Ja, die alten Götter stecken wirklich in Ortsnamen: Odense in Dänemark geht auf Óðins vé zurück, „Odins Heiligtum“, Torshälla in Schweden auf einen Kultplatz Thors, Ullevål in Oslo auf den Gott Ullr, Wednesbury in England auf Woden. Solche theophoren Ortsnamen gehören zu den wertvollsten Quellen für den vorchristlichen Glauben, weil sie älter sind als fast jede Schrift. Aber für jeden gesicherten Fall kursieren zehn falsche. Wir zeigen dir die belastbaren Beispiele, die Unsicheren und die Legenden – und wie man sie auseinanderhält.
Ein Ortsschild ist ein merkwürdiges Archiv: tausendfach gelesen, fast nie verstanden. Wer in Odense aus dem Zug steigt, denkt an Hans Christian Andersen, nicht an Odin. Wer zum Ullevål-Stadion fährt, denkt an Fußball, nicht an einen Gott auf Skiern. Und doch haben diese Namen tausend Jahre Christentum überdauert.
Die Fachleute nennen solche Namen theophor, „gottragend“. Sie sind kostbar, weil sie nicht aus der Feder christlicher Mönche stammen wie Edda und Sagas, sondern aus dem Mund der Menschen, die dort lebten und opferten. Gleichzeitig ist kaum ein Feld so von Wunschdenken überwuchert wie die Frage, wo „der Wotan“ einst verehrt wurde. Dieser Artikel ist deshalb beides: eine Reise über die Götterkarte des Nordens und ein Werkzeugkasten, mit dem du Behauptungen selbst prüfen kannst.
Ein theophorer Ortsname besteht meist aus dem Götternamen im Genitiv und einem Grundwort, das sagt, was für ein Ort gemeint ist. Óðins vé heißt „Odins Heiligtum“, Þórs hǫrgr „Thors Kultstätte“, Ullar vǫllr „Ullrs Feld“. Spannend ist vor allem das Grundwort:
Die Götter hatten also nicht nur Berge und Haine, sondern auch Äcker und Wiesen. Ein Name wie Torsåker erzählt von Bauern, die ihren Gott bei der Feldarbeit anriefen.
Das Paradebeispiel ist Odense. Die Stadt wird zuerst in einer Urkunde Kaiser Ottos III. vom 18. März 988 erwähnt, damals schon als Bischofssitz; 1988 feierte sie ihr Tausendjähriges. Der Name ist sprachlich eindeutig: Óðins vé, „Odins Heiligtum“.
Wo das Heiligtum lag und wie es aussah, wissen wir nicht. Archäologisch fassbar ist die späte Wikingerzeit: Auf der anderen Seite des Flusses lag ab etwa 980 die Ringburg Nonnebakken, eine der Trelleborg-Anlagen aus der Zeit Harald Blauzahns. Dass ausgerechnet an Odins Ort ein Bistum entstand, passt ins Muster: Die Kirche setzte sich gern dorthin, wo ohnehin Menschen zusammenkamen.
Odense ist nicht allein. Odensvi gibt es in Västmanland, Närke und Småland, dazu Onsild, Onsved und Onsbjerg in Dänemark, Odensåker in Västergötland. Wer mehr über den Gott hinter diesen Namen wissen will, findet es in unserem Porträt Odin – Weisheit um jeden Preis.
Kurz vor Eskilstuna liegt Torshälla. Der Name geht nach gängiger Deutung auf Þórs hǫrgr zurück, schwedisch Tors harg: die Kultstätte Thors. Gemeint ist wohl ein Steinaltar unter freiem Himmel. Im Gedicht Hyndluljóð rühmt sich Freyja sogar, ihr Schützling Óttarr habe ihr einen Hörgr aus Steinen errichtet und mit Opferblut gerötet – eine späte, poetische Quelle, aber sie passt zum Wortsinn.
