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Die Trønder und die Jarle von Lade – Norwegens andere Dynastie

Geschichte & Funde Die Trønder und die Jarle von Lade – Norwegens andere Dynastie

Norwegens Geschichte wird meist als Geschichte seiner Könige erzählt. Harald Schönhaar, Olaf Tryggvason, Olaf der Heilige. Aber rund um den Trondheimsfjord saß über mehr als hundert Jahre ein Geschlecht, das ohne Königstitel oft mehr zu sagen hatte als die Könige: die Jarle von Hlaðir, heute Lade, ein Stadtteil von Trondheim. Sie waren Verbündete der Könige, ihre Schwiegerväter, ihre Statthalter – und am Ende ihre schärfsten Gegner. Hinter ihnen standen die Trønder, Bauern mit eigenem Thing, eigenem Recht und eigenen Göttern.

Die weiße mittelalterliche Steinkirche von Mære im Trøndelag
Die mittelalterliche Steinkirche von Mære im Trøndelag. Unter ihrem Boden fand Hans Emil Lidén 1966 Spuren älterer Bauten und Goldblechfiguren, die als Reste eines vorchristlichen Kultplatzes gedeutet werden. Foto: Finnrind, gemeinfrei.

Ein Hof am Fjord

Wer heute nach Lade fährt, findet einen Stadtteil im Osten von Trondheim und einen alten Hof, Lade gård, auf einer Halbinsel über dem Fjord. Altnordisch hieß der Ort Hlaðir. Von hier aus beherrschten die Jarle das Land um den Trondheimsfjord, das Trøndelag, und zeitweise dazu Hålogaland im Norden.

Das Trøndelag war im Mittelalter in acht fylki gegliedert, Bezirke mit eigenen Thingversammlungen, vier im inneren und vier im äußeren Teil. Gemeinsam traten sie auf dem Frostathing zusammen. Das ist der Rahmen, in dem die Jarle regierten: nicht über Untertanen, sondern mit einer Bauernschaft, die gewohnt war, sich zu versammeln und zu widersprechen.

Der Titel jarl bezeichnet einen Mächtigen unterhalb des Königs, der aber aus eigenem Recht Macht hat, nicht bloß als Beamter. Wie viel Macht, hing vom König ab. Bei den Hlaðajarlen hing es oft umgekehrt vom Jarl ab, wie viel Macht der König hatte.

Herkunft aus dem Norden: das Háleygjatal

Die Familie stammte nach eigener Tradition aus Hålogaland, der Heimat von Ottar. Ihr Stammbaum ist in einem Gedicht überliefert, dem Háleygjatal, das der Skalde Eyvindr skáldaspillir im späten 10. Jahrhundert für Hákon jarl dichtete. Es führt die Jarle über viele Generationen auf Odin selbst und seinen Sohn Sæmingr zurück.

Das Gedicht ist bewusst als Gegenstück zum Ynglingatal gebaut, das die Könige aus Vestfold auf die schwedischen Ynglinger zurückführt. Zwei Dynastien, zwei Götterstammbäume, dieselbe Form. Das sagt viel über den Anspruch der Jarle: Sie sahen sich nicht als Diener eines Königshauses, sondern als ebenbürtig. Erhalten ist das Háleygjatal nur in Bruchstücken, die Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert in seine Werke übernahm.

Hákon Grjótgarðsson: der Verbündete

Der erste greifbare Jarl ist Hákon Grjótgarðsson, der um 900 lebte. Nach den Königssagas schloss er sich Harald Schönhaar an, als dieser nach Norden ausgriff, half ihm, das Trøndelag zu unterwerfen, und gab ihm seine Tochter Ása zur Frau. Harald machte ihn dafür zum Jarl.

Das ist die Version der Sagas, geschrieben rund dreihundert Jahre später und aus der Sicht eines Königtums, das seine Ursprünge bei Harald suchte. Man darf es auch anders lesen: Harald konnte das Trøndelag nicht ohne die mächtigste Familie dort halten. Das Bündnis war ein Vertrag unter Starken, keine Belehnung eines Gefolgsmannes.

Sigurd: der Opferherr

Hákons Sohn Sigurd war der wichtigste Mann an der Seite von König Hákon dem Guten, einem Sohn Haralds, der nach der Überlieferung am Hof König Æthelstans in England christlich erzogen worden war. Snorri schreibt Sigurd eine Rolle bei der Ordnung des Rechts zu:

Hann setti Gulaþingslög með ráði Þorleifs spaka og hann setti Frostaþingslög með ráði Sigurðar jarls.

