Wikinger Blog / Geschichte & Funde
Aus dem Wissensarchiv

Die Mandubier: das kleine Volk, dem Alesia gehörte

Geschichte & Funde Die Mandubier: das kleine Volk, dem Alesia gehörte Es gibt Völker, die in die Weltgeschichte geraten, ohne je etwas dafür getan zu haben. Die Mandubier sind so ein Fall. Sie besaßen eine Handvoll Täler in Burgund, ein Oppidum auf einem Bergsporn und vermutlich keinerlei Ambition, in einem Weltkrieg vorzukommen. Dann rückte im Sommer 52 v. Chr. ein geschlagenes gallisches Heer auf ihren Berg, und hinter ihm kamen die Legionen Caesars. Was folgte, machte den Namen Alesia unsterblich und die Mandubier zu Statisten in fremden Geschichten. Ihr eigener Anteil daran steht in drei Sätzen bei Caesar. Der dritte davon ist einer der schwersten Sätze des ganzen Werks.

Ein Volk, das bei Caesar dreimal vorkommt

Wer nach den Mandubiern sucht, findet erschreckend wenig. In Caesars De bello Gallico, dem umfangreichsten Text über das vorrömische Gallien, taucht der Name genau dreimal auf: einmal, als Vercingetorix nach Alesia marschiert, das Caesar schlicht als oppidum Mandubiorum bezeichnet, als Stadt der Mandubier. Einmal, als Vieh erwähnt wird, das die Mandubier in die Stadt getrieben hatten. Und einmal, als sie diese Stadt verlassen müssen.

Dazu kommt eine knappe Notiz bei Strabon, der die Mandoubioi im frühen 1. Jahrhundert n. Chr. erwähnt und Alesia ihre Stadt nennt. Er verortet sie allerdings in der Nachbarschaft der Arverner, was geographisch nicht recht passt – ein gutes Beispiel dafür, wie ungenau antike Geographen bei kleinen Völkern arbeiteten.

Alles Weitere, was wir über die Mandubier wissen, stammt nicht aus Texten, sondern aus dem Boden: aus Keramik, Münzen, Inschriften und Grabungsplänen. Das ist kein Mangel, sondern der Normalfall. Die meisten gallischen Völker haben keine Stimme, sie haben nur Scherben.

Historiengemaelde von Lionel Royer 1899: Vercingetorix legt vor Caesar die Waffen nieder
Lionel Royer, „Vercingetorix wirft seine Waffen vor die Füße Cäsars“, 1899. Ein Bild des 19. Jahrhunderts, keine Quelle: Caesar selbst schildert die Übergabe in wenigen nüchternen Zeilen, den Ritt und die hingeworfenen Waffen erzählen erst Plutarch und Cassius Dio. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Zwischen Häduern, Lingonen und Senonen

Ihr Gebiet lag im heutigen Auxois im Département Côte-d'Or, im nördlichen Burgund. Die Forschung umreißt es anhand von Fundverbreitungen und späteren Verwaltungsgrenzen als kleinen Raum, der ungefähr von Alesia im Norden bis in die Gegend von Sombernon im Südosten reicht – eine Landschaft aus Kalkplateaus, Quelltöpfen und engen Tälern, in der Seine und Yonne ihre Oberläufe haben.

Rundherum saßen Schwergewichte. Im Süden und Westen die Häduer, Roms wichtigster gallischer Bündnispartner. Im Osten und Norden die Lingonen, ebenfalls romfreundlich. Weiter nordwestlich die Senonen. Die Mandubier lagen genau dazwischen, an einer Nahtstelle – und Nahtstellen sind in der Antike selten ruhige Orte.

Wie klein ihr Territorium war, zeigt sich daran, was später damit geschah: Unter Augustus wurde es dem Gebiet der Lingonen zugeschlagen. In den Wirren nach Neros Tod 68 n. Chr. wechselte es zu den Häduern. Ein eigenständiges Gemeinwesen mit eigener civitas, also mit eigenem Verwaltungsbezirk, blieb es offenbar nicht.

