Es gibt eine Zahl, die jeden ernüchtert, der sich zum ersten Mal mit nordischer Bewaffnung beschäftigt: Aus rund zweieinhalb Jahrhunderten Wikingerzeit kennen wir vier bis fünf Helme. Nicht vier bis fünf Typen. Vier bis fünf Objekte – und die meisten davon sind handtellergroße Bruchstücke. Wer wissen will, wie ein Kopf im Norden geschützt war, muss deshalb weiter ausholen: zurück in die Vendelzeit, hinüber nach England, hinunter an den Rhein und ostwärts bis Kiew. Dieser Artikel macht den Kassensturz.
Fangen wir mit der unangenehmen Wahrheit an. Für den Zeitraum von etwa 800 bis 1066 gibt es aus ganz Skandinavien und seinem Umfeld eine Handvoll überzeugender Helmfunde: den Helm von Gjermundbu in Norwegen, das Maskenfragment von Tjele in Dänemark, eine verzierte Augenbraue aus Lokrume auf Gotland, ein Maskenfragment aus Kiew – und, seit 2016, ein winziges Bruchstück aus Mindegård auf Fünen, dessen Deutung noch offen ist. Dazu kommt der umstrittene Helm von Yarm in Nordengland, über dessen Alter sich die Fachwelt gerade streitet.
Zum Vergleich: Allein für die Zeit von der zweiten Hälfte des 6. bis ins 8. Jahrhundert zählt die Forschung in West- und Nordeuropa über siebzig Helme und Helmfragmente. Die Wikingerzeit im engeren Sinn ist also nicht nur arm an Helmen – sie ist ärmer als die Jahrhunderte davor. Und diese wenigen Stücke verteilen sich nicht gleichmäßig: Praktisch alles, was wir haben, gehört in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts. Für die rund zweihundert Jahre davor, also für die klassische Zeit der großen Fahrten, besitzen wir so gut wie nichts.
Der Helm aus dem Grabhügel von Gjermundbu bei Ringerike wurde im Frühjahr 1943 gemeldet und 1947 von Sigurd Grieg publiziert. Er liegt heute im Kulturhistorisk museum in Oslo unter der Nummer C27317. Man sollte sich von den bekannten Fotos nicht täuschen lassen: Der Helm kam in neun Fragmenten aus dem Boden, erhalten ist etwa ein Viertel bis ein Drittel der ursprünglichen Substanz. Was man im Museum sieht, ist eine Rekonstruktion um einen echten Kern.
Trotzdem ist Gjermundbu das Rückgrat der ganzen Diskussion, denn er zeigt als einziges Stück, wie Kalotte, Kamm und Brillenmaske zusammengehören. Die neuere Untersuchung von Stylegar und Børsheim (2021) datiert ihn in die letzten drei Jahrzehnte des 10. Jahrhunderts. Alles Weitere – Bauweise, Maske, Kettengeflecht, das Kriegergrab drumherum – haben wir in einem eigenen Beitrag ausgebreitet: Der Gjermundbu-Helm im Detail. Hier interessiert nur, dass er ein Einzelstück ist und dass die gesamte populäre Vorstellung vom „Wikingerhelm" auf diesem einen Grabfund ruht.
In den 1950er Jahren stießen Arbeiter bei Kanalarbeiten auf Chapel Yard in Yarm, Nordyorkshire, auf einen eisernen Helm. Es gab keine archäologische Begleitung, keinen Fundbericht, nur ein einziges Foto, das kurz nach der Bergung entstand. Jahrzehntelang stand das Stück im Rathaus, beschriftet als „normannischer Helm". Erst als es ins Preston Park Museum kam, nahm sich Chris Caple von der Universität Durham der Sache an. Seine Untersuchung erschien 2020 in Medieval Archaeology und kam zu dem Schluss: keine spätere Kopie, sondern ein echter Helm des 9. bis 11. Jahrhunderts, vergleichbar mit Gjermundbu. Die Nachricht ging um die Welt – Britanniens erster Wikingerhelm.
