Ein Königreich, dessen Könige Heiden und Christen, Dänen und Iren waren, das sich zweimal den Engländern unterwarf und zweimal wieder abfiel, das Münzen mit dem Namen des heiligen Petrus und einem Schwert prägte – und dessen Erzbischof mehr als einmal auf der Seite der Nordleute stand. So sah York zwischen 866 und 954 aus. Aus dem angelsächsischen Eoforwic wurde Jórvík. Was davon übrig ist, liegt in bis zu neun Meter mächtigen Schichten im feuchten Boden, und es erzählt vom Alltag, nicht von Königen.

York war schon eine alte Stadt, als die Nordleute kamen. Die Römer hatten hier Eboracum gegründet, die Angelsachsen machten daraus Eoforwic, Sitz der Könige von Northumbria und eines Erzbischofs, mit Kathedralschule und internationalem Ruf. Die Skandinavier hörten den Namen und machten sich ihren eigenen Reim darauf: Jórvík, als stecke das nordische Wort für Bucht, vík, darin. Aus diesem Jórvík ist über Umwege das heutige York geworden.
Wie die Große Heidnische Armee die Stadt 866 einnahm und im März 867 die beiden rivalisierenden Könige Northumbrias vor ihren Mauern fielen, haben wir an anderer Stelle erzählt. Nach nordhumbrischer Überlieferung, die Symeon von Durham im 12. Jahrhundert aufgeschrieben hat, geschah die Einnahme an Allerheiligen, dem 1. November. Die Angelsächsische Chronik nennt keinen Tag.
Anfangs regierte das Heer nicht selbst. Es setzte einen Engländer namens Ecgberht als König ein, der nördlich des Tyne herrschte, solange es den Eroberern passte. 872 vertrieben die Northumbrier ihn und mit ihm Erzbischof Wulfhere; schon im folgenden Jahr war der Erzbischof wieder da. Die Kirche von York hatte sich, wie sich zeigen sollte, mit den neuen Herren arrangiert.
Der entscheidende Einschnitt kam 876. Halfdan, einer der Anführer des Heeres, teilte das Land der Northumbrier unter seine Leute auf, und sie begannen, zu pflügen und sich selbst zu versorgen. Aus Kriegern wurden Grundbesitzer, aus einem Lager ein Reich. Das nordhumbrische Siedlungsgebiet der Skandinavier gehört damit zur Welt des Danelag, blieb aber politisch eigenständig. York war kein Teil der Fünf Burgen, sondern ein Königssitz.
Der erste christliche König Jórvíks, von dem wir wissen, war Guthfrith, altenglisch Guthred. Er starb 895, und der Chronist Æthelweard notiert, er sei im Münster von York begraben worden – ein skandinavischer König in der Bischofskirche.
Wie er König wurde, erzählt eine Quelle aus dem Umfeld der Mönche des heiligen Cuthbert, die Historia de Sancto Cuthberto. Der Heilige sei einem Abt im Traum erschienen und habe ihm befohlen, einen jungen Dänen namens Guthred, der als Sklave an eine Witwe verkauft worden sei, freizukaufen und zum König zu machen. Das geschah, und Guthred bedankte sich mit Land für Cuthberts Gemeinschaft.
Das ist eine Legende, geschrieben im 10. oder 11. Jahrhundert von denen, die davon profitierten. Aber sie zeigt etwas Wirkliches: In Northumbria verhandelten die neuen Könige mit der Kirche, und die Kirche mit ihnen. Beide brauchten einander.
Um 895 begann in York etwas, das kein anderes Wikingerreich auf den Britischen Inseln in diesem Umfang tat: Die Könige ließen Münzen prägen. Die frühesten tragen die Namen Siefred und Cnut, zwei Könige, die wir fast nur aus diesen Münzen kennen. Dazu kommen Pfennige mit der rätselhaften Aufschrift CVNNETTI, deren Bedeutung bis heute umstritten ist.
Tausende dieser Münzen lagen im Schatz von Cuerdale am Ribble in Lancashire, der 1840 gefunden wurde: mehr als achttausend Stücke Silber, Münzen aus York, dem Frankenreich und der arabischen Welt, dazu Hacksilber, vergraben um 905.
Um dieselbe Zeit erscheinen die Petruspfennige. Statt eines Königsnamens tragen sie die Aufschrift SCI PETRI MO, Sancti Petri moneta, Geld des heiligen Petrus – des Patrons der Kathedrale von York. In den 920er-Jahren kommt auf manchen dieser Münzen ein Schwert dazu, auf anderen ein Hammer, der oft als Thorshammer gelesen wird. Christlicher Heiliger, Schwert und vielleicht ein Götterzeichen auf demselben Geld: Das ist Jórvík in einer Münze. Viele Numismatiker vermuten, dass der Erzbischof bei der Prägung eine Rolle spielte. Belegt ist das nicht, aber der Name des Heiligen auf dem Geld spricht dafür.
Unter Olaf Guthfrithsson um 940 steht dann der Königstitel sogar in nordischer Form auf der Münze: ANLAF CVNVNC, König Olaf, über einem Vogel, der meist als Rabe gedeutet wird.
Im 10. Jahrhundert kamen die Könige Jórvíks aus einer anderen Richtung: aus Dublin. Die Enkel Ivars, die Uí Ímair der irischen Annalen, herrschten über die Ostmänner in Irland und griffen nun über die Irische See nach York.
