Wikinger Blog / Wesen & Kreaturen
Aus dem Wissensarchiv

Tierkunde: Die Tiere der nordischen Welt

Wesen & Kreaturen Tierkunde: Die Tiere der nordischen Welt

Kaum eine Geschichte aus dem alten Norden kommt ohne Tiere aus. Wölfe jagen die Sonne, Raben flüstern dem Allvater ins Ohr, ein achtbeiniges Ross trägt Odin durch die Welten, und im Weltenbaum lebt ein ganzer Zoo aus Adler, Hirschen, Eichhörnchen und Drache. Dieser Überblick bündelt die wichtigsten Tiere in Mythos und Alltag – jeweils kurz vorgestellt, mit dem Verweis auf den ausführlichen Einzelartikel. Und weil bei diesem Thema viel moderner Kitsch mitschwingt, trennen wir wie immer sauber: Was steht wirklich in den Quellen, und was ist neuzeitliche Deutung?

Detail des Kessels von Gundestrup (Platte C) mit gehörnter Schlange — Tiere trugen im Kult sinnbildliche Bedeutung.
Detail des Kessels von Gundestrup (Platte C) mit gehörnter Schlange — Tiere trugen im Kult sinnbildliche Bedeutung.

Warum Tiere im Norden so wichtig waren

Die Menschen der Wikingerzeit lebten mit Tieren, nicht neben ihnen. Pferd, Rind, Schaf, Ziege, Schwein, Hund, Katze und Geflügel waren Grundlage des Überlebens – Zugkraft, Fleisch, Milch, Wolle, Fell und Gesellschaft. Ein Hof ohne Vieh war kein Hof, und Reichtum bemaß sich unmittelbar in Tieren; das altnordische Wort bedeutet zugleich „Vieh" und „Besitz, Geld". Es überrascht darum nicht, dass dieselben Tiere auch die Erzählungen der Götter bevölkern. In den mythischen Texten sind Tiere selten bloße Kulisse: Sie sind Begleiter, Boten, Gegner und manchmal Verwandte der Götter selbst. Ein Gott ohne sein Tier – Odin ohne Raben, Thor ohne Böcke, Freyja ohne Katzen – wäre kaum denkbar.

Wichtig ist die Quellenlage. Der größte Teil dessen, was wir über die mythischen Tiere „wissen", stammt aus der Lieder-Edda (Handschrift des 13. Jahrhunderts, Lieder teils älter) und aus der Prosa-Edda Snorri Sturlusons (um 1220). Snorri hat vieles erst geordnet und ausgeschmückt, was in den älteren Liedern nur angedeutet ist. Wo wir es können, sagen wir das dazu. Denn zwischen dem, was ein Bild auf einem Runenstein zeigt, und dem, was ein Prosatext zweihundert Jahre später darüber erzählt, liegt oft ein weiter Weg – und viele hübsche „Fakten" der heutigen Ratgeberliteratur stehen in keiner einzigen alten Quelle.

Hirsche sind viere, die von den Höhen
nagend den Neubaum benagen:
Dain und Dwalin, Duneyr und Durathror.Grímnismál 33, Übersetzung Karl Simrock (1851), gemeinfrei

Der Wolf – Fenrir, Sköll und Hati, Geri und Freki

Kein Tier ist im Norden so doppeldeutig wie der Wolf. Auf der einen Seite steht Fenrir, der gefesselte Riesenwolf, der zu Ragnarök Odin verschlingt; dazu die Wölfe Sköll und Hati, die Sonne und Mond über den Himmel jagen, bis sie sie am Ende einholen. Auf der anderen Seite liegen zu Odins Füßen die beiden treuen Wölfe Geri und Freki, denen er all seine Speise gibt, während er selbst nur vom Wein lebt. Der Wolf ist also zugleich Untergangsbild und Gefährte – Bedrohung und Loyalität in einem Fell.

Diese Spannung passt zur Lebenswirklichkeit: Der Wolf war Konkurrent des Menschen um Vieh und Beute, zugleich das Sinnbild des Kriegers. Wer aus der Gesellschaft verstoßen wurde, hieß vargr – „Wolf", also Geächteter. Mehr zu all dem im ausführlichen Artikel Der Wolf im Norden sowie in den Einzelporträts zu Fenrir und Geri und Freki.

Der Rabe – Hugin und Munin

Odins Raben Hugin („Gedanke") und Munin („Erinnerung") fliegen jeden Morgen über die Welt und berichten dem Gott am Abend, was sie gesehen haben. Der Rabe ist damit das Tier des Wissens und der Weitsicht – aber auch ein Schlachtvogel, der über den Gefallenen kreist. Beides gehört zusammen: Odin ist Gott der Weisheit und des Krieges, und der kluge, alles beobachtende Rabe verkörpert genau diese Verbindung.