Ende 2021 legte Tomáš Vlasatý eine ausführliche Gegenschrift vor. Sein Argument setzt nicht bei der Echtheit an – die bestreitet er ausdrücklich nicht –, sondern bei der Bauweise der Kalotte. Yarm ist ein klassischer Bandhelm: umlaufendes Stirnband, gekreuzte Bänder, vier dreieckige Füllbleche. Diese Konstruktion ist im 6. bis 8. Jahrhundert zu Hause, und der jüngste sicher datierte Vertreter ist der Coppergate-Helm aus dem dritten Viertel des 8. Jahrhunderts. Dazu kommt der nach außen umgebogene, gelochte Rand, den Yarm mit zwei Helmen aus Bremen und Groningen teilt, die man heute um 650 bis 800 ansetzt. Vlasatýs Datierung: 550 bis 800, am wahrscheinlichsten 7. oder 8. Jahrhundert. Yarm wäre dann kein Verwandter Gjermundbus, sondern dessen Urgroßvater.
Der Streit ist nicht entschieden. Caples Datierung wurde von mehreren Autoren übernommen, Vlasatýs Einwand ist technisch gut begründet und in der Reenactment- wie in der Fachszene breit rezipiert worden. Ehrlich ist derzeit nur: Yarm ist echt, Yarm hat eine Brillenmaske, und niemand weiß sicher, in welches Jahrhundert er gehört.
Die schönste Museumsgeschichte des ganzen Themas kommt aus Jütland. 1850 grub ein Bauer beim Setzen von Baumsetzlingen auf dem Gut Tjele zwischen Viborg und Randers ein Depot mit Schmiedewerkzeug aus: zwei Ambosse, fünf Hämmer, drei Zangen, Blechschere, Feilen, Ziehplatten, Waage mit zehn Gewichten – und ein flügelförmiges Eisenstück mit Bronzeauflage. 1858 wurde der Fund publiziert, das Eisenstück als Sattelbeschlag abgehakt.
Erst 1984 erkannte Elisabeth Munksgaard, damals Konservatorin am Nationalmuseum in Kopenhagen, was da seit über hundertdreißig Jahren in der Vitrine lag: die Augenbrauen samt Nasal einer Helmmaske, rund 12 mal 7 Zentimeter. Ihr trockener Kommentar in der Publikation ist unter Archäologen sprichwörtlich geworden – die besten Funde macht man oft nicht im Feld, sondern im Museum. Datiert wird das Stück über die mitgefundenen Bleche im Jellinge- und Mammen-Stil auf etwa 950 bis 975. Vom Rest des Helms fehlt jede Spur: kein Kettengeflecht, keine Kalottenbleche, nur acht schmale Eisenstreifen, die Blechverbindungen gewesen sein könnten.
Aus Lokrume auf Gotland stammt das am reichsten verzierte skandinavische Fragment: eine 13,2 Zentimeter breite Augenbraue mit Nasalansatz, Eisenkern mit Silberauflage und einem Flechtmuster in Niello oder eingelegtem Draht. Über die Fundumstände weiß man nichts. Zwei Sätze und eine Zeichnung in der Zeitschrift Fornvännen von 1907 – das ist die gesamte Erstpublikation. Heute liegt es im Gotlands Museum unter GF B 1683, datiert über das Flechtwerk ins 10., eventuell frühe 11. Jahrhundert.
Gotland ist überhaupt ein Sonderfall. Von der Insel kennt man bis zu zwanzig Helmnachweise – fast alle aber aus Brandgräbern und fast alle nur ein oder zwei Fragmente groß. Die Augenbraue aus Hellvi zum Beispiel, um 550 bis 600, besteht aus zwei je vier Zentimeter langen Stücken, Eisen mit Silberstreifen und einem angegossenen Bronzetierkopf am Ende. Solche einzelnen Augenbrauen haben Neil Price und Paul Mortimer 2014 zu der Überlegung geführt, ob hinter der bewussten Deponierung einzelner Augenpartien eine Odinsanspielung stecken könnte. Das ist eine reizvolle Deutung – und genau das bleibt sie auch.