Der Name: Leute der kleinen Pferde?

Die lateinische Form Mandubii geht auf ein gallisches Mandubioi zurück. Der gängigste Deutungsvorschlag verbindet den ersten Bestandteil mit gallisch mandu-, das ein kleines Pferd oder Pony bezeichnet – die Mandubier wären dann ungefähr die Ponyleute. Das klingt hübsch, und in einer Landschaft mit Weidewirtschaft klingt es auch plausibel.

Es ist trotzdem eine Deutung, keine Übersetzung. Pierre-Yves Lambert hat vorgeschlagen, den Namen stattdessen mit einer Wortfamilie zu vergleichen, die im Walisischen mathru ergibt, also niedertreten, zertrampeln. Beide Vorschläge sind sprachwissenschaftlich vertretbar, keiner ist beweisbar. Wer im Netz liest, die Mandubier hätten sich selbst nach ihren Pferden benannt, liest eine gut begründete Vermutung, die als Tatsache verkleidet wurde.

Das gilt für gallische Völkernamen fast durchweg. Sie sind uns nur in lateinischer oder griechischer Umschrift überliefert, meist von Autoren, die kein Gallisch konnten.

Klientel, nicht Königreich

Die gallische Welt des 1. Jahrhunderts v. Chr. war kein Nebeneinander gleichrangiger Stämme, sondern ein Geflecht aus Abhängigkeiten. Große Völker hielten kleinere in Klientelverhältnissen: Schutz und Zugang zu Bündnissen gegen Gefolgschaft, Abgaben und Mannschaften. Caesar beschreibt dieses System ausführlich, weil er es nutzte.

Die Mandubier gehörten in diese zweite Reihe. Archäologisch lässt sich zeigen, dass sie handwerklich und wirtschaftlich durchaus eigenständig waren – mandubische Keramik ist schon für das 2. Jahrhundert v. Chr. fassbar. Politisch aber standen sie im Schatten der großen Nachbarn. Auf den Aushebungslisten des gallischen Aufstands erscheinen sie nicht mit einem eigenen Kontingent.

Genau das macht sie interessant. Die Kriegsgeschichte des Jahres 52 v. Chr. wird sonst von den Arvernern, den Häduern und den Biturigern erzählt, also von den Großen. Die Mandubier zeigen, was der Krieg mit denen machte, die ihn weder begonnen noch geführt hatten.

Alesia: ein Berg mit einer Stadt darauf

Das Oppidum lag auf einem Plateau von rund 97 Hektar, etwa 200 Meter über der Talsohle, an fast allen Seiten von steilen Hängen begrenzt. Zwei Flüsse umspülten den Fuß des Bergs, im Westen dehnte sich eine Ebene, ringsum standen Höhen von ähnlicher Höhe. Caesar beschreibt das nüchtern und mit dem Blick des Fachmanns: mit Sturm sei der Platz nicht zu nehmen, nur durch Einschließung.

Oppida dieser Größe waren keine Dörfer. Ein Oppidum ist ein befestigter Zentralort mit Handwerk, Handel, Münzumlauf und Vorratshaltung – der spätkeltische Stadttyp, den man von den großen keltischen Fürstensitzen her kennt, nur jünger und städtischer.

Für die Mandubier war Alesia vermutlich alles zugleich: Markt, Zufluchtsort, Versammlungsplatz, Heiligtum. Dass in dieser Stadt später ein Gott der Schmiede verehrt wurde, passt gut zu einem Ort, an dem Metall verarbeitet wurde, lange bevor Rom kam.

Sommer 52 v. Chr.: wie der Krieg auf ihren Berg kam

Vercingetorix hatte den Aufstand gegen Caesar zunächst geschickt geführt: verbrannte Erde, Reiterkrieg, keine Feldschlacht. Dann verlor er ein Reitergefecht am Rand des Lingonenlands, und der Plan kippte. Er zog sich mit seinem Heer nach Alesia zurück. Ob die Mandubier gefragt wurden, ob sie ein Heer aufnehmen wollten, sagt keine Quelle.