Historisch trugen Wikingerheere ein Rabenbanner, das in den Quellen mehrfach auftaucht und den Sieg anzeigen sollte. Der Rabe war zugleich ein realer, auffällig neugieriger Vogel, den man auf See als Wegweiser zum Land nutzte. Alles Weitere im Artikel Der Rabe im Norden und im Porträt Hugin und Munin.

Drache und Schlange – Jörmungandr, Níðhöggr, Fáfnir

Die große Schlange oder der Drache ist im Norden eine Macht am Rand der Ordnung. Jörmungandr, die Midgardschlange, umschlingt die ganze Welt und ist Thors Erzfeind – die beiden töten einander bei Ragnarök. Níðhöggr nagt unten an der Wurzel Yggdrasils und zehrt so am Weltganzen. Und Fáfnir ist der Held-gewordene-Drache aus der Völsungensage, den Sigurd erschlägt – ursprünglich ein Mensch, den die Gier nach dem Nibelungenhort zum Wurm verwandelte.

Drache und Schlange stehen darum für Gier, Chaos und die Kräfte, die den Kosmos bedrohen. In der wikingerzeitlichen Kunst, etwa im Ringerike- und Urnesstil, wird die Schlange zum langgezogenen Bandtier, das sich in endlosen Schlingen windet – eines der schönsten und häufigsten Ornamente überhaupt. Vertieft im Artikel Der Drache im Norden sowie in Jörmungandr und Níðhöggr.

Das Pferd – Sleipnir, Islandpferd und hestavíg

Das Pferd war das wertvollste Nutztier und zugleich Reittier der Götter. Odins achtbeiniges Ross Sleipnir ist das schnellste aller Pferde und trägt seinen Reiter sogar in die Totenwelt Hel; es ist ein Kind Lokis, der sich in eine Stute verwandelt hatte. Im Alltag war das robuste nordische Pferd – der Vorfahr des heutigen Islandpferds – Statussymbol und Arbeitstier zugleich.

Zur Kultur gehörten auch die Pferdekämpfe (hestavíg), bei denen Hengste gegeneinander angetrieben wurden und die oft in Streit unter den Besitzern endeten. Das Pferd spielte außerdem eine Rolle bei Opfer und Bestattung: Pferdeskelette gehören zu den häufigen Grabbeigaben reicher Bestattungen. Mehr im Artikel Die Pferde der Wikinger, im Porträt Sleipnir und im Beitrag zu den heiligen Pferden.

Der Eber – Gullinbursti und Hildisvíni

Der Eber gehört zu den Wanen, den Göttern der Fruchtbarkeit. Freyr reitet auf dem goldborstigen Eber Gullinbursti, den die Zwerge Brokk und Sindri schmiedeten und der schneller als jedes Pferd durch Luft und Wasser läuft und im Dunkeln leuchtet. Freyja wiederum hat den Eber Hildisvíni, auf dem sie in einer Erzählung reitet. Der Eber war Schlacht- und Festtier zugleich.

Bei feierlichen Gelübden legte man die Hand auf den geweihten Opfereber (sonargöltr) und schwor darauf – eine der eindrucksvollsten Szenen wikingerzeitlicher Festkultur. Das Wildschwein galt zudem als besonders wehrhaftes, mutiges Tier, weshalb Eberbilder auch Helme und Waffen schmückten. Ausführlich im Artikel Der Eber im Norden und im Porträt Gullinbursti.

Der Bär – Berserker und Böðvar Bjarki

Der Bär war das mächtigste Raubtier des Nordens und stand für rohe Kampfkraft. Der Name „Berserker" wird oft mit „Bärenhemd" gedeutet – Krieger, die sich mit der Wildheit des Bären in einen Kampfrausch versetzten; auch wenn die Deutung des Wortes (Bär oder „bloß", also ohne Panzerhemd) nicht endgültig gesichert ist. In der Sagenwelt verkörpert Böðvar Bjarki den Bärenhelden, der im entscheidenden Kampf als gewaltiger Bär erscheint, während sein Körper wie schlafend zurückbleibt.

Bärenkrallen und -felle finden sich in Gräbern der Wikingerzeit; der Bär war also nicht nur Bild, sondern reales Handels- und Statusgut aus den Wäldern Skandinaviens. Mehr dazu im Artikel Der Bär im Norden.