Im Umfeld der Zehntkirche in Kiew kam Ende des 19. Jahrhunderts ein Maskenfragment zutage, das erst in den 1950er Jahren fachliche Aufmerksamkeit fand. Es liegt im Nationalen Historischen Museum der Ukraine (Inventarnummer ДРА 1065): ein Nasal von rund 112 mal 10 Millimetern, seitliche Laschen, ein Rest des Helmrandes, Gesamtgewicht 24 Gramm. Verziert ist es mit Einlage und Auflage aus tordiertem Silberdraht, dazu ein gabelendiges Kreuz aus Silber anderer Feinheit.
Die Zehntkirche wurde zwischen 989 und 996 erbaut. Ob das Fragment aus dem älteren Gräberfeld stammt, das die Baustelle überdeckte, oder aus den kirchenzeitlichen Bestattungen, ist offen; in beiden Fällen landet man in der zweiten Hälfte des 10. oder am Anfang des 11. Jahrhunderts. Nicht einmal die Ausrichtung ist geklärt: Ein Teil der Forschung liest die geschwungenen Teile als Augenbrauen, ein anderer als Brillenringe. Wer eine Zeichnung dieses Helms sieht, sieht immer schon eine Entscheidung.
2016 fand der Sondengänger Jan Hein auf einem Acker beim Hof Mindegård im Nordosten Fünens ein sechs Zentimeter langes, sichelförmig gebogenes Bronzestück, vergoldet, mit sechs Rillen, in denen abwechselnd Silber- und Zinnbänder eingelassen sind. Drei dieser Bänder tragen eingravierte Stufen- und Rautenmuster. Tomáš Vlasatý hat das Stück 2024 ausführlich vorgelegt und deutet es als Augenbraue einer geteilten Helmmaske. Die Gravur führt ihn über den Vergleich mit ovalen Schalenfibeln der Typen P 37 und P 51 ins 9. bis in die erste Hälfte des 10. Jahrhunderts – also mitten in die Lücke, die uns sonst fehlt.
Bemerkenswert ist, wie offen der Autor mit seiner eigenen These umgeht: Das Fragment lasse sich auch als Randbeschlag einer Messerscheide lesen, und der Text sei „ein Vorschlag, der durch weitere Forschung gestützt werden muss". So sollte man es auch behandeln. Ähnlich unsicher steht es um zwei Fragmente aus Birka, die man versuchsweise um 950 bis 975 ansetzt, deren Typ aber unbekannt ist, und um eine Augenbraue aus der Oblast Ternopil, die dem Coppergate-Helm gleicht und bislang nicht ausführlich publiziert ist. Jedes dieser Stücke kann den Bestand kippen – bei einer Fundgruppe von fünf Objekten ändert ein einziger neuer Fund die Statistik dramatisch.
Am 12. Mai 1982 stieß in York auf der Baustelle 16–22 Coppergate ein Bagger auf einen Widerstand im Ton. Der Vorarbeiter hielt das Ding für einen Stein, wischte den Staub weg, sah ein goldfarbenes Band – und rief die Archäologen. Herausgekommen ist der besterhaltene frühmittelalterliche Helm Englands: eine Kalotte aus acht vernieteten Eisenteilen, zwei angescharnierte Wangenklappen mit Messingkantung und ein Nackenschutz aus echtem Kettengeflecht, das beim Fund im Helminneren verstaut war. Der Helm lag kopfüber in einer holzverschalten Grube – jemand hatte ihn versteckt und offenbar zurückholen wollen.
Der Kettenvorhang ist der einzige vollständig erhaltene seiner Art: 1947 Ringe in 28 waagerechten Reihen, die längste heute 81 Ringe lang, aufgehängt an geschlitzten Messingleisten mit Silbernieten. Auf den Messingbändern des Kamms steht eine lateinische Inschrift, die zusammen mit dem Querband ein Kreuz bildet: IN NOMINE DNI NOSTRI IHV SCS SPS DI ET OMNIBVS DECEMVS AMEN OSHERE XPI. Über die Auflösung streitet man bis heute – Dominic Tweddle las sie 1984 als Fürbitte („im Namen unseres Herrn Jesus, des Heiligen Geistes und Gottes, und mit allen beten wir. Amen"), Binns, Norton und Palliser wandten 1990 ein, dass „wir beten" im Latein gar nicht vorkommt, und lasen stattdessen eine Weihe des Trägers Oshere an alle Heiligen.
