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Tiwaz: Der vergessene oberste Gott – urverwandt mit Zeus

Götter & Göttinnen Tiwaz: Der vergessene oberste Gott – urverwandt mit Zeus Bevor Wodan die Spitze übernahm, stand ein anderer Gott im Zentrum: Tiwaz, der leuchtende Himmels- und Kriegsgott. Sein Name ist der älteste im germanischen Pantheon – und führt bis in die gemeinsame Wurzel aller indogermanischen Götter.

Tiwaz (rekonstruiert urgermanisch *Tīwaz; festländisch Ziu/Tiu, altnordisch Týr) ist wahrscheinlich der älteste Gott, den die Germanen kannten. Sein Name geht auf dasselbe indogermanische Wort zurück wie der griechische Zeus, der römische Ju-piter (Diēspiter), der lateinische deus („Gott") und der altindische Dyaus – die Wurzel *dyeus bedeutet „(Tag-)Himmel, leuchtend". Tiwaz war also einst ein strahlender Himmelsgott.

Der älteste Gott – sein Name verrät ihn

Kaum ein anderer germanischer Gott lässt sich sprachlich so tief zurückverfolgen wie Tiwaz. Sein Name geht auf urgermanisch *Tīwaz zurück, und dieses wiederum auf die indogermanische Wurzel *deiwós „der Himmlische, der Leuchtende" – abgeleitet vom Himmelsvater *Dyēus ph₂tḗr. Damit steht Tiwaz in einer erlauchten Verwandtschaft: mit dem griechischen Zeus, dem römischen Jupiter (Diēspiter), dem altindischen Dyaus Pita und dem lateinischen deus/dīvus („Gott/göttlich").

Der Name lebt in allen germanischen Sprachen weiter: altnordisch Týr, altenglisch Tīw/Tīg, althochdeutsch Zîo/Ziu. Verräterisch ist, dass das altnordische Wort týr zugleich schlicht „Gott" bedeuten konnte und im Plural tívar „die Götter". Das ist ein starkes Indiz: Am Anfang war Tiwaz nicht ein Gott unter vielen, sondern der Gott schlechthin – der leuchtende Himmelsherr.

Týr legt seine Hand in den Rachen des Fenriswolfs – Gemälde von John Bauer, 1911
Týr und der Fenriswolf: der Gott legt seine rechte Hand als Pfand in den Rachen des Ungeheuers. Gemälde von John Bauer, 1911 (gemeinfrei).

Vom Himmelsherrn zum Gott von Krieg und Recht

Vieles spricht dafür, dass Tiwaz ursprünglich an der Spitze des germanischen Götterhimmels stand: Herr des Himmels, der Ordnung, des Eides und des Things – der Rechts- und Volksversammlung. Der französische Religionswissenschaftler Georges Dumézil ordnete ihn der „ersten Funktion" zu: der des Rechts und der sakralen Herrschaft. Erst allmählich übernahm Wodan/Odin die Spitzenstellung, und Tiwaz rückte in die Rolle des Kriegs- und Rechtsgottes, der über Sieg, Vertrag und Schwur wachte.

Dass die Römer ihn folgerichtig mit ihrem Kriegsgott Mars gleichsetzten (interpretatio Romana), passt genau dazu. Bei Tacitus erscheint „Mars" als einer der obersten Götter der Germanen, denen sogar Menschenopfer dargebracht worden sein sollen. Krieg und Recht waren im germanischen Denken keine Gegensätze: Der Sieg gab dem Recht, und der Eid band den Krieger.

Mars Thingsus – der härteste Fund

Den eindrucksvollsten archäologischen Beleg lieferten germanische Soldaten in römischen Diensten. Am Hadrianswall, im Kastell Housesteads (Vercovicium), fanden sich Weihesteine für Mars Thingsus – „Mars des Things". Gesetzt haben sie Angehörige einer germanischen Einheit, die sich selbst als cives Tuihanti bezeichneten (aus dem Twente in den heutigen Niederlanden). Neben Mars Thingsus nennen die Steine zwei Göttinnen, die Alaisiagae, auf einem Stein mit den Namen Beda und Fimmilena.

Der Beiname Thingsus ist germanisch (zu Thing, „Ding, Versammlung, Gericht"). Hier verschmelzen der römische Kriegsgott und der germanische Gott des Rechts und der Versammlung zu einer einzigen Gestalt – ein direkter, datierbarer Fund (2./3. Jahrhundert) dafür, dass Tiwaz kein bloßer Schlachtengott war, sondern der Hüter der Rechtsordnung. Näheres in unserem Artikel zu Mars Thingsus & den Alaisiagae.

„Deo Marti Thincso et duabus Alaisiagis Bede et Fimmilene" – „Dem Gott Mars Thingsus und den beiden Alaisiagae, Beda und Fimmilena."Weihinschrift von Housesteads, RIB 1593 (gemeinfrei, eigene Übersetzung)

Weitere Spuren der Verehrung

Über den Hadrianswall hinaus ist Tiwaz schwerer zu fassen – doch es gibt Spuren. Auf dem Negau-Helm B (ein Helm norditalisch-alpiner Herkunft, dessen Inschrift ins 2./1. Jahrhundert v. Chr. datiert) liest man in einem frühen germanischen Dialekt „harigasti teiwa". Ob teiwa hier den Gott Tiwaz anruft oder „dem Gott" bedeutet, ist umstritten – aber es könnte der älteste germanische Götterbeleg überhaupt sein.

