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Die Ingvarsteine – Runensteine für die Männer, die mit Ingvar dem Weitgereisten nach Serkland zogen

Runen & Schrift Die Ingvarsteine – Runensteine für die Männer, die mit Ingvar dem Weitgereisten nach Serkland zogen

Die Ingvarsteine sind rund 26 Runensteine, die Familien in Mittelschweden für Männer errichteten, die um 1040 mit einem Anführer namens Ingvar nach Osten zogen und nicht zurückkamen. Fast alle stehen rund um den Mälaren in Södermanland und Uppland. Isländische Annalen setzen Ingvars Tod ins Jahr 1041, die viel spätere Saga nennt ihn „den Weitgereisten“. Hier liest du, was die Steine wirklich sagen, wohin die Fahrt ging, was die Saga dazuerfand und warum eine einzige gescheiterte Expedition so viel Stein hinterlassen hat.

Stell dir einen Hof am Mälaren vor, irgendwann in den 1040er-Jahren. Seit Jahren wartet man auf Nachricht. Dann kommt sie, vielleicht mit einem der wenigen Heimkehrer, vielleicht nur als Gerücht über Händler aus dem Osten: Der Sohn kommt nicht wieder. Kein Grab, kein Leichnam, nichts, an dem man stehen könnte. Also lässt die Familie einen Stein behauen, stellt ihn an den Weg, an die Brücke, an den Thingplatz, und schreibt darauf, was man weiß. Er fuhr mit Ingvar. Er starb im Osten.

Das ist, in einem Satz, die Geschichte der Ingvarsteine. Und doch steckt viel mehr darin: eine der letzten großen Fahrten der Wikingerzeit nach Osten, eine Landschaft, die einen Teil ihrer jungen Männer verlor, eine christliche Gesellschaft, die ihre Toten mit Kreuz und Gebet betrauerte, und eine isländische Saga, die zwei Jahrhunderte später aus dem Ganzen ein Märchen mit Drachen und Riesen machte. Wir gehen der Reihe nach vor: erst der Stein, dann die Deutung, dann die Legende.

Ein Stein für Harald, Ingvars Bruder

Der bekannteste Ingvarstein steht heute bei Schloss Gripsholm in Mariefred, Södermanland. Er trägt die Bezeichnung Sö 179; das ist die Signatur der schwedischen Runeninschriften-Edition (Sö für Södermanland, U für Uppland, Ög für Östergötland, Vs für Västmanland). Eine Frau namens Tola ließ ihn für ihren Sohn Harald setzen. Und dann wechselt die Inschrift in Verse, in das alte Versmaß, das die Runenmeister für besonders feierliche Stellen nutzten:

Tōla lēt ræisa stæin þennsa at sun sinn Harald, brōður Ingvars. Þæiʀ fōru drængila fiarri at gulli ok austarla ærni gāfu, dōu sunnarla ā Særklandi.

„Tola ließ diesen Stein errichten nach ihrem Sohn Harald, dem Bruder Ingvars. Sie zogen mannhaft fern nach Gold, und im Osten gaben sie dem Adler Speise, starben im Süden in Serkland.“Runenstein Sö 179, Gripsholm; normalisierte Lesung nach der Samnordisk runtextdatabas, deutsche Übertragung von uns

Drei Bewegungen stecken in diesen wenigen Zeilen: fern, nach Osten, nach Süden. Das ist keine präzise Landkarte, aber ein ziemlich genaues Gefühl für die Fahrt: erst über die Ostsee, dann ins Gebiet der Rus, dann hinunter in die Länder, aus denen über Generationen das Silber gekommen war.

„Dem Adler Speise geben“ ist eine Dichterformel, ein sogenanntes Kenning-Bild: Wer Feinde erschlägt, füttert die Aasvögel. Mit dem berüchtigten Blutadler hat das nichts zu tun, es ist schlicht die poetische Art zu sagen, dass gekämpft und getötet wurde. Und das Ziel wird ohne Umschweife benannt: Gold. Kein Ingvarstein spricht von Mission, Kreuzzug oder Ehre um ihrer selbst willen. Drængila, „mannhaft, wie es sich für einen jungen Krieger gehört“, ist das höchste Lob, das der Stein vergibt.