Im Norden von Stockholm liegt Odensala, nach der üblichen Deutung Óðins hǫrgr, „Odins Kultstätte“. Der Name hat sich so verschliffen, dass er heute an „Saal“ erinnert – wer nur die moderne Form sieht, denkt an Walhall. Erst die alten Schreibungen zeigen den Harg.
Thor-Namen sind in Mittelschweden zahlreich: Torsåker, Torslunda, Torstuna. Im Kirchspiel Torslunda auf Öland wurden die berühmten Pressmodeln mit Kriegerszenen gefunden, die wir in Die Torslunda-Bleche vorstellen. Den Gott selbst findest du in Thor – Donner über Midgard.
Weit im Norden, in Jämtland, trägt die Insel Frösön im Storsjön den Namen Freyrs, schwedisch Frö. Hier treffen Namenforschung, Archäologie und Runenkunde zusammen.
Auf der Insel steht der Frösö-Runenstein, errichtet um 1030 bis 1050 und der nördlichste aufrecht stehende Runenstein der Welt. Seine Inschrift berichtet, ein Mann namens Austmaðr habe Jämtland christianisieren lassen.
Und dann ist da die Kirche. Bei Grabungen unter dem Chor der Frösö-Kirche in den 1980er-Jahren kamen Reste eines Baumstumpfs zutage, um den herum Tierknochen lagen, vor allem von Braunbär und Schwein, dazu einige Menschenknochen. Die Osteologen Ola Magnell und Elisabeth Iregren haben das Material 2010 neu ausgewertet: Radiokarbondaten weisen in die späte Wikingerzeit, Schnittspuren auf Festmähler, die Jahreszeitenanalyse auf Spätherbst, Frühjahr und vielleicht Mittsommer. Die Menschenknochen könnten auch von gestörten Bestattungen stammen und müssen kein Menschenopfer belegen.
Freyr-Namen zeigen ein auffälliges Muster. Der Namenforscher Stefan Brink zählte für Schweden 38 „sichere“ Frö-Namen. Sie ballen sich in zwei Regionen: um den Mälarsee und im Gebiet Viken rund um den Oslofjord. In Dänemark fehlen sie fast ganz, ebenso in Trøndelag und Nordnorwegen. Dass Adam von Bremen in Uppsala ausgerechnet ein Bild des Fricco, also Freyrs, neben Thor und Wodan beschreibt, passt zu dieser Verteilung. Mehr dazu in Alt-Uppsala – Tempel und Königshügel und in Freyr und die Wanen.
In der Edda ist Ullr eine Randfigur: Stiefsohn Thors, Bogenschütze, Skiläufer. Auf der Landkarte dagegen ist er erstaunlich präsent. Das Ullevål in Oslo enthält nach dem norwegischen Lexikon Store norske leksikon den Genitiv Ullar des Gottesnamens; das Grundwort ist entweder vǫllr („Feld“, im Sinn von gerodetem oder abgebranntem Land) oder hváll („Anhöhe“). Ullevi, „Ullrs Heiligtum“, heißt das Stadion in Göteborg und mehrere Orte in Västergötland. Dazu kommen Ultuna bei Uppsala und in Norwegen Ullensaker und Ullensvang.
Die norwegischen Namen zeigen eine Variante: Ullinn statt Ullr. Ob dahinter ein Götterpaar wie Freyr und Freyja steckt oder nur eine Nebenform, ist offen.
Ein Glücksfall für die Forschung ist Lilla Ullevi bei Bro in Uppland. Bei einer Grabung im Jahr 2007 kam dort eine Steinsetzung aus der Vendelzeit zutage, und in ihrem Umfeld lagen 65 Amulettringe aus Eisen. Ein Name, der „Ullrs Heiligtum“ bedeutet, und ein archäologisch fassbarer Kultplatz an derselben Stelle: Mehr kann man von einem Ortsnamen kaum verlangen.
Ullr-Namen finden sich nur um den Mälarsee und in Viken; in Dänemark, Südschweden und Trøndelag fehlen sie. Unser Porträt Ullr – der Gott auf Skiern erzählt, was wir sonst über ihn wissen.
