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Das Runatal – Odin am windigen Baum: das Runenlied der Hávamál Strophe für Strophe erklärt

Runen & Schrift Das Runatal – Odin am windigen Baum: das Runenlied der Hávamál Strophe für Strophe erklärt

Das Runatal ist der Abschnitt der Hávamál (Strophen 138–145), in dem Odin selbst erzählt, wie er neun Nächte an einem windigen Baum hing, vom Speer verwundet, „mir selbst geopfert“, ohne Brot und ohne Trank – und wie er schreiend die Runen aufnahm. Darauf folgen Machtlieder, ein Trunk aus Óðrerir, ein Lehrstück über das Ritzen und Färben der Runen und ein Fragekatalog über Opfer. Wir gehen den Text Strophe für Strophe durch, sagen dir, was sicher ist, und wo Forscher seit über hundert Jahren streiten.

Ein Gott hängt an einem Baum. Ein Speer hat ihn verwundet, niemand reicht ihm Brot, niemand ein Horn. Neun Nächte lang pfeift der Wind um ihn. Dann beugt er sich hinab, greift etwas, schreit – und fällt. Was er in der Hand hält, sind die Runen.

Diese wenigen Zeilen gehören zu den eindringlichsten Versen des Nordens. Jede Generation von Gelehrten hat etwas anderes in ihnen gelesen: eine Einweihung, eine schamanische Jenseitsreise, ein Echo der Kreuzigung, einen Spiegel echter Menschenopfer. Wir gravieren Runen jeden Tag in Schiefer, Holz und Glas. Gerade deshalb wollen wir genau wissen, was in dem Text steht, der ihre mythische Herkunft erzählt.

Wo das Runatal steht – und warum die Strophennummern springen

Die Hávamál, die „Sprüche des Hohen“, sind ein langes Lied der Lieder-Edda, in dem Odin als „der Hohe“ spricht. Der größte Teil sind Lebensregeln über Gastfreundschaft, Freundschaft und Nachruhm – mehr dazu bei den Sprüchen der Hávamál. Gegen Ende wird aus dem Ratgeber ein Magier, der von sich selbst erzählt.

Überliefert ist das Lied fast nur im Codex Regius (GKS 2365 4to), geschrieben in Island um 1270; seine Geschichte erzählen wir im Artikel über die Edda. Die Hávamál gelten als Zusammenstellung mehrerer ursprünglich selbstständiger Stücke, deren Alter sich nicht genau bestimmen lässt.

Der Name Rúnatal („Runenaufzählung“, meist „Runenlied“) steht nicht in der Handschrift. Die Überschrift Rúnatals þáttr Óðins stammt aus jüngeren Papierabschriften. In der heute üblichen Zählung nach Neckel/Kuhn umfasst das Runatal die Strophen 138–145, das anschließende Ljóðatal („Liederaufzählung“) die Strophen 146–163. Henry Adams Bellows hat in seiner englischen Übersetzung von 1923 eine Strophe umgestellt, bei ihm beginnt Odins Hängen mit Strophe 139. Wenn in englischen Ausgaben alles um eins verrutscht scheint: Daran liegt es.

Den vollständigen Text findest du in unserer zweisprachigen Hávamál, einzelne Strophen im Hávamál-Versfinder. Die Übertragungen hier sind unsere eigenen, möglichst wörtlich.

Strophe 138: Neun Nächte am windigen Baum

Veit ek, at ek hekk vindga meiði á / nætr allar níu, / geiri undaðr ok gefinn Óðni, / sjálfr sjálfum mér, / á þeim meiði, er manngi veit, / hvers hann af rótum renn.Hávamál 138, Altnordisch
Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum / neun Nächte lang, / vom Speer verwundet und Odin gegeben, / ich selbst mir selbst, / an jenem Baum, von dem niemand weiß, / aus welchen Wurzeln er wächst.Eigene Übertragung

„Ich weiß“ – so sprechen in der Edda Seher und Wissende. Odin erzählt nicht von außen, er bezeugt seine eigene Erfahrung. Das Wort für den Baum ist meiðr, ein dichterisches Wort für Baum oder Stamm. Ein Name fällt nicht. Dass es Yggdrasil ist, der Weltenbaum, ist die übliche Deutung – aber eine Deutung. Ein Hinweis ist die letzte Zeile: Fast wortgleich heißt es in den Fjǫlsvinnsmál über den Baum Mímameiðr, niemand wisse, aus welchen Wurzeln er wachse.

