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Halfdan Ragnarsson: Von Ashdown zum Strangford Lough

Geschichte & Funde Halfdan Ragnarsson: Von Ashdown zum Strangford Lough

Halfdan gehört zu den bekanntesten Namen des Großen Heidnischen Heeres, und doch ist er in den Quellen erstaunlich schwer zu fassen: Die englische Chronik nennt ihn nur an wenigen Stellen, sein Ende steht nirgends unter seinem Namen, und alles, was ihn zum Sohn Ragnar Lodbroks macht, stammt aus späterer Zeit. Dieser Beitrag legt Stelle für Stelle offen, was Chronik, Asser, irische Annalen und Grabungen tatsächlich sagen, und kennzeichnet jede Deutung als Deutung.

Ein Name, mehrere Schreibweisen, wenige Sätze

Wer über Halfdan schreibt, schreibt über einen Mann, dessen Name in jeder Sprache anders aussieht. Die Angelsächsische Chronik, eine in altenglischer Sprache jahrweise geführte Aufzeichnung, die gewöhnlich in die Regierungszeit Alfreds des Großen datiert wird, schreibt Healfdene oder Halfdene. Asser, der walisische Geistliche, der 893 eine Lebensbeschreibung Alfreds verfasste, folgt ihr in diesen Jahren in weiten Teilen und schreibt in der englischen Übersetzung von Albert S. Cook ebenfalls Halfdene. Die nordische Form ist Hálfdan, was gewöhnlich als „Halb-Däne“ gedeutet wird. Die irischen Annalen kennen einen Albann, den die Forschung weit überwiegend mit Halfdan gleichsetzt. Und in den Fuldaer Annalen steht zu 873 ein Halbdeni, bei dem offen ist, ob er derselbe Mann war. Zu jeder dieser Gleichungen kommen wir; sie sind der eigentliche Kern der Halfdan-Frage.

Zunächst der nüchterne Bestand. In der Angelsächsischen Chronik fällt der Name Halfdan zu 871 in der Schlacht am Ashdown, zu 875, als er mit einem Teil des Heeres nach Northumbria zieht, zu 876, als er das Land der Northumbrier verteilt, und zu 878, als ein ungenannter Bruder „Ivars und Halfdans“ in Devon fällt. Bei Asser tauchen dieselben Stationen auf, ergänzt um den Zug gegen Pikten und Briten von Strathclyde. Das ist, vom Irischen abgesehen, praktisch alles, was zeitnah über ihn berichtet wird. Wer „Halfdan, der Eroberer von York“ liest, liest also bereits eine Zusammenfügung aus Fragmenten, nicht einen Lebenslauf.

Dazu kommt, was die Texte nicht sagen. Keine zeitnahe Quelle nennt Halfdan als Anführer der Landung von 865, keine nennt ihn bei der Einnahme Yorks, keine bei der Tötung König Edmunds von East Anglia, keine nennt sein Todesjahr oder seinen Todesort unter seinem englischen oder nordischen Namen. Das widerlegt nicht, dass er dabei war. Es heißt nur: Wo er in der Erzählung auftritt, sollten wir fragen, wer das behauptet und wann der Text entstanden ist. Einen größeren Zusammenhang finden Sie im Beitrag über das Große Heidnische Heer; die Familie der Brüder behandelt Ragnars Söhne.

Bruder Ivars, Sohn Ragnars? Was die Familienbande tragen

Dass Halfdan und Ivar Brüder waren, steht nicht erst in der Saga. Zum Jahr 878 berichten Chronik und Asser von einem Wikingerführer, der mit dreiundzwanzig Schiffen nach Devon kam (bei Asser aus Dyfed in Wales) und dort vor einer englischen Burg erschlagen wurde. Asser nennt ihn in Cooks Übersetzung „den Bruder Inwars und Halfdenes“, und auch die Chronik des Æthelweard, die gegen Ende des 10. Jahrhunderts auf Lateinisch entstand, spricht von einem Bruder von Inwær und Healfdene. Æthelweards Schiffszahl weicht ab: Eine Zusammenfassung des Kapitels nennt dort dreißig Schiffe statt dreiundzwanzig; den lateinischen Wortlaut habe ich nicht selbst geprüft. Der Mann selbst bleibt namenlos. Dass er später „Ubba“ heißt, geht auf spätere Autoren wie Geoffrey Gaimar zurück, nicht auf die Chronik.