Caesar folgte, besichtigte den Berg und entschied sich für die Einschließung. Vercingetorix schickte in der Nacht seine gesamte Reiterei durch die noch unfertigen Linien hinaus, damit sie in der Heimat Verstärkung sammle. Dann ließ er alles Getreide zusammenziehen, verteilte das Vieh, das die Mandubier hereingetrieben hatten, an seine Männer und ließ das Korn in kleinen Rationen ausgeben.

Das ist der Moment, in dem die Mandubier zum ersten Mal auftauchen – als Lieferanten. Ihre Herden verschwanden in der Verpflegung eines fremden Heeres, das in ihrer Stadt saß.

Zwei Ringe, Gräben und Fallen

Was Caesar dann bauen ließ, ist das berühmteste Belagerungswerk der Antike. Zuerst ein Graben von zwanzig Fuß Breite mit senkrechten Wänden. Vierhundert Fuß dahinter zwei weitere Gräben von je fünfzehn Fuß, den inneren ließ er, wo das Gelände es zuließ, mit Flusswasser füllen. Dahinter ein Wall mit Palisade von zwölf Fuß Höhe, Brustwehr, Zinnen, vorstehende Astgabeln gegen Kletterer, und Türme im Abstand von achtzig Fuß.

Vor dieser Linie lag ein Fallengelände, dessen Namen die Soldaten selbst erfunden hatten. Cippi, Grabsteine, nannten sie fünf ineinander verflochtene Reihen angespitzter Äste in einem Graben. Lilia, Lilien, hießen acht Reihen trichterförmiger Gruben mit oberschenkeldicken Spitzpfählen, mit Reisig abgedeckt. Stimuli, Sporne, waren fußlange, vollständig eingegrabene Holzklötze mit eisernen Widerhaken.

Diese innere Linie umzog den Berg auf elf römischen Meilen, dazu dreiundzwanzig Kastelle. Nach außen, gegen das erwartete Entsatzheer, legte Caesar eine zweite Linie von vierzehn Meilen an. Die Fachsprache nennt die beiden Ringe Circumvallation und Contravallation, verteilt die Begriffe aber uneinheitlich; wichtiger ist die Funktion. Caesars Heer saß danach in einem Ring zwischen zwei Fronten – und die Zivilbevölkerung Alesias saß im inneren Ring mit.

Die Zahlen und was sie wert sind

Caesar lässt Vercingetorix von achtzigtausend ausgesuchten Männern in der Stadt sprechen und Getreide für knapp dreißig Tage errechnen. Für das Entsatzheer nennt er achttausend Reiter und rund zweihundertvierzigtausend Mann zu Fuß.

Diese Zahlen sollte man mit Vorsicht behandeln. Caesar schrieb für ein römisches Publikum, dem er seinen Sieg verkaufen musste, und je größer das gallische Heer, desto größer die Leistung. Auffällig ist außerdem, dass die detaillierte Aushebungsliste, die er wenige Abschnitte vorher Volk für Volk aufzählt, mit seiner eigenen Gesamtsumme nicht sauber zusammengeht. Zahlwörter gehören in der handschriftlichen Überlieferung antiker Texte ohnehin zu den unzuverlässigsten Angaben.

Was man festhalten kann: Es war ein sehr großes Aufgebot, und es kam zu spät. Alles Weitere ist Schätzung.

Die Rede des Critognatus

Als das Korn aufgebraucht war und der erwartete Entsatz ausblieb, hielten die Eingeschlossenen Rat. Manche wollten kapitulieren, andere einen Ausfall wagen. Dann sprach Critognatus, ein arvernischer Adliger. Caesar gibt seine Rede in voller Länge wieder und nennt sie ausdrücklich grausam – und überliefert sie trotzdem.