Datiert wird der Helm rein stilistisch und epigraphisch, meist ins dritte Viertel des 8. Jahrhunderts. Er ist damit angelsächsisch, nicht nordisch – und liegt trotzdem exakt an der Stelle, an der uns die skandinavischen Funde ausgehen. Deshalb ist er das wichtigste Vergleichsstück überhaupt. Ein Detail für die Werkstatt: Die Blechstärke des Seitenbandes wurde mit 1,3 bis 1,9 Millimetern gemessen. Ein publiziertes Gewicht gibt es dagegen nicht – alle Zahlen, die im Netz kursieren, stammen von Repliken-Anbietern.
Wer wissen will, wie ein nordischer Helm aussah, landet zwangsläufig zwei Jahrhunderte vor den Wikingern. Aus den Bootgräbern von Vendel und Valsgärde in Uppland stammen die berühmten Prunkhelme: Vendel XIV, etwa 560 bis 620, Vendel XII um 650, Vendel I um 675 bis 700, dazu die Stücke aus Valsgärde 5, 6, 7 und 8 und der Helm von Ultuna. Der Helm aus Broe auf Gotland, um 1904 aus einem Brandgrab geborgen, ist dagegen so zerfallen, dass es nur eine spekulative Rekonstruktion gibt.
Diese Helme sind keine Massenware, sondern Rangabzeichen – Heiko Steuer hat sie 1987 zusammen mit dem Ringschwert als Insignien einer Kriegerelite beschrieben. Sie tragen Bildbleche mit Reitern, Tänzern, Tierkriegern; sie haben Wangenklappen, Nackenschutz und teils vollständige Gesichtsmasken. Was von ihnen in die Wikingerzeit hinüberwandert, ist eine Auswahl: Die Wangenklappen verschwinden nach 800, die Bildbleche ebenfalls. Übrig bleiben Kalotte, Kamm und die Brillenmaske. Wer tiefer einsteigen will: die Vendelzeit als eigene Epoche.
Wie die Bildbleche entstanden, zeigt ein Fund von Öland. Anfang 1870 kamen in einem Steinhügel im Kirchspiel Torslunda vier gegossene Bronzematrizen zutage, heute im Statens historiska museum in Stockholm. Es sind keine Schmuckstücke, sondern Werkzeuge: Über die Model wurde dünne Bronze- oder Silberfolie gelegt und von hinten eingehämmert, sodass sich das Motiv seitenverkehrt herausprägte – Serienfertigung von Bildschmuck. Die vier Motive zeigen zwei schreitende Speerkrieger mit eberbekröntem Helm, einen gehörnten Tänzer neben einem Speerträger im Wolfsfell, einen Mann mit Axt, der ein gefesseltes Tier führt, und einen Mann zwischen zwei Bären.
Ausgerechnet an diesen Blechen hängt ein guter Teil der populären Odinsdeutung. 1992 zeigten Arrhenius und Freij per Laserscan, dass das rechte Auge einer Figur ausgeschlagen wurde – seither gilt der Tänzer vielen als Odin mit dem Wolfskrieger. 2023 haben Schulz und Jepsen widersprochen: Unter dem Mikroskop sehe die Beschädigung nach einem unbeabsichtigten Hammerschlag bei der Herstellung aus, und die nächste bildliche Parallele der ganzen Motivgruppe seien die Terrakottatafeln von Vinica in Nordmazedonien mit dem hundeköpfigen heiligen Christophorus und dem heiligen Georg. Eine Minderheitsposition, aber eine ernstzunehmende. Mehr dazu in unserem Beitrag zu den Torslunda-Matrizen.
