Bevor die Wikinger die Meere befuhren, gab es im schwedischen Uppland eine Epoche von erstaunlichem Glanz: die Vendelzeit. In ihren Bootgräbern lagen vergoldete Helme mit strengen Augenbrauen und schreitenden Kriegern, Schwerter mit Ringknauf und Schilde mit Vogelbeschlägen. Ihre Kunst – fein gestanzte Bildbleche und verschlungene Tiere – ist die unmittelbare Wurzel dessen, was wir heute „Wikingerkunst" nennen. Ein Blick auf die vergessene Glanzzeit vor den Drachenschiffen.
Wenn von der nordischen Vergangenheit die Rede ist, denken die meisten sofort an die Wikinger: an Langschiffe, Runensteine und Met in der Halle. Doch die Wikingerzeit fiel nicht vom Himmel. Ihr ging eine Epoche voraus, die man in Skandinavien die Vendelzeit nennt – und die man kennen muss, wenn man verstehen will, woher die berühmten Kunststile, Helme und Kriegerbilder der Wikinger eigentlich kommen. Sie ist die Werkstatt, in der vieles geschmiedet wurde, was später als „typisch wikingisch" gilt.
Die Vendelzeit ist ein Abschnitt der schwedischen (genauer: der mittelschwedischen) Eisenzeit, den man grob auf die Jahre zwischen etwa 550 und 790 n. Chr. datiert. Sie liegt damit genau zwischen zwei besser bekannten Epochen: der Völkerwanderungszeit davor (mit ihren Goldhorten und der großen Krise um 536) und der Wikingerzeit danach, die man üblicherweise mit dem Überfall auf Lindisfarne 793 beginnen lässt. Der Name stammt von einem Ort: dem Kirchspiel Vendel in der Landschaft Uppland nördlich von Uppsala, wo die ersten und namengebenden Prunkgräber gefunden wurden.
Es ist wichtig zu wissen, dass „Vendelzeit" vor allem ein archäologischer Begriff für den schwedischen Raum ist. In Norwegen spricht man für dieselbe Zeit oft von der „Merowingerzeit", in Dänemark und auf dem Kontinent gelten eigene Bezeichnungen. Gemeint ist aber überall dieselbe spannende Übergangsphase: die Jahrhunderte, in denen sich im Norden aus den Trümmern der Völkerwanderung neue Machtzentren, neue Kunstformen und eine neue Kriegeraristokratie herausbildeten.
Berühmt wurde die Vendelzeit durch ihre spektakulären Bootgräber. In Uppland bestattete eine Oberschicht ihre Toten über Generationen hinweg in Booten – lange bevor die Wikinger dasselbe in Oseberg und Gokstad taten. Die beiden wichtigsten Gräberfelder liegen nur wenige Kilometer voneinander entfernt: Vendel selbst, ausgegraben ab den 1880er Jahren, und Valsgärde, das im 20. Jahrhundert systematisch untersucht wurde und rund fünfzehn Bootgräber lieferte.
Das Erstaunliche an Valsgärde ist die Kontinuität: Über etwa dreihundert Jahre – von der Vendelzeit bis in die Wikingerzeit hinein – wurde hier immer wieder ein Mann der führenden Familie in einem Boot beigesetzt, ausgestattet mit Helm, Schwert, Schild, Speeren, Pferden und Geschirr. Diese Gräber sind wie ein aufgeschlagenes Bilderbuch der nordischen Kriegeraristokratie: Sie zeigen, wie sich Ausrüstung, Kunst und Selbstdarstellung über die Jahrhunderte langsam wandelten – und dass die Bootbestattung keine wikingerzeitliche Erfindung war, sondern eine lange Tradition mit tiefen Wurzeln.
Das eindrucksvollste, was die Vendelzeit hinterlassen hat, sind ihre Prunkhelme. Aus Vendel und Valsgärde stammen mehrere dieser Kopfbedeckungen, und sie haben mit dem klischeehaften „Wikingerhelm" nichts zu tun – Hörner trug hier ohnehin niemand. Es sind kunstvolle Objekte aus einer eisernen Kappe, oft mit einem Kamm über den Scheitel, mit Wangenklappen, einem Nackenschutz aus Kettengeflecht und – das Auffälligste – einer festen Augenbrauen- und Nasenpartie, die dem Träger ein strenges, maskenhaftes Gesicht gab.