Auch der Meeresgott Njörðr hat Spuren hinterlassen. In Norwegen nennen alte Quellen eine Insel Njarðey (heute Nærøya) und einen Bezirk Njarðarlǫg, auf Island gibt es Njarðvík. Interessanter sind die schwedischen Fälle, die der Sprachforscher Elof Hellquist schon 1922 zusammenstellte: Nærdhæwi, heute Nalavi in Närke; Njærdhavi, heute Mjärdevi bei Linköping; Nærdhælunda, heute Närlunda; Nierdhatunum, heute Närtuna in Uppland.
Wieder sind es Heiligtum (vi), Hain (lunda) und Herrenhof (tuna). Tacitus beschreibt um 98 n. Chr. eine Göttin Nerthus, deren Name sprachlich genau dem nordischen Njörðr entspricht. Ein Mann im Norden, eine Frau bei Tacitus? Manche Forscher erklären das grammatisch, andere vermuten ein Geschwisterpaar, wie es die Lokasenna mit Njörðrs ungenannter Schwester andeutet. Für einige schwedische Namen wird deshalb erwogen, ob hinter ihnen nicht eher eine weibliche Gottheit, eine „Njärd“, stehen könnte. Das ist eine ernsthafte Hypothese, aber eben eine Hypothese.
Dänemark hat einen eigenen Schwerpunkt: Tyr. Tissø auf Seeland, Tisvilde, Thisted und Tirslund gelten als sakrale Namen mit dem altdänischen Tī, also Tyr. Am Tissø liegt einer der bedeutendsten Herrensitze der Wikingerzeit mit Halle, Kultbezirk und Opferfunden im See. Die Namenforscher der Universität Kopenhagen weisen allerdings auf ein Problem hin: Weil das zweite Glied mit s beginnt, lässt sich nicht entscheiden, ob vorne ein Genitiv steht. Tissø kann „Tyrs See“ bedeuten, aber auch „See eines Gottes“ oder „See der Götter“, denn tī war im Altnordischen auch ein Wort für „Gott“ schlechthin. Vielleicht war mit dem zweiten Glied sogar ursprünglich ø, „Insel“, gemeint.
Bemerkenswert ist die Verteilung: In Schweden kommt der Tyr-Name nach derselben Quelle nur einmal vor, in Norwegen vielleicht einmal. Tyr war offenbar vor allem ein dänischer Gott, zumindest in der Zeit, aus der die Namen stammen. Mehr zum Fundplatz in Tissø – der See des Gottes Tyr, zur sprachlichen Vorgeschichte in Tiwaz: Der vergessene oberste Gott.
Per Vikstrand hat 2001 in seiner Dissertation Gudarnas platser („Die Orte der Götter“) die vorchristlichen sakralen Ortsnamen in den Mälarlandschaften Uppland, Södermanland und Västmanland systematisch durchgearbeitet. Sein Ansatz: erst einen Korpus aller möglichen Kandidaten erstellen, dann jeden einzelnen nach strengen sprachlichen Kriterien bewerten. Viele populäre „Götterorte“ fallen dabei durch.
Stefan Brink hat 2007 in einem Aufsatz mit dem programmatischen Titel How uniform was the Old Norse religion? die Verbreitung der Namen mit Freyr, Odin, Thor und Ullr kartiert. Seine wichtigsten Ergebnisse:
Brinks Fazit ist ein Satz, der viele Bücher über „die Religion der Wikinger“ alt aussehen lässt: Die vorchristliche Religion Skandinaviens war nie homogen. Statt eines einheitlichen Pantheons, wie es Snorri im 13. Jahrhundert ordnete, gab es regionale Schwerpunkte. Brink betont selbst, dass seine Karten vorläufig sind und Ortsnamen nur einen Bruchteil der einst gebrauchten Namen bewahren. Aber die Richtung ist deutlich.