Damit ist die Brüderschaft Halfdans und Ivars über zwei zeitnahe Zeugen gedeckt, die allerdings voneinander abhängen können, denn Asser benutzte die Chronik. Mehr ist es nicht. Ob alle drei auch leibliche Brüder im engen Sinn waren oder ob „Bruder“ eine Bündnisbeziehung meint, erlauben die Texte nicht zu entscheiden. Mehr zu Ivar steht im Beitrag über Ivar den Knochenlosen.

Der Vater ist ein anderes Kapitel. Die Chronik nennt ihn nicht, Asser nennt ihn nicht. Dass Halfdan ein Sohn Ragnar Lodbroks war, stammt aus der nordischen Überlieferung, die mehrere Jahrhunderte später aufgeschrieben wurde. Die Forschung ist gespalten: Die einen halten Teile der Ragnar-Geschichte für historisch verwurzelt, andere, etwa Holman, sehen in Ragnar eher eine zusammengesetzte, literarische Gestalt; so referiert es die englische Wikipedia, die ich hier nur als Wegweiser benutze. Für diesen Artikel gilt: „Halfdan Ragnarsson“ ist die in der Forschung übliche Bezeichnung, kein quellenmäßig gesicherter Name.

Ähnlich steht es mit den weiteren Brüdern. Björn Eisenseite kennt die Chronik nicht; er erscheint erst in nordischen Quellen und in Wilhelms von Jumièges Normannengeschichte um 1070, wie wir im Beitrag über ihn zeigen. Ubba tritt in Abbos Passion des heiligen Edmund (um 985) auf. Hvitserk, der „Weißhemd“, ist in den Sagen ein Sohn Ragnars; manche Forscher halten diesen Namen für einen Beinamen Halfdans, andere für eine eigene Person. Beweisen lässt sich keine der beiden Lesarten.

865 bis 867: Landung, Pferde, York

Im Herbst 865 landete ein „großes heidnisches Heer“, so die Chronik, in East Anglia und nahm dort Winterquartier. Die Einheimischen schlossen Frieden mit ihm und versorgten es, wie die Chronik zu 866 sagt, mit Pferden. Asser behauptet an der Stelle, die Flotte sei „von der Donau“ gekommen; die englische Wikipedia deutet das als Verschreibung für Dänemark (Dania), ein Vorschlag, den ich nicht an den Handschriften geprüft habe. Von Halfdan ist in all dem keine Rede.

Das Heer wandte sich nach Norden, in ein Königreich, das gerade im Bürgerkrieg lag. Die Chronik zu 867 beschreibt die Lage knapp: Die Northumbrier hatten ihren König Osberht vertrieben und Ælla aufgenommen; als das Heer gegen York zog, taten sich beide Könige zusammen, griffen an und fielen. Die Überlebenden schlossen Frieden. Symeon von Durham, der erst im frühen 12. Jahrhundert schrieb, nennt den 21. März 867 als Schlachttag und spricht von Ælla als einem „Tyrannen“; die Angabe stammt hier aus einem Zitat bei Wikipedia, nicht aus meiner eigenen Lektüre Symeons. Das Datum der Einnahme Yorks vor der Schlacht wird in der Literatur mit Spätherbst 866 oder 867 angegeben, die Chronologie ist umstritten.

Für unsere Frage entscheidend: Die Chronik nennt keine Heerführer. Symeon führt in seiner Aufzählung der Anführer Halfdene, Inguar, Hubba, Beicsecg, Guthrun und weitere Namen an, aber er schrieb mehr als zweihundert Jahre später und reiht bekannte Namen aneinander. Eine Rolle Halfdans beim Sturz Ællas und Osberhts lässt sich daraus nicht ableiten, und es wäre auch sachlich schief, von einem „Sturz“ zu sprechen: Osberht war zuvor von den Northumbriern selbst abgesetzt worden, beide Könige fielen im Kampf, und die Chronik berichtet nicht von einer Hinrichtung. Die nordische Erzählung vom Blutadler, bei dem Ragnars Söhne Ælla grausam töten, ist eine spätere Überlieferung; die Forscherin Roberta Frank hat vorgeschlagen, sie gehe auf Missverständnis einer dichterischen Umschreibung für einen auf dem Schlachtfeld gefallenen Gegner zurück. Das ist eine Deutung, die man kennen sollte, aber keine Tatsache. Wer York als Ort genauer erkunden möchte, findet es im Beitrag über Jorvik.

