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Die Nordleute in der Bretagne (843–939)

Geschichte & Funde Die Nordleute in der Bretagne (843–939)

Die Normandie kennt jeder. Dass es an der Loire beinahe eine zweite gegeben hätte, wissen nur wenige. Fast zwei Jahrzehnte lang, von 919 bis 936, war die Bretagne ein Land, in dem nordische Anführer in Nantes saßen, Mönche mit ihren Reliquien nach Osten flohen und der bretonische Adel in England auf bessere Zeiten wartete. Dann kam ein junger Mann mit einem schiefen Bart über das Meer zurück. Was wir über diese Jahre wissen, steht in wenigen Zeilen eines Kanonikers aus Reims, in einer späten Chronik aus Nantes – und in einem verbrannten Boot auf einer Insel vor Lorient.

Rekonstruktion des Grabhügels von der Île de Groix im Querschnitt
Rekonstruktion des Grabhügels von der Île de Groix, gezeigt 2013 in einer Ausstellung in Douarnenez. Im Hügel lagen die Reste einer Brandbestattung in einem Schiff aus dem 10. Jahrhundert – das einzige sichere Schiffsgrab der Wikingerzeit im heutigen Frankreich. Foto: Moreau.henri, CC BY-SA 4.0.

Johannistag 843

Am 24. Juni 843 feierte man in Nantes den Tag Johannes des Täufers. Die Kathedrale war voll. An diesem Tag kamen Schiffe die Loire herauf. Die Angreifer drangen in die Stadt ein, töteten Bischof Gohard – in manchen Quellen Gunhard – und viele Geistliche und Laien und plünderten Nantes.

Die zeitnächste Nachricht stammt aus den Annalen von Saint-Bertin, dem westfränkischen Reichsjahrbuch. Sie berichten knapp, die Nordleute hätten Nantes angegriffen, den Bischof und viele Kleriker und Laien beiderlei Geschlechts getötet, die Stadt geplündert und seien dann weiter nach Aquitanien gezogen. Zuletzt hätten sie auf einer Insel Häuser errichtet und dort überwintert, als wollten sie für immer bleiben. Gemeint ist wohl Noirmoutier vor der Loiremündung, wo die Nordleute schon in den Jahren zuvor aufgetaucht waren.

Warum ausgerechnet 843 und warum Nantes? Die Stadt lag im Streit. Wenige Wochen vorher, im Mai, hatte der fränkische Graf Lambert bei Blain den von Karl dem Kahlen eingesetzten Grafen von Nantes geschlagen. Die spätere Chronik von Nantes behauptet, Lambert selbst habe die Nordleute die Loire hinaufgeführt. Das ist eine Anklage aus dem Rückblick, keine Tatsache; sie zeigt aber, wie man sich das Unglück später erklärte. Wer vorher in Nantes wohnte, die Namneten der Antike, haben wir in einem eigenen Beitrag über die Namneten erzählt.

Die Loire-Wikinger

Nach 843 war die Loire für Jahrzehnte eine Straße der Flotten. Die Nordleute, die hier operierten, bildeten keine Einheit. Es waren wechselnde Gruppen unter wechselnden Anführern, mal verbündet, mal verfeindet, mit Winterlagern auf Inseln im Strom. Sie fuhren bis Tours und Orléans hinauf. Und sie fuhren weiter, die Atlantikküste entlang: Die Flotte, die 844 Sevilla überfiel, kam sehr wahrscheinlich aus diesem Umfeld. Wie das in al-Andalus aussah, erzählen wir bei den Madjus.

Für die Bretonen waren diese Flotten Gefahr und Werkzeug zugleich. Die bretonischen Herrscher des 9. Jahrhunderts, Nominoë, Erispoë und Salomon, kämpften um ihre Unabhängigkeit vom Frankenreich, und die Nordleute waren in diesem Spiel ein Faktor, mit dem man rechnete – als Feind, als bezahlter Verbündeter, als Gegner, den man gegen Tribut ziehen ließ. Das Reich der Bretonen überstand das 9. Jahrhundert. Das 10. nicht.

913 bis 919: die Flucht der Mönche

Nach dem Tod des bretonischen Königs Alain des Großen um 907 fehlte eine starke Hand. 913 wurde Landévennec geplündert, das größte Kloster im Westen der Halbinsel. Die Mönche flohen mit den Gebeinen ihres Gründers, des heiligen Guénolé, nach Osten und kamen schließlich in Montreuil an der Kanalküste unter. Andere Gemeinschaften taten es ihnen nach.

