinavischen Borre-Stil anschließen. Mehrere unsignierte Kreuze hat die Forschung ihm oder seiner Werkstatt zugeschrieben.

Woher Gaut kam, ist offen. Kuli hat man auf den Hof Cooley in Kirk Michael bezogen. Der norwegische Sprachforscher Carl Marstrander las dagegen Kolli und dachte an die Hebrideninsel Coll. Dann wäre Gauts Vater ein Mann von den Inseln gewesen. Beides ist möglich, keines bewiesen.

Auf dem Kreuz in Kirk Michael, das Gauts Satz trägt, steht auch, wer es in Auftrag gab: Melbrigdi, Sohn des Athakan des Schmieds. Beide Namen sind gälisch, die Inschrift ist nordisch. Auf anderen Kreuzen heiraten Männer mit nordischen Namen Frauen mit gälischen oder umgekehrt, Söhne bekommen Namen aus der jeweils anderen Sprache. Genau diese gemischte Welt beschreiben irische Annalen mit dem Wort Gall-Goídil. Und ein Kreuz in Kirk Michael fasst die Ethik dieser Familien in einen Satz: Besser sei es, einen guten Ziehsohn zu hinterlassen als einen schlechten Sohn.

Thorwalds Kreuz: Odin oder nicht?

Das berühmteste Stück steht in der Kirche von Andreas. Die Inschrift ist kurz: Thorwald errichtete dieses Kreuz. Die Bilder sind es nicht. Auf einer Seite hält ein bärtiger Mann einen Speer nach unten gegen einen Wolf, sein Fuß steckt im Maul des Tieres, auf seiner Schulter sitzt ein großer Vogel. Auf der anderen Seite trägt eine Gestalt ein Kreuz und ein Buch, daneben ein Fisch und eine Schlange.

Die übliche Lesung: Die erste Szene zeigt Odin mit seinem Raben, verschlungen vom Wolf Fenrir beim Weltende, die zweite den Sieg Christi. Heidnisches Ende und christlicher Neubeginn auf einem Stein. Das ist eine gute Deutung, und wir halten sie für plausibel. Aber es ist eine Deutung: Keine Inschrift nennt Odin, und die Geschichte vom Tod Odins durch den Wolf kennen wir in ausgeführter Form erst aus Texten des 13. Jahrhunderts. Auch die Datierung schwankt – von der Mitte des 10. bis ins 11. Jahrhundert. Den Vergleich mit dem Gosforth-Kreuz in Cumbria haben wir bei Gosforth und Thorwalds Kreuz ausführlich erzählt.

Tynwald: alt, aber wie alt?

Auf dem Tynwald Hill bei St John's tritt bis heute jedes Jahr Anfang Juli das Parlament der Insel unter freiem Himmel zusammen, und die neuen Gesetze werden verkündet. Der Name kommt vom altnordischen þingvǫllr, Thingfeld – dasselbe Wort wie Þingvellir in Island und Tingvoll in Norwegen. Dass es auf Man eine Thingversammlung nordischer Art gab, ist deshalb sehr wahrscheinlich.

Auf der Insel und in Reiseführern liest man gern, Tynwald sei das älteste ununterbrochen bestehende Parlament der Welt, gegründet 979. Beides hält einer Prüfung nicht stand. Für 979 gibt es keinen Beleg; das Jahr wurde gewählt, um 1979 ein Jahrtausendfest feiern zu können. Schriftlich greifbar wird der Ort erst in der Chronik der Könige von Man: zuerst wenige Jahre vorher als Schauplatz einer Schlacht, dann zum Jahr 1237 als Versammlungsort:

congregatio totius Mannensis populi apud Tingualla

„eine Versammlung des ganzen Volkes von Man bei Tynwald"Chronica regum Manniae et Insularum, zum Jahr 1237; Übertragung von uns

Das isländische Althing ist älter, auch wenn es zwischen 1800 und 1845 ruhte. Die Zusammensetzung von Tynwald und das House of Keys sind erst ab dem 15. Jahrhundert greifbar. „Ununterbrochen" heißt also: ohne dokumentierten Bruch, aber auch ohne Dokumente für die ersten Jahrhunderte. Ehrlich formuliert: Tynwald steht in einer Tradition, die in die Wikingerzeit zurückreicht – bewiesen ist die Kette nicht.