Die angelsächsische Bilanz ist fast so mager wie die skandinavische. Aus mehreren tausend ausgegrabenen Gräbern kennt man sieben Helme. Der von Benty Grange in Derbyshire, 1848 von Thomas Bateman geborgen, ist ein Eisengerüst, das ursprünglich mit Hornplatten verkleidet war, mit einem Eber auf dem Scheitel und einem silbernen Kreuz auf dem Nasal – Heidentum und Christentum an einem Kopf. Der Pioneer- oder Wollaston-Helm, 1997 in einer Kiesgrube in Northamptonshire gefunden, trägt ebenfalls einen Eberkamm. Der Helm von Shorwell auf der Isle of Wight, 2004 als Detektorfund entdeckt und in rund vierhundert Bruchstücke zerfallen, ist der einzige kontinentale Typ auf der Insel. Aus dem Staffordshire-Hort von 2009 stammen über tausend Silberblechfragmente eines einzigen Helms, aus denen 2018 zwei Rekonstruktionen entstanden.
Und dann ist da natürlich der Helm aus Sutton Hoo, Mound 1, 1939 in über fünfhundert Fragmenten geborgen, die zusammen weniger als die Hälfte der ursprünglichen Oberfläche ausmachen. Die heutige Gestalt geht auf eine zweite Rekonstruktion von Nigel Williams aus den Jahren 1970/71 zurück; die erste, von Herbert Maryon 1945 bis 1947, sah deutlich anders aus. Das ist eine gute Erinnerung daran, dass viele berühmte Helmbilder eigentlich Zeichnungen sind, die man in Metall ausgeführt hat. Zum Fundplatz: Sutton Hoo.
Südlich der Nordsee sieht die Welt anders aus. Dort dominiert vom 5. bis ins 7. Jahrhundert der Spangenhelm vom Typ Baldenheim: ein Gerüst aus Bronzespangen, in das Eisenplatten eingesetzt sind, oft mit Wangenklappen und Nackenschutz. Mahand Vogt hat diese Gruppe 2006 monographisch aufgearbeitet. Der Shorwell-Helm gehört in diese kontinentale Tradition, nicht in die nordische – deshalb fällt er in England aus dem Rahmen.
Wichtig für unser Thema ist der Unterschied in der Statik. Der Spangenhelm trägt sein Gerüst als Rippen von der Kalottenspitze nach unten. Der Bandhelm, aus dem sich die nordischen Kammhelme entwickeln, arbeitet mit einem umlaufenden Stirnband und darüber gelegten Bändern von Stirn zu Nacken und von Ohr zu Ohr; die Zwischenräume füllen dreieckige Bleche. Beide Bauweisen lösen dasselbe Problem – ein großes Blech lässt sich mit den Mitteln der Zeit schwer gleichmäßig tief treiben, also setzt man den Helm aus kleinen Teilen zusammen. Erst mit den konischen Nasalhelmen um 1000 setzt sich die Fertigung aus wenigen großen Stücken durch.
Im Reenactment kursiert seit Jahren ein spitzer, vierteiliger Helm mit vergoldetem Kupferblech und Tülle als „Wikingerhelm östlichen Typs". Der Prototyp stammt aus dem Großhügel Tschernaja Mogila bei Tschernihiw, den Samokwassow 1872/73 untersuchte: ein Brandgrab zweier Männer mit zwei Helmen, zwei Kettenhemden, Schwertern, Säbeln und Trinkhörnern. Neuere Radiokarbondaten setzen die Bestattung auf etwa 980 bis 1025. Nur einer der beiden Helme ist überhaupt beschrieben, der zweite gilt als verschollen.
Dieser Helmtyp – in der russischsprachigen Literatur „Typ II" – ist mit heute grob siebzig Exemplaren und Fragmenten von Polen bis zum Ural verbreitet und wird von der Forschung überwiegend auf steppennomadische Vorbilder zurückgeführt; das früheste Stück liegt in einem magyarischen Grab des 9. Jahrhunderts. Er ist ein osteuropäischer Elitehelm, kein skandinavischer. Auch aus Gnjosdowo bei Smolensk kennt man zwei Helme, aber keiner davon gehört zu dieser Gruppe; der eine ist ein konischer Nasalhelm, dessen Nasal vor der Deponierung abgeschnitten wurde und der wohl aus dem heutigen Tschechien stammt. Die Handelsbezeichnung „Gnjosdowo Typ II" ist eine moderne Erfindung ohne archäologischen Hintergrund.