Die Neun ist im Norden keine Zufallszahl: neun Welten in der Völuspá, neun Machtlieder zwei Strophen später, ein Opferfest alle neun Jahre in Uppsala. Und es sind Nächte, nicht Tage – die altnordische Zeitrechnung zählte nach Nächten, so wie im Deutschen noch „Weihnachten“ nachklingt.

Geiri undaðr, mit dem Speer verwundet: Der Speer ist Odins Waffe schlechthin, in der Snorra-Edda heißt er Gungnir. Wessen Speer hier zustach, sagen die Hávamál nicht. Dann die beiden Halbzeilen, um die sich alles dreht: gefinn Óðni, sjálfr sjálfum mér – „Odin gegeben, ich selbst mir selbst“. Gefinn ist der Ausdruck für eine Opferweihe. Odin ist Opfer, Opfernder und Empfänger in einer Person.

Strophe 139: Kein Brot, kein Horn – die Runen schreiend aufgenommen

Við hleifi mik sældu né við hornigi; / nýsta ek niðr, / nam ek upp rúnar, / æpandi nam, / fell ek aptr þaðan.Hávamál 139
Mit Brot labten sie mich nicht, noch mit dem Horn; / ich spähte hinab, / ich nahm die Runen auf, / schreiend nahm ich sie, / ich fiel von dort zurück.Eigene Übertragung

Kein Laib, kein Trinkhorn – das Horn steht für jede Form von Gastlichkeit. Wer in der Halle kein Horn gereicht bekommt, ist ausgeschlossen. Odin hängt außerhalb jeder Gemeinschaft. Eine erstaunliche Parallele liefert die Prosa der Grímnismál: König Geirrǫðr lässt den verkleideten Gott acht Nächte ohne Speise zwischen zwei Feuern sitzen. Erst als der junge Agnarr ihm ein volles Horn reicht, beginnt Odin zu sprechen und enthüllt die Ordnung der Welten. Entbehrung an einer Grenze, danach strömt das Wissen – das Muster ist verwandt.

Nýsta ek niðr – ich spähte hinab. Wohin, sagt der Text nicht. Manche denken an die Tiefe unter dem Baum, an Wurzeln, Brunnen und Tote; John McKinnell etwa hat erwogen, das Aufnehmen der Runen deute auf eine Reise ins Totenreich. Das ist Interpretation, kein Befund. Das Verb nema heißt „nehmen“, aber auch „lernen“: Odin greift die Runen und lernt sie zugleich, schreiend – ob vor Schmerz, Triumph oder in Ekstase, bleibt offen.

Das Wort rún bedeutet ursprünglich „Geheimnis, geflüsterte Mitteilung“, verwandt mit gotisch rūna und unserem „raunen“. Odin nimmt also verborgenes Wissen auf, nicht bloß Buchstaben. Die Schrift selbst ist viel älter als jede Fassung dieses Mythos: Die frühesten Runeninschriften stammen aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Mehr dazu in unserer ehrlichen Einführung in die Runen.

Mythos-Check: „Odin hat die Runen erfunden.“ So steht es nicht da. Odin findet und nimmt die Runen; nach Strophe 142 haben die großen Mächte sie geschaffen. Historisch sind die Runen aus dem Kontakt mit Mittelmeerschriften entstanden, vermutlich mit dem lateinischen Alphabet als wichtigstem Vorbild.

