Sie tragen ihre Boote über Land, von See zu See, und fallen über die Berge hinweg bei den Norwegern ein. Mehr erfahren wir über die Kvenen aus erster Hand nicht. Ein Händler aus Nordnorwegen erzählt es um 890 am Hof König Alfreds, ein Schreiber hält es fest, und damit beginnt eine Geschichte, die fast nur aus Lücken besteht. Später bekommen die Kvenen in einer isländischen Saga einen König, und ein Bremer Domherr verwandelt ihr Land in ein Reich der Frauen. Wir sortieren, was davon trägt.

Über die Kvenen gibt es aus der Wikingerzeit eine einzige Quelle, die von jemandem stammt, der die Gegend kannte. Dazu kommen eine Handvoll Erwähnungen aus dem 11. bis 13. Jahrhundert, von denen keine auf eigener Anschauung beruht. Das ist dünn. Wer heute genaue Karten von „Kvenland" zeichnet oder den Kvenen eine Königsliste gibt, schreibt mehr, als die Quellen hergeben.
Wir sagen das nicht, um das Thema kleinzureden. Im Gegenteil: Gerade weil so wenig da ist, lohnt es sich, jede Zeile genau anzusehen. Und man muss dabei ein zweites Problem im Blick behalten, das Wort Finnr. Dazu gleich mehr.
Um 890 kam ein Mann namens Ohthere an den Hof Alfreds des Großen. Er stammte aus Hålogaland, lebte nach eigener Aussage am weitesten nördlich von allen Norwegern und berichtete, was er über seine Heimat und die Völker um sie herum wusste. Sein Bericht wurde in die altenglische Bearbeitung der Weltgeschichte des Orosius eingefügt. Wer er war und wohin er fuhr, erzählen wir ausführlich bei Ottar von Hålogaland. Hier interessiert nur eine Stelle.
Ottar beschreibt Norwegen als langes, schmales Land zwischen Meer und Gebirge. Südlich davon, jenseits der Berge, liege Schweden, nördlich davon Cwena land. Dann heißt es:
Þa Cwenas hergiað hwilum on ða Norðmen ofer ðone mor, hwilum þa Norðmen on hy. And þær sint swiðe micle meras fersce geond þa moras, and berað þa Cwenas hyra scypu ofer land on ða meras and þanon hergiað on ða Norðmen; hy habbað swyðe lytle scypa and swyðe leohte.
„Die Kvenen fallen manchmal über das Gebirge hinweg bei den Norwegern ein, manchmal die Norweger bei ihnen. Und dort gibt es in den Bergen sehr große Süßwasserseen, und die Kvenen tragen ihre Schiffe über Land zu den Seen und fallen von dort aus bei den Norwegern ein; sie haben sehr kleine und sehr leichte Schiffe."Altenglischer Orosius, Bericht des Ohthere; Übertragung von uns
Das ist knapp, aber konkret. Die Kvenen sind für Ottar ein eigenes Volk mit eigenem Land, keine Samen – die nennt er Finnas und beschreibt sie an anderer Stelle als Jäger, Fischer und Vogelfänger. Die Kvenen dagegen tauchen als Gegner auf, auf Augenhöhe: Überfälle gehen in beide Richtungen. Und sie reisen so, wie man im Binnenland Nordskandinaviens und Finnlands tatsächlich reiste, mit leichten Booten auf Seen und Flüssen, die man zwischen den Gewässern über Land trägt.
Auch die geographische Einleitung derselben altenglischen Übersetzung kennt das Land. Dort heißt es sinngemäß, nördlich der Schweden liege jenseits der Einöden Cwenaland. Das ist wohl keine unabhängige zweite Quelle, sondern dasselbe Wissen aus demselben Umfeld. Aber es zeigt, dass der Name am Hof Alfreds als Teil einer Karte des Nordens verstanden wurde.