Diese Flucht hat eine Spätfolge, die bis heute spürbar ist. Die Bücher gingen mit den Reliquien. Handschriften bretonischer Schreiber aus der Zeit vor den Wikingern liegen heute in Paris, London, Oxford oder anderswo, aber kaum noch in der Bretagne selbst. Die Bretagne hat ihre frühe Schriftkultur buchstäblich exportiert, um sie zu retten.

Ragnvald in Nantes

Die wichtigste Quelle für die folgenden Jahre ist ein Zeitgenosse: Flodoard, Kanoniker in Reims, der ab 919 Jahr für Jahr Annalen schrieb. Zu 919 notiert er, die Nordleute hätten die ganze Bretagne verwüstet, die Bretonen verschleppt, verkauft oder vertrieben. Der Adel wich über das Meer nach England und ins Frankenreich aus.

Anführer der Nordleute an der Loire war nach Flodoard ein Mann namens Ragenold, altnordisch wohl Rǫgnvaldr, bei uns Ragnvald. 921 belagerte Robert, der mächtige Markgraf von Neustrien, die Loire-Nordleute fünf Monate lang ohne Erfolg. Dann gab er nach: Er überließ ihnen die Bretagne, die sie verwüstet hatten, zusammen mit dem Gebiet von Nantes. Flodoard fügt an, sie hätten begonnen, den christlichen Glauben anzunehmen.

Das klingt nach dem Muster, das zehn Jahre zuvor an der Seine funktioniert hatte: Land gegen Taufe und Ruhe. Dort war daraus die Normandie geworden – die Geschichte erzählen wir bei Rollo. An der Loire ging es anders aus. Ragnvald und seine Leute zogen in den 920er-Jahren weiter auf Beute bis tief ins Frankenreich. Eine dauerhafte Herrschaft mit Grafschaft, Erbfolge und Kirche entstand nicht.

Die Zeit ohne Herzog

Die Jahre zwischen 919 und 936 sind die dunkelsten der bretonischen Geschichte, im doppelten Sinn: Es war eine Zeit der Fremdherrschaft, und wir sehen kaum etwas davon. Man spricht in der Forschung von einer nordischen Herrschaft über die Bretagne, aber wie sie aussah, wissen wir nicht. Gab es Abgaben? Siedler? Einen festen Sitz außer Nantes? Die Quellen schweigen.

Wir wissen nur, dass nicht alle Bretonen gegangen waren. 931 erhoben sich Bretonen im Westen und töteten nach Flodoard viele Nordleute, darunter deren Anführer Felecan. Die Antwort kam schnell: Ein Anführer namens Incon zog von der Loire aus mit einem Heer heran und schlug den Aufstand nieder. Auch diese Namen kennen wir nur aus Flodoards wenigen Zeilen.

Alan mit dem schiefen Bart

Unter den Bretonen im englischen Exil war ein junger Adliger namens Alan, Enkel Alains des Großen. Er wuchs am Hof König Æthelstans auf. Den Beinamen Barbetorte – Krummbart, Schiefbart – trägt er in der späteren Überlieferung. Für 936 notiert Flodoard in einem einzigen Satz, was dann geschah:

Brittones a transmarinis regionibus, Alstani regis praesidio, revertentes terram suam repetunt.

„Die Bretonen kehrten aus den Ländern jenseits des Meeres mit dem Schutz König Æthelstans zurück und nahmen ihr Land wieder in Besitz."Flodoard von Reims, Annales, zum Jahr 936; Übertragung von uns

Die Einzelheiten liefert erst die Chronik von Nantes. Danach landete Alan bei Dol, schlug sich durch die Bretagne und nahm 937 Nantes ein. Die Stadt habe so verlassen dagelegen, von Dornen und Brombeeren überwuchert, dass er sich mit dem Schwert einen Weg zur Kathedrale habe bahnen müssen. Ein starkes Bild. Ob es mehr ist als ein Bild, lässt sich nicht prüfen.

