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Die Jämtländer zwischen Norwegen und Schweden

Geschichte & Funde Die Jämtländer zwischen Norwegen und Schweden

Die meisten Runensteine sagen: Er ließ diesen Stein setzen nach seinem Vater. Der Stein auf Frösön sagt etwas anderes. Östman, Gudfasts Sohn, ließ ihn setzen, ließ eine Brücke bauen – und ließ Jämtland christianisieren. Ein Mann, ein Land, ein Satz. Ein paar hundert Meter weiter, unter dem Boden der Kirche von Frösön, fanden Archäologen 1984 den Rest einer Birke und rundherum Knochen von Bären, Elchen und Schweinen. Zwei Funde, die zusammen erzählen, wie ein Land zwischen den Reichen den Glauben wechselte.

Der Frösö-Runenstein mit rot ausgemaltem Runenband und Kreuz
Der Frösö-Runenstein auf Frösön, der nördlichste Runenstein Schwedens. Östman, Gudfasts Sohn, ließ ihn setzen – und nach seiner Inschrift Jämtland christianisieren. Foto: Lavallen, gemeinfrei.

Ein Land hinter den Bergen

Jämtland liegt im Herzen Skandinaviens, östlich der Berge, die heute Norwegen und Schweden trennen. Nach Westen führen die Pässe hinunter nach Trøndelag, nach Osten die Flüsse zum Bottnischen Meerbusen. In der Mitte liegt der große See Storsjön, und im See die Insel Frösön. Wer die Geschichte der Jämtländer verstehen will, muss diese Lage im Kopf behalten: Sie waren von beiden Seiten erreichbar und gehörten lange keiner ganz.

Die Jämtländer der Wikingerzeit waren Bauern, Jäger und Händler. Pelze, Eisen aus dem Sumpferz der Wälder und Geweih waren begehrte Waren. Dass sie keine Wikinger im Sinn von Seeräubern waren, versteht sich bei einem Binnenland von selbst. Warum „Wikinger" ohnehin eine Tätigkeit und kein Volk bezeichnet, erklären wir bei Dänen, Schweden, Norweger.

Der Stein am Sund

Der Frösö-Stein ist der nördlichste Runenstein Schwedens und der einzige in Jämtland. Er stand ursprünglich an der Ostspitze von Frösön, am Östersund, der schmalen Wasserstraße zwischen Insel und Festland – genau dort, wo man hinüberwechselte. Heute steht er vor dem Gebäude der Provinzverwaltung auf Frösön. Datiert wird er meist in die Zeit um 1030 bis 1050; eine genauere Festlegung ist nicht möglich.

Die Inschrift ist teilweise beschädigt, einige Runen sind ergänzt. In normalisierter Form lautet sie:

Austmaðr, Guðfastar sunr, lét ræisa stæin þenna ok gørva brú þessa, ok hann lét kristna Jamtaland. Ásbjǫrn gørði brú, Trjónn ræist ok Stæinn rúnar þessar.

„Östman, Gudfasts Sohn, ließ diesen Stein errichten und diese Brücke machen, und er ließ Jämtland christianisieren. Åsbjörn machte die Brücke, Tryn und Sten ritzten diese Runen."Runenstein J RS1928;66, Frösön; normalisierte Lesung in Anlehnung an die Samnordisk runtextdatabas, Übertragung von uns

Bei der Lesung ist Vorsicht angebracht. Die Stelle „Stein" ist nur teilweise erhalten, und auch die Namen der Ritzer werden unterschiedlich wiedergegeben. Der Kernsatz aber, lét kristna Jamtaland, steht gut lesbar da. Er ist in dieser Form einzigartig: Kein anderer Runenstein behauptet, dass jemand ein ganzes Land zum Christentum gebracht habe.

Wer war Östman?