Strophen 140–141: Bölþorns Sohn, Óðrerir und das Wachsen

Neun Machtlieder lernte ich vom berühmten Sohn / Bǫlþorns, des Vaters der Bestla, / und ich bekam einen Trunk vom kostbaren Met, / geschöpft aus Óðrerir.Hávamál 140, eigene Übertragung

Bǫlþorn – etwa „Unheilsdorn“ – ist ein Riese, seine Tochter Bestla nach der Snorra-Edda Odins Mutter. Ihr „berühmter Sohn“ wäre also Odins Onkel. Der Text nennt ihn nicht; oft wird Mimir vorgeschlagen, doch das ist eine unbelegte Vermutung. Auffällig bleibt: Odin holt sein Wissen aus der Riesensippe seiner Mutter. Die fimbulljóð, „gewaltigen Lieder“, sind Zaubergesänge (galdrar), deren Kraft im Wortlaut liegt – wie bei den Merseburger Zaubersprüchen.

Óðrerir ist nach Snorris Skáldskaparmál einer der drei Behälter, in denen die Zwerge den Met aus dem Blut des weisen Kvasir aufbewahrten; in Hávamál 107 scheint der Name eher den Met selbst zu meinen. Gedeutet wird er meist als „der den Geist (óðr) bewegt“. Wie Odin den Dichtermet bei der Riesin Gunnlöd gewann, erzählen wir bei Kvasir. Im Runatal antwortet der Trunk auf das verweigerte Horn: erst Entbehrung, dann der kostbarste Trank von allen. Manche Herausgeber, darunter Bellows, halten die Strophe für einen Einschub.

Da begann ich zu keimen und weise zu werden, / zu wachsen und zu gedeihen; / ein Wort suchte mir aus dem Wort ein Wort, / ein Werk suchte mir aus dem Werk ein Werk.Hávamál 141, eigene Übertragung

Frævask gehört zu frjó, Same: Odin „keimt“. Nach Hängen und Schrei folgt kein Blitz der Erleuchtung, sondern Wachstum wie bei einer Pflanze, und das Wissen vermehrt sich selbst. Wer je ein Handwerk gelernt hat, kennt das: erst die harte Lehrzeit, dann fügt sich eins ins andere.

Strophen 142–143: Runen ritzen, färben – und wer sie wem gab

Runen wirst du finden und deutbare Stäbe, / sehr große Stäbe, sehr starke Stäbe, / die der mächtige Sprecher färbte und die hohen Mächte schufen / und der Hroptr der Götter ritzte.Hávamál 142, eigene Übertragung

Jetzt spricht Odin zu einem „du“, vermutlich zum Schüler Loddfáfnir. Drei Handlungen: Ein fimbulþulr, ein „gewaltiger Spruchsprecher“, hat die Runen gefärbt, die ginnregin, die großen Mächte, haben sie gemacht, und Hroptr rǫgna, ein Odinsname, hat sie geritzt.

Das Verb fá („färben, malen“) ist ein echter Fachbegriff. Runensteine waren bemalt, auf mehreren haben sich Farbspuren erhalten. Und das Verb steht in Inschriften selbst: Der Stein von Noleby in Västergötland, heute im Historischen Museum Stockholm, beginnt mit runo fahi raginakundo, „ich male (oder: bereite) die von den Göttern stammende Rune“. Seine Datierung schwankt in der Forschung, er ist aber deutlich älter als die Wikingerzeit.

Gesicherter Befund: „Von den Göttern stammende Runen“ sind inschriftlich belegt – auf dem Noleby-Stein (raginakundo) und dem Sparlösa-Stein um 800. Das entspricht dem eddischen reginkunnum in Hávamál 80. Die göttliche Herkunft der Runen ist also keine Erfindung isländischer Schreiber des 13. Jahrhunderts.