Die Katze – Freyjas Gespann

Freyja, die Göttin der Liebe und der seiðr-Zauberei, fährt in einem Wagen, der von zwei Katzen gezogen wird. Das ist eines der einprägsamsten Bilder der nordischen Mythologie – und zugleich eines, bei dem man vorsichtig sein muss: Die Katzen erscheinen erst bei Snorri, und welche Art Katzen gemeint sind, sagt der Text nicht. Von „großen grauen Katzen" oder gar Luchsen zu sprechen, ist bereits Ausschmückung späterer Erzähler.

Im Alltag war die Katze ein geschätztes Haustier, das Vorräte vor Mäusen schützte und darum auf Schiffen und Höfen willkommen war. Katzenknochen und sogar Hinweise auf einen Handel mit Katzenfellen sind archäologisch belegt; die Tiere wurden über die Wikingerzeit hinweg nachweislich größer. Vertieft im Artikel Die Katze im Norden.

Ziegen und Böcke – Tanngrisnir, Tanngnjóstr und Heiðrún

Thors Wagen wird von zwei Böcken gezogen: Tanngrisnir und Tanngnjóstr. Das Besondere: Thor kann sie schlachten und verspeisen und am nächsten Morgen mit seinem Hammer wieder zum Leben erwecken – solange kein Knochen zerbrochen wird. In einer berühmten Erzählung bricht der Bauernsohn Thjálfi doch einen Knochen, um an das Mark zu kommen, und muss dafür in Thors Dienst treten.

In Walhall wiederum steht die Ziege Heiðrún, aus deren Zitzen Met für die gefallenen Krieger fließt, während sie am Laub des Baumes Léraðr nagt. Die Ziege war im Alltag ein genügsames, wichtiges Nutztier für Milch, Fleisch und Fell. Mehr in den Porträts Tanngrisnir und Tanngnjóstr und Heiðrún.

Adler und Hirsche an Yggdrasil

Der Weltenbaum Yggdrasil ist selbst ein kleines Ökosystem. In seiner Krone sitzt ein namenloser Adler, zwischen dessen Augen der Habicht Veðrfölnir hockt. Vier Hirsche – Dáinn, Dvalinn, Duneyrr und Duraþrór – nagen an den Trieben und Zweigen. Das Eichhörnchen Ratatoskr flitzt am Stamm auf und ab und trägt Beleidigungen zwischen dem Adler oben und dem Drachen Níðhöggr unten hin und her.

So ist der Baum ein ständiger Schauplatz von Werden und Vergehen: Er wird von oben benagt, von unten benagt, und an seinem Stamm läuft der Zwist rauf und runter – und doch steht er. Die genaue Zahl und Rollenverteilung dieser Wesen kennen wir vor allem aus Grímnismál und Snorris Zusammenfassung. Mehr in den Artikeln Adler und Veðrfölnir und Die vier Hirsche Yggdrasils.

Die Urkuh Auðumbla

Am Anfang der Schöpfung steht ein Rind: die Urkuh Auðumbla, die aus dem schmelzenden Reif entstand. Aus ihren Zitzen flossen vier Milchströme, die den Urriesen Ymir nährten. Und indem sie drei Tage lang salzige Reifsteine leckte, legte sie den ersten Gott frei – Buri, den Ahnherrn Odins.

Damit ist ausgerechnet ein Nutztier, die Kuh, an der Wurzel der ganzen Götterwelt. Das passt zu einer Gesellschaft, in der Rinder Reichtum und Nahrung bedeuteten und die Milchwirtschaft überlebenswichtig war. Mehr im Porträt Auðumbla.

Der Hund und die Tiere des Alltags

Neben den großen Mythentieren stehen die stillen Begleiter des Alltags. Der Hund war Jagd-, Wach- und Hütehelfer und ein so enger Gefährte, dass er dem Toten mit ins Grab gegeben wurde – Hundeskelette gehören zu den regelmäßigen Beigaben wikingerzeitlicher Bestattungen. Auch Odins Totenwelt bewacht mit dem Hund Garmr ein solches Tier. Schaf und Rind wiederum trugen die ganze Wirtschaft: Wolle für die Segel und Kleidung, Milch für Käse und Skyr, Fleisch und Häute für alles Übrige. Ohne die Schafe wäre kein Langschiff je gesegelt, denn ein einziges Segel verschlang die Wolle vieler Tiere und Monate an Handarbeit – ein Zusammenhang, den man leicht übersieht, wenn man nur an Götter und Helden denkt.

