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Der Gjermundbu-Helm – der einzige echte Wikingerhelm

Geschichte & Funde Der Gjermundbu-Helm – der einzige echte Wikingerhelm Fast alles, was wir über Wikingerhelme zu wissen glauben, stammt aus dem 19. Jahrhundert. Der einzige echte, aus dem Boden geborgene Helm der Wikingerzeit sieht ganz anders aus – und er ist bis heute ein Einzelstück geblieben.

Ein Fund im norwegischen Ackerland

Im Frühjahr 1943 stieß ein Bauer auf dem Hof Gjermundbu in Ringerike, rund 60 Kilometer nordwestlich von Oslo, beim Umgraben eines Grabhügels auf Metall. Was er ausgrub, sollte zur berühmtesten Kopfbedeckung der gesamten Wikingerforschung werden. Der Archäologe Sigurd Grieg vom Historischen Museum in Oslo übernahm die Untersuchung, und schnell war klar: Hier lag kein gewöhnliches Grab. Zwischen verrosteten Waffen, Beschlägen und Kettengeflecht fanden sich die zerbrochenen, aber zusammensetzbaren Teile eines eisernen Helms.

Datiert wird der Fund in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts, meist auf die Jahre um 950 bis 975. Damit stammt er aus der Hochphase der Wikingerzeit. Der Helm liegt heute im Kulturhistorisk museum (Universität Oslo) und trägt dort schlicht die Fundnummer seines Grabes. Berühmt ist er aus einem einzigen, entwaffnend simplen Grund: Er ist der einzige seiner Art.

Dass ausgerechnet Norwegen diesen Fund lieferte, ist kein Zufall: Die heidnische Sitte, Tote mit Waffen und Ausrüstung zu bestatten, hielt sich hier vergleichsweise lange, und die Bodenverhältnisse mancher Hügelgräber bewahrten das Eisen besser als anderswo. Trotzdem blieb Gjermundbu ein Glücksfall – ein einzelner Griff in die Erde, der uns ein ganzes Kapitel Rüstungsgeschichte öffnete, das sonst im Dunkeln läge.

Wie der Helm gebaut war

Die Kappe des Gjermundbu-Helms ist keine glatte Halbkugel, sondern aus vier Eisensegmenten zusammengesetzt, die von einem Stirnreif und zwei kreuzenden Spangen zusammengehalten werden – der sogenannte Spangenhelm-Aufbau, eine Bauweise mit langer Tradition, die schon in der Spätantike und der Vendelzeit verbreitet war. Oben, wo die Spangen sich treffen, sitzt ein kleiner Knauf oder Dorn. Es ist eine nüchterne, praktische Konstruktion: mehrere kleinere Eisenstücke lassen sich leichter schmieden als eine einzige tiefgezogene Kalotte.

An diesem Grundgerüst hingen zwei Dinge, die den Helm zum Star machen: vorne eine Gesichtsmaske und hinten sowie an den Seiten die Reste eines Kettenvorhangs. Beides ist nur fragmentarisch erhalten, doch die Verbindungen und Nietlöcher erlauben eine ziemlich sichere Rekonstruktion. Der Helm war also kein bloßer Blechtopf, sondern ein durchdachtes Schutzstück für Kopf, Gesicht und Nacken.

Bemerkenswert ist, was fehlt: jeder Zierrat. Der Gjermundbu-Helm ist blank und schmucklos, ganz Werkzeug – keine vergoldeten Pressbleche, keine Tierstil-Ornamente wie an den Prunkhelmen der Vendelzeit. Das Eisen ist nur wenige Millimeter stark; getragen wurde der Helm über einer heute nicht mehr erhaltenen Innenpolsterung aus Leder oder Textil, die Stöße dämpfte und für sicheren Sitz sorgte. Solche organischen Teile vergehen im Boden restlos, weshalb wir sie nur erschließen können.

Die Brillenmaske

Das auffälligste Merkmal ist die sogenannte Brillenmaske (englisch spectacle guard): zwei gerundete Augenbögen, verbunden durch einen breiteren Nasensteg, die zusammen aussehen wie ein schweres eisernes Brillengestell. Diese Maske schützte Augenpartie und Nasenrücken, ohne das Sichtfeld nennenswert einzuschränken – ein sinnvoller Kompromiss zwischen Deckung und Übersicht im Getümmel.

Die Brillenmaske ist kein Wikinger-Alleingang. Sie steht in einer Linie mit den prächtigen Helmen der schwedischen Vendelzeit (Vendel, Valsgärde) und mit den angelsächsischen Stücken von Sutton Hoo und dem Coppergate-Helm aus York. Der Gjermundbu-Helm ist die spätere, schlichtere Verwandte dieser reich verzierten Prunkhelme: gleiche Idee, weniger Gold, mehr Werkzeugcharakter.