Diese Helme stehen nicht allein. Ihre engsten Verwandten liegen in England: der berühmte Helm von Sutton Hoo und die Helmteile aus dem Staffordshire-Hort gehören derselben Handwerks- und Bildtradition an. Das zeigt, wie eng die Eliten der Nordsee- und Ostseewelt in dieser Zeit verbunden waren: Ein Fürst in Uppland und ein König in Ostanglien trugen Helme, die sich in Form und Bildschmuck ähnelten. Kunst und Prestige kannten keine Grenzen.
Eberbilder glänzten über den Wangenklappen, mit Gold verziert; bunt und feuergehärtet hielt das Schwein die Wache über die kampfbereiten Männer.Beowulf, altenglisches Epos (sinngemäß nach der gemeinfreien Übersetzung; zum eberbekrönten Helm)
Das altenglische Heldenepos Beowulf beschreibt genau solche Helme: mit einem Eber als Bekrönung, der Schutz und göttlichen Beistand versprach. Und tatsächlich kennt die Archäologie eberbekrönte Helme dieser Zeit, etwa den Helm von Benty Grange in England. Text und Fund bestätigen einander – ein seltener Glücksfall.
Die Helme und viele andere Objekte tragen ihren berühmten Bildschmuck in einer besonderen Technik: dem Pressblech. Dabei wird ein dünnes Blech aus Bronze, Silber oder vergoldetem Metall über eine gravierte Bronzematrize gehämmert, sodass das Bild als feines Relief hervortritt. So ließen sich figürliche Szenen in Serie herstellen und auf Helme, Beschläge und Prachtstücke auflegen. Es ist eine Kunst der geduldigen Feinarbeit – kein Zufall, dass sie den Fürstenhöfen vorbehalten blieb.
Ein einzigartiger Fund macht diese Technik greifbar: die Matrizen von Torslunda auf der Insel Öland. Es sind vier bronzene Model – gravierte Stempel, mit denen genau solche Bildbleche geprägt wurden. Sie zeigen die typischen Motive der Vendelkunst und sind zugleich ein Werkstattfund: der direkte Beweis, wie diese Bilder entstanden. Wer die Torslunda-Matrizen betrachtet, blickt der Vendelzeit direkt über die Schulter.
Was zeigen diese Bildbleche? Immer wieder dieselben, hochverdichteten Szenen einer Kriegerwelt: einen Reiter, oft von kleinen Helferfiguren begleitet, der einen Feind niederreitet; tanzende oder schreitende Krieger mit gekreuzten Speeren; und – am berühmtesten – Figuren mit Tierverkleidung, etwa einen Mann in einem Wolfsfell neben einem Speerträger, dessen Helm zwei vogelbekrönte Hörner trägt.
Diese Bilder haben die Forschung seit über hundert Jahren beschäftigt. Viele deuten den Reiter oder den Tänzer als Odin und die Tierkrieger als Vorläufer der später in Texten genannten Berserker und Ulfhednar – der „Bären-" und „Wolfshemden". Das ist eine faszinierende und nicht unplausible Deutung. Aber sie ist eben eine Deutung, und man sollte vorsichtig bleiben (mehr dazu im Mythos-Check am Ende). Sicher ist: Diese Bilder waren keine bloße Dekoration. Sie zeigten eine Weltsicht – Herrschaft, Kampf, den Beistand höherer Mächte – und schmückten damit genau jene, die diese Macht beanspruchten.
Neben den Bildszenen steht die andere große Kunstform der Vendelzeit: der germanische Tierstil. Der schwedische Forscher Bernhard Salin ordnete diese verschlungenen Tierornamente um 1900 in Stilstufen, und die Vendelzeit ist die Blüte von „Stil II" und die Entstehung von „Stil III". Aus zunächst noch erkennbaren Tierleibern werden immer abstraktere, ineinander verschlungene Bänder – Körper, Beine und Kiefer verweben sich zu einem endlosen Geflecht, in dem das Auge kaum noch Anfang und Ende findet.