Dass auch Blut als Farbe dienen konnte, erzählt die Egils saga (Kap. 44): Egill ritzt Runen auf ein Trinkhorn, färbt sie mit seinem Blut, und das Horn mit dem vergifteten Bier zerspringt. Eine Saga, kein Werkstattbericht – aber sie zeigt, dass Ritzen und Färben als ein magischer Akt galten.

Strophe 143 verteilt das Runenwissen auf die Welten: Odin bei den Asen, Dáinn für die Alben, Dvalinn für die Zwerge, Ásviðr für die Riesen – „einige ritzte ich selbst“. Dáinn und Dvalinn sind sonst Zwergennamen und heißen zugleich zwei der Hirsche an Yggdrasil.

Strophe 144: Der Fragekatalog

Veiztu, hvé rísta skal? Veiztu, hvé ráða skal? / Veiztu, hvé fá skal? Veiztu, hvé freista skal? / Veiztu, hvé biðja skal? Veiztu, hvé blóta skal? / Veiztu, hvé senda skal? Veiztu, hvé sóa skal?Hávamál 144

Acht Fragen in einem anderen Versmaß, wie eine Prüfungsformel. „Weißt du, wie man ritzen soll?“ – rísta (ritzen), ráða (raten, deuten, lesen), fá (färben), freista (erproben), biðja (bitten, beten), blóta (opfern), senda (senden, darbringen), sóa (schlachten). Die ersten vier Verben gehören zur Schrift, die letzten vier zum Kult. Für den Dichter war beides ein einziges heiliges Handwerk. Wie Opfer tatsächlich aussahen, haben wir bei den germanischen Opfern und Heiligtümern zusammengetragen.

Strophe 145: Besser ungebeten als zu viel geopfert

Besser ungebeten als zu viel geopfert, / stets schaut die Gabe nach Vergeltung; / besser ungesandt als zu viel geschlachtet. / So ritzte Þundr vor dem Ursprung der Völker; / dort stieg er empor, als er zurückkam.Hávamál 145, eigene Übertragung, Schluss unsicher

Die erste Hälfte ist ein nüchterner Opferrat: Eine Gabe erwartet eine Gegengabe – derselbe Gedanke, mit dem die Hávamál Geschenke unter Freunden beschreiben. Maß halten gilt auch gegenüber Göttern. Die zweite Hälfte ist dunkel. Þundr, „der Tosende“, ist ein Odinsname; fyr þjóða rǫk lässt sich als „vor dem Schicksal“ oder „vor dem Ursprung der Völker“ lesen. Ob mit dem Emporsteigen die Rückkehr vom Baum gemeint ist, weiß niemand. Wer hier eine eindeutige Übersetzung anbietet, verkauft Gewissheit, die der Text nicht hergibt.

Der Anschluss: das Ljóðatal

Ab Strophe 146 zählt Odin achtzehn Zauberlieder auf, die „keine Königsfrau kennt und kein Menschensohn“ – „ein erstes kann ich“, „ein zweites“ und so fort, bis Strophe 163. Den Wortlaut verrät er nie, nur die Wirkung: Hilfe gegen Kummer, stumpfe Feindesschwerter, gesprengte Fesseln, ein im Flug gestoppter Pfeil, gelöschtes Feuer, gestillte See, heil aus der Schlacht heimkehrende Freunde, die Gunst einer Frau. Das zwölfte Lied (Str. 157) führt zurück zum Baum: Sieht Odin einen Gehenkten schwanken, ritzt und färbt er Runen, bis der Tote herabsteigt und mit ihm spricht. Runen nennen die Hávamál also nicht nur im Runatal, sondern auch hier und in Strophe 80.

Mythos-Check: „Odins achtzehn Runen.“ Die achtzehn sind Lieder, keine Schriftzeichen. Das ältere Futhark hat 24 Runen, das jüngere 16; eine Reihe aus achtzehn Runen kennt kein einziger Fund. Die heute verbreiteten „18 Runen“ stammen aus esoterischen Systemen des frühen 20. Jahrhunderts – siehe Nordische Symbole: echt oder erfunden?