868 bis 870: Nottingham, York, Thetford

Die folgenden Jahre sind eine Kette von Winterlagern. Das Heer überwinterte 868 in Nottingham, wo König Burgred von Mercia die Westsachsen zu Hilfe rief, die Mercier aber schließlich Frieden schlossen, kehrte nach York zurück, ging dann nach East Anglia und tötete dort 869 oder 870 König Edmund. Die Jahreszählung der Handschriften ist gegeneinander verschoben, deshalb schwanken die Angaben zwischen diesen beiden Jahren. In der von mir eingesehenen englischen Übersetzung der Chronik (Avalon Project) heißt es zu 870, die Anführer seien „Hingwar und Hubba“ gewesen; andere Fassungen sind knapper. Halfdan fehlt auch hier. Gleichzeitig verzeichnet Æthelweard in dieser Gegend den Tod eines „Inwær“; nach der Zusammenfassung, die ich las, sei er 870 gestorben. Das widerspräche der Gleichung Ivar gleich Ímar von Dublin, der nach den Annalen von Ulster 873 starb. Ich habe die Stelle nicht im Latein überprüft und lasse sie deshalb offen.

Warum das für Halfdan zählt: Sein erster sicherer Auftritt in der Chronik ist 871. Alles davor ist Rückschluss. Wenn Halfdan 865 dabei war, wie die Forschung meist annimmt, dann ist das eine Annahme aus der Brüder-Formel und aus der späteren Prominenz, nicht eine Mitteilung der Quellen.

871: Reading und Ashdown

Nach Reading am Zusammenfluss von Themse und Kennet, in Wessex, kam das Heer Ende 870. Asser berichtet, zwei Jarle des Heeres seien zum Plündern ausgeritten, der Rest habe sich zwischen den Flüssen eingegraben. Ealdorman Æthelwulf von Berkshire besiegte die Plünderer bei Englefield; kurz darauf unterlagen die Westsachsen bei Reading, und Æthelwulf gehörte zu den Gefallenen. Ein Ealdorman, das ist ein vom König eingesetzter Statthalter einer Grafschaft, war in Wessex der wichtigste Amtsträger unterhalb des Königs; Jarl bezeichnet auf nordischer Seite einen hochrangigen Heerführer, der nicht König ist.

Vier Nächte nach Reading, so die Chronik, kam es zur Schlacht am Ashdown, deren Lage bis heute umstritten ist; in der Regel sucht man sie auf den Berkshire Downs, belegt ist das nicht. Hier steht Halfdan zum ersten Mal im Text:

„In dem einen [Haufen] waren Bachsecg und Halfdene, die heidnischen Könige, in dem anderen die Jarle.“Angelsächsische Chronik, Handschrift A, Jahr 871 (altenglisch: on oþrum wæs Bachsecg 7 Halfdene þa hæþnan cyningas, on oþrum wæron þa eorlas; gemeinfrei; eigene Übersetzung; Schreibung nach einem Lehrbuchauszug)

Das Heer stand also in zwei Gruppen, die Könige in der einen, die Jarle in der anderen. König Æthelred von Wessex sollte nach Assers Darstellung gegen die Könige antreten, sein Bruder Alfred gegen die Jarle. Asser erzählt, Æthelred habe im Zelt noch die Messe gehört, und Alfred sei „wie ein Wildschwein“ vorgestürmt, ohne zu warten. Die Dänen standen auf der Höhe, gekämpft wurde um einen einzelnen niedrigen Dornbaum. Am Ende fielen einer der beiden Könige, Bagsecg, und fünf Jarle: Sidroc der Ältere, Sidroc der Jüngere, Osbern, Fræna und Harold. Halfdan überlebte, und das ist alles, was die Quellen über seine persönliche Rolle sagen.