Das sagt der Stein nicht. Der Name Austmaðr bedeutet wörtlich „Ostmann". Östman konnte eine Brücke bauen lassen und zwei Runenritzer beschäftigen, er war also wohlhabend und angesehen. Ob er ein einheimischer Häuptling war, ein Vertreter eines Königs oder beides, lässt sich nicht entscheiden. Genauso offen ist, wie die Christianisierung ablief. „Er ließ christianisieren" kann heißen, dass er Priester ins Land holte, dass er bei einer Versammlung die Annahme des neuen Glaubens durchsetzte, oder einfach, dass er sich als der Mann verstand, unter dem das geschah.

Die Brücke passt zum Thema. Brückenbauten sind auf Runensteinen des 11. Jahrhunderts häufig und gelten als christliches Werk: Man tat etwas für die Allgemeinheit und für das eigene Seelenheil. Wie sich der Glaubenswechsel im Norden allgemein vollzog, zeigen wir bei der Christianisierung der Germanen. Jämtland ist dabei ein kleiner, aber seltener Fall, weil der Wechsel hier in Stein gemeißelt wurde, von einem, der ihn für sich beanspruchte.

Unter der Kirche: Birke und Bären

Der Name Frösön wird meist als „Insel des Freyr" gedeutet, des Gottes der Fruchtbarkeit und des Wohlstands, über den wir bei Freyr und den Wanen schreiben. Die Deutung ist verbreitet, aber wie bei vielen Ortsnamen nicht zweifelsfrei.

Handfester ist, was 1984 bei Arbeiten in der mittelalterlichen Kirche von Frösön zum Vorschein kam. Unter dem Chor, im Bereich des Altars, fanden die Archäologen den Stumpf einer Birke, und um ihn herum eine dichte Lage aus Tierknochen: Braunbär, Elch, Rothirsch, Schwein, Schaf oder Ziege, Rind und weitere Arten. Auffällig viele Schädel und Kieferteile. Dazu kamen auch einige Menschenknochen.

Die Osteologen Ola Magnell und Elisabeth Iregren haben das Material 2010 neu untersucht. Nach ihren Radiokarbondaten gehört die Anlage in die späte Wikingerzeit. Schnitt- und Hackspuren zeigen, dass Bären und Schweine zerlegt und gegessen wurden; niedergelegt wurden Knochen, keine ganzen Tiere. Die Schlachtzeitpunkte deuten auf Handlungen im Spätherbst, im Frühjahr und vielleicht um Mittsommer. Die Menschenknochen halten sie eher für Reste gestörter Bestattungen als für Opfer.

Das Bild, das sich ergibt, ist das eines Platzes unter freiem Himmel, an dem ein Baum stand und an dem man Mahlzeiten hielt und Teile der Tiere zurückließ. Das Wort blót für Opfer und Opferfest liegt nahe, und Magnell und Iregren verwenden es. Welche Rolle gerade der Bär spielte, ist offen; manche Forscher denken auch an samische Einflüsse. Mehr zum Bären in der nordischen Welt steht bei Der Bär im Norden.

Kirche auf dem Opferplatz

Dass die Kirche genau über diesem Platz errichtet wurde, ist kaum Zufall. Man kennt das Muster von anderen Orten: Der neue Glaube übernahm die Stelle des alten und machte sie sich zu eigen. Hier liegt ein Befund vor, der sich mit dem Satz auf dem Runenstein zu einer Erzählung fügen lässt – ein heidnischer Kultplatz im späten 10. oder frühen 11. Jahrhundert, darüber bald eine Kirche, und wenige hundert Meter entfernt ein Mann, der die Christianisierung des Landes für sich reklamiert.

Man sollte die Erzählung allerdings nicht zu glatt machen. Wann genau der Kultplatz aufgegeben wurde und wann die erste Kirche an seiner Stelle stand, lässt sich nicht aufs Jahrzehnt bestimmen. Die heutige Kirche ist jünger, und ob es davor einen Holzbau gab, ist unsicher. Die Verbindung zwischen Östman und dem Ort unter der Kirche ist eine naheliegende Vermutung, kein Beleg.