Yggdrasil – „Odins Pferd“?

Ist der Baum der Weltenbaum, wird ein Name sehr sprechend. Yggdrasill wird meist als „Pferd des Yggr“ gedeutet: Yggr, „der Schreckliche“, ist ein Odinsname, drasill ein dichterisches Wort für Pferd. In der Skaldendichtung kann der Galgen als „Pferd“ umschrieben werden, das der Gehenkte „reitet“. Yggdrasil wäre dann Odins Galgen.

Unumstritten ist das nicht. Ferdinand Detter verband yggr mit „Schrecken“ („Schreckensbaum“), Franz Rolf Schröder schlug „Eibensäule“ vor, Anatoly Liberman vermutet, der Name habe zuerst Odins Pferd bezeichnet – gemeint wäre Sleipnir. John Lindow hält fest, dass die Forschung den Baum des Runatal fast einhellig mit Yggdrasil gleichsetzt, obwohl die Hávamál ihn nicht nennen.

Der Gott der Gehenkten

Odin ist in der Überlieferung auffällig eng mit dem Erhängen verbunden. Snorri nennt unter seinen Namen Hangaguð, „Gott der Gehenkten“; nach der Ynglinga saga setzte er sich unter Gehenkte, um von ihnen Wissen zu erfahren, und ließ sich vor seinem Tod mit einer Speerspitze zeichnen.

Die engste Parallele bietet die spätmittelalterliche Gautreks saga. König Víkarr soll in einem Scheinopfer gehängt werden: Starkaðr legt ihm eine Schlinge aus Kalbsdärmen um und berührt ihn mit einem Rohrstängel. Doch der Rohrstängel wird zum Speer, die Därme werden zum Strick, und Starkaðr spricht: „Nun gebe ich dich Odin.“ Hängen, Speer, „Odin gegeben“ – alle drei Elemente aus Hávamál 138. Ein Beweis für reale Opferpraxis ist das nicht, wohl aber dafür, wie man sich ein Opfer an Odin vorstellte. Mehr über den Gott in unserem Hauptartikel Odin – Weisheit um jeden Preis.

Uppsala: Opfer im heiligen Hain

Der wichtigste Vergleichstext stammt von einem Gegner. Adam von Bremen beschrieb um 1075 in seiner Hamburgischen Kirchengeschichte (Buch IV) den Tempel von Uppsala – nach Berichten anderer, nicht aus eigener Anschauung. Alle neun Jahre, schreibt er, feierten die schwedischen Landschaften ein gemeinsames Fest. Von jedem männlichen Lebewesen wurden neun geopfert und die Körper im Hain neben dem Tempel aufgehängt, Hunde und Pferde neben Menschen; jeder Baum dort gelte wegen der Opfer als göttlich. Randnotizen nennen zudem einen immergrünen Riesenbaum beim Tempel und eine Quelle, in die ein lebender Mensch versenkt wurde.

Die Neun, das Hängen am Baum, Odin als Empfänger: Die Nähe zum Runatal springt ins Auge. Trotzdem ist Adam Kirchenmann mit klarer Absicht und Hörensagen-Zeuge, das Runatal Dichtung, kein Ritualprotokoll. Man kann beide Texte nebeneinanderlegen, aber nicht den einen mit dem anderen beweisen. Was die Ausgrabungen zeigen, steht bei Alt-Uppsala.

Einweihung oder Schamanenreise?

Die naheliegendste Lesart ist die einer Initiation: Trennung von der Gemeinschaft, Leiden an einem Grenzort zwischen Himmel und Erde, symbolischer Tod, Rückkehr mit neuem Wissen. Strophe 141 klingt danach wie die Beschreibung eines Neugeborenen. Religionshistoriker wie Jan de Vries fragten, ob reale Einweihungsriten dahinterstehen – plausibel, aber unbelegt.