In der heutigen Mittelalter- und Reenactment-Szene ist „Gjermundbu-Helm" längst zur Typbezeichnung geworden: Unzählige Nachbauten berufen sich auf dieses eine Original. Man sollte dabei nur im Kopf behalten, dass viele moderne Details – ein voll ausgebildeter Nasenschutz, bestimmte Nietmuster – Ergänzungen der Rekonstruktion sind. Der Fund selbst gibt die Grundform vor; die Feinheiten sind teils gut begründete, teils diskutierte Auffüllung der Lücken.

Der Kettenvorhang

Zwischen den Waffen und Beschlägen des Grabes lag ein Knäuel aus Kettengeflecht. Ein Teil davon gehörte zum Helm: ein Vorhang aus verbundenen Eisenringen, der von der unteren Kante herabhing und Nacken sowie Halsseiten deckte. Rekonstruktionen setzen ihn als kurzen Ringgeflechtsaum an. Die Ringe hatten Außendurchmesser von rund 7,5 bis 8,7 Millimetern – feine, mühsame Handarbeit, denn jeder einzelne Ring musste gebogen, vernietet und in seine Nachbarn eingehängt werden.

Da war Harald Sigurdarson so aufgestellt, dass die meisten seiner Leute ihre Panzerhemden zurückgelassen hatten; denn der Tag war heiß von der Sonne, und die Männer hatten nur ihre Schilde, Helme und Speere.Snorri Sturluson, Heimskringla – Saga von Harald Sigurdarson (Stamford Bridge, 1066), gemeinfreie Übersetzung nach Samuel Laing 1844

Die Szene aus Snorris Königssaga erinnert daran, dass Schutzausrüstung eine bewusste Wahl war – und dass man sie im Ernstfall auch einmal zu Hause ließ. Ein Kettenhemd, dazu ein Helm mit Ringvorhang: Das war die Ausstattung, die man sich leisten und tragen können musste.

Ein Kriegergrab, kein Einzelfund

Der Helm lag nicht allein. Das Grab von Gjermundbu (das Fundmaterial verteilt sich auf zwei benachbarte Bestattungen desselben Hügels) enthielt eine reiche Kriegerausstattung: Reste eines Ringpanzerhemds – ebenfalls eine große Seltenheit –, Schwerter, Axtklingen, Speer- und Pfeilspitzen, Schildbuckel, Steigbügel und Pferdegeschirr sowie Alltags- und Spielgerät. Der oder die Bestatteten gehörten also zur Oberschicht, zu Menschen, die sich Reiterei, Eisen und importierte Statusgüter leisten konnten.

Diese Kombination – Helm plus Kettenhemd plus Reitzeug – ist der eigentliche Befund. Sie zeigt einen wohlhabenden Krieger des späten 10. Jahrhunderts, nicht den durchschnittlichen Kämpfer. Genau das macht den Fund so wertvoll: Er ist ein Fenster in die Ausrüstung der Wenigen, nicht der Vielen.

Zum Inventar gehörten auch Spielsteine und Würfel – ein feiner Zug, der den Toten nicht nur als Krieger, sondern als Mann von Rang und Muße zeigt. Reiterei und Brettspiel, Schwert und Würfel: Das ist das Profil eines Anführers, dem man im Tod mitgab, was seinen Stand ausmachte. Der Helm ist in diesem Ensemble kein isoliertes Prunkstück, sondern Teil einer vollständigen Elite-Ausstattung – und gerade der Zusammenhang macht ihn für die Forschung so aussagekräftig.

Warum es nur einen gibt

Die naheliegende Frage lautet: Wenn Wikinger Helme trugen – wo sind die anderen? Die ehrliche Antwort ist eine Mischung aus Wirtschaft, Chemie und Bestattungssitte. Erstens war ein guter Eisenhelm teuer; die meisten Kämpfer besaßen schlicht keinen aus Metall. Wer sich Schutz leisten konnte, griff vielleicht zu Leder- oder Filzkappen, die im Boden restlos vergehen. Zweitens ist Eisen vergänglich: In den meisten Böden rostet ein dünner Helm über tausend Jahre zu Fragmenten oder verschwindet ganz. Drittens wurde teures Metall zu Lebzeiten weitergereicht, repariert und umgeschmiedet, statt in großer Zahl mit ins Grab zu wandern.