Im Domschatz von St. Veit in Prag liegt unter der Nummer K 168 ein Helm, der traditionell dem heiligen Wenzel zugeschrieben wird. Die große Neuuntersuchung von Bravermanová und Kollegen (2019) hat ihn als Kompositobjekt entlarvt: Die Kalotte ist aus einem Stück sehr reinen Eisens getrieben, wohl böhmisch und aus dem 10. Jahrhundert; das Nasal mit der figürlichen Darstellung und der Randreif bestehen aus chemisch anderem Eisen und wurden nachträglich angenietet, vermutlich gegen Ende desselben Jahrhunderts.
Am spannendsten ist der physische Befund an der Kalotte: An der Stirn ist das Blech auf einer Länge von rund 4,2 Zentimetern verdickt und von Einschnitten begrenzt – dort saß ursprünglich ein mitgeschmiedetes Nasal, das man abgetrennt hat. Das heutige Nasal mit seiner Flechtwerkverzierung in Overlay-Technik weist stilistisch nach Skandinavien oder Gotland, mit den nächsten Analogien in Lokrume und Kiew. Ob die Figur darauf einen gekreuzigten Christus oder Odin zeigt, wird seit Jahrzehnten diskutiert und ist nicht entschieden. Ein Wikingerhelm ist das Objekt nicht – aber ein Beleg dafür, dass nordisches Handwerk am Kopf eines mitteleuropäischen Herrschers landen konnte.
Das nordische Grundmuster heißt in der Forschung Kammhelm. Es besteht aus einem umlaufenden Stirnband, einem Band von der Stirn zum Nacken, seitlichen Bändern von Ohr zu Ohr, dreieckigen Füllblechen in den Zwischenräumen und einem aufgesetzten Kamm. Alles ist vernietet, nichts geschweißt. Der Kamm ist dabei kein reiner Zierrat: Ein aufgesetzter Grat lenkt einen schräg geführten Hieb ab, bevor er die Fläche erreicht.
Gjermundbu weicht davon ab. Dort sind die Füllbleche nicht flächig überlappend vernietet, sondern über Schlitze mit innen liegenden Bändern und außen aufgesetzten Graten verbunden. Yarm wiederum arbeitet mit vier Füllblechen, einem pilzförmigen Knauf auf dem Scheitel und einem nach außen umgebogenen, gelochten unteren Rand – letzteres ist der einzige direkte Hinweis auf eine Futterbefestigung, den wir an einem dieser Helme haben. Die Blechstärken liegen dort bei 1 bis 2 Millimetern, meist zwischen 1,2 und 1,4. Das ist dünner, als die meisten Menschen erwarten, und es passt zu einem Gerät, das man stundenlang tragen muss.
Die Brillenmaske ist das Markenzeichen der nordischen Spätform. Sie schützt Augenpartie und Nase, lässt aber Wangen und Kinn frei. Technisch gibt es im 10. Jahrhundert zwei Lösungen. Bei Gjermundbu ist ein Eisenrohling an einem Ende gespalten und zu den Augenbrauen auseinandergebogen; die Brillenringe wurden quer dazu angeschweißt. Bei Tjele, Lokrume und Kiew liegt derselbe Y-förmige Grundkörper vor, aber die Ringe sind angenietet statt angeschweißt. Aus dem entwickelten 10. Jahrhundert kennt man kein Beispiel, bei dem die Augenbrauen vom Nasal getrennt wären.
Vorher war das anders. In der Vendelzeit sitzen die Augenbrauen regelmäßig als eigene Gussstücke aus Kupferlegierung auf dem Rand, oft mit Tierkopf oder Zierlocke an den Enden, und der Zwischenraum wird vom Ende des Kamms ausgefüllt. Genau deshalb ist das Fragment von Mindegård so interessant: Wenn die Deutung stimmt, wären getrennte gegossene Augenbrauen auch noch im 9. Jahrhundert in Gebrauch gewesen – nur ohne die alten Tierkopfenden. Der Übergang wäre damit fließender, als die beiden Endpunkte Coppergate und Gjermundbu vermuten lassen.