Auffällig ist, wer fehlt: Island, das Land der Edda-Handschriften, hat kaum echte theophore Ortsnamen. Das bekannte Þórsnes verdankt seinen Namen nach der Eyrbyggja saga den Hochsitzpfeilern mit Thors Bild, die der Siedler Þórólfr dort anlanden ließ – Sagaüberlieferung des 13. Jahrhunderts, kein Beleg aus der Landnahmezeit.
Auch die Angelsachsen schrieben ihre Götter in die Landschaft: Woden, Thunor, Tīw. Die Namenforscherin Margaret Gelling hat die Liste in den 1970er-Jahren kritisch gesichtet und mehr aussortiert als bestätigt.
Wednesbury in den West Midlands ist der Klassiker. Die älteste sichere Schreibung Wodensbyri steht auf der Rückseite einer Abschrift des Testaments von Wulfric Spot, datiert 1004; im Domesday Book von 1086 heißt der Ort Wadnesberie. Gemeint ist Wōdnes burh, Wodens Befestigung. Nur wenige Kilometer entfernt liegt Wednesfield, „Wodens Feld“. Dazu kommen Woodnesborough in Kent und der Wansdyke, ein gewaltiger Wall in Wiltshire, dessen Name auf Wōdnes dīc zurückgeführt wird, „Wodens Graben“.
Thundersley in Essex erscheint 1086 im Domesday Book als Thunreslea, altenglisch Þunres lēah, „Thunors Lichtung“ oder „Hain“. Das Grundwort lēah ist typisch: Gelling fiel auf, dass Götternamen in England auffällig oft mit Wörtern für Waldlichtung oder offenes Feld verbunden sind. Thunor-Namen kennt man aus Essex und Surrey, in Mercien dagegen keinen einzigen. Bei Thursley in Surrey ist neben Thunor auch das Wort þyrs, „Riese“, im Gespräch.
Der heikelste Fall ist Tuesley bei Godalming in Surrey. Im Domesday Book steht Tiwesle, und das sieht nach Tīwes lēah aus, „Tiws Lichtung“. Spätere Formen haben aber ein rätselhaftes -r- (Tiwerlei 1220, Tewersle 1313). Gelling hielt das 1973 für ein ernstes Problem und schlug einen sonst nicht belegten Personennamen Tiwhere vor. John Insley hielt das r 2001 dagegen für eine spätere volksetymologische Umdeutung. Die Waage neigt sich heute eher zu Tīw, bewiesen ist es nicht. Ähnlich steht es um Tysoe in Warwickshire, „Tiws Bergsporn“, und Tyseley bei Birmingham.
Daneben gibt es Kultwörter ohne Gott: hearg (vgl. hǫrgr) in Harrow, wēoh (vgl. vé) in Weeford. Dieselben Götter begegnen dir jede Woche im Kalender: Wednesday, Thursday, Tuesday. Wie das zusammenhängt, steht in Germanische Wochentage.
Jetzt sind wir zu Hause, und es wird heikel. Im deutschen Sprachraum halten überraschend wenige Namen einer strengen Prüfung stand – auch, weil viele erst spät schriftlich auftauchen.
Der beste Kandidat ist Gudensberg in Nordhessen, mitten im alten Stammesgebiet der Chatten. Hier liegt eine dichte Reihe alter Belege vor: Um 1119–1122 unterzeichnet ein Graf Giso als Graf von Udenesberc, 1123 heißt es Wothenesberc, 1131 Wuodenesberg, 1209 Wotensberg. Das passt lautlich gut zu einem „Berg des Wōdan“. Im Ortsteil Maden steht der Wotanstein, ein großer Quarzitblock, der 1408 erstmals erwähnt wird. Ein Restrisiko bleibt: Ein Genitiv auf -es kann theoretisch auch zu einem Personennamen gehören. Gudensberg ist also ein gutes „wahrscheinlich“.