Was daraus folgt? Erstens, dass Halfdan 871 ein „heidnischer König“ war, wie die Chronik es ausdrückt. Zweitens, dass er mit Bagsecg zusammen das Kommando teilte; Die Chronik erwähnt außerdem für 871 eine Verstärkung aus Übersee, das „große Sommerheer“. Ob Bagsecg es führte, wird in der Literatur unterschiedlich dargestellt; die Chronik sagt es nach den Zusammenfassungen, die ich las, nicht. Nicht gesagt wird auch, wer von beiden Königen den Oberbefehl hatte. Und die Chronik zählt für das Jahr neun „allgemeine Schlachten“ südlich der Themse, nennt aber nur wenige beim Namen; aus welchen Einzelkämpfen Halfdan an der Spitze stand, lässt sich nicht herauslesen. Die englische Wikipedia schreibt ihm Basing und Meretun (Merton) zu, aber diese Zuschreibung habe ich in der Chronik nicht nachvollziehen können.

Bald nach Ostern 871 starb König Æthelred, und Alfred trat die Nachfolge an. Die Westsachsen schlossen Frieden, das Heer zog von Reading nach London und überwinterte dort 871/72. Die Münzen, die mit diesem Londoner Winterlager in Verbindung gebracht werden, habe ich nicht auf Halfdans Namen geprüft; ob es Prägungen mit seinem Namen gibt, lasse ich daher offen.

Torksey und Repton: Winterlager als Stadtplan

Von 872 an folgten zwei Winterlager, die in den letzten Jahren neu verstanden werden. Die Chronik erwähnt Torksey in Lindsey (872/73) und Repton (873/74) in einem Satz, ohne einen Anführer zu nennen. Halfdan ist weder in dem einen noch dem anderen Eintrag erwähnt. Wer ihn dort verortet, schließt aus dem Zusammenhang: Er war 871 König des Heeres, er zog 874/75 aus Repton nach Norden, also wird er dabei gewesen sein. Das ist plausibel, aber ein Schluss.

Torksey am Trent wurde von Dawn Hadley und Julian Richards in einem Projekt untersucht, dessen Ergebnis sie 2016 im Antiquaries Journal vorlegten. Das Lager lag auf einer natürlichen Anhöhe mit Marsch an mehreren Seiten und dem Fluss im Westen und deckte etwa 136 Acre ab, also rund 55 Hektar. Gefunden wurden über 120 arabische Silbermünzen (Dirhams), mindestens 60 Stücke Hacksilber, ein Dutzend Stücke Hackgold und mehrere hundert Gewichte; Hacksilber ist zerhacktes Silber, das nach Gewicht als Zahlungsmittel diente. Die Autoren schließen daraus, dass hier nicht nur Krieger lagerten, sondern auch Händler, Handwerker, Frauen und Kinder, und sprechen von einer „fast wie eine Stadt auf Wanderschaft“. Ein Wall wurde nicht gefunden, das Lager war deutlich größer als das von Repton. Die Zahl der Menschen gaben sie mit „mindestens in den Tausenden“ an. Das ist ein Gegenpol zu älteren Schätzungen von einigen Hundert, die auf der Annahme beruhten, die Chronik übertreibe.

Repton in Derbyshire grub Martin Biddle mit Birthe Kjølbye-Biddle in den Jahren 1974 bis 1993 aus. Sie fanden einen D-förmigen Graben, der an die Kirche St Wystan stieß; Befestigungen ähnlicher Form kennt man aus Hedeby und Aarhus, sie sind dort aber größer. Im Pfarrgarten bedeckte ein Hügel ein Beinhaus mit den vermischten Knochen von mindestens 264 Menschen, überwiegend Männer im Alter von 18 bis 45; fünf Silberpfennige gehörten zum Fund, datiert 872–874. Daneben fand sich neben der Kirche ein Doppelgrab (G511 und G295); der eine Tote hatte ein Schwert, einen silbernen Thorshammer-Anhänger und einen Eberzahn bei sich und trug schwere Verletzungen. Biddle und Kjølbye-Biddle erwogen, das Zentrum der Anlage könnte Ivar der Knochenlose gehören; das ist ein Vorschlag, nicht ein Befund. Neuere Untersuchungen (Antiquity 2018) korrigierten Radiokarbon-Daten um den „Reservoir-Effekt“ durch Meeresnahrung und stützen damit das 9. Jahrhundert; Strontium-Werte sprechen für eine überwiegend nicht-lokale Herkunft. Ein 2019 erschienener Beitrag in Current Archaeology berichtet, die beiden Männer des Doppelgrabs seien genetisch Vater und Sohn oder Halbbrüder gewesen und zwischen 873 und 886 gestorben; als reine Hypothese wurden die Namen Olaf und Eysteinn ins Spiel gebracht.