„Er setzte das Gulathingsrecht mit dem Rat Thorleifs des Weisen und das Frostathingsrecht mit dem Rat Sigurd Jarls."Snorri Sturluson, Hákonar saga góða, Kap. 11, Heimskringla (um 1230), in neuisländischer Normalschreibung; Übertragung von uns

Und gleich danach, wo es um den Glauben geht:

Sigurður Hlaðajarl var hinn mesti blótmaður og svo var Hákon faðir hans.

„Sigurd, der Jarl von Hlaðir, war ein gewaltiger Opferer, und so war auch Hákon, sein Vater."Snorri Sturluson, Hákonar saga góða, Kap. 14; Übertragung von uns

Snorri erzählt, wie Sigurd in Hlaðir die großen Opferfeste ausrichtete, und wie die Bauern den christlichen König zwangen mitzumachen. Beim Julopfer in Mære soll Hákon schließlich ein paar Bissen Pferdeleber gegessen und die Gedächtnisbecher getrunken haben, ohne das Kreuz darüber zu schlagen. Das ist eine Szene aus dem 13. Jahrhundert. Aber sie zeigt, was man sich in Island über das Trøndelag erzählte: Hier regierte kein König gegen die Bauern und ihre Götter.

962 starb Sigurd. Nach der Saga verbrannten ihn die Söhne Eriks und Gunnhilds, die um die Macht in Norwegen kämpften, in einem Haus in Ǫgló im Stjørdal. Mehr über ihren Vater steht bei Erik Blutaxt.

Hákon jarl: der heidnische Herr Norwegens

Sigurds Sohn Hákon, geboren um 935, ist der bedeutendste der Jarle. Mit Rückendeckung des dänischen Königs Harald Blauzahn verdrängte er um 970 die Gunnhildssöhne und beherrschte danach bis 995 den größten Teil Norwegens – als Jarl, formal unter dänischer Oberhoheit, faktisch weitgehend selbstständig.

Für Hákon haben wir etwas, das den meisten Gestalten dieser Zeit fehlt: zeitgenössische Dichtung. Sein Hofskalde Einarr skálaglamm dichtete die Vellekla, und Eyvindr das Háleygjatal. Die Vellekla preist Hákon unter anderem dafür, dass er die Heiligtümer und Opfer der alten Götter wiederherstellte, die unter den Gunnhildssöhnen verfallen waren, und dass er Harald Blauzahn gegen den Kaiser am Danewerk zu Hilfe kam – wohl 974. Wir haben dem Gedicht einen eigenen Artikel gewidmet. Hier genügt: Die Vellekla ist Lobdichtung, parteiisch, aber aus Hákons eigener Zeit.

Später brach Hákon mit dem dänischen König. In der Schlacht im Hjørungavåg, meist um 986 angesetzt, besiegte er eine Flotte, die nach der späteren Überlieferung aus Jomswikingern bestand. Über den Hergang wissen wir fast nur aus Sagas und aus Skaldenversen, die in ihnen zitiert werden.

Sein Ende ist in den Sagas eine Moritat: Auf der Flucht vor aufständischen Bauern und dem gerade gelandeten Olaf Tryggvason versteckt er sich 995 mit seinem Knecht Kark in einem Schweinestall auf dem Hof Rimul im Gauldal, und Kark schneidet ihm im Schlaf die Kehle durch. Wie viel daran stimmt, weiß niemand. Die norwegische Forschung hält die Erzählungen über seine letzten Jahre für unzuverlässig, nimmt aber an, dass sich die Trønder tatsächlich gegen seine zunehmend harte Herrschaft erhoben.

Eiríkr und Sveinn: Jarle unter fremden Königen

Hákons Söhne Eiríkr und Sveinn gingen nach dem Tod des Vaters außer Landes. Sie kamen im Jahr 1000 zurück, auf der Seite der Sieger von Svolder, wo Olaf Tryggvason fiel. Danach teilten sich der dänische König Sven Gabelbart, der schwedische König Olaf und die beiden Jarle Norwegen. Eiríkr und Sveinn regierten große Teile des Landes, wieder als Jarle unter fremder Oberhoheit.