Eine Kleinigkeit fällt auf: Harald ist „Ingvars Bruder“. Der Stein setzt voraus, dass jeder in der Gegend wusste, welcher Ingvar gemeint war. Mehr über Ingvars Familie verrät kein einziger Stein, keinen Vater, keine Mutter, keinen Hof.

Runenstein Sö 179 bei Schloss Gripsholm mit Schlangenband
Runenstein Sö 179 bei Schloss Gripsholm in Södermanland. Tola ließ ihn für ihren Sohn Harald setzen, Ingvars Bruder: Sie seien mannhaft fern nach Gold gefahren, hätten im Osten dem Adler Futter gegeben und seien im Süden in Serkland gestorben. Foto: Arkland, CC BY-SA 4.0.

Wie viele Ingvarsteine gibt es?

Die gängige Zahl lautet etwa 26. Das „etwa“ ist ernst gemeint, denn einige Steine sind nur als Bruchstücke erhalten oder verschollen und nur aus alten Zeichnungen bekannt, und bei ein, zwei Fragmenten ist die Zuordnung zur Ingvar-Fahrt eine Rekonstruktion. Die übliche Aufstellung verteilt sich ungefähr so: rund fünfzehn Steine in Södermanland, acht in Uppland, einer in Västmanland und zwei in Östergötland. Fast alle stehen also im Einzugsgebiet des Mälaren, dem alten Kernland der Svear, also der Region um Birka und das spätere Sigtuna.

Das macht die Ingvarsteine zur größten Gruppe von Runensteinen, die sich auf ein einzelnes Unternehmen unter einem namentlich bekannten Anführer bezieht. Insgesamt mehr Steine gibt es nur für die großen Sammelziele: die sogenannten Griechenlandsteine für Männer, die in Byzanz waren, und die Englandsteine für die Teilnehmer an den Feldzügen und Tributzahlungen in England, die wir bei den Englandfahrern beschrieben haben. Diese verteilen sich aber auf viele Fahrten über Jahrzehnte. Bei Ingvar ist es eine Fahrt, ein Anführer, eine Generation.

Der jüngste Neuzugang der Gruppe ist ein Stein, der erst 1990 bei Bauarbeiten in Uppland zutage kam und heute im Inlandsterminal des Flughafens Arlanda steht (Signatur U Fv1992;157).

Was die Steine erzählen: Beispiele mit Übersetzung

Liest man die Inschriften nebeneinander, entsteht ein erstaunlich dichtes Bild. Nicht von Ingvar selbst, sondern von den Männern um ihn herum. Einige Beispiele, jeweils in eigener, sinngemäßer Übertragung nach den Lesungen der Rundata:

Sö 131, Lundby (Södermanland). Zwei Brüder, Spjóti und Halfdan, errichten den Stein für ihren Bruder Skarði. Dann folgt der Vers: „Er fuhr von hier nach Osten mit Ingvar. In Serkland liegt Eyvinds Sohn.“ Der Satz ist von bestechender Schlichtheit. Er sagt, wo das Grab ist, ohne dass jemand es je gesehen hätte. Neben dem Stein lag einst eine Schiffssetzung, eine Steinsetzung in Schiffsform, die der Altertumsforscher Richard Dybeck im 19. Jahrhundert noch gesehen hat; heute ist davon nichts mehr erhalten. Mehr zu dieser Grabform findest du bei den Steinschiffen.