Halfdan taucht in keinem dieser Berichte auf. Das ist selbst eine Aussage: Die Grabungen zeigen die Welt, in der er sich bewegte, aber keinen Fund lässt sich mit seinem Namen verbinden. Ob Torksey und Repton der Rahmen waren, in dem er Politik machte, bleibt eine Annahme. Einordnung zum Land und zur Kriegführung dieser Jahre bietet Wikinger in England.

874/875: Das Heer teilt sich

Hier sagt die Chronik, was sie vorher nie gesagt hat: Das Heer ging aus Repton auseinander. Healfdene zog mit einem Teil nach Northumbria und nahm Winterquartier an der Tyne; Guthrum, Oscytel und Anwend, in Assers Worten drei Könige der Heiden, zogen nach Cambridge. Asser fügt hinzu, Halfdenes Gruppe habe Northumbria unterworfen und Pikten und die Briten von Strathclyde verheert. Mit „Briten von Strathclyde“ sind die Bewohner des Königreichs Alt Clut gemeint, das im Gebiet um den Fluss Clyde lag. Welche Orte Halfdan dabei berührte, geben die frühen Quellen nicht an; spätere Darstellungen, die Tynemouth oder Jarrow nennen, kenne ich nur über Zusammenfassungen und gebe sie hier nicht als Befund wieder.

In derselben Zeit verzeichnen die Annalen von Ulster, dass die „dunklen Fremden“ die Pikten in der Schlacht trafen und ein großes Gemetzel unter den Pikten entstand. Ob diese Nordleute mit Halfdans Zug zu tun haben, sagen die Annalen nicht; es wäre eine Verbindung, die man ziehen kann, aber nicht muss.

Wie es in Northumbria politisch aussah, ist wegen der dünnen Quellenlage nicht klar. Nach Wikipedias Zusammenfassung der Forschung hatten die Wikinger nach 867 einen gefügigen König namens Ecgberht eingesetzt, den die Northumbrier 872 vertrieben; später habe ein gewisser Ricsige regiert. Die Belege dafür sind spät, vor allem Symeon von Durham und Roger von Wendover, und die Datierungen gelten als unsicher. Ein Zusammenhang zwischen einem Aufstand gegen Ecgberht und der Rückkehr des Heeres im Jahr 872 wird behauptet, ist aber nicht gesichert; ebenso gut könnte der Krieg in Mercia der Grund gewesen sein.

876: Halfdan verteilt das Land

Der wirkungsmächtigste Satz über Halfdan steht in der Chronik zum Jahr 876: Healfdene habe das Land der Northumbrier aufgeteilt, und sie hätten es von da an gepflügt und sich selbst versorgt. In dieser Form kennen wir ihn auch aus Cooks Übersetzung von Asser, dort mit dem Zusatz, Halfdene, „König jenes Teils von Northumbria“, habe die ganze Gegend unter sich und seine Leute aufgeteilt und sich mit seinem Heer niedergelassen. Æthelweard fügt in der Zusammenfassung hinzu, Halfdan habe dies getan, „nachdem er alle Menschen unterworfen hatte“. Eine ältere englische Übersetzung macht aus den Pflügenden dagegen „Verheerer und Pflüger“. Welches Verb im altenglischen Text steht, habe ich nicht am Original geprüft; die Abweichung ist eine Warnung vor allzu glatten Übertragungen.

Was heißt „aufteilen“? Die Chronik erklärt es nicht. Üblich ist die Lesart, die Krieger seien Grundbesitzer geworden; für Mercia 877 und East Anglia 880 gebraucht die Chronik ähnliche Wendungen. Dass hier ein Heer sesshaft wurde, bedeutet nicht, dass alle Krieger Bauern wurden. Ob dabei Land der bisherigen Besitzer enteignet wurde, sagt der Text nicht; nach gängiger Deutung geschah es vor allem in Deira, dem südlichen Teil Northumbrias mit York. Wie viel dieser Siedler Dänen waren, ob es Familien oder Einzelne waren, wie viel der Ortsnamen auf -by und -thorpe auf diese Aufteilung zurückgeht, lässt sich nicht beantworten, denn Ortsnamen sind nicht auf ein Jahr datierbar. Das Ergebnis, das spätere Wikingerreich von York, behandeln die Beiträge über Jorvik und das Danelag.