Godesberg bei Bonn, praktisch vor unserer Haustür, ist schwieriger. In der Bonner Ortsgeschichte werden frühe Formen wie Wuodenesberg und Godenesberg genannt und eine Ersterwähnung im Jahr 722 angegeben; oft liest man dazu, der Berg sei eine „Kultstätte der Ubier“ gewesen. Welche Quelle von 722 genau welche Namensform enthält, lässt sich in der populären Literatur kaum nachvollziehen, und die „ubische Kultstätte“ ist eine Schlussfolgerung aus dem Namen, kein archäologischer Befund. Auf der Burg steht heute die Michaelskapelle. Dass der Erzengel Michael als Drachentöter gezielt auf „Wodansberge“ gesetzt worden sei, ist eine beliebte Theorie, für Godesberg aber nicht belegt. Unsere ehrliche Einschätzung: Eine Wodan-Deutung ist möglich, belegt ist sie nicht.
Beim Odenwald lehnt die Mehrheit der Sprachwissenschaftler eine Verbindung mit Odin ab. Beim Donnersberg in der Pfalz, dem höchsten Berg der Region mit einem großen keltischen Oppidum, ist die Lage offen. Der Name wird meist mit Donar verbunden, und in lateinischen Texten erscheint der Berg als mons Jovis, „Jupiters Berg“. Das passt zur alten Gleichung Donar = Jupiter, die auch im Donnerstag steckt (dies Iovis). Daneben gibt es Erklärungen aus dem Keltischen. Mehr zum Gott selbst in Donar: Der Donnergott der Germanen.
Jacob Grimm sammelte für seine Deutsche Mythologie (1835) Hunderte Namen, in denen er Götter vermutete. Manches davon ist heute nicht mehr zu halten.
Ein Beispiel ist Phol. Der Name erscheint ein einziges Mal in der gesamten Überlieferung, im zweiten Merseburger Zauberspruch: „Phol ende Uuodan“ reiten in den Wald. Ob Phol ein eigener Gott ist oder ein anderer Name für Balder, ist bis heute offen. Trotzdem wurden Orte wie Pholesbrunnen oder Phulsborn in Thüringen als „Phols Quelle“ gedeutet. Das Problem: Das Wort Pfuhl („Tümpel, Sumpf“) liegt für einen Brunnen- oder Quellnamen viel näher als ein nur einmal bezeugter Gott, und auch Personennamen kommen in Frage. Ähnlich steht es um die angeblichen Balder-Orte wie Baldersheim. Baldher oder Baldo waren im Frühmittelalter gewöhnliche Personennamen. Ein Dorf, das nach einem Baldher heißt, braucht keinen Gott.
Auch in den Niederlanden gibt es solche Fälle. Woensel, heute ein Stadtteil von Eindhoven, wurde schon von Grimm mit Wodan verbunden; der Sprachwissenschaftler Jan van Loon erwägt eine Grundform Wodanslo und verweist darauf, dass auch woensdag das d verloren hat. Die älteste Form lautet allerdings Gunsela, und die Deutung des Endes ist strittig. Ein spannender Kandidat, kein sicherer Fall.
Was trennt Odense von Phulsborn? Die Methode. Liest du auf einer Infotafel von einem „uralten Wotansberg“, helfen dir fünf Fragen.
Erstens: Wie lautet die älteste Form? Heutige Schreibungen sind das Ergebnis jahrhundertelanger Abschleifung und Umdeutung. Odensala sieht aus wie „Odins Saal“, war aber ein Harg. Tuesley hat ein r bekommen, das nicht ursprünglich ist.
Zweitens: Passt die Lautentwicklung? Sprachen verändern sich nach Regeln. Aus Wōdanes kann im Hochdeutschen Wuodenes und Wotens werden, aber nicht beliebig alles, was mit O beginnt. Bei Odenwald etwa passt die Entwicklung nach Ansicht der meisten Fachleute nicht.
Drittens: Gibt es eine einfachere Erklärung? Personennamen sind die häufigste Falle. Þórir, Þorsteinn, Grímr, Baldher: Alle diese Namen enthalten Götternamen oder Götterbeinamen und waren doch ganz normale Rufnamen. Ein „Thors-“ oder „Tors-“ kann deshalb ebenso gut auf einen Hofbesitzer namens Thorir zurückgehen. Dazu kommen gewöhnliche Wörter wie Pfuhl, Gut oder Frau.