Hier lohnt es sich, langsam zu lesen, weil die Rekonstruktionen an dieser Stelle am weitesten über den Befund hinausgehen. Ein echter, am Helm hängender Kettenvorhang ist genau einmal belegt: bei Coppergate. In Gjermundbu lag zwar Kettengeflecht im selben Grab, in über achtzig Fragmenten, aber ob es je am Helm hing, ist nicht gesichert; die Ringe am Helm selbst sind dicker als übliche Panzerringe und werden eher als Aufhängungssystem gelesen. Die verbreiteten Zeichnungen mit langem Kettenschleier sind moderne Ergänzungen, keine Befunde. Bei keiner der bekannten wikingerzeitlichen Masken ist eine Vorrichtung erkennbar, an der Kettengeflecht befestigt gewesen wäre.
Beim Futter ist die Lage noch dünner. Der beste Nachweis stammt nicht aus Skandinavien, sondern aus Benty Grange, wo eine Auskleidung aus Stoff oder Leder dokumentiert ist. Bei Sutton Hoo schließt man aus dunklen Verfärbungen auf Leder. Bei Coppergate wurde das Innere in Zehn-Millimeter-Schritten ausgegraben – eine organische Innenkappe fand sich nicht. Was wir haben, sind Lochreihen und ein umgebogener Rand, also die Aufhängung eines Futters, nicht das Futter selbst. Und es gibt bis heute keinen einzigen archäologischen Nachweis für einen reinen Lederhelm der Wikingerzeit. Das heißt nicht, dass es keine gab – Leder vergeht. Es heißt nur, dass jede Aussage darüber ein Argument aus dem Schweigen ist.
Weil die Objekte so rar sind, greift man gern zu Bildern. Das geht, aber nur mit Vorsicht. Die gotländischen Bildsteine zeigen behelmte Krieger, aber in einer Formensprache, die selten so genau ist, dass man eine Brillenmaske sicher erkennen könnte. Der Oseberg-Wandbehang zeigt gehörnte Figuren – in einem Prozessions- und Ritualzusammenhang, eine davon mit Tierkopfmaske. Das sind Kult- und Maskenkostüme, keine Kampfausrüstung.
Verlässlicher wird es erst am Ende der Epoche. Münzen Knuts des Großen und Anund Jakobs aus den 1020er und 1030er Jahren zeigen konische Helme mit Nasal, ebenso der Ledberg-Stein in Östergötland. Der Bayeux-Teppich aus den 1070er Jahren zeigt dieselbe Form in Serie – er ist aber normannisch, entstand nach der Wikingerzeit und wurde im 19. Jahrhundert restauriert und ergänzt. Als Quelle für das 9. oder 10. Jahrhundert taugt er nicht. Und die berühmte Walküre von Hårby, 2012 auf Fünen gefunden, ganze 3,4 Zentimeter groß, trägt gar keinen Helm, sondern eine Pferdeschwanzfrisur. Ein Bild ist eben eine Aussage über Bilder, nicht über Ausrüstung.
Vier Gründe stehen nebeneinander, und keiner reicht allein. Erstens war Eisen wertvoll und wurde eingeschmolzen; ein beschädigter Helm war Rohstoff. Zweitens ist ein Helm ein Elitegegenstand – die Schätzung, dass sich weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen leisten konnte, ist grob, aber die Größenordnung stimmt. Drittens verändern sich die Bestattungssitten: Fast alle Helme, die wir haben, sind Grabfunde, und mit der Christianisierung endet die Waffenbeigabe. In Westeuropa liegen die letzten Grabhelme im 7. Jahrhundert, in Skandinavien am Ende des 10. – genau dort, wo unser Bestand aufhört. Viertens überstehen Eisenobjekte Brandbestattungen und saure Böden schlecht.
