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Die Madjus – Wikinger in al-Andalus

Geschichte & Funde Die Madjus – Wikinger in al-Andalus

Im Herbst 844 fuhren fremde Schiffe den Guadalquivir hinauf, und eine Woche lang gehörte Sevilla ihnen. Die Leute im Emirat von Córdoba hatten für diese Angreifer kein eigenes Wort. Sie nahmen ein altes: al-Madjūs, die Magier, eigentlich der Name für die Feueranbeter Persiens. So stehen die Wikinger in den arabischen Chroniken – als Fremde ohne Buch, von weit her über das Meer. Was wir über ihre Fahrten nach Süden wissen, setzt sich aus fränkischen Annalen, asturischen Chroniken und arabischen Geschichtswerken zusammen. Und die widersprechen sich gründlich.

Der Herkulesturm in A Coruña im Abendlicht
Der Herkulesturm in A Coruña, ein römischer Leuchtturm, im 18. Jahrhundert neu ummantelt. An dieser Küste Galiciens kämpften die Nordleute 844, bevor sie weiter nach Süden fuhren, nach Lissabon und Sevilla. Foto: Alessio Damato, CC BY-SA 3.0.

Ein Wort für Fremde: al-Madjūs

Das arabische al-Madjūs geht auf das altpersische maguš zurück, dasselbe Wort, aus dem die griechischen magoi und unsere „Magier" wurden. Gemeint waren ursprünglich die Priester und Anhänger der Religion Zarathustras. Der Koran nennt die Madjūs in Sure 22, Vers 17, neben Juden, Christen und Sabiern als eigene Religionsgemeinschaft.

Warum ausgerechnet dieses Wort für Nordleute? Der schwedische Forscher Arne Melvinger hat vermutet, die Brandbestattung habe an Feuerkult erinnert. Andere halten das für überdeutet. Karl Farrugia hat gezeigt, dass Madjūs in al-Andalus auch für ganz andere Nichtmuslime ohne heilige Schrift verwendet wurde. Das Wort war eine Schublade für Heiden, kein Volksname. Ein Madjūs war, wer weder Muslim noch Christ noch Jude war und von außerhalb kam.

Eine Notiz verbindet den Westen mit dem Osten. Der Geograf al-Yaʿqūbī schrieb um 890 über Sevilla, dort seien im Jahr 229 der Hidschra die Madjus eingefallen, „die man die Rus nennt". Er ist damit der früheste Autor, der die Wikinger im Westen mit den Rus im Osten in einen Zusammenhang bringt, die Ibn Faḍlān einige Jahrzehnte später an der Wolga beschrieb.

Wer erzählt? Die Quellenlage

Bevor es um Schiffe und Schlachten geht, ein Blick auf die Erzähler. Denn von ihnen hängt alles ab.

Zeitgenössisch sind nur wenige Zeilen. Die Annales Bertiniani, die fränkischen Reichsannalen, deren Abschnitt für diese Jahre Bischof Prudentius von Troyes führte, erwähnen die Fahrt von 844 knapp. Die asturische Chronik Alfons' III., gegen Ende des 9. Jahrhunderts entstanden, kennt die Kämpfe in Galicien. Und al-Yaʿqūbī hat seinen einen Satz.

Alles Ausführliche ist jünger. Ibn al-Qūṭiyya, gestorben 977, erzählt die Geschichte des Emirats mit viel Anekdote. Ibn Ḥayyān, gestorben 1076, hat in seinem Muqtabis ältere Berichte gesammelt, darunter die der Historikerfamilie al-Rāzī aus dem 10. Jahrhundert. Ibn ʿIdhārī schrieb um 1300 in Marrakesch, al-Nuwayrī im frühen 14. Jahrhundert in Kairo. Zwischen dem Ereignis und dem ausführlichsten Bericht liegen also bis zu viereinhalb Jahrhunderte. Ann Christys hat das in ihrem Buch Vikings in the South sorgfältig auseinandergenommen: Viele Einzelheiten lassen sich nicht mehr auf eine frühe Quelle zurückführen.

Der Weg nach Süden, 844

Die Fahrt begann in Aquitanien. Die Annales Bertiniani berichten zu 844 sinngemäß:

„Die Nordleute fuhren die Garonne hinauf bis Toulouse und verwüsteten alles ohne Widerstand. Ein Teil von ihnen zog von dort weiter und griff Galicien an. Sie kamen um, teils durch die Schleuderer und Bogenschützen, die sich ihnen entgegenstellten, teils durch einen Sturm auf See. Einige aber gelangten in den Südwesten Spaniens, kämpften lange und hart mit den Sarazenen, wurden schließlich geschlagen und zogen sich zurück."Annales Bertiniani zum Jahr 844; Übertragung von uns

Die asturische Chronik ergänzt die Station in Galicien: König Ramiro I. habe die Angreifer beim Leuchtturm von Brigantium, dem heutigen Herkulesturm bei A Coruña, geschlagen und Schiffe verbrannt. Dann ging es an der Küste entlang nach Süden.