Viertens: Was sagt das Grundwort? Ein Götternamen in Verbindung mit vé, hǫrgr, hof oder lundr ist deutlich überzeugender als einer mit -by oder -torp, denn Dörfer gehörten Menschen, nicht Göttern. Vikstrand und Brink haben genau solche Kombinationen höher gewichtet.
Fünftens: Steht der Name allein? Ein einzelner Name ist ein Hinweis, eine Häufung ist ein Befund. Wenn in einem Bezirk Frö-, Ull- und Njärd-Namen nebeneinander liegen und dazu noch Grabhügel, Halle und Opferfunde kommen wie in Uppland, auf Frösön oder am Tissø, dann wird aus einer Vermutung ein belastbares Bild. Ein einsamer „Wotanstein“ an einem Wanderweg, dessen Name erst im 19. Jahrhundert auftaucht, beweist dagegen gar nichts.
Diese Regeln machen die echten Fälle erst wertvoll: Odense ist ein Juwel, weil es alle fünf Prüfungen besteht. Und dass im deutschen Raum nur eine Handvoll Kandidaten übrig bleibt, ist selbst eine Erkenntnis: Die Religion unserer Vorfahren hat hier andere, leisere Spuren hinterlassen, in heiligen Bäumen und Hainen, in Mooropfern, in Zaubersprüchen und in den Namen unserer Wochentage.
Wir in der Werkstatt in Alsdorf mögen beides: die Sicherheit eines gut belegten Namens und die Spannung eines offenen Falls. Wenn wir einen Götternamen in Schiefer gravieren, dann gern mit der echten Geschichte dahinter.

Welche Ortsnamen enthalten den Namen Odin? Sicher sind vor allem skandinavische Namen: Odense auf Fünen (Óðins vé, „Odins Heiligtum“), Odensvi, Odensala und Odensåker in Schweden, Onsild und Onsved in Dänemark. In England gelten Wednesbury und Wednesfield als Woden-Namen, in Deutschland ist Gudensberg der beste Kandidat.
Ist Bad Godesberg nach Wodan benannt? Möglich, aber nicht gesichert. Frühe Formen wie Wuodenesberg werden genannt, die Überlieferung ist aber schwer nachprüfbar, und die oft genannte „ubische Kultstätte“ ist nicht archäologisch belegt.
Was bedeutet „vé“ in Ortsnamen? Altnordisch vé bedeutet „geweihter, abgegrenzter Ort, Heiligtum“ und ist mit unserem Wort „weihen“ verwandt. In Schweden erscheint es meist als -vi, etwa in Ullevi oder Odensvi.
Gibt es Thor-Ortsnamen in Deutschland? Sehr wenige, die einer Prüfung standhalten. Der Donnersberg in der Pfalz wird häufig mit Donar verbunden, doch auch andere Erklärungen werden diskutiert. Viele „Donner-“ Namen sind jung oder beziehen sich schlicht auf Gewitter.
Woher weiß man, ob ein Ortsname wirklich einen Gott enthält? Man prüft die ältesten schriftlichen Formen, die Lautentwicklung, mögliche Personennamen als Alternative, das Grundwort und das Umfeld. Sicher wird ein Fall meist erst, wenn mehrere Namen oder archäologische Funde zusammenpassen.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Interpretatio Romana · Wodan, Donar & Ziu · Tiwaz · Donar · Die germanische Religion.
Zwischen den Jahren liegt eine Zeit, die anders tickt: die Rauhnächte, die Zwölf Nächte um die Wintersonnenwende. Die …
Weiterlesen →Kaiser Barbarossa sitzt im Kyffhäuser, das Haupt auf den Tisch gestützt, der Bart durch die Steinplatte gewachsen, und …
Weiterlesen →Die Sommersonnenwende ist der längste Tag des Jahres – und war eines der großen Feste des heidnischen Europa. Germanen …
Weiterlesen →