Critognatus schlug vor, es zu halten wie die Vorfahren im Krieg gegen Kimbern und Teutonen: sich von denen zu ernähren, die zum Kämpfen zu alt oder zu schwach seien. Er begründete das nicht mit Verzweiflung, sondern mit Verantwortung. Ein Ausfall koste achtzigtausend Mann und liefere ganz Gallien der Sklaverei aus.

Die Versammlung folgte ihm nicht. Sie beschloss, alle Kampfunfähigen aus der Stadt zu schicken und Critognatus' Vorschlag nur dann aufzugreifen, wenn wirklich nichts anderes mehr bliebe. Dazu kam es nicht. Dass in Alesia Menschen gegessen worden wären, berichtet keine Quelle – vorgeschlagen wurde es, ausgeführt nicht.

Die Vertriebenen

Der Beschluss traf zuerst die Einheimischen. Die Mandubier hatten das gallische Heer in ihre Stadt gelassen; nun wurden sie aus ihr hinausgeschickt, mit Frauen und Kindern. Sie gingen den Hang hinunter auf die römischen Linien zu, weil dort das einzige Getreide der Gegend lag.

Mandubii, qui eos oppido receperant, cum liberis atque uxoribus exire coguntur. Hi, cum ad munitiones Romanorum accessissent, flentes omnibus precibus orabant, ut se in servitutem receptos cibo iuvarent. At Caesar dispositis in vallo custodibus recipi prohibebat. – Die Mandubier, die jene in ihre Stadt aufgenommen hatten, werden gezwungen, mit Kindern und Frauen hinauszugehen. Als diese an die Befestigungen der Römer herangekommen waren, baten sie weinend mit allen Bitten darum, man möge sie in die Sklaverei aufnehmen und ihnen mit Nahrung helfen. Caesar aber stellte Wachen auf dem Wall auf und verbot, sie einzulassen.Caesar, De bello Gallico VII,78,3–5; lateinischer Wortlaut nach der überlieferten Textgestalt, Übersetzung von uns

Was danach geschah, steht nicht ausdrücklich da. Aus dem Wenigen, was der Text sagt, ergibt es sich: Diese Menschen kamen nicht in die Stadt zurück und nicht durch die römischen Linien hindurch. Sie blieben im Streifen zwischen Wall und Berg, ohne Vorräte, bis die Belagerung entschieden war. Caesar erwähnt sie kein zweites Mal.

Bemerkenswert ist, wie er den Vorgang erzählt. Der Satz steht im selben knappen Amtston wie eine Grabenbreite. Die Altertumswissenschaft diskutiert seit Langem, warum Caesar diese Episode überhaupt aufnahm – unter anderem, weil sie unmittelbar auf die Rede des Critognatus folgt und dessen Vorwurf römischer Grausamkeit ausgerechnet durch eine römische Handlung beantwortet.

Das Ende der Belagerung

Das Entsatzheer griff dreimal an, zuletzt mit sechzigtausend ausgesuchten Männern gegen ein Lager an der Nordflanke, das nicht in den Ring einbezogen werden konnte. Es scheiterte. Sedullus, der Anführer der Lemovicen, fiel; Vercassivellaunus, ein Verwandter des Vercingetorix, wurde gefangen; vierundsiebzig Feldzeichen brachte man zu Caesar. Wie diese Heere kämpften, ist ein Thema für sich – dazu passt unser Beitrag über die keltischen Krieger.

Am nächsten Tag übergaben die Gallier Vercingetorix und legten die Waffen nieder. Caesar behielt die häduischen und arvernischen Gefangenen zurück, um deren Völker politisch zurückzugewinnen; die übrigen verteilte er als Beute, einen Mann je Soldat. Später gab er rund zwanzigtausend Gefangene an Häduer und Arverner zurück. Vercingetorix wurde nach Rom gebracht und 46 v. Chr. nach Caesars Triumph hingerichtet.

Über die Mandubier verliert der Text kein Wort mehr. Ihr Berg gehörte nun zu einer römischen Provinz.