Eiríkr folgte später seinem Schwager Knut dem Großen nach England und wurde dort Earl von Northumbria; in englischen Quellen erscheint er als Yric. Sveinn blieb in Norwegen und verlor 1016 bei Nesjar gegen Olaf Haraldsson, den späteren Heiligen. Eiríkrs Sohn Hákon regierte noch einmal kurz als Knuts Statthalter in Norwegen, bis er 1029 oder 1030 auf See umkam. Mit ihm endet das Geschlecht.

Frosta: Thing und Gesetz

Das Frostathing tagte auf der Halbinsel Frosta im Trondheimsfjord, an einem Ort, der heute Tinghaugen heißt. Hier kamen die Abgesandten der acht Trøndelag-Bezirke zusammen, später auch aus Nordmøre und Hålogaland. Das Thing sprach Recht und beschloss Gesetze – und es war der Ort, an dem Könige sich von den Trøndern anerkennen lassen mussten.

Über das Recht selbst muss man ehrlich sein. Das Frostathingslov, wie wir es lesen, ist keine Aufzeichnung aus der Zeit der Jarle. Die einzige vollständige Handschrift, der Codex Resenianus, entstand um 1260 bis 1269 und verbrannte 1728 in Kopenhagen; der Text ist nur durch Abschriften erhalten. Die Einleitung stammt von König Hákon Hákonarson, das Christenrecht zeigt den Einfluss des Erzbischofs Øystein aus dem späten 12. Jahrhundert. Ältere Schichten stecken darin, aber sie lassen sich nicht sauber herauslösen. Snorris Satz, Hákon der Gute habe das Frostathingsrecht mit Sigurd Jarl gesetzt, ist eine Ursprungserzählung, kein Protokoll. 1274 ersetzte das Landrecht Magnus Lagabøtes die alten Landschaftsrechte.

Mære und der Widerstand gegen die Missionskönige

Die Trønder waren das Kernland des norwegischen Heidentums, und die Missionskönige wussten das. Nach der Saga ließ Olaf Tryggvason das Heiligtum von Hlaðir zerstören, und in Mære kam es zur Machtprobe mit den Bauern. Olaf Haraldsson soll um 1020 in Mære ein Opferfest gesprengt und Bauernführer töten lassen haben. Auch das ist Snorri, über zweihundert Jahre nach den Ereignissen.

Mære selbst ist aber mehr als Saga. 1966 grub Hans Emil Lidén unter dem Boden der mittelalterlichen Steinkirche von Mære in Sparbu. Er fand Spuren von ein oder zwei älteren Bauten und mehrere Goldblechfiguren, gullgubber, kleine Plättchen mit eingepressten Figuren, wie man sie von vorchristlichen Kultplätzen in Skandinavien kennt. Die Bauten werden als vorchristliche Kultgebäude gedeutet; andere Deutungen gibt es. Dass man die Kirche genau an diese Stelle setzte, passt zu einem Muster, das man aus ganz Skandinavien kennt.

1030 standen die Trønder dann gegen Olaf Haraldsson im Feld. Das Bauernheer, das ihn bei Stiklestad schlug, kam zu einem guten Teil aus dem Trøndelag. Es kämpfte nicht mehr für die alten Götter, sondern gegen einen König, der zu viel wollte. Die Jarle von Lade waren da schon Geschichte. Die Haltung, die sie groß gemacht hatte, nicht.

Skalde, Saga, Spaten – sauber getrennt

Zeitgenössisch belegt sind vor allem die Skaldengedichte: Vellekla und Háleygjatal aus Hákon jarls eigener Zeit, dazu englische Quellen über Eiríkr als Earl in Northumbria. Sie sind Lobdichtung und nur in späteren Handschriften überliefert.

Archäologisch belegt sind die Befunde unter der Kirche von Mære mit den Goldblechfiguren. Hlaðir selbst ist als Machtzentrum aus der Archäologie bisher wenig greifbar.

Spätere Überlieferung sind die Königssagas, allen voran Snorris Heimskringla um 1230: die Hochzeit Ásas, die Pferdeleber, Sigurds Tod in Ǫgló, Hákon im Schweinestall. Dazu gehört auch das Frostathingslov in seiner erhaltenen Form aus dem 13. Jahrhundert.

Moderne Deutung ist das Bild der Jarle als zweite Dynastie Norwegens neben den Königen – gut begründet, aber eben eine Deutung. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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Vellekla – das Preislied auf Hákon Jarl · Olaf Tryggvason – Missionskönig und der Fall bei Svolder · Stiklestad – der Fall des heiligen Olav · Harald Schönhaar – der erste König von ganz Norwegen · Dänen, Schweden, Norweger · Die Jämtländer.

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