So bleibt Gjermundbu vorerst der einzige Wikingerhelm, der so vollständig ist, dass man ihn wirklich als Helm erkennt. Alles andere sind einzelne Bruchstücke – ein Augenbogen hier, ein Nasensteg dort.

Ein solches Bruchstück ist etwa das Augenschutz-Fragment von Tjele in Dänemark, ein einzelner Brillenmasken-Rest ohne zugehörige Kappe. Es zeigt, dass der Helmtyp weiter verbreitet war, als der eine vollständige Fund vermuten lässt – von den meisten Helmen sehen wir eben nur noch die Andeutung. Gerade deshalb ist Gjermundbu so unersetzlich: Er ist der Schlüssel, mit dem sich die verstreuten Splitter überhaupt erst deuten lassen.

Verwandte Helme und der Kandidat von Yarm

Ganz allein ist der Gjermundbu-Helm typologisch nicht. Er gehört zur Familie der brillenmaskierten Spangenhelme, deren Ahnen die Vendelzeit-Helme und Sutton Hoo sind. In jüngerer Zeit sorgte ein Fund aus dem englischen Yarm (North Yorkshire) für Aufsehen: ein eiserner Helm mit Brillenmaske, der lange in einem Museumsdepot lag und erst um 2020 wissenschaftlich untersucht und als möglicher zweiter (nahezu) vollständiger Helm aus dem wikingerzeitlichen Kontext diskutiert wurde. Seine genaue Datierung wird noch abgewogen, doch selbst als Kandidat unterstreicht er, wie einzigartig Gjermundbu bislang dasteht. Zwei Stücke in eineinhalb Jahrhunderten Forschung – das ist die ganze Bilanz.

Mythos-Check: die Sache mit den Hörnern

Kein Wikingerhelm der Welt trug Hörner. Auf keinem der erhaltenen Stücke, auf keiner zeitgenössischen Bildquelle sitzt ein gehörnter Krieger. Das populäre Bild ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts: Der Bühnenbildner Carl Emil Doepler entwarf für die Uraufführung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen" 1876 in Bayreuth gehörnte und beflügelte Helme, und von der Opernbühne wanderte das Motiv in Postkarten, Werbung und schließlich in jedes Karnevalsgeschäft. Die gehörnten Helme aus der echten Vergangenheit – etwa die Bronzehelme von Veksø in Dänemark – sind kultische Prachtstücke der Bronzezeit und damit rund 1.800 Jahre älter als die Wikingerzeit. Sie mit Wikingern zu verbinden, ist ungefähr so treffend, als würde man einen Ritter mit einem Steinzeitbeil ausstatten.

Woher kam das Bild vom gehörnten Nordmann überhaupt? Schon Künstler und Gelehrte der Romantik verwechselten bronzezeitliche Funde und antike Berichte über ferne Völker mit den Wikingern und statteten ihre Helden mit Hörnern und Flügeln aus. Wagners Bühne machte das Motiv massentauglich, und weil ein gehörnter Helm nun einmal dramatischer wirkt als eine schlichte Eisenkappe, hat es sich hartnäckig gehalten – bis heute auf jedem Faschingskostüm. Der echte Gjermundbu-Helm ist unspektakulärer und praktischer: eine nüchterne, gut durchdachte Eisenkappe, die im Kampf nützte, statt auf der Bühne zu glänzen. Genau das macht ihn so wertvoll.

Was belegt ist

Der Gjermundbu-Helm wurde 1943 in einem Grabhügel in Ringerike (Norwegen) gefunden und datiert ins späte 10. Jahrhundert. Er besteht aus einer vierteiligen eisernen Spangenkappe mit Knauf, einer vorgesetzten Brillenmaske (zwei Augenbögen und Nasensteg) und den Resten eines Kettenvorhangs. Er lag in einem reichen Kriegergrab zusammen mit Ringpanzerresten, Waffen und Reitzeug. Er ist bis heute der einzige nahezu vollständig erhaltene Helm der Wikingerzeit; er liegt im Kulturhistorisk museum in Oslo.

Mythos-Check

Wikingerhelme hatten keine Hörner. Der gehörnte Helm ist eine Bühnen­erfindung des 19. Jahrhunderts (Carl Emil Doepler für Wagners „Ring", Bayreuth 1876). Echte gehörnte Helme wie die von Veksø sind bronzezeitlich und etwa 1.800 Jahre älter. Ebenso irreführend ist die Vorstellung, jeder Wikinger habe einen Metallhelm getragen: Helme waren teuer und selten, die meisten Kämpfer hatten keinen erhaltenen Metallhelm – Gjermundbu zeigt die Ausrüstung eines wohlhabenden Kriegers, nicht des Durchschnitts.

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