Das Jamtamót

Die Jämtländer hatten eine eigene Versammlung, das Jamtamót. Ungewöhnlich ist der Name: Während man fast überall im Norden vom Thing sprach, heißt es hier mót, Zusammenkunft. Gemeint ist dasselbe, eine Versammlung der freien Bauern, die Recht sprach und gemeinsame Fragen regelte.

Wie alt das Jamtamót ist, wissen wir nicht. In der populären Literatur liest man häufig, es sei kurz nach dem isländischen Althing von 930 entstanden. Einen Beleg dafür gibt es nicht; greifbar wird die Versammlung erst in Quellen des Mittelalters. Dass sie im Spätwinter zusammentrat und mit einem Markt verbunden war, stammt aus späterer Überlieferung. Wir führen das Jamtamót deshalb als echte Einrichtung mit unbekanntem Anfang.

Zwischen den Königen

Was die Sagas über Jämtland erzählen, stammt aus dem 13. Jahrhundert, vor allem aus Snorris Heimskringla. Danach floh ein Mann namens Ketil Jamti, Sohn eines Jarls aus Trøndelag, vor dem König Eystein über die Berge, rodete Wald und besiedelte das Land, das nach ihm benannt sei. Das ist eine Gründungssage, wie sie viele Landschaften bekamen; der Name Jämtland ist sicher nicht von einem Ketil abgeleitet, eher umgekehrt.

Snorri erzählt weiter, die Jämtländer hätten zunächst keinem König gehört. Unter Hákon dem Guten im 10. Jahrhundert seien sie nach Westen gekommen, hätten ihm Abgaben gezahlt und von ihm Recht empfangen, weil sie norwegischer Herkunft waren. Im Streit zwischen Olaf dem Heiligen und dem schwedischen König Olof seien sie dann zum schwedischen König übergegangen und hätten die Forderungen des norwegischen Königs abgewiesen. Die engen Verbindungen nach Trøndelag, zum Gebiet der Jarle von Lade, sind plausibel. Ob die Einzelheiten stimmen, ist nicht prüfbar – Snorri schrieb zweihundert Jahre später und aus norwegischer Sicht.

Auf festerem Boden stehen wir im späten 12. Jahrhundert. Nach der Sverris saga unterwarf König Sverrir um 1178 die Jämtländer. Politisch gehörte Jämtland danach zu Norwegen, bis es 1645 im Frieden von Brömsebro an Schweden fiel. Kirchlich aber blieb es durch das ganze Mittelalter beim Erzbistum Uppsala. Ein Land, das dem einen König Steuern zahlte und in der Kirche des anderen Reichs betete: Das beschreibt die Stellung der Jämtländer besser als jede Grenzlinie.

Beleg, Saga, Deutung – sauber getrennt

Zeitgenössisch belegt ist der Frösö-Stein aus dem 11. Jahrhundert: Östman, Gudfasts Sohn, eine Brücke und die Christianisierung Jämtlands. Mehr Schrift aus der Wikingerzeit gibt es für Jämtland nicht.

Archäologisch belegt ist der Kultplatz unter der Kirche von Frösön mit Birkenstumpf und Tierknochen, darunter mehrere Braunbären, radiokarbondatiert in die späte Wikingerzeit.

Spätere Überlieferung sind Ketil Jamti, die Abgaben an Hákon den Guten, der Übergang zum schwedischen König unter Olaf dem Heiligen und die Unterwerfung durch Sverrir. Auch vieles über das Jamtamót gehört hierher.

Moderne Deutung sind die Herleitung von Frösön aus Freyr, die Rolle des Bären, die Verbindung zwischen Östman und dem Kultplatz und das Bild einer eigenständigen Bauernrepublik, das in der Regionalgeschichte gern gezeichnet wird.

Was bleibt, ist ein Land zwischen den Reichen, das seine Geschichte an zwei Stellen selbst hinterlassen hat: in einem Satz auf Stein und in einer Lage Knochen unter einem Altar. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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