U 644, Ekilla bro, und U 654, Varpsund (Uppland). Hier haben dieselben fünf Söhne zwei Steine für ihren Vater Gunnleif gesetzt, nur wenige Kilometer voneinander entfernt, Andvätt, Kár, Blesi, Djarf und ein fünfter, dessen Name sich nicht sicher lesen lässt. Sinngemäß: „Er fiel im Osten mit Ingvar. Gott helfe seiner Seele.“ Auf dem Varpsund-Stein steht zusätzlich, nach der Deutung der Rundata, ein Lob seiner Fähigkeiten als Steuermann eines Lastschiffs.

U 778, Svinnegarn (Uppland). Ein Ehepaar, Þjalfi und Holmlaug, ehrt seinen Sohn Banki. Über ihn heißt es, er habe allein ein Schiff besessen und es ostwärts in Ingvars Schar gesteuert. Hier blitzt die Organisation der Fahrt auf: Sie bestand aus Schiffen, deren Eigner und Steuerleute aus wohlhabenden Familien kamen und eigene Mannschaften stellten. Wie solche Gefolgschaften und Schiffsgemeinschaften funktionierten, erklären wir bei Lið, Hird und Leiðangr; das Wort lið, Schar oder Gefolge, steht auf mehreren Ingvarsteinen.

U 439, Steninge (Uppland, heute verschollen). Zwei Kinder setzen den Stein für ihren Vater Sæbjörn, der „ein Schiff ostwärts mit Ingvar steuerte“.

Sö 173, Tystberga (Södermanland). Dieser Stein ist für zwei Männer gesetzt, Holmstein und Hróðgeir. Von Holmstein heißt es, er sei lange im Westen gewesen, dann starb er im Osten mit Ingvar. Der Westen ist in der Sprache der Runensteine fast immer England. Holmstein gehörte also zu jener Generation, die zuerst im Gefolge Knuts des Großen oder seiner Vorgänger englisches Silber holte und dann, als das vorbei war, noch einmal aufbrach, diesmal in die andere Richtung. Ein einziger Satz, der zwei Welten verbindet.

Sö 335, Ärja (Södermanland). Ein Mann namens Ósníkinn fuhr mit Ingvar nach Osten; der Stein nennt ihn den Schiffsgenossen eines Holmstein. Ob das derselbe Holmstein ist wie auf dem Tystberga-Stein, ist möglich, aber nicht beweisbar.

Ög 155, Sylten (Östergötland). Der südlichste Stein der Gruppe. Er nennt einen Gauti, der in Ingvars Schar sein Ende fand. Die Fahrt hat also auch Männer außerhalb des Mälartals angezogen.

Gesicherter Befund: Die Ingvarsteine nennen übereinstimmend einen Anführer Ingvar, eine Fahrt nach Osten und mehrfach Serkland als Sterbeort. Kein Stein erwähnt einen Heimkehrer, keiner nennt ein Jahr, keiner nennt Ingvars Vater.

Wann war die Fahrt? Annalen, Saga und Ornamentik

Die Steine selbst tragen keine Jahreszahlen. Für die Datierung gibt es drei Wege, und erst zusammen ergeben sie ein stabiles Bild.

Erstens die isländischen Annalen. Mehrere mittelalterliche Annalenwerke, darunter die Königsannalen (Annales regii), vermerken unter 1041 den Tod Ingvars des Weitgereisten. Niedergeschrieben wurden sie erst im späten 13. und 14. Jahrhundert, kein Augenzeugenbericht also, aber eine eigene Tradition neben der Saga.

Zweitens die Ornamentik. Die Runenforscherin Anne-Sofie Gräslund hat eine Stilchronologie für die Tierschlingen der mittelschwedischen Runensteine erarbeitet. Die meisten Ingvarsteine gehören zu den Stilgruppen, die man in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts setzt, besonders zum sogenannten Vogelperspektiv-Stil (Fp), bei dem der Kopf des Runentiers wie von oben gesehen dargestellt ist. Das passt gut zu einer Fahrt um 1040.

