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Lið, Félag, Hird, Leiðangr – wie sich Wikinger organisierten

Geschichte & Funde Lið, Félag, Hird, Leiðangr – wie sich Wikinger organisierten

Ein Wikingerheer hatte keine Fahne der Nation, keinen Pass und keine Uniform. Es bestand aus Männern, die sich einem Anführer angeschlossen hatten, und aus Männern, die sich gegenseitig etwas schuldeten. Die Runensteine nennen sie beim Namen: Partner, Gefolgsmann, tüchtiger Kerl. Wer wissen will, wie Wikinger sich organisierten, muss diese Wörter lesen – und darf die Gesetze des 13. Jahrhunderts nicht einfach dreihundert Jahre zurückdatieren. Genau das ist nämlich lange passiert.

Runenstein in der Ausstellung des Wikinger Museums Haithabu
Runenstein in der Ausstellung des Wikinger Museums Haithabu. Welcher der dort gezeigten Steine es ist, geht aus der Bildbeschreibung nicht sicher hervor. Mehrere Steine aus Haithabu nennen Gefolgsleute König Sveins und Partner, félagar – so der im Text zitierte Erik-Stein DR 1. Foto: Einsamer Schütze, CC BY-SA 3.0.

Kein Volk, sondern ein Handschlag

„Die Wikinger" waren kein Volk. Víkingr bezeichnete im Altnordischen einen Mann, der auf Raub- oder Kriegsfahrt ging, fara í víking war eine Tätigkeit. Wer also fragt, wie „die Wikinger" organisiert waren, fragt eigentlich: Wie kam eine Schiffsbesatzung zusammen? Wer führte, wer folgte, wer teilte die Beute?

Die Antwort liefern nicht Sagas, sondern die Runensteine des späten 10. und 11. Jahrhunderts. Sie sind zeitgenössisch, sie sind kurz, und sie verwenden ein kleines, aber genaues Vokabular für menschliche Bindungen. Vier Begriffe tragen das Bild: félagi, der Partner. drengr und þegn, zwei Ehrentitel. dróttinn und heimþegi, Herr und Gefolgsmann. Und lið, die Truppe. Zwei weitere Wörter, hirð und leiðangr, kennen wir vor allem aus späteren Quellen. Bei ihnen muss man besonders aufpassen.

Félagi – der Mann, mit dem man Besitz zusammenlegte

Das Wort félagi ist durchsichtig. Es steckt darin, Vieh, Besitz, Geld, und ein Wort für „legen". Ein félag war also eine Gemeinschaft, in die man Besitz einlegte, eine Partnerschaft. Über das Altenglische ist es im englischen fellow gelandet, im Dänischen als fælle.

Auf Runensteinen taucht der félagi gut zwanzigmal auf, besonders häufig in Dänemark. In Aarhus setzten vier Männer – Gunnulf, Øgot, Aslak und Rolf – einen Stein für Ful, „ihren Partner, der starb, als Könige kämpften" (DR 66). Welche Schlacht gemeint ist, sagt der Stein nicht. Ein anderer Aarhus-Stein (DR 68) stammt von drei Männern für Assur Saksi, ebenfalls „ihren Partner". Das Muster ist bemerkenswert: Nicht die Familie setzt hier den Stein, sondern die Gefährten.

Noch weiter weg führt ein kleiner Stein von der Insel Berezan an der Mündung des Dnjepr ins Schwarze Meer, 1905 ausgegraben. Ein Mann namens Grani ließ dort ein Grabmal für Karl machen, seinen félagi. Zwei Partner auf dem Weg nach Süden, einer kam nicht an.

War der félagi ein Kampfgefährte oder ein Geschäftspartner? Wahrscheinlich die Frage falsch gestellt. Eine Fahrt nach Osten oder Westen war beides zugleich: Man legte Geld, Waren, Waffen und Arbeitskraft zusammen und teilte am Ende, was herauskam. Judith Jesch hat gezeigt, dass das Wort in dänischen Inschriften oft in kriegerischem, in schwedischen öfter in kaufmännischem Zusammenhang steht. Beides schließt sich nicht aus.

Drengr und þegn – Ehrentitel auf Stein

Der vielleicht dichteste Stein zum Thema steht heute in Schleswig. Er wurde 1796 am Danewerk gefunden und trägt die Bezeichnung DR 1:

Þorulfʀ resþi sten þænsi, hemþægi Swens, æftiʀ Erik, felaga sin, æs warþ døþr, þa drængiaʀ satu um Heþaby; æn han was styrimannr, drængʀ harþa goþr.