Die Entscheidung fiel 939. Flodoard berichtet für dieses Jahr einen Sieg der Bretonen über die Nordleute. Nach bretonischer Überlieferung war das die Schlacht bei Trans, östlich von Dol, am 1. August 939, geschlagen von Alan zusammen mit Graf Judicaël Bérenger von Rennes und Hugo von Maine. Danach verschwinden die Loire-Nordleute als Macht aus der Bretagne. Alan regierte bis zu seinem Tod 952, nun als Herzog, nicht mehr als König. Wer von Rennes aus mitkämpfte, steht in der langen Linie, die wir bei den Redonen beginnen.

Was im Boden liegt: Groix und Péran

Die Archäologie der nordischen Bretagne ist schmal, aber sie hat zwei Plätze von Rang.

Auf der Île de Groix vor Lorient gruben Paul du Chatellier und Louis Le Pontois 1906 einen Hügel von rund siebzehn Metern Durchmesser aus. Darin lagen die Reste einer Brandbestattung in einem Schiff, dessen Nieten erhalten waren. Die Beigaben waren reich: zwei Schwerter, Äxte, Lanzen, Pfeilspitzen, rund zwanzig Schildbuckel, Bronzegefäße, ein goldener Ring, Silberschmuck, dazu Schmiedewerkzeug wie Amboss, Hammer und Zange. Nach den Grabungsberichten wurden mindestens ein Erwachsener, wohl ein zweiter Mensch und Tiere mitverbrannt. Datiert wird das Grab ins 10. Jahrhundert. Es ist das einzige sichere Schiffsgrab der Wikingerzeit auf dem Gebiet des heutigen Frankreich. Die Funde liegen heute zum größten Teil im Musée d'Archéologie nationale in Saint-Germain-en-Laye.

Wer hier bestattet wurde, weiß niemand. Man hat an einen Anführer aus der Zeit der nordischen Herrschaft gedacht, an einen Mann aus Ragnvalds Umfeld. Das ist möglich, und es ist ein reizvoller Gedanke. Mehr nicht.

Der zweite Platz ist das Camp de Péran bei Plédran nahe Saint-Brieuc, eine runde Befestigung mit Wall und Graben. Ihr Wall ist verglast – ein Feuer war so heiß, dass das Gestein schmolz. Lange hielt man die Anlage für vorgeschichtlich. Die Grabungen der 1980er-Jahre ergaben ein anderes Bild: Keramik des 10. Jahrhunderts, Radiokarbondaten aus dieser Zeit und eine Silbermünze des Sankt-Peter-Typs aus York, geprägt etwa 905 bis 925. Die Deutung liegt nahe: ein von Nordleuten genutzter Platz, der in den 930er-Jahren angegriffen und niedergebrannt wurde. Mit den Kämpfen der Rückeroberung passt das gut zusammen. Beweisen lässt sich die Verbindung nicht. Die York-Münze aber zeigt, woher Silber an diesen Ort kam: aus der Welt der Irischen See und Nordenglands, zu der auch die Isle of Man gehörte.

Beleg, Chronik, Deutung – sauber getrennt

Zeitgenössisch belegt sind der Überfall auf Nantes 843 mit dem Tod des Bischofs (Annalen von Saint-Bertin), die Verwüstung der Bretagne 919, die Abtretung an Ragnvald 921, der Aufstand von 931, die Rückkehr der Bretonen mit englischer Hilfe 936 und ein Sieg über die Nordleute 939 (alles Flodoard).

Archäologisch belegt sind das Schiffsgrab von Groix und die Nutzung und Zerstörung des Camp de Péran im 10. Jahrhundert.

Spätere Überlieferung ist die Chronik von Nantes. Sie entstand im 11. Jahrhundert und ist nur in Bruchstücken und Auszügen späterer Autoren erhalten. Aus ihr stammen Lamberts angeblicher Verrat, Alans Landung bei Dol, die Dornen von Nantes und viele Einzelheiten zur Schlacht bei Trans. Wir lesen sie mit Respekt und mit Vorsicht.

Moderne Deutung sind das Wort von der „nordischen Herrschaft", die Zuordnung des Groix-Grabes an einen Anführer der Loire-Nordleute und die Verbindung von Péran mit den Kämpfen der 930er-Jahre.

Warum es an der Loire kein zweites Rouen gab, darüber lässt sich lange streiten. Vielleicht fehlten Zeit und ein Anführer mit Rollos Ausdauer, vielleicht ein fränkischer König, der ernsthaft verhandelte. Das größere Bild vom Westfrankenreich unter den Flotten zeichnen wir bei den Wikingern in Frankreich. Die Bretagne jedenfalls kam wieder. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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