Nach dem Bericht, den Ibn Ḥayyān von Aḥmad al-Rāzī übernimmt, landeten die Madjūs am 20. August 844 bei Lissabon. Der Statthalter meldete ihre Ankunft nach Córdoba. Es folgten Cádiz und Medina Sidonia. Wie groß die Flotte war, ist unklar: Al-Rāzī spricht von 54 großen und ebenso vielen kleineren Schiffen, Ibn ʿIdhārī von etwa 80. Ibn al-Qūṭiyya nennt 16.000 Mann, eine Zahl, die niemand ernst nehmen muss.

Sieben Tage Sevilla

Ende September fuhren die Schiffe in den Guadalquivir. Sie setzten sich auf der Flussinsel Qabtīl fest, der heutigen Isla Menor, in einem Gebiet mit Pferdezucht – Reittiere waren für Wikingerheere immer ein Ziel. Anfang Oktober fiel Sevilla, das arabische Ishbīliya. Dass der Emir die Stadt danach ummauern ließ, zeigt, wie schlecht sie geschützt war. Nach den Berichten, die Ibn Ḥayyān zusammenstellt, plünderten die Angreifer sieben Tage lang, töteten Männer und führten Frauen und Kinder fort.

Emir ʿAbd al-Raḥmān II. brauchte Zeit, um ein Heer zu sammeln. Am 11. November 844 kam es bei Ṭalyāṭa, dem heutigen Tablada südlich der Stadt, zur Schlacht. Die Angreifer wurden in einen Hinterhalt gelockt. Nach al-Rāzī fielen über tausend von ihnen, vierhundert wurden gefangen, mindestens dreißig Schiffe gingen verloren. Spätere Berichte erzählen, man habe Gefangene an den Palmen von Ṭalyāṭa aufgehängt und die Köpfe des Anführers und von zweihundert Männern als Siegeszeichen verschickt.

Ibn al-Qūṭiyya schmückt das mit einer Wundergeschichte aus: Ein junger Mann habe die Moschee gegen die Angreifer gehalten. Das ist Erbauungsliteratur. Von ihm stammt auch die bekannte Nachricht, einige Überlebende hätten sich bekehrt, seien bei Qabtīl und Coria geblieben und hätten Rinder gehalten und Käse gemacht. Hübsch – aber allein und spät überliefert.

Was Córdoba daraus lernte

Die Folgen sind besser greifbar als die Einzelheiten der Schlacht. ʿAbd al-Raḥmān II. ließ in Sevilla eine Werft anlegen, eine dār al-ṣināʿa, und die Stadt ummauern. Es wurden Schiffe gebaut, Seeleute angeworben und ein Meldesystem an der Küste eingerichtet. Viele Historiker sehen hier den Anfang der Flotte des Emirats.

Das zahlte sich aus. Als 859 wieder Nordleute im Guadalquivir erschienen, kamen sie nicht mehr bis Sevilla. Und als Ibn ʿIdhārī zufolge 966 eine Flotte von 28 Schiffen vor Lissabon auftauchte, wurde sie abgewehrt. Für die frühen 970er-Jahre verzeichnen die Hofannalen von Córdoba erneut Warnungen vor den Madjūs; der Kalif ließ rüsten, die Angreifer zogen ab.

Die zweite Fahrt, 859 bis 861

Die zweite große Fahrt ist die weiteste, die Wikinger im Süden je unternommen haben. Die Annales Bertiniani halten zu 859 fest:

Pyratae Danorum longo maris circuitu, inter Hispanias videlicet et Affricam navigantes, Rodanum ingrediuntur …

„Dänische Seeräuber fuhren auf einem langen Umweg über das Meer, zwischen Spanien und Afrika hindurch, und drangen in die Rhône ein; sie verwüsteten einige Städte und Klöster und setzten sich auf der Insel fest, die Camargue heißt."Annales Bertiniani zum Jahr 859; Übertragung von uns

Zu 860 folgt: Die Dänen auf der Rhône plünderten flussaufwärts bis Valence, zogen dann nach Italien und nahmen Pisa und andere Städte. Die asturische Chronik berichtet, die Nordleute seien nach Kämpfen in Galicien weiter nach Süden gefahren, hätten Nakūr in Nordafrika, Mallorca und Menorca angegriffen und seien bis „Griechenland" gekommen, was immer das heißen mag.