Drittens die Saga, die Ingvar 1041 im Alter von 25 Jahren sterben lässt. Da sie dieses Datum wahrscheinlich aus derselben Tradition bezieht wie die Annalen, ist sie kein unabhängiger Zeuge. Der schwedische Archäologe Mats G. Larsson hat die Fahrt 1990 in seinem Buch über „einen verhängnisvollen Wikingerzug“ auf die Jahre 1036 bis 1041 eingegrenzt. Diese Spanne hat sich in der Literatur weitgehend durchgesetzt, bleibt aber eine Rekonstruktion.

Zur Einordnung: Das ist dieselbe Zeit, in der Runensteine in Uppland und Södermanland in großer Zahl aufgestellt werden und in der das Mälargebiet christlich wird. Viele Ingvarsteine tragen ein Kreuz, mehrere enden mit der Bitte, Gott möge der Seele des Toten helfen. Die Männer, die auszogen, um „fern nach Gold“ zu fahren, wurden zu Hause schon als Christen betrauert. Mehr zu diesem langsamen Wechsel liest du in unserem Beitrag zur Christianisierung.

Wohin ging die Fahrt? Serkland, das Kaspische Meer und Georgien

Das Schlüsselwort der Steine ist Serkland. Vier Runensteine in Södermanland nennen dieses Land, mehrere davon im Zusammenhang mit Ingvar. Die verbreitetste Deutung leitet den Namen von den „Sarazenen“ ab, also den Muslimen; Serkland wäre dann einfach das Land der muslimischen Herrscher im Süden und Südosten. Eine zweite Erklärung verbindet ihn mit altnordisch serkr, einem Hemd oder Gewand, und denkt an Seide, die aus dem Orient kam. Beide Deutungen schließen sich nicht aus. Klar ist nur: Serkland ist ein weiter, unscharfer Begriff, kein Staat mit Grenzen.

Der Weg dorthin führte über die Ostsee und die großen Flüsse Osteuropas, über die Routen, die wir beim Warägerweg und bei den Rus beschrieben haben. Über die Wolga erreichte man das Kaspische Meer und die Länder an seinem Südufer, über den Dnjepr das Schwarze Meer und Byzanz. Welche Route Ingvar nahm, sagt kein Stein.

Zwei Hypothesen stehen in der Forschung im Vordergrund. Die eine sieht das Ziel am Kaspischen Meer, in den Ländern, die man aus den Berichten über frühere Rus-Fahrten kennt; schon im 10. Jahrhundert hatten skandinavische Krieger dort geplündert, und von dort war über die Wolga das Silber gekommen, das Reisende wie Ibn Fadlan bei den Rus beobachteten. Die andere, von Mats G. Larsson ausgearbeitete These, sieht das Ziel im Kaukasus, genauer in Georgien.

Larsson stützt sich auf eine georgische Chronik, die sogenannte Matiane Kartlisa, die Teil des großen georgischen Geschichtswerks Kartlis tskhovreba ist. Sie berichtet, dass in den 1040er-Jahren Waräger nach Georgien kamen, die Zahl wird mit etwa 3.000 angegeben, und dass ein Teil von ihnen in die Kämpfe zwischen König Bagrat IV. und dem aufständischen Fürsten Liparit eingriff. In diesen Zusammenhang gehört die Schlacht von Sasireti, die meist auf 1042 datiert wird. Nach einer verbreiteten Lesung kämpften dort rund 700 Waräger.

Das passt zeitlich verblüffend gut. Aber Vorsicht: Die georgische Quelle nennt keinen Ingvar, und die Steine nennen kein Georgien. Wer beides gleichsetzt, muss selektiv lesen, und einige Forscher halten die Verbindung deshalb für möglich, aber unbewiesen. Auch die genaue Datierung der georgischen Ereignisse ist nicht völlig scharf. Wir halten es so: Georgien ist eine gut begründete Hypothese, das Kaspische Meer eine andere, beide sind mit „Serkland“ und „im Süden“ vereinbar.