„Thorulf, Sveins Gefolgsmann, errichtete diesen Stein nach Erik, seinem Partner, der starb, als tüchtige Männer Haithabu belagerten. Und er war Steuermann, ein sehr guter drengr."Runenstein DR 1 („Erik-Stein"), Haithabu/Schleswig; normalisierte Lesung nach der Samnordisk runtextdatabas, Übertragung von uns

In einem Satz stecken vier Rollen. Thorulf ist heimþegi eines Königs Svein, wohl Sven Gabelbart. Erik ist sein félagi. Erik war styrimaðr, Steuermann, also Führer eines Schiffes. Und er war ein drengr. Welche Belagerung Haithabus gemeint ist, ist umstritten; meist denkt man an das späte 10. Jahrhundert.

Drengr heißt ursprünglich wohl einfach „junger Mann". Auf den Steinen ist es ein Lob: drengr harða góðr, ein sehr guter Kerl, steht auf Dutzenden von Steinen in Dänemark und Schweden. Ähnlich þegn, das auf rund fünfzig Steinen vorkommt. Birgit Sawyer und Judith Jesch haben erwogen, dass beide Wörter anfangs Männer im Dienst dänischer Könige bezeichneten und sich später zu allgemeinen Ehrentiteln abschliffen. Sicher ist nur: Man schrieb sie auf den Stein, weil sie etwas bedeuteten.

Dróttinn und heimþegi – wer wem folgte

Partnerschaft ist die eine Achse, Gefolgschaft die andere. Im schonischen Hällestad steht ein Stein, den Askil für Toki, Gorms Sohn, errichtete, „ihm ein treuer Herr" (DR 295). Das Wort ist dróttinn, abgeleitet von drótt, der Gefolgschaft: der Herr ist der, dem eine Schar folgt. Toki, heißt es weiter, „floh nicht bei Uppsala", und seine drengir setzten ihm den Stein. Ein zweiter Stein am selben Ort (DR 296) nennt einen Erra, der „Tokis heimþegi" war.

Ein heimþegi ist wörtlich einer, der ein Heim empfängt: Der Herr gibt Unterkunft, Unterhalt und Geschenke, der Mann gibt Dienst und Treue. König Svein selbst ließ in Haithabu einen Stein für Skarði setzen, „seinen heimþegi, der nach Westen gefahren war" und in Haithabu starb (DR 3).

Nicht weit von Hällestad, in Sjörup, steht ein weiterer Stein mit derselben Wendung. Saxi setzte ihn für Asbjörn, seinen félagi: Er „floh nicht bei Uppsala, sondern kämpfte, solange er eine Waffe hatte" (DR 279). Die Forschung verbindet diese Steine meist mit der Schlacht auf den Fyrisvellir in den 980er-Jahren – eine Zuordnung, die sich auf spätere Sagas stützt und nicht auf die Steine selbst.

Lið – die Truppe, die man anheuerte

Lið heißt Schar, Mannschaft, Hilfe. Es ist das Wort für eine Truppe, die ein Anführer um sich sammelt. Auf dem Stein U 668 in Kålsta ehren zwei Brüder ihren Vater Geiri, der „im Westen im þingalið saß" – in der bezahlten Truppe der dänischen Könige Englands. Mehr zu diesen Männern im Artikel über die Englandfahrer.

Um 1016 entstand ein Gedicht, das sich Liðsmannaflokkr nennt, das „Lied der Truppenmänner". Es besingt die Kämpfe um London im Heer Knuts. Die Knýtlinga saga schreibt es den Männern des Heeres selbst zu, die Óláfs saga helga dagegen König Olaf. Russell Poole hält die erste Zuschreibung für glaubwürdiger. Dann hätten wir hier die seltene Stimme der einfachen Kämpfer, nicht die des Hofdichters.

Das Wort wanderte sogar ins Englische. Zum Jahr 1036 nennt die Angelsächsische Chronik die liðsmen in London, die Flottenmannschaft, als politische Kraft bei der Königswahl.

Der dänische Historiker Niels Lund hat daraus eine These gemacht, die bis heute diskutiert wird: Die Heere Sven Gabelbarts und Knuts seien lið gewesen – Gefolgschaften und angeworbene Truppen von Königen und Großen, zusammengehalten durch Sold, Beute und Treue. Kein Volksaufgebot. Das passt zu den Runensteinen, die fast nie von Pflicht, aber oft von Partnerschaft und Dienst sprechen.

Hirð – als aus der Gefolgschaft ein Hof wurde

Hirð ist das Wort, das man mit dem königlichen Gefolge Norwegens verbindet. Es ist, und das überrascht viele, kein altes nordisches Erbwort, sondern eine Entlehnung aus dem Altenglischen hīred, Haushalt, Gefolge – vermutlich in der Zeit der engen Kontakte des 11. Jahrhunderts. Ebenso englisch geprägt ist die Rolle der húskarlar, der Hausmänner, die als königliche Kerntruppe unter Knut auch in England auftauchen.