Ob Halfdan damit auch „König von York“ wurde? Asser nennt ihn König eines Teils Northumbrias; die Chronik gibt ihm keinen Titel an dieser Stelle. In der modernen Literatur ist „König von Jorvik 876 bis 877“ eine übliche Zuschreibung, die in den Quellen so nicht auftaucht. Symeon von Durham, den ich nur über Wikipedia kenne, erzählt, im Norden jenseits der Tyne habe Ecgberht II. geherrscht, und nach Halfdans Abgang sei erst 883 in York der Gefolgsmann Guthred zum König gemacht worden. Der Historiker Nick Higham liest diese Guthred-Geschichte nicht als Tatsachenbericht, sondern als Spiegel eines späteren Ausgleichs. Als Halfdans Nachfolger zu sprechen, ist daher Konstruktion.

Irland: Wer war Albann?

Hier wird es schwierig, weil Halfdans Tod nicht in England berichtet wird. Die Angelsächsische Chronik schweigt über sein Ende. Die Annalen von Ulster enthalten zwei Einträge, die auf ihn bezogen werden. Der erste, in der Zählung der Annalen unter dem Jahr 875 (CELT: U875.4), lautet in der englischen Übersetzung: „Oistín, Sohn Amlaíbs, König der Nordleute, wurde durch List von Albann getötet.“ Der zweite, U877.5, spricht von einem Gefecht am Loch Cuan, dem heutigen Strangford Lough in der Grafschaft Down, „zwischen den hellen Heiden und den dunklen Heiden, in dem Albann, König der dunklen Heiden, fiel“. Weder bei dem einen noch bei dem anderen steht der Name Halfdan.

Die Gleichung Albann gleich Halfdan beruht, soweit ich die Begründung überblicke, auf der Namensform und auf dem zeitlichen Zusammenfall: Nach 876 verschwindet Halfdan aus den englischen Quellen. Nach der englischen Wikipedia spricht Ashley South von „allgemeiner Übereinstimmung“; Clare Downham setzt die Gleichung voraus, wenn sie die Tötung Oistíns als Familienstreit deutet. Dagegen gilt: Kein Text sagt es ausdrücklich. Die Datierung ist ein weiteres Problem: Die Online-Ausgabe der Annalen (CELT) setzt hinter U877 das Jahr 876, hinter U875 das Jahr 874; die Annalen sind in dieser Zeit gegenüber unserer Zählung um etwa ein Jahr versetzt. In der Literatur steht meist 877. Wer „877“ liest, liest also eine übliche Konvention, keine unstrittige Jahreszahl. Mit der Chronik ist das vereinbar: 876 verteilt Halfdan Northumbria, ein Aufbruch nach Irland noch im selben oder im folgenden Jahr wäre möglich, aber die Quellen verbinden die beiden Vorgänge nicht.

Als Hintergrund wird eine Familienfehde vermutet. Oistín war Sohn Amlaíbs, nach den Annalen König der Nordleute in Irland; Amlaíb und Ímar werden in der Forschung als Brüder gesehen, und wenn Ímar tatsächlich Ivar ist, wäre Halfdans Opfer ein Neffe Ivars gewesen. Das ist, wie unser Beitrag über Ragnars Söhne schon festhält, eine Rechnung mit zwei Annahmen. Clare Downham verbindet die Tötung Oistíns mit einem Streit um die Herrschaft in Dublin, der 877 am Strangford Lough endete; das ist ihre Deutung. Die Rolle der „hellen“ und „dunklen“ Heiden wird in der Forschung gern als Gegensatz von Norwegern und Dänen gelesen; gesichert ist das nicht. Ein später, im 12. Jahrhundert entstandener Text, Cogad Gáedel re Gallaib, kennt Halfdan als „Sohn Ragnalls“ und nennt Bárid, Sohn Ímars, als Gegenspieler; die Fragmentary Annals führen als Vater der Brüder dagegen Gofraid an. Diese Angaben stammen aus der englischen Wikipedia, die dort Downham und South zitiert, und sind unter diesem Vorbehalt zu lesen.

Man muss das schon deutlich sagen: Halfdans Tod ist nicht bezeugt, sondern erschlossen. Die Annalen berichten den Tod eines Albann. Dass er Halfdan Ragnarsson war, ist sehr wahrscheinlich, aber eine Gleichsetzung. Die Chronik und die Annalen berühren sich an keiner Stelle.