Alesia nach Alesia

Die Stadt wurde nicht geschleift. Auf dem Mont Auxois entstand eine gallorömische Kleinstadt mit Forum, Tempeln und Theater, deren Einwohnerzahl auf einige Tausend geschätzt wird. Ihr wirtschaftliches Rückgrat war das Metallhandwerk, vor allem die Bronzeverarbeitung.

Genau davon zeugt der berühmteste Fund. In einem großen Gebäude nördlich des Forums lag in einem Kellerraum Bronze- und Eisenschrott, offenbar der Vorrat von Metallhandwerkern, dazu ein Bronzegefäß mit der Weihung Deo Ucueti et Bergusiae, dem Gott Ucuetis und der Bergusia. Ucuetis war ein Handwerker- und Schmiedegott, der bisher nur hier belegt ist. Das Gebäude dürfte zugleich Heiligtum und Zunfthaus gewesen sein – eine Seltenheit, weil antike Kultbauten fast immer der Oberschicht gehören, nicht den Handwerkern.

Dazu kommt der 1839 gefundene Stein des Martialis, eine gallische Inschrift in lateinischen Buchstaben, in der ein Martialis, Sohn des Dannotalos, dem Ucuetis ein Gebäude stiftet – und die den Ortsnamen in der Form in alisiia nennt. Weitere Weihungen gelten Apollo Moritasgus, Rosmerta, Damona sowie Mars Cicolluis mit Litavis. Das Quellheiligtum des Apollo Moritasgus an der Croix-Saint-Charles wurde zwischen 2008 und 2018 unter Olivier de Cazanove neu untersucht; dabei kam ein außergewöhnlich gut erhaltenes Holzbecken zutage. Wichtig für die Einordnung: Diese Zeugnisse gehören in die römische Kaiserzeit, nicht in die Zeit der Belagerung.

Wo lag Alesia? Der Streit um den Ort

Dass Alise-Sainte-Reine der Platz ist, gilt heute als gesichert – der Weg dorthin war politisch aufgeladen. Napoleon III. arbeitete an einer Caesar-Biographie und sah in Vercingetorix eine Gründungsfigur der Nation. 1861 ließ er graben, ab 1862 leitete sein Ordonnanzoffizier Eugène Stoffel die Arbeiten bis 1865. Sie legten die doppelten Befestigungslinien und die Hauptlager frei; Waffen, gallische und römische Münzen und Militaria gingen überwiegend an das Nationalmuseum in Saint-Germain-en-Laye.

Der Verdacht lag nahe, dass ein Kaiser findet, was ein Kaiser sucht. Deshalb zählt vor allem, was danach kam: die Luftbildarchäologie von René Goguey, die französisch-deutschen Grabungen von 1991 bis 1997 unter Michel Reddé und Siegmar von Schnurbein, die die caesarischen Linien systematisch untersuchten, und ein LiDAR-Survey 2011. Der Befund stützt Caesars Beschreibung in vielen Punkten.

Gegenthesen gab es trotzdem reichlich; rund vierzig Orte haben Alesia für sich reklamiert. Am bekanntesten ist die 1962 von André Berthier entwickelte These, Alesia habe bei Chaux-des-Crotenay im Jura gelegen. Berthier ging von einem aus Caesars Text destillierten Anforderungsprofil aus und suchte den passenden Geländetyp. Die Fachwelt folgt ihm nicht: Die archäologische Grundlage fehlt. Der Streit ist damit sachlich entschieden, emotional nicht.

Ein Held aus Kupferblech

1865 ließ Napoleon III. am Westende des Plateaus eine 6,60 Meter hohe Statue aufstellen: Vercingetorix, von Aimé Millet aus getriebenem Kupferblech über einem Eisengerüst gefertigt, auf einem Sockel nach Entwürfen Viollet-le-Ducs. Die Inschrift verkündet, das geeinte Gallien, das eine einzige Nation bilde und von einem Geist beseelt sei, könne dem Weltall trotzen – eine freie Übertragung aus Caesars Text, in Stein gesetzt vom Kaiser der Franzosen.