So spannt sich ein Bogen vom Nutztier zum Mythos und wieder zurück. Fast jedes Tier, das den Göttern zugeordnet ist, war zugleich Teil des täglichen Lebens – und genau diese Nähe macht die nordische Tierwelt so lebendig und glaubwürdig. Die Grenze zwischen Hof und Halle der Götter war durchlässig. Wer im Winter das Vieh versorgte, den Hund am Feuer hatte und das Pferd über die Weide traben sah, dem lagen die Bilder der Sagen nicht fern, sondern unmittelbar vor Augen. Genau darin liegt der Reiz: Die Götterwelt des Nordens ist keine ferne Fantasie, sondern die eigene Lebenswelt, ins Große und Bedeutsame gewendet.

Mythos-Check: „Krafttier", Schamanismus und moderne Deutungen

Mythos-Check: Die heute so beliebte Vorstellung, jeder Wikinger habe ein persönliches „Krafttier" oder „Seelentier" gehabt, das er sich aussuchen konnte, ist moderne Esoterik – gespeist aus der Rezeption sibirischen Schamanismus' und der Ratgeberliteratur des späten 20. Jahrhunderts. In den altnordischen Quellen findet sich dafür kein Beleg. Es gibt zwar verwandte Konzepte wie die fylgja (ein begleitender Schutzgeist, der manchmal in Tiergestalt erscheint) oder die Gestaltwandlung (hamr), aber das sind keine frei wählbaren „Krafttiere". Auch die schön geordneten „Tiersymbole" (Wolf = Kampf, Rabe = Weisheit, Bär = Stärke) sind eine spätere Systematisierung, die man so in keiner Quelle findet. Und: Ein großer Teil des mythischen „Zoos" – von Freyjas Katzen bis zur genauen Rollenverteilung am Weltenbaum – ist erst bei Snorri im 13. Jahrhundert festgehalten, also gut zweihundert Jahre nach dem Ende der heidnischen Zeit.
Beleg: Gut gesichert sind hingegen die konkreten Tier-Attribute der Götter, wie sie in Lieder- und Prosa-Edda genannt werden: Odins Raben Hugin und Munin (Grímnismál), seine Wölfe Geri und Freki, Thors Böcke, Freyrs Eber Gullinbursti, das Ross Sleipnir und die Wesen an Yggdrasil (Grímnismál 32–35, Gylfaginning). Archäologisch belegt ist die reale Bedeutung der Tiere im Alltag: Pferde-, Rinder-, Schaf-, Schweine-, Hunde- und Katzenknochen in Siedlungen und Gräbern, Pferde- und Hundebeigaben in Bestattungen, Bärenkrallen als Grabbeigabe und das Rabenbanner in den Schriftquellen.

Tiere in der Gravur – ehrlich und stilrein

Für unsere gravierten Stücke heißt das: Wir zeigen die Tiere so, wie die Quellen und die wikingerzeitliche Kunst sie kennen – der Rabe als Bote, der Wolf zwischen Bedrohung und Treue, das Pferd als Statustier, der Weltenbaum mit seinen Bewohnern. Wir vermischen keine erfundene „Krafttier"-Symbolik mit echten Motiven und erklären auf Wunsch gern, was historisch belegt ist und was moderne Deutung. So bleibt ein Motiv nicht nur schön, sondern auch ehrlich – ein Stück Norden, das einer genaueren Nachfrage standhält. Wer eine Rabenplatte oder einen gravierten Wolf verschenkt, trägt damit nicht nur ein hübsches Bild weiter, sondern ein Stück echte Überlieferung – und kann die Geschichte dazu erzählen. Das ist uns lieber als jedes erfundene Symbol, das nur alt aussehen soll.

Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: nordische Motive, lasergraviert auf echtem Naturschiefer. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Der Wolf im Norden · Der Rabe im Norden · Drachen im Norden · Pferde der Wikinger · Der Eber im Norden · Der Baer im Norden · Die Katze im Norden.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Wesen & Kreaturen

Alle Wesen & Kreaturen-Artikel →

Hugin und Munin: Odins Raben zwischen Gedanke und Gedaechtnis

Zwei schwarze Vögel auf den Schultern eines einäugigen Gottes - kaum ein Bild ist so eng mit Odin verwoben wie dieses …

Weiterlesen →

Die Huldra: Schön, gefährlich und ein wenig hohl

Weiterlesen →

Ivaldi & seine Söhne

Bevor Brokkr und Sindri den Hammer schmiedeten, waren andere am Werk: die Söhne Ivaldis. Drei Wunderwerke gingen aus …

Weiterlesen →

Die Katze in der nordischen Welt

Kaum ein Tier verbindet Sanftheit und Eigensinn so wie die Katze – und ausgerechnet die kriegerische, leidenschaftliche …

Weiterlesen →