Mythos-Check: Im Netz liest man oft, Ingvar sei „in der Schlacht von Sasireti gefangen genommen“ worden oder seine Männer seien „nachweislich in Georgien gestorben“. Beides ist so nicht belegt. Die georgische Chronik nennt Waräger, aber keinen Anführer namens Ingvar. Die Gleichsetzung ist eine moderne Rekonstruktion, keine Quellenaussage.

Waräger: der größere Zusammenhang

Die Ingvar-Fahrer waren Waräger, so nannten Byzantiner, Rus und Araber die Skandinavier, die im Osten als Händler, Söldner und Krieger auftraten. Wo genau der Unterschied zu „Wikingern“, „Normannen“ oder „Rus“ liegt, haben wir in einem eigenen Artikel auseinandergenommen: Wikinger, Normannen, Nordmänner, Waräger, Rus.

Für die Generation um 1040 war der Osten kein unbekanntes Land. Jaroslaw der Weise herrschte in Kiew und hatte enge Beziehungen nach Schweden; er war mit Ingegerd verheiratet, einer Tochter des schwedischen Königs Olof Skötkonung. Skandinavische Gefolgsleute dienten am Kiewer Hof, andere zogen weiter nach Konstantinopel, wo die Warägergarde den Kaiser bewachte; die Geschichte erzählen wir bei Miklagard und der Warägergarde. Ein Anführer aus dem Mälargebiet, der mit einigen Dutzend Schiffen nach Osten aufbrach, bewegte sich also in einem dichten Netz aus Verwandtschaft, Dienstverhältnissen und Handelskontakten.

Gleichzeitig hatte sich die Lage verändert. Im 9. und 10. Jahrhundert waren Hunderttausende arabische Silbermünzen, Dirhams, in den Norden geflossen; die Horte von Gotland und vom Festland sind voll davon. Um die Jahrtausendwende versiegte dieser Strom weitgehend, aus Gründen, die in der Forschung diskutiert werden, darunter Krisen in den Prägestätten Zentralasiens. Mehr dazu in unserem Beitrag zum Handel der Wikinger. Eine Expedition wie die Ingvars lässt sich als Versuch lesen, die alten Quellen des Reichtums direkt zu erreichen, nicht als Händler, sondern bewaffnet. „Fern nach Gold“ passt dazu. Belegt ist dieses Motiv aber nicht, es ist eine plausible Deutung.

Warum gerade für Ingvar so viele Steine?

Die naheliegende Antwort ist bitter: weil so viele nicht zurückkamen. Aber das allein erklärt die Zahl nicht. Andere verlustreiche Fahrten haben keine vergleichbaren Steingruppen hinterlassen. Mehrere Gründe greifen ineinander.

Ort und Zeit. Uppland und Södermanland sind die runensteinreichsten Landschaften der Welt, allein Uppland zählt weit über tausend Runensteine. Die große Mode, Gedenksteine zu setzen, fiel genau in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts. Ingvar zog also aus der richtigen Gegend zur richtigen Zeit los, um in Stein erinnert zu werden.

Kein Grab. Wer in der Fremde starb, hatte zu Hause kein Grab. Der Stein ersetzte es. Er war Gedenkort, Gebetsort und, ganz nüchtern, auch ein öffentliches Dokument: Wer den Stein setzte, stellte sich als rechtmäßiger Erbe dar. Die Runologin Birgit Sawyer hat genau diesen Erbschaftsaspekt der Runensteine herausgearbeitet. Gerade bei Männern, die verschollen waren, war es wichtig, den Tod öffentlich festzuhalten.

Christliche Frömmigkeit. Viele Ingvarsteine bitten um Gottes Hilfe für die Seele. Einen Stein zu setzen und manchmal eine Brücke oder einen Weg zu bauen, galt als gutes Werk für das Seelenheil des Toten. Der Arlanda-Stein etwa berichtet auch vom Bau einer Brücke.