Die Figur zeigt keinen Gallier des 1. Jahrhunderts v. Chr., sondern das, was das 19. Jahrhundert sich darunter vorstellte: Hängeschnurrbart, wallendes Haar, schwermütiger Blick. Nach verbreiteter Lesart trägt das Gesicht außerdem Züge des Auftraggebers. Historisch belastbar ist an diesem Denkmal die Errichtungsgeschichte, nicht das Aussehen.

Seit 2012 steht am Fuß des Bergs der MuséoParc Alésia mit einem Interpretationszentrum von Bernard Tschumi, dessen Holzlamellen-Fassade auf die römischen Holzbauten anspielt; im Gelände sind Abschnitte der Belagerungswerke nachgebaut. Von den Mandubiern selbst ist dort wenig zu sehen. Sie haben keine Statue bekommen. Sie sind der Grund, warum der Ort einen Namen hat.

Beleg: Die Mandubier erscheinen bei Caesar dreimal (De bello Gallico VII,68 als oppidum Mandubiorum; VII,71 als Lieferanten von Vieh; VII,78 bei der Vertreibung) sowie bei Strabon (Geographika 4,2,3) als Mandoubioi. Ihr Territorium im Auxois wird archäologisch über Fundverbreitungen erschlossen (Barral, Guillaumet und Nouvel 2002), die Kulte Alesias epigraphisch (Raepsaet-Charlier 2013). Gesichert sind ferner der Stein des Martialis mit dem Ortsnamen in alisiia, die Bronzeweihung Deo Ucueti et Bergusiae, die Grabungen Eugène Stoffels 1861 bis 1865, die französisch-deutschen Untersuchungen der Belagerungslinien 1991 bis 1997 unter Michel Reddé und Siegmar von Schnurbein sowie Luftbild- und LiDAR-Prospektionen. Die Vertreibungsszene in VII,78 ist Gegenstand eigener Fachdiskussion, unter anderem bei Robert Brown, Classical World 112 (2019).
Mythos-Check: Alise-Sainte-Reine ist die Lokalisierung, der die Forschungsmehrheit folgt – sie beruht aber auf einer sehr guten Übereinstimmung von Text und Befund, nicht auf einer Beschriftung im Boden. Rund vierzig Orte haben Alesia beansprucht; die Jura-These André Berthiers (Chaux-des-Crotenay) ist archäologisch nicht gestützt. Caesar nennt Alesia nur oppidum Mandubiorum, nicht Hauptstadt. Seine Heereszahlen sind Propagandagrößen und gehen mit seiner eigenen Aushebungsliste nicht auf. Kannibalismus wurde in Alesia vorgeschlagen, nicht ausgeführt. Die theatralische Übergabeszene, in der Vercingetorix Caesar die Waffen vor die Füße wirft, steht nicht bei Caesar – der schreibt nur, die Waffen seien niedergelegt worden –, sondern bei Plutarch und Cassius Dio, mehr als hundert Jahre später; das populäre Bild prägt vor allem ein Gemälde von 1899. Die Statue von 1865 ist ein Denkmal des Zweiten Kaiserreichs, kein Porträt. Und Asterix ist Fiktion: dass niemand weiß, wo Alesia liegt, ist ein Gag, kein Forschungsstand.
Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: keltische und nordische Motive auf Naturschiefer, lasergraviert - aus kleiner Familienmanufaktur in Alsdorf. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Die Arverner · Die Häduer · Die Lingonen · Die Senonen · Die keltischen Krieger.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Geschichte & Funde

Alle Geschichte & Funde-Artikel →

Die Markomannen: Ein Königreich vor den Toren Roms

Weiterlesen →

Die Marser: Ein Stamm, ein Heiligtum, eine Vergeltung

Weiterlesen →

Die Menapier: Krieg im Marschland

Weiterlesen →

Menzlin: Ein früher Handelsplatz an der Peene

Weiterlesen →