Halbdeni in Fulda: ein zweiter Halfdan?

Halfdan war ein häufiger Name. Die Fuldaer Annalen verzeichnen zu 873 dänische Gesandte zweier Könige, Sigfred und Halfdan, an Ludwig den Deutschen. Nach der Zusammenfassung der Wikipedia, die ich hier nicht am Text prüfen konnte, kam Sigfreds Gesandtschaft zu Ostern nach Worms und bat um freien Handel für dänische Kaufleute in Sachsen; Halfdans Gesandte erschienen im August in Metz, überreichten ein Schwert mit goldenem Griff und baten darum, die Brüder als „Söhne“ des Königs anzunehmen. Ob dieser Halfdan der Heerführer in England war, ist offen. Dafür spricht der Name und der Umstand, dass die englischen Quellen ihn 873 nicht erwähnen; dagegen, dass die Fuldaer Annalen England mit keinem Wort berühren und Halfdan ein häufiger Name war. Rory McTurk hält die Gleichung für „fast sicher“; ein Beweis ist das nicht. Entscheidend ist hier, was die Annalen sagen: dass ein Halfdan als König im dänischen Raum um Frieden bat, nicht dass er England verlassen hätte.

Sagenbild und Chronikbild

Der Halfdan der Saga ist ein Rächer. Nach dem Ragnarssona þáttr, einem isländischen Text des 13. Jahrhunderts, wurde Ragnar Lodbrok in England von König Ælla in eine Schlangengrube geworfen; seine Söhne erobern York und töten Ælla grausam. Die englischen Quellen kennen weder die Schlangengrube noch die Rache. Sie kennen zwei Könige, die in York im Kampf gegen ein Heer fielen. Auch die Idee einer familiären Rachefahrt taucht erst Jahrhunderte später auf. Wer das Sagenbild mit der Chronik zur Deckung bringen will, muss mehrere Brücken bauen, und jede ist eine Hypothese: Ragnar existierte, Ælla tötete ihn, Halfdan war sein Sohn, der Zug von 865 war ein Rachefeldzug. Ich habe keine dieser Brücken im Text der Quellen gefunden. Die Quellenschichten selbst sind im Beitrag Ragnars Söhne aufgefächert.

Was das Chronikbild liefert, ist weniger erzählerisch und gerade deshalb belastbar: ein Mann, der 871 an einer Schlacht teilnimmt, dann in einer Teilung des Heeres einen Teil in den Norden führt und dort Land verteilt. Ein Krieger, der nicht Raubzüge betrieb, sondern Herrschaft einrichtete. Dass dies mit der Erzählung von einem Rächer wenig zu tun hat, ist kein Argument gegen die Saga, aber gegen die Annahme, beides erzähle dasselbe.

Ein anderes Heer: 881/82 am Rhein

Noch eine Abgrenzung, weil sie für die Gegend um Aachen wichtig ist. Das Heer, das im Winter 881/82 Aachen plünderte und bei Asselt am Rhein lag, war nicht Halfdans Heer. Die Fuldaer Annalen nennen als Anführer des Überfalls auf Aachen Gottfried und Sigfred; die Geschichte erzählt der Beitrag Wikinger in Aachen 881, den Zusammenhang mit dem Festland Das Große Heer auf dem Kontinent. Selbst wenn Halfdans Tod 877 gilt, wäre er 881 längst tot, und keine Quelle, die ich gelesen habe, bringt ihn auf den Kontinent. Der Name Sigfred taucht zwar auch 873 in Fulda neben Halfdan auf; ob der Sigfred von 873 und der von 881 derselbe Mann ist, habe ich nicht untersucht. Das Wort „Großes Heer“ wird in der Literatur für beide verwendet, aber es sind nach allem, was die Quellen zeigen, verschiedene Verbände.

Was offen bleibt

Fünf Fragen bleiben ungelöst, und es gehört zur Ehrlichkeit, sie nicht zu verdecken. Erstens: War der Healfdene der Chronik derselbe wie der Albann der Annalen? Wahrscheinlich ja, bewiesen ist es nicht. Zweitens: Welche Rolle spielte Halfdan in York 866/67 und in East Anglia 869/70? Keine zeitnahe Quelle sagt es. Drittens: Was bedeutet „Land aufteilen“ praktisch, und wie viele Menschen siedelten? Hierzu fehlen Zahlen. Viertens: Wer gehörte zu den Toten in Repton, und waren Halfdans Leute darunter? Kein Fund trägt seinen Namen. Fünftens: Wann genau starb er, 876 oder 877? Die Annalenzählung lässt beides zu.