Ragnall setzte sich nach einer Schlacht bei Corbridge 918 in Northumbria fest und nahm um 919 York ein. Nach seinem Tod 921 folgte Sihtric, den die Iren Cáech nannten, den Einäugigen oder Schielenden. Sihtric suchte den Ausgleich mit dem Süden: Am 30. Januar 926 heiratete er in Tamworth eine Schwester König Æthelstans. Ein Jahr später war er tot, und Æthelstan nahm York 927 selbst in Besitz.
In diese Jahre gehört ein Fund, der 2007 bei Harrogate gemacht wurde: der Schatz aus dem Vale of York, 617 Münzen und Silber in einem vergoldeten Silberbecher aus dem Frankenreich, vergraben um 927/28. Darin liegen Münzen Æthelstans neben arabischen Dirhams und Hacksilber – der Moment der Machtübernahme, eingeschlossen in einem Gefäß.
Æthelstans Herrschaft über York hielt, solange er lebte. 937 schlug er bei Brunanburh ein Bündnis aus Schotten, Leuten aus Strathclyde und dem Dubliner König Olaf Guthfrithsson. Doch als Æthelstan 939 starb, kam Olaf zurück, wurde in York als König angenommen und griff sogar nach den Fünf Burgen im nördlichen Mercia. Er starb 941.
Danach wechselte die Herrschaft in schneller Folge. Olaf Sihtricsson, Sohn des Sihtric Cáech, regierte ab 941, zeitweise neben Ragnall Guthfrithsson; 944 vertrieb König Edmund beide. Dann holten die Northumbrier einen König ganz anderer Herkunft: Erik, den die Nachwelt Blutaxt nennt. Zwischen seinen beiden Herrschaften kehrte Olaf Sihtricsson 949 noch einmal zurück. 954 vertrieben die Northumbrier Erik, und König Eadred übernahm das Land. Das Königreich Jórvík war zu Ende. Von da an regierten Earls im Auftrag der englischen Könige.
Eine Figur zieht sich durch diese Jahre: Wulfstan I., Erzbischof von York von 931 bis 956. Er stand bei Olaf Guthfrithsson, als dieser in Mercia einfiel (die Chronik führt das unter 943, die Forschung setzt es meist 940 an), und verhandelte mit ihm den Frieden. 947 schworen die Northumbrier in Tanshelf König Eadred Treue und brachen den Eid bald darauf. 952 ließ Eadred den Erzbischof festsetzen.
Aus südenglischer Sicht, und so klingt die Chronik, war Wulfstan ein Verräter. Er lässt sich aber ebenso als Mann sehen, der die Eigenständigkeit Northumbrias und seiner Kirche verteidigte – gegen einen fernen König im Süden und mit dem Herrscher, der gerade in York saß. Seit Wulfhere zeigt sich dasselbe Muster: Die Erzbischöfe von York waren keine Opfer der Nordleute, sondern ihre wichtigsten Verhandlungspartner.
Über die Könige wissen wir aus Chroniken und Münzen. Über die Menschen wissen wir fast alles aus dem Boden. 1972 fanden Archäologen unter einer Bankfiliale in York gut erhaltene Holzreste aus der Wikingerzeit. Von 1976 bis 1981 grub der York Archaeological Trust unter Peter Addyman und Richard Hall dann an der Straße Coppergate auf rund tausend Quadratmetern.
Der Boden dort ist feucht und sauerstoffarm. Holz, Leder, Textilien und selbst Pflanzenreste haben sich erhalten. Die Ausgräber legten Hausparzellen frei, schmale Grundstücke zur Straße hin, mit Häusern aus Flechtwerk und später aus Holzplanken, deren Wände stellenweise noch bis zu zwei Meter hoch standen. Gezählt wurden rund zwanzigtausend Einzelfunde, dazu über eine Viertelmillion Keramikscherben und Tonnen von Tierknochen.
Was diese Funde zeigen, ist eine Stadt der Werkstätten: Drechsler, die Holzschalen und Becher auf der Drehbank fertigten – der Straßenname Coppergate geht wohl auf die Becherdreher zurück, nordisch koppari, und gata, Straße –, Kammmacher, Schuhmacher, Metallhandwerker, Bernsteinschleifer. Dazu kommen Dinge aus der Ferne, darunter eine Mütze aus Seide, deren Stoff von weit her stammt. Jórvík war ein Marktort im Netz der Nordsee und darüber hinaus. Aus der Grabung ging 1984 das Jorvik Viking Centre hervor.
Zeitgenössische Schriftquellen sind die Angelsächsische Chronik, die aus südenglischer Sicht schreibt, die Chronik des Æthelweard, die irischen Annalen für die Dubliner Könige und Urkunden. Vieles über Northumbria kennen wir nur aus Texten des 11. und 12. Jahrhunderts, etwa bei Symeon von Durham.
Archäologisch und numismatisch belegt sind die Münzprägung von Siefred und Cnut bis Olaf, die Petruspfennige, die Schätze von Cuerdale und aus dem Vale of York und die Häuser und Werkstätten von Coppergate.
Spätere Überlieferung sind Guthreds Erhebung vom Sklaven zum König durch Cuthberts Traumbefehl und die Sagas um Erik.
Moderne Deutung sind die Rolle der Erzbischöfe bei der Münzprägung, die Bedeutung von CVNNETTI und der Thorshammer auf den Petruspfennigen.
Neunzig Jahre sind kurz für ein Königreich. Aber sie haben York bis heute geprägt: in den Straßennamen auf -gate, in dem, was unter der Stadt liegt, und in einer Geschichte, in der Heiden, Christen, Dänen und Iren um dieselbe Stadt rangen. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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