Ottar sagt „nördlich" – und meint damit, von Südnorwegen aus gesehen, die Richtung, in der man das Gebirge überquert. Die meisten Forscher suchen Kvenland daher im Norden des Bottnischen Meerbusens, im heutigen Nordschweden und im finnischen Österbotten, also dort, wo man von Nordnorwegen aus über die Berge und dann auf Seen und Flüssen weiterkommt. Das ist eine gut begründete Deutung, aber eben eine Deutung. Ottar gibt keine Orte, keine Entfernungen, keine Namen.
Auch die Herkunft des Namens ist umstritten. Es gibt mehrere Erklärungsversuche, darunter eine Verbindung zur finnischen Landschaftsbezeichnung Kainuu. Keiner davon ist allgemein anerkannt. Wir legen uns hier nicht fest, weil die Quellen es nicht erlauben.
Gut dreihundert Jahre nach Ottar bekommen die Kvenen eine Erzählung. In der Egils saga, die in Island meist um 1220 bis 1240 angesetzt wird, zieht Thorolf Kveldulfsson, der Onkel des Dichters Egill, als Gefolgsmann König Haralds nach Norden, um bei den Samen Abgaben einzutreiben. Dort trifft er auf Gesandte aus Kvenland. Deren König Faravid bittet um Hilfe gegen die Kirjálar, die Karelier, die sein Land verheeren. Thorolf zieht im Winter mit hundert Mann über das Fjell nach Kvenland, man verbündet sich, schlägt die Karelier und teilt die Beute.
Das liest sich gut, und es ist das einzige Mal, dass ein König der Kvenen mit Namen genannt wird. Man sollte es trotzdem nicht als Bericht aus dem 9. Jahrhundert lesen. Die Saga ist Literatur mit einem historischen Kern, der für diese Episode nicht nachprüfbar ist. Faravid kommt in keiner anderen Quelle vor. Was die Saga immerhin zeigt: Im Island des 13. Jahrhunderts wusste man noch, dass es östlich der Berge ein Land der Kvenen gegeben hatte, und man stellte sich die Beziehungen zu ihnen als Mischung aus Krieg, Bündnis und Handel vor. Das passt zu Ottar. Ein Beleg für Faravid ist es nicht.
Um 1075 schreibt Adam von Bremen seine Geschichte der Hamburger Erzbischöfe, im vierten Buch mit einer ausführlichen Beschreibung des Nordens. Den Norden selbst hat er nie bereist; sein Wissen stammt aus Gesprächen, vor allem mit dem dänischen König Sven Estridsson, und aus antiken Autoren. An mehreren Stellen erwähnt er eine terra feminarum, ein „Land der Frauen", an den Küsten der Ostsee. Dort, so Adam, lebten Amazonen. In einer Geschichte zieht Anund, der Sohn eines schwedischen Königs, aus, um das Reich zu vergrößern, gelangt in die patria feminarum und kommt mit seinem Heer um, weil die Frauen die Quellen vergiftet haben.
Seit dem 19. Jahrhundert wird vermutet, dass hinter dieser Geschichte ein Hörfehler steckt. Das altnordische Wort kván oder kvæn heißt „Frau, Ehefrau", und der Volksname der Kvenen klingt fast gleich. Wer auf Altnordisch von Kvenland hörte und im Kopf die antiken Amazonen hatte, konnte leicht ein Frauenland daraus machen. Dazu kommt ein literarisches Vorbild: Schon Tacitus schreibt am Ende seiner Germania von den Sitonen im Norden, bei denen eine Frau herrsche.
Diese Erklärung ist naheliegend und weit verbreitet. Beweisen lässt sie sich nicht. Adam nennt die Kvenen nirgends mit ihrem Namen, und er verortet sein Frauenland eher im Ostbaltikum als am Bottnischen Meerbusen. Ob er Kvenland meinte oder einfach eine alte Gelehrtenfabel an den Rand seiner Karte setzte, bleibt offen. Wir halten es für wahrscheinlich, dass beides zusammenspielte.