Status. Die Ingvar-Fahrer kamen aus Familien, die Schiffe ausrüsten konnten. Ein Runenstein war teuer, er verlangte einen geschulten Runenmeister und einen geeigneten Block. Die Steine sind also auch Zeichen einer Oberschicht, die zeigen wollte, dass ihre Söhne in einer bedeutenden Unternehmung gedient hatten.

Und vielleicht spielt noch etwas mit, das sich nicht messen lässt: das Gefühl einer gemeinsamen Katastrophe. Wenn in einem Tal mehrere Familien gleichzeitig Söhne verloren, dann erinnerte ein Stein am Weg die Nachbarn nicht nur an einen Toten, sondern an alle. Die Ingvarsteine sind so etwas wie ein verstreutes Kriegerdenkmal einer ganzen Region, tausend Jahre bevor es diesen Begriff gab.

Die Saga: Ingvar der Weitgereiste zwischen Drachen und Riesen

Den Beinamen „der Weitgereiste“, altnordisch víðförli, kennen wir nicht von den Steinen, sondern aus der Yngvars saga víðförla. Sie ist in Island entstanden, vermutlich um 1200 oder kurz danach, und sie gibt sich selbst als Übertragung einer lateinischen Fassung des Mönchs Oddr Snorrason aus dem Kloster Þingeyrar. Ob das stimmt, ist umstritten; die Zuschreibung hat in den letzten Jahrzehnten aber an Zustimmung gewonnen. Erhalten ist die Saga nur in deutlich jüngeren Handschriften, die älteste aus dem frühen 15. Jahrhundert. Der Abstand zu den Ereignissen beträgt also mindestens anderthalb Jahrhunderte.

Die Saga macht Ingvar zum Sohn eines Eymund, eines Mannes aus dem schwedischen Königshaus, und erzählt, wie er nach einem Streit mit dem König nach Gardarike, also ins Land der Rus, geht und von dort mit dreißig Schiffen einen großen Fluss hinabfährt. Was folgt, ist ein Abenteuerroman: Riesen, ein Drache, der auf Gold liegt, eine kluge Königin namens Silkisif, Frauen, die die Männer verführen und dadurch eine tödliche Seuche über sie bringen. Ingvar stirbt mit 25 Jahren an der Krankheit, nur ein Schiff kehrt zurück. Ein zweiter Teil erzählt von Ingvars Sohn Sveinn, der die Fahrt wiederholt, Silkisif heiratet und ihr Land christianisiert.

Literaturwissenschaftler haben gezeigt, dass die Saga aus gelehrten Quellen schöpft, etwa aus mittelalterlicher Naturkunde und religiöser Erbauungsliteratur. Sie ist vor allem eine christliche Missionsgeschichte im Abenteuergewand. Für den tatsächlichen Verlauf der Fahrt taugt sie kaum. Wertvoll ist sie trotzdem: Sie zeigt, dass man sich in Island noch Generationen später an Ingvar erinnerte, und einige ihrer Grundzüge, die gescheiterte Fahrt, der Tod durch Krankheit, die wenigen Rückkehrer, stimmen auffällig gut mit dem überein, was die Steine erahnen lassen.

Mythos-Check: „Ingvar war ein Sohn des Eymund, der für Jaroslaw in Kiew kämpfte.“ Das steht in der Saga, und die Forschung hat mehrere Kandidaten für diesen Eymund vorgeschlagen, bis hin zu König Emund dem Alten. Auf keinem Runenstein ist Ingvars Vater genannt. Seine Herkunft ist bis heute offen.

Beleg, Überlieferung, Deutung: sauber getrennt

Archäologisch und epigraphisch belegt sind rund 26 Runensteine des 11. Jahrhunderts, überwiegend aus dem Mälargebiet, die Männer ehren, die mit Ingvar nach Osten zogen, teils als Schiffseigner und Steuerleute, und die mehrfach Serkland als Sterbeort nennen.