Wie eine hirð genau aufgebaut war, beschreibt erst die Hirðskrá, das Gesetz über das königliche Gefolge, das unter Magnus Lagabøte zwischen 1273 und 1277 aufgezeichnet wurde. Dort gibt es Ränge: die Hirdmänner, die gestir mit halbem Sold und Polizeiaufgaben, die jungen kertisveinar. Es gibt ein Aufnahmeritual, den Handgang, mit Kniefall, Schwurhand und Königsschwert. Und es gibt Pflichten untereinander, wie in einer Bruderschaft: Kranke pflegen, Gefangene auslösen, Tote bestatten.

Das ist ein Hof des 13. Jahrhunderts, geprägt von europäischem Rittertum. Wer das eins zu eins auf das Jahr 900 überträgt, baut sich einen Wikingerkönig, den es so nicht gab. Der Kern – ein Herr, der Männer an seinem Tisch versorgt, und Männer, die ihm dafür folgen – ist alt. Die Ordnung darum herum ist jung.

Leiðangr – das Aufgebot, das vielleicht später kam

Am schwierigsten ist der leiðangr, dänisch leding. Gemeint ist ein Flottenaufgebot: Das Land wird in Bezirke geteilt, jeder Bezirk stellt ein bemanntes, ausgerüstetes Schiff. In Norwegen heißt ein solcher Bezirk skipreiða. Die Bauern tragen die Last, der König führt.

So beschreiben es die Landschaftsrechte: die norwegischen Gulathing- und Frostathing-Gesetze in Handschriften des 13. Jahrhunderts, das Jütische Recht von 1241, das Upplandslag von 1296. Ein Testament von Magnus Lagabøte aus dem Jahr 1277 setzt für Norwegen 279 Schiffsbezirke voraus. Zu dieser Zeit war der Leiðangr aber vielerorts schon keine Kriegsfahrt mehr, sondern vor allem eine Abgabe.

Die Frage ist: Gab es das schon in der Wikingerzeit? Snorri Sturluson schreibt die Einführung König Hákon dem Guten im 10. Jahrhundert zu. Das ist aber Snorris Sicht aus dem 13. Jahrhundert, und die Forschung hält seine festen Bezirke für eine Rückprojektion. Das Wort selbst taucht in Strophen des Skalden Þjóðólfr Arnórsson auf, der für Harald Hardrada dichtete und 1066 starb – über die Organisation verrät er nichts. In Dänemark erwähnt eine Urkunde Knuts des Heiligen für Lund von 1085 Bußen für versäumte expeditio.

Niels Lund meint, einen echten leding habe es in Dänemark erst ab etwa 1170 gegeben; vorher hätten Könige mit lið gekämpft. Sverre Bagge und andere halten dagegen und verweisen auf ältere Nachrichten und archäologische Befunde. Offen ist die Sache bis heute. Ehrlich formuliert: Ein bäuerliches Flottenaufgebot in der Form der Gesetze ist für die Wikingerzeit nicht belegt. Dass Könige schon damals Schiffe von ihren Leuten verlangten, ist gut möglich.

Und die Jomswikinger?

Die bekannteste „Organisation" der Wikingerzeit ist eine Erfindung – jedenfalls in der Form, in der sie erzählt wird. Die Jomswikinger mit ihrer Festung, ihren Aufnahmeregeln und ihrem Frauenverbot kennen wir aus der Jómsvíkinga saga des späten 12. oder frühen 13. Jahrhunderts. Zeitgenössische Runensteine und Chroniken kennen keine solche Bruderschaft.

Die Runensteine zeigen etwas Nüchterneres: Männer, die Partnerschaften eingingen, einem Herrn folgten, eine Mannschaft bildeten und sich zerstreuten, wenn die Fahrt vorbei war. Auch die Große Heidnische Armee war vermutlich so ein Zusammenschluss vieler Gruppen unter mehreren Königen und Jarlen.

Beleg, Saga, Deutung – sauber getrennt

Zeitgenössisch belegt sind die Wörter félagi, drengr, þegn, dróttinn, heimþegi, styrimaðr und lið auf Runensteinen des späten 10. und 11. Jahrhunderts, dazu Skaldenstrophen wie der Liðsmannaflokkr – wenn auch nur in Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts überliefert.

Spätere Überlieferung sind die ausgebaute hirð der Hirðskrá (1270er-Jahre), der geregelte leiðangr der Landschaftsrechte, Snorris Hákon als Erfinder des Aufgebots und die Jomswikinger der Saga.

Moderne Deutung ist die Frage, ab wann aus Gefolgschaften ein staatliches Aufgebot wurde, und wie stark Wörter wie drengr und þegn noch Ämter oder schon bloßes Lob bezeichneten.

Was bleibt, ist ein Bild, das menschlicher ist als jede Legende: Männer, die einander Partner nannten und das auf Stein schreiben ließen. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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