Am Rhein tragen mehrere Weihesteine an „Mars" germanische Beinamen (etwa Mars Halamardus, Mars Thincsus), die auf lokale Ausprägungen des alten Himmels- und Kriegsgottes deuten. Vorsicht ist dagegen bei der „Zisa von Augsburg" geboten: Diese angeblich weibliche Tiwaz-Entsprechung stammt aus spätmittelalterlichen Chroniken und gilt der Forschung als unsicher bis erfunden.

Die Rune ᛏ und die Siegrunen

Tiwaz ist der einzige germanische Gott, dessen Name zugleich ein Runenname ist: Die Rune heißt *tīwaz (altnord. Týr) – ein nach oben gerichteter Pfeil, den man als Sieg- und Kampfzeichen deutete. Sie erscheint schon im ältesten vollständigen Futhark, auf dem Kylver-Stein (Gotland, um 400).

Wie eng Rune und Gott verknüpft waren, zeigt das eddische Lied Sigrdrífumál: Wer den Sieg im Kampf sichern will, solle „Siegrunen" ritzen und dabei zweimal den Namen Týs nennen. Runen auf Waffen sind also kein moderner Fantasy-Einfall – die Verbindung von Kampf, Sieg und der Tiwaz-Rune ist alt.

„Siegrunen sollst du kennen, willst du Sieg haben, / und ritzen sie auf des Schwertes Griff … und zweimal Týr nennen."Sigrdrífumál 6, nach Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)

Týr im Norden: die geopferte Hand

Die berühmteste Geschichte um den Gott stammt aus der viel jüngeren nordischen Überlieferung. Als die Götter den Wolf Fenrir mit der Zauberfessel Gleipnir binden wollten, misstraute das Ungeheuer und verlangte ein Pfand: Ein Gott solle ihm die Hand in den Rachen legen. Nur Týr wagte es. Als der Wolf merkte, dass er getäuscht war, biss er zu – und Týr verlor seine rechte, seine Schwurhand. Der Gott des Rechts opfert ausgerechnet die Hand, mit der man den Eid leistet, für das Wohl aller. In der Ragnarök-Schlacht fällt Týr schließlich gegen den Höllenhund Garmr.

Es ist eine der stärksten Götterbilder des Nordens: der einhändige Gott, der Wortbruch begeht, damit die Welt eine Weile länger besteht – und dafür mit dem eigenen Leib bürgt.

Der Dienstag und das Nachleben

Am handfestesten begegnet uns Tiwaz jede Woche: Der römische dies Martis (Mars-Tag) wurde bei den Germanen zum Tag des Tiwaz/Ziu. Daraus wurde englisch Tuesday (Tīw's day) und im alemannisch-schwäbischen Raum „Ziestag" → hochdeutsch Dienstag. Auch die Namensform „Zîo" hallt in alten Ortsnamen nach. Wer den Wochentag ausspricht, ruft, ohne es zu wissen, den ältesten germanischen Gott.

„Verstand bedarf, wer weit reist; daheim ist alles leicht."Hávamál 5, nach Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)
Was belegt ist: Die sprachliche Urverwandtschaft von *Tīwaz mit Zeus/Jupiter/deus/Dyaus (vergleichende Sprachwissenschaft; de Vaan, Green). Die Gleichsetzung Tiwaz/Ziu/Týr mit Mars (Tacitus, Germania 9). Die Weihesteine für Mars Thingsus und die Alaisiagae am Hadrianswall (RIB 1593/1594). Die Tiwaz-Rune ᛏ im ältesten Futhark (Kylver-Stein). Der Wochentag Dienstag/Tuesday als Mars-Tag. Die Fenrir-Handopfer-Erzählung in der Snorra-Edda (Gylfaginning).
Was Deutung ist: Dass Tiwaz „einst der oberste Gott" war, ist eine gut begründete Rekonstruktion aus Sprache und Struktur (Dumézil), aber kein direkt überliefertes Ereignis – Wodans Aufstieg liegt vor unseren Quellen. Die Fenrir-Geschichte kennen wir nur aus der nordischen Edda des 13. Jahrhunderts; für die festländischen Germanen ist sie nicht belegt. Die „Zisa von Augsburg" ist spätmittelalterlich und unsicher. Auf dem Negau-Helm ist die Deutung von teiwa umstritten. Und das moderne „Runenorakel" mit der Tiwaz-Rune als reinem Siegesamulett ist eine Ausgestaltung des 20. Jahrhunderts: Die Glyphe ist alt, das Deutungssystem jung.

Tiwaz ist der stille Riese der germanischen Religion: der älteste Gott, dessen Name bis in jeden Dienstag reicht – und der zeigt, dass am Anfang nicht der Zorn stand, sondern das Recht.

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