Spätere schriftliche Überlieferung sind die isländischen Annalen mit dem Todesjahr 1041 und die Saga mit Stammbaum, dreißig Schiffen, Drachen, Silkisif und Sohn Sveinn.

Eine zeitgenössische fremde Quelle ist die georgische Chronik mit Warägern in den 1040er-Jahren, deren Verbindung zu Ingvar aber nicht gesichert ist.

Moderne Deutung sind das genaue Ziel, die Jahre 1036 bis 1041, die Zahl der Teilnehmer und das Motiv, das versiegte Silber im Süden wiederzufinden.

Die Gedenkstein-Formel als Gravur

Warum schreiben wir als Gravurwerkstatt über Runensteine von Toten? Weil diese Steine etwas können, was moderne Grabsteine oft verlernt haben: Sie erzählen. Die Formel ist immer gleich aufgebaut und gerade dadurch so stark. Erst wer den Stein setzt, dann für wen, dann in welcher Beziehung, dann ein Satz über das Leben oder den Tod, oft am Ende ein Segenswunsch. „Tola ließ diesen Stein setzen nach Harald, ihrem Sohn.“

Genau diese Struktur greifen wir auf, wenn uns Kunden um eine Gedenktafel bitten, für einen Menschen, aber auch für einen Hund, einen Hof, eine Werkstatt: ein Stück Schiefer, ein Satz in der alten Form, auf Wunsch in Runen des Jüngeren Futhark, so wie auf den Ingvarsteinen. Welche Zeichen damals tatsächlich benutzt wurden und warum sie anders aussehen als das bekannte ältere Runenalphabet, erklären wir im Futhark-Vergleich. Und wer lieber ein Zeichen als einen Satz möchte, findet bei den Runen für Schutz, Stärke und Mut eine ehrliche Einordnung, was die Funde dazu hergeben.

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Häufige Fragen

Wie viele Ingvarsteine gibt es? Die Forschung zählt etwa 26 Runensteine, die sich auf Ingvars Fahrt beziehen, die meisten in Södermanland und Uppland, dazu einzelne in Västmanland und Östergötland. Einige sind nur als Fragmente oder aus alten Zeichnungen bekannt.

Wer war Ingvar der Weitgereiste? Ein schwedischer Anführer, der um 1040 eine große Fahrt nach Osten unternahm und dabei starb; isländische Annalen nennen 1041 als Todesjahr. Seine Herkunft ist unklar, die Saga macht ihn zum Sohn eines Eymund, die Steine nennen nur seinen Bruder Harald.

Was bedeutet Serkland? Serkland ist der altnordische Name für die Länder im Süden und Südosten, meist als „Land der Sarazenen“, also der muslimischen Welt, gedeutet. Gemeint ist wahrscheinlich die Region um das Kaspische Meer und den Kaukasus.

Ist Ingvar in Georgien gestorben? Möglich, aber nicht bewiesen. Eine georgische Chronik berichtet von Warägern in den 1040er-Jahren, nennt aber keinen Ingvar, und die Runensteine nennen kein Georgien.

Wo kann man Ingvarsteine sehen? Der bekannteste steht bei Schloss Gripsholm in Mariefred (Sö 179), weitere stehen bei Kirchen und an alten Wegen rund um den Mälaren, einer sogar im Inlandsterminal des Flughafens Arlanda.

Ist die Yngvars saga eine historische Quelle? Nur sehr eingeschränkt. Sie entstand rund 150 Jahre nach der Fahrt, ist stark legendenhaft und vor allem eine christliche Erbauungsgeschichte; für den Verlauf der Fahrt verlässt man sich besser auf die Steine.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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Der Warägerweg · Die Rus (Kiew) · Miklagard und die Waräger · Die Wikinger im Osten – Waräger, die Rus & Byzanz · Die Englandfahrer · Lið, Hird & Leiðangr · Birka – die Handelsmetropole · Die Suionen.

Quellen & Literatur

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