Was gesichert ist

  • Die Angelsächsische Chronik nennt Healfdene/Halfdene zu 871 als einen der beiden „heidnischen Könige“ in der Schlacht am Ashdown, zu 875 beim Zug nach Northumbria und zu 876 bei der Landverteilung. Asser bestätigt die Stationen und nennt ihn „König jenes Teils von Northumbria“.
  • Chronik und Asser kennen zu 878 einen ungenannten Bruder „Ivars und Halfdans“, der bei Cynwit in Devon fiel.
  • Bagsecg fiel am Ashdown, Halfdan überlebte; die Chronik berichtet nicht von seinem Tod.
  • Torksey (872/73) und Repton (873/74) sind als Winterlager des Heeres ausgegraben; Torksey war nach Hadley und Richards ein großes Lager mit Handwerk und Handel.
  • Die Annalen von Ulster verzeichnen einen „Albann“, der 875 Oistín, Sohn Amlaíbs, durch List tötete und 877 am Loch Cuan fiel; der Name Halfdan steht nicht dort.

Mythos-Check

  • „Halfdan führte die Landung von 865 an.“ Die Chronik nennt zu 865/866 keine Anführer; Halfdans erste Erwähnung in zeitnahen englischen Quellen ist 871.
  • „Halfdan stürzte Ælla und Osberht.“ Beide fielen im Kampf gegen das Heer; Osberht war zuvor von den Northumbriern abgesetzt worden. Ein Anführer wird nicht genannt.
  • „Halfdan war Ragnar Lodbroks Sohn.“ Das ist nordische Überlieferung des Hoch- und Spätmittelalters; die Chronik nennt keinen Vater.
  • „Halfdan starb 877 am Strangford Lough.“ Die Annalen nennen Albann und das Gefecht; die Gleichung mit Halfdan ist sehr wahrscheinlich, aber erschlossen, und die Jahreszahl hängt an der Zählung der Annalen.
  • „Halfdan plünderte 881 Aachen.“ Nein; das Heer von 881/82 hatte andere Anführer, und Halfdan war nach dieser Überlieferung lange tot.
  • „Halfdan war König von Jorvik.“ Asser nennt ihn König „jenes Teils von Northumbria“; der Titel „König von Jorvik“ ist eine moderne Zuschreibung.

Häufige Fragen

Wer war Halfdan Ragnarsson? Ein Anführer des Großen Heidnischen Heeres, den die Angelsächsische Chronik als Healfdene führt. Er wird 871 am Ashdown erwähnt, führte 875 einen Teil des Heeres nach Northumbria und teilte dort 876 das Land auf. Der Name „Ragnarsson“ stammt aus späterer nordischer Überlieferung.

Wo und wann starb Halfdan? Vermutlich 877 (nach der Zählung der Annalen eventuell 876) am Strangford Lough in Irland. Die Annalen von Ulster nennen aber nur den „Albann“, der dort fiel; die Gleichsetzung mit Halfdan ist eine begründete Annahme.

Was geschah 876 in Northumbria? Die Chronik berichtet, Halfdan habe das Land der Northumbrier aufgeteilt, und seine Leute hätten es seither bebaut. Wie viele sich ansiedelten und wie das Land verteilt wurde, sagt der Text nicht.

War Halfdan in Repton? Die Chronik nennt Repton als Winterlager des Heeres 873/74; Halfdan wird dort nicht ausdrücklich genannt. Nach dem Winter trennte er sich vom Rest des Heeres und zog nach Norden.

Hat Halfdans Heer Aachen geplündert? Nein. Das Heer, das 881/82 im Rheinland lag, hatte nach den Fuldaer Annalen andere Anführer. Halfdan war nach der gängigen Datierung schon tot.

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Die Brüder und das Heer: Ivar der Knochenlose, Ragnar Lodbrok, Ragnars Söhne, Björn Eisenseite und Das Große Heidnische Heer. Das Land danach: Jorvik, Danelag, Wikinger in England und Alfred der Große. Das andere Heer am Rhein: Wikinger in Aachen 881 und Das Große Heer auf dem Kontinent.

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