Dieser Tierstil ist das direkte Erbe, das die Vendelzeit an die Wikinger weitergab. Aus ihm entwickelten sich die berühmten Wikinger-Kunststile, die man nach ihren Fundorten benennt: Oseberg, Borre, Jelling, Mammen, Ringerike und schließlich Urnes. Wer ein Greiftier eines Borre-Beschlags oder die verschlungenen Bänder eines Urnes-Portals betrachtet, sieht eine Kunst, deren Grammatik in der Vendelzeit geschrieben wurde. Genau deshalb ist diese Epoche für jeden, der nordische Ornamentik ernst nimmt, unverzichtbar.
Die Vendelzeit war eine ausgesprochene Kriegeraristokratie, und das spiegeln ihre Gräber. Neben den Helmen finden sich prächtige Schwerter, manche mit einem Ringknauf – einem kleinen Ring am Griff, der wahrscheinlich ein Zeichen von Gefolgschaftstreue und Eidbindung war. Dazu kommen Schilde mit kunstvollen Beschlägen, Speere, und immer wieder Pferde mit vergoldetem Zaumzeug. Die Toten wurden für ein Leben als reitender Krieger und Herr ausgestattet.
Diese Reiter- und Waffenkultur zeigt eine Gesellschaft, in der eine kleine Oberschicht über Land, Gefolge und Fernbeziehungen verfügte. Die feinen Importe – byzantinisches Glas, fränkische Klingen, orientalisches Material – belegen, dass Uppland kein abgelegener Winkel war, sondern ein Knotenpunkt weitreichender Netze. Genau diese Verbindungen und dieser Reichtum bereiteten den Boden, aus dem später die Handelsplätze der Wikingerzeit wie Birka wuchsen.
Die Vendelzeit endet nicht mit einem Bruch, sondern geht fließend in die Wikingerzeit über. Die Bootbestattungen laufen weiter, der Tierstil entwickelt sich Schritt für Schritt weiter, die Kriegeraristokratie bleibt. Was sich ändert, ist der Aktionsradius: Aus den Fürsten, die im 7. Jahrhundert in Uppland ihre Helme trugen, werden im 8. und 9. Jahrhundert die Seefahrer, Händler und Krieger, die halb Europa erreichen. Die Wikingerzeit ist in vieler Hinsicht die Vendelzeit, die aufs Meer hinausfährt.
Deshalb ist es ein wenig ungerecht, dass die Vendelzeit im Schatten der Wikinger steht. Ihre Kunst ist mindestens ebenso fein, ihre Helme sind eindrucksvoller als alles, was die eigentliche Wikingerzeit an Kopfschutz hinterlassen hat (aus der ist mit dem Helm von Gjermundbu praktisch nur ein einziger erhalten), und ihre Bildwelt ist der Ursprung vieler Motive, die wir heute mit dem Norden verbinden.
Gerade weil die Vendelkunst so faszinierend ist, lohnt der ehrliche Blick darauf, was wir wirklich wissen. Die Helme, Bleche, Matrizen und Bootgräber sind handfeste Funde. Die Bedeutung der Bilder aber ist Interpretation. Ob der einäugige Tänzer wirklich Odin ist, ob die Tierkrieger schon „Berserker" im späteren Sinn waren, ob die Szenen konkrete Mythen erzählen – all das sind gut begründete, aber nicht bewiesene Deutungen. Die Schriftquellen, die von Odin und Ulfhednar erzählen, sind Jahrhunderte jünger als diese Bilder.
Genau diese Trennung von Fund und Deutung ist der rote Faden, an dem wir bei GLANZ & GRAVUR unsere nordischen Motive entlanghangeln. Wenn wir ein Vendel-Motiv, einen Prunkhelm oder ein Tierstil-Ornament aufgreifen, dann tun wir das mit Respekt vor dem, was die Funde wirklich hergeben – und mit der Ehrlichkeit, zu sagen, wo die Wissenschaft endet und die Vermutung beginnt. Die Vendelzeit verdient es, nicht zu Fantasy verklärt, sondern in ihrer echten, staunenswerten Pracht gezeigt zu werden: als die glänzende Werkstatt, in der die Kunst der Wikinger geboren wurde.

Torslunda-Matrizen · Das Oseberg-Schiff & die zwei Frauen · Das Urnes-Portal – der letzte Tierstil · Die Sachsen.
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