Godred Crovan und das Königreich der Inseln

Politisch wird Man erst im 11. Jahrhundert fassbar. Zuvor stand die Insel wechselnd im Einflussbereich der Könige von Dublin – der Ostmänner – und der Orkney-Jarle. Dann kam Godred Crovan.

Nach der Chronik von Man war Godred 1066 beim norwegischen Heer, das bei Stamford Bridge unterging, und floh danach nach Man. 1079 eroberte er die Insel im dritten Anlauf, nach einer Schlacht am Sky Hill. Die Chronik erzählt, er habe seinen Leuten die Wahl gelassen, das Land zu plündern oder sich darauf niederzulassen, und das Land dann zwischen Siegern und Inselbewohnern aufgeteilt. Später beherrschte er zeitweise auch Dublin. Er starb 1095 auf Islay. Über seine Macht zur See schreibt der Chronist, er habe die Schotten so kleingehalten, dass keiner, der ein Schiff baute, mehr als drei Bolzen einzusetzen wagte. Das klingt nach Legende, und es wurde anderthalb Jahrhunderte später aufgeschrieben.

Godreds Nachkommen herrschten fast zwei Jahrhunderte über das Königreich Man und die Inseln, zu dem auch die Hebriden gehörten. Die Nordleute nannten diese Inseln Suðreyjar, die Südinseln – im Namen des Bistums Sodor und Man lebt das Wort bis heute fort. Die Könige erkannten die Oberhoheit Norwegens an; 1098 kam Magnus Barfuß selbst mit einer Flotte. In der Volksüberlieferung der Insel wurde aus Godred wohl der legendäre König Orry, der Man seine Ordnung gegeben haben soll.

Das Ende kam über Schottland. Nach dem gescheiterten norwegischen Feldzug von 1263 und dem Tod des letzten Königs Magnus Olafsson 1265 trat Norwegen im Vertrag von Perth 1266 Man und die Hebriden gegen eine Geldzahlung an Schottland ab.

Die Chronik der Könige von Man

Fast alles, was wir über dieses Königreich im Detail wissen, stammt aus einer einzigen Handschrift. Die Chronica regum Manniae et Insularum liegt heute in der British Library. Ihr Hauptteil wurde nach verbreiteter Ansicht um 1261/62 in der Zisterzienserabtei Rushen auf Man geschrieben, auf Latein, später von anderen Händen bis 1316 fortgeführt. Die Einträge beginnen 1016; die frühen sind knapp und teils aus der Chronik von Melrose übernommen.

Das hat Folgen. Für Godred Crovan schreibt der Chronist aus dem Abstand von fast zwei Jahrhunderten, und er schreibt für die Nachkommen dieses Mannes. Ab dem späten 12. Jahrhundert wird die Chronik dichter und zuverlässiger. Für die Wikingerzeit im engeren Sinn, das 9. und 10. Jahrhundert, sagt sie fast nichts.

Beleg, Überlieferung, Deutung – sauber getrennt

Archäologisch belegt sind nordische Bootsgräber und Hügelgräber des späten 9. und 10. Jahrhunderts wie Balladoole und Ballateare, zahlreiche Silberhorte und gut zwei Dutzend Runenkreuze mit nordischen und gälischen Namen.

Inschriftlich belegt sind die Namen der Stifter und Toten, Gaut als Steinmetz mit seinem Satz über „alle auf Man" und Thorwald als Stifter des Kreuzes in Andreas.

Spätere Überlieferung ist die Chronik der Könige von Man, geschrieben um 1261/62, mit Godreds Eroberung von 1079 und der Tynwald-Versammlung von 1237. Noch später sind die Erzählungen über König Orry.

Moderne Deutung sind das Menschenopfer von Ballateare, der Odin auf Thorwalds Kreuz und die Behauptung vom ältesten ununterbrochenen Parlament samt Gründungsjahr 979.

Was übrig bleibt, ist mehr als genug: eine kleine Insel, auf der Nordleute und Gälen ein gemeinsames Leben in Stein schrieben – in zwei Sprachen, unter einem Kreuz. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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