Die arabischen Berichte ergänzen: 62 Schiffe, ein Angriff auf Algeciras, bei dem die Hauptmoschee in Flammen aufging, ein Überfall auf das Fürstentum Nakūr an der marokkanischen Küste, den der Geograf al-Bakrī im 11. Jahrhundert beschreibt. Ibn Ḥayyān erzählt sogar, die Madjūs seien den Ebro hinauf bis Pamplona gelangt und hätten den Herrscher García Íñiguez gefangen, der mit 60.000 oder 70.000 Dinar ausgelöst worden sei. Ob das so stimmt, lässt sich nicht prüfen. Ibn Ḥayyān selbst wertet die ganze Fahrt als Fehlschlag.

Hastein und Björn – Namen aus zweiter Hand

Heute heißt es oft, die Fahrt von 859 hätten Hastein und Björn Eisenseite angeführt. Das steht in keiner Quelle aus dem 9. Jahrhundert. Die Annales Bertiniani nennen keinen einzigen Anführer, die arabischen Berichte ebenso wenig.

Die Namen kommen später. Dudo von Saint-Quentin, der seine Geschichte der Normannenherzöge um 1015 abschloss, erzählt von einem Anführer Alstignus, also Hastein, der das italienische Luni für Rom gehalten und es mit einem vorgetäuschten Begräbnis erobert habe. Ein Anführer namens Hastein ist im Frankenreich und in England zeitgenössisch bezeugt, zuletzt in der Angelsächsischen Chronik der 890er-Jahre – für das Mittelmeer nicht. Die Luni-Geschichte gilt als literarische Erfindung. Erst Wilhelm von Jumièges macht um 1070 einen „Bier Costae ferreae", Björn Eisenseite, Sohn des Lothbroc, zum Anführer, mit Hastein als Ziehvater.

Die irischen Fragmentary Annals, im 11. Jahrhundert zusammengestellt, schreiben die Fahrt dagegen zwei Söhnen eines Ragnall zu und erzählen, sie hätten „blaue Männer", also Afrikaner, als Gefangene nach Irland gebracht. Ob sich dahinter dieselben Leute verbergen, weiß niemand. Die Verbindung zu den Söhnen Ragnars ist eine Konstruktion späterer Jahrhunderte.

Al-Ghazāl beim König der Madjūs

Zu den bekanntesten Geschichten gehört die Gesandtschaft des Dichters Yaḥyā ibn Ḥakam al-Bakrī, genannt al-Ghazāl, „die Gazelle". Nach dem Angriff von 844 habe ihn ʿAbd al-Raḥmān II. zum König der Madjūs geschickt, auf eine große Insel im Ozean. Dort habe er die Königin Nūd mit Versen bezaubert.

Das Problem: Diese Gesandtschaft ist nur bei Ibn Diḥya überliefert, der im frühen 13. Jahrhundert schrieb und sich auf ein verlorenes Werk beruft. Dass al-Ghazāl um 840 als Gesandter nach Byzanz reiste, ist deutlich besser belegt. Christys weist auf Züge in der Erzählung hin, die frühestens ins 11. Jahrhundert passen. Viele Forscher halten die Reise zu den Madjūs daher für eine Dichterlegende, möglicherweise nach dem Muster der byzantinischen Reise gebaut. Wo diese Insel liegen soll – Dänemark, Irland, anderswo –, ist ohnehin nie geklärt worden.

Beleg, Bericht, Legende – sauber getrennt

Zeitgenössisch belegt sind der Zug von 844 über Garonne, Galicien und Südwestspanien in den Annales Bertiniani, die Kämpfe in Galicien in der asturischen Chronik, al-Yaʿqūbīs Satz über Sevilla, die Rhône- und Italienfahrt 859/860 in den Annales Bertiniani.

Späterer Bericht mit wahrscheinlich altem Kern sind die Einzelheiten zu Sevilla und Ṭalyāṭa bei Ibn Ḥayyān, Ibn ʿIdhārī und al-Nuwayrī: Daten, Verluste, Werft und Mauer.

Legende oder unsicher sind die Wundergeschichte aus der Moschee, die Käse machenden Bekehrten, das Lösegeld für Pamplona, Hastein und Björn als Anführer, die Luni-List und die Gesandtschaft al-Ghazāls.

Archäologisch ist die Lage mager: Eindeutige Wikingerfunde aus al-Andalus fehlen bislang. Die Madjūs bleiben Gestalten aus Texten – aus Texten ihrer Gegner, die sie fürchteten und am Ende zurückschlugen. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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