Daraus folgt eine praktische Konsequenz, die Vlasatý formuliert hat: Neue skandinavische Helme des 9. und 10. Jahrhunderts wird man nicht in Gräbern finden, sondern in Gewässern, Horten und Siedlungen – oder eben, wie Mindegård und Tjele zeigen, auf Äckern und in Museumsschubladen. Der Neurochirurg Knut Wester hat aus derselben Fundarmut im Jahr 2000 die weitergehende These gemacht, Metallhelme seien bei den Wikingern extrem selten gewesen und die Archäologie habe das populäre Gegenbild nicht korrigiert. Seine Zahl von damals genau einem Helm ist inzwischen überholt; die Grundbeobachtung nicht. Wie sich das Bild vom nordischen Krieger insgesamt aus wenigen Objekten zusammensetzt, zeigt unsere Waffenkunde.
ac se hwita helm hafelan werede, / se þe meregrundas mengan scolde, / secan sundgebland since geweorðad, / befongen freawrasnum, swa hine fyrndagum / worhte wæpna smið, wundrum teode, / besette swinlicum, þæt hine syðþan no / brond ne beadomecas bitan ne meahton.
„Der helle Helm aber schützte sein Haupt, der die Meeresgründe aufwühlen sollte, das brandende Wasser suchen, mit Kostbarem geschmückt, umfangen von herrschaftlichen Bändern, so wie ihn in fernen Tagen ein Waffenschmied gefertigt, wunderbar bereitet und mit Eberbildern besetzt hatte, sodass ihn danach kein Brand und keine Kampfklinge mehr beißen konnte."Beowulf, Verse 1448–1454, altenglischer Wortlaut nach dem Nowell Codex; Übersetzung: Glanz & Gravur
Aus der Wikingerzeit im engeren Sinn sind vier bis fünf Helmfunde bekannt: Gjermundbu (1943, Oslo C27317, in neun Fragmenten geborgen, letztes Drittel des 10. Jahrhunderts), das Maskenfragment von Tjele (1850 gefunden, 1984 von Elisabeth Munksgaard als Helmteil erkannt, um 950 bis 975), die Augenbraue von Lokrume auf Gotland (13,2 cm, Erstpublikation 1907, 10. Jahrhundert), das Maskenfragment aus Kiew (Zehntkirche, 24 g, 10./frühes 11. Jahrhundert) und – als Vorschlag – das Bronzefragment von Mindegård (Fünen, Detektorfund 2016, 6 cm). Der Helm von Yarm ist echt, seine Datierung aber umstritten: Chris Caple (Medieval Archaeology 64, 2020) setzt ihn ins 10. Jahrhundert, Tomáš Vlasatý (2021) wegen der Bandhelm-Konstruktion zwischen 550 und 800. Der Coppergate-Helm aus York (Fund 1982, drittes Viertel des 8. Jahrhunderts) ist angelsächsisch und trägt den einzigen vollständig erhaltenen Kettenvorhang aus 1947 Ringen. Aus der Vendelzeit sind über siebzig Helme und Fragmente bekannt, aus dem angelsächsischen England sieben.
Hörner hat kein einziger dieser Helme, und keine wikingerzeitliche Darstellung zeigt einen behörnten Krieger im Kampf; die gehörnten Figuren von Torslunda und aus Oseberg gehören in einen Kult- und Maskenzusammenhang, und die echten gehörnten Helme von Veksø datieren um 900 vor Christus – Näheres im Hörnerhelm-Mythos. Der Lederhelm ist archäologisch nicht belegt: Er kann existiert haben, aber wer ihn behauptet, argumentiert aus dem Schweigen der Quellen, nicht aus einem Fund. Die Brillenmaske ist keine nordische Standardform, sondern das, was zufällig aus wenigen Elitegräbern übrig ist – über die Ausrüstung eines gewöhnlichen Kämpfers sagt sie nichts. Die glatten, unverzierten Eisenhelme aus dem Handel haben ebenfalls keine Fundgrundlage: Jedes publizierte skandinavische Stück des 10. Jahrhunderts ist verziert. Der Nasalhelm des Bayeux-Teppichs ist normannisch und gehört ans Ende, nicht in die Mitte der Epoche. Und der „östliche Wikingerhelm" vom Typ Tschernaja Mogila ist ein osteuropäischer Elitehelm steppennomadischer Herkunft.

Der Gjermundbu-Helm · Der Hörnerhelm-Mythos · Waffenkunde · Torslunda-Matrizen · Das Kettenhemd · Der Schildwall · Der Speer.
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