Die lateinische Historia Norwegie, meist in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert, zählt die heidnischen Völker auf, die nördlich und östlich von Norwegen wohnen: Kiriali et Kwæni, Cornuti Finni ac utrique Biarmones – Karelier und Kvenen, „gehörnte Finnen" und beide Völker der Bjarmer. Wer die gehörnten Finnen sein sollen, weiß niemand sicher. Wichtig ist hier nur: Die Kvenen stehen neben den Kareliern, als Volk im Osten, nicht als Teil der Samen.
Noch weiter in die Legende führt die kleine Erzählung Hversu Noregr byggðist und ein Abschnitt am Anfang der Orkneyinga saga. Dort herrscht ein König Fornjót über ein Land, das man „Finnland und Kvenland" nenne, und seine Nachkommen besiedeln Norwegen. Das ist Ursprungsmythos, kein Geschichtswissen. Er zeigt aber, dass Kvenland im 13. Jahrhundert noch ein Begriff war, mit dem man Anfang und Rand der eigenen Welt beschreiben konnte.
Hier liegt die zweite Falle. Das altnordische Finnr, Mehrzahl Finnar, bedeutet in den Sagas und Gesetzen fast immer das, was wir heute Samen nennen. Finnmǫrk, die Finnmark, ist das Land der Samen, nicht der Finnen. Wenn eine Saga erzählt, ein Held sei zu den Finnen gefahren, um Pelze zu holen, oder eine „Finnin" beherrsche Zauberei, dann geht es um Samen. Ottars Finnas sind ebenfalls Samen.
Die Finnen im heutigen Sinn, also die Bewohner des Landes östlich des Bottnischen Meerbusens, tauchen in den Quellen unter anderen Namen auf: als Kvenen, als Karelier, als Tavasten, und daneben unter dem Landschaftsnamen Finnland, der auf Runensteinen und in späteren Texten vorkommt. Wer also in einer Übersetzung „Finnen" liest, sollte nachsehen, was im Original steht. Mehr zu den Samen und ihrem Bild in den altnordischen Texten steht in unserem Artikel über die Samen in den nordischen Quellen.
Der Name ist nicht verschwunden. In Nordnorwegen, vor allem in Troms und Finnmark, leben Menschen, die sich als Kvenen bezeichnen. Ihre Vorfahren kamen überwiegend im 18. und 19. Jahrhundert aus finnischsprachigen Gebieten Nordschwedens und Nordfinnlands, etwa aus dem Tornetal. Norwegen erkennt die Kvenen seit den späten 1990er-Jahren als nationale Minderheit an, ihre Sprache seit 2005 als eigene Minderheitensprache.
Ob zwischen diesen Kvenen und Ottars Cwenas eine direkte Verbindung besteht, ist in der Forschung offen. Der Name ist derselbe, die Quellen dazwischen sind spärlich, und die Einwanderung der Neuzeit ist gut belegt. Mehr lässt sich redlich nicht sagen, und mehr wollen wir hier auch nicht behaupten.
Zeitgenössisch belegt ist genau ein Bericht: Ottar um 890, mit Kvenen, die Boote über Land tragen und über die Berge hinweg Norweger überfallen, und mit Norwegern, die es umgekehrt genauso halten. Dazu die Erwähnung von Cwenaland in der geographischen Einleitung desselben Werks.
Archäologisch lässt sich ein Volk namens Kvenen nicht fassen. Funde aus Nordskandinavien und Finnland zeigen Handel, Jagd und Kontakte, aber kein Etikett mit einem Volksnamen.
Spätere Überlieferung sind König Faravid in der Egils saga, die Kvenen in der Aufzählung der Historia Norwegie und König Fornjót, der über Finnland und Kvenland herrscht.
Moderne Deutung sind die Lage Kvenlands am Bottnischen Meerbusen, die Herkunft des Namens und die Erklärung von Adams Frauenland als Missverständnis von kvæn. Alles gut begründet. Nichts davon ist sicher.
Was bleibt, ist ein Volk aus wenigen Zeilen, das trotzdem nicht aus der Geschichte des Nordens wegzudenken ist: leichte Boote auf fernen Seen, und die Berge dazwischen, über die man in beide Richtungen zog. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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