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Das Runatal – die Zauberlieder der Hávamál

Runen & Schrift Das Runatal – die Zauberlieder der Hávamál

Es ist eine der stärksten Szenen der ganzen nordischen Dichtung: Odin, der höchste Gott, hängt neun Nächte lang selbst geopfert in einem Baum, verwundet vom eigenen Speer – um das Geheimnis der Runen zu gewinnen. Danach zählt er achtzehn Zauberlieder auf. Ein Blick auf das Runatal und Ljóðatal der Hávamál – und auf ein hartnäckiges Missverständnis.

Der Gott am Baum

Am Ende der Hávamál, der „Sprüche des Hohen", erzählt Odin von seinem eigenen Opfer. Es ist ein Bild, das an Selbsthingabe kaum zu überbieten ist:

„Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum neun volle Nächte, vom Speere verwundet, dem Odin geweiht, ich selber mir selbst." Hávamál 138 (Übersetzung Karl Simrock 1851, gemeinfrei)

Ohne Brot, ohne Horn, hinabspähend, nahm er die Runen auf – „schreiend nahm ich sie" – und fiel zurück. Dieser Abschnitt heißt das Runatal, das „Runenlied". Er erzählt keinen Runenkurs, sondern eine Einweihung: Wissen wird durch Leiden erkauft.

Die achtzehn Lieder

Darauf folgt das Ljóðatal, die „Aufzählung der Lieder". Odin sagt: „Lieder kenne ich, die keines Königs Weib kennt und keines Menschen Kind" – und zählt achtzehn Zaubergesänge auf. Jedes beginnt mit „ein zwölftes kann ich …", „ein dreizehntes …". Sie helfen gegen Sorgen und Krankheit, löschen Feuer, stumpfen Schwerter, befreien aus Fesseln, stillen Sturm auf See, erwecken Gehängte zum Reden – ein ganzer Kosmos altnordischer Zauberkunst in Versform.

Achtzehn Lieder – nicht achtzehn Runen

Und hier liegt das Missverständnis. Weil das Runatal und das Ljóðatal direkt aufeinanderfolgen, liest man oft „Odins achtzehn Runen". Das ist falsch. Die Achtzehn sind Lieder – Zaubersprüche, keine Schriftzeichen. Das Ältere Futhark, die Runenreihe der Zeit, hat 24 Runen; das jüngere 16. Achtzehn Runen gab es nie. Die Hávamál nennt Runen nur an einer Stelle (Strophe 138/139); die Achtzehn sind Gesänge.

Wo die „18 Runen" wirklich herkommen

Die Vorstellung einer „18er-Runenreihe" ist neuzeitlich: Der Wiener Mystiker Guido von List erfand um 1902 seine „Armanen-Runen", achtzehn an der Zahl, passend zu Odins achtzehn Liedern. Epigraphisch – also auf echten Steinen und Funden – sind sie nie belegt. Wer die echten Runen sucht, findet sie in unserem Runen-Überblick; wo Zeichen erfunden wurden, zeigen die nordischen Symbole.

Ein Wort, teuer erkauft

Das Runatal erinnert an einen tiefen Gedanken: dass Schrift und Wissen nicht billig sind, sondern etwas kosten. Ein Zeichen, in Stein geritzt, trägt mehr als nur einen Laut – es trägt Hingabe. Genau das steckt bis heute in einer guten Gravur. Welche Rune zu dir passt, zeigt unser Beitrag Welche Rune gravieren?.

Was gesichert ist

Das Runatal (Hávamál 138–145) schildert Odins Selbstopfer am Baum (neun Nächte, vom Speer verwundet) und das Ergreifen der Runen. Darauf folgt das Ljóðatal (ab Str. 146) mit achtzehn Zauberliedern. Beide sind Teil der Hávamál im Codex Regius der Lieder-Edda. Die Achtzehn sind ausdrücklich Lieder/Zaubersprüche, keine Runen; das Ältere Futhark hat 24 Zeichen. Der Baum wird im Text nicht ausdrücklich Yggdrasil genannt.

Mythos-Check

„Odins 18 Runen" ist ein Missverständnis: Die achtzehn sind Zauberlieder des Ljóðatal, keine Schriftzeichen. Eine „18er-Runenreihe" existiert historisch nicht – sie ist die Erfindung Guido von Lists (1902, „Armanen-Runen") und wurde später von völkischen Kreisen genutzt. Sicher ist der eddische Text (Runatal + Ljóðatal); die Gleichsetzung „18 Lieder = 18 Runen" ist neuzeitlich und falsch.

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