Mircea Eliade verglich Odins Hängen in seinem Buch über den Schamanismus (1951) mit sibirischen Schamanen: der Weltenbaum als Achse, Ekstase, Gang zu den Toten, Rückkehr mit Wissen. Dazu passen Odins Raben, sein achtbeiniges Pferd, die Gestaltwandlung in der Ynglinga saga und der Seiðr. Clive Tolley hat 2009 gezeigt, wie vorsichtig man damit sein muss: Sibirische Berichte stammen aus anderen Zeiten und Kulturen. „Odin war ein Schamane“ ist eine Vergleichshypothese, kein Befund.

Christus am Kreuz? Die Bugge-Debatte

Ein Gott am Baum, vom Speer verwundet, ohne Trank, laut schreiend, sich selbst dem höchsten Gott geopfert: Die Nähe zur Kreuzigung ist offensichtlich. Der norwegische Philologe Sophus Bugge machte daraus in seinen „Studier over de nordiske Gude- og Heltesagns Oprindelse“ (1881–1889) eine These: Das Runatal sei vom Bild des Gekreuzigten geprägt, den die Nordleute über England und Irland kennenlernten. Er verwies auf die Lanze des Longinus, den Schrei am Kreuz und darauf, dass das Kreuz im Mittelalter „Baum“ heißen konnte – im altenglischen „Dream of the Rood“ spricht es selbst als Baum.

Die Gegenargumente wiegen schwer. Odin stirbt nicht für andere und erlöst niemanden; er opfert sich, um Wissen für sich zu gewinnen. Das Hängen fügt sich in eine Reihe genuin nordischer Zeugnisse: der Gott der Gehenkten, die Speerzeichnung, die Bäume von Uppsala, Víkarr. Heute halten die meisten einen heidnischen Kern für wahrscheinlich, schließen christliche Einflüsse auf die Ausgestaltung aber nicht aus – das Lied lebte lange in einer Gesellschaft, in der beide Religionen nebeneinander bestanden. Kimberley Patton hat Odins Selbstopfer 2009 in eine vergleichende Studie göttlicher Selbstopfer gestellt. Wie eng Christliches und Altes im Norden ineinandergriffen, zeigen Bildsteine wie das Gosforth-Kreuz, auf dem Ragnarök-Szenen neben der Kreuzigung stehen.

Was das Runatal uns heute sagt

Lässt man alle Theorien beiseite, bleibt eine harte Aussage: Wissen kostet. Der höchste Gott bekommt die Runen nicht geschenkt, er zahlt mit Hunger, Schmerz und Einsamkeit – und erst danach wächst Wort aus Wort. Daran denken wir, wenn jemand bei uns eine Rune gravieren lässt. Wie Runen in echten Formeln verwendet wurden, liest du bei Runenzauber – alu, laukaz und die Formelwörter.

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Häufige Fragen

Was ist das Runatal? Der Abschnitt der Hávamál (Str. 138–145 nach Neckel/Kuhn, bei Bellows 139–146), in dem Odin erzählt, wie er neun Nächte am Baum hing und die Runen aufnahm. Der Name Rúnatals þáttr Óðins stammt aus jüngeren Abschriften.

Warum hing Odin neun Nächte am Baum? Um die Runen und das mit ihnen verbundene verborgene Wissen zu erlangen. Er opferte sich „selbst sich selbst“ – Opfer und Empfänger in einer Person.

Ist der Baum im Runatal Yggdrasil? Der Text nennt keinen Namen, die Forschung setzt ihn aber fast einhellig mit Yggdrasil gleich, dessen Name meist als „Odins Pferd“, also Galgen, gedeutet wird.

Wer ist Bölþorns Sohn? Ein Bruder von Odins Mutter Bestla. Er wird nicht genannt; oft wird Mimir vermutet, belegt ist das nicht.

Hat Odin 18 Runen gefunden? Nein. Die Achtzehn des Ljóðatal sind Zauberlieder; eine historische Reihe aus 18 Runen gibt es nicht.

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