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Mars Thingsus: Der Gott des Things auf Steinen am Hadrianswall – und was er mit Tiwaz, Týr und dem Dienstag zu tun hat

Götter & Göttinnen Mars Thingsus: Der Gott des Things auf Steinen am Hadrianswall – und was er mit Tiwaz, Týr und dem Dienstag zu tun hat

Mars Thingsus ist ein germanischer Gott, den wir nur von römischen Weihesteinen kennen: Im 3. Jahrhundert setzten ihm germanische Soldaten aus Twenthe im Kastell Housesteads am Hadrianswall eine Inschrift, gemeinsam mit zwei Göttinnen namens Beda und Fimmilena. Sein Beiname verweist auf das Thing, die Versammlung freier Männer, in der Recht gesprochen wurde. Viele Forscher sehen in ihm den alten Gott Tiwaz, den späteren Týr. Wir zeigen dir, was wirklich auf den Steinen steht, wo die These trägt und wo sie wackelt.

Stell dir einen Hang in Northumberland vor, nasser Wind, Schafe, eine Mauer, die sich über die Hügel zieht wie das Rückgrat eines Drachen. 1883 stoßen Arbeiter am Fuß des Nordhangs von Chapel Hill, direkt unterhalb des römischen Kastells Housesteads, auf behauene Sandsteinblöcke. Einer davon trägt einen Namen, den bis dahin niemand je gelesen hatte: THINCSO. Ein Gott, gesetzt von Männern, die sich selbst „Germanen“ nannten, tausend Kilometer von ihrer Heimat entfernt, am äußersten Rand des Römischen Reiches.

Dieser Fund gehört zu den wertvollsten Zeugnissen germanischer Religion überhaupt. Nicht, weil er spektakulär aussieht, sondern weil er zeitgenössisch ist: keine Edda, keine Saga, sondern Stein, gemeißelt von den Gläubigen selbst, rund tausend Jahre vor Snorri Sturluson. Genau deshalb lohnt es sich, ganz genau hinzusehen – auch dort, wo ältere Darstellungen (unsere eigene frühere Fassung eingeschlossen) zu schnell vereinfacht haben.

Drei Steine von Chapel Hill

Die Inschriften werden in der Fachwelt nach ihrer Nummer in der Sammlung The Roman Inscriptions of Britain (RIB) zitiert, dem Standardkorpus der römischen Inschriften Britanniens. Für Mars Thingsus und seine Göttinnen sind drei Nummern wichtig – und sie unterscheiden sich stärker, als viele Blogtexte behaupten.

RIB 1593 ist gar kein klassischer Altar, sondern ein hoher, schlanker Pfeiler aus hellem Sandstein, fast 1,83 Meter hoch. Die Herausgeber deuten ihn als linken Türpfosten eines kleinen Heiligtums: Er hat keine Opferschale oben, ist nur auf einer Seite verziert, und auf seiner rechten Flanke ist eine weibliche Figur zu sehen, vermutlich eine der Göttinnen. Gefunden wurde er 1883 zusammen mit einem bogenförmigen Türsturz, also dem Bogenstein über einem Eingang. Nur auf diesem Pfeiler steht der volle Name des Gottes.

RIB 1594 ist ein echter Altar, 1,27 Meter hoch, gefunden im selben Jahr an derselben Stelle. Auf seinen Seiten sind Opfergeräte eingemeißelt: links Messer und Axt, rechts Opferschale (Patera) und Kanne. Hier heißt der Gott schlicht „Mars“, ohne Beinamen. Dafür nennt der Altar etwas, das für Historiker Gold wert ist: den Namen der Einheit und den Kaiser, nach dem sie sich benannte.

RIB 1576 wurde erst 1920 entdeckt, wenige Meter westlich der Fundstelle von 1883. Dieser kleine Altar ist nicht Mars geweiht, sondern allein den Göttinnen – und zwar zwei anderen als auf dem Pfeiler: Baudihillia und Friagabis. Gestiftet hat ihn eine ganz andere Truppe, der numerus Hnaudifridi.

Gesicherter Befund: Der Name „Mars Thincsus“ steht nur auf einem einzigen Stein, dem Türpfeiler RIB 1593. Die Göttinnen Baudihillia und Friagabis stehen nicht auf einem „zweiten Mars-Altar“, sondern auf dem separaten Altar RIB 1576 einer anderen Einheit. Die Steine RIB 1593 und 1594 befinden sich heute im Museum von Chesters (Clayton Collection), RIB 1576 im Museum von Housesteads.
Altar für Mars Thingsus, Beda und Fimmilena aus Housesteads (RIB 1594)
Der Weihaltar für Mars Thingsus sowie Beda und Fimmilena, gestiftet von den cives Tuihanti in Housesteads (RIB 1594, 3. Jh.). Foto gemeinfrei.

Was genau auf den Steinen steht

Weihinschriften folgen einem festen Schema: Empfänger, Stifter, Formel, stark abgekürzt. Auf dem Pfeiler RIB 1593 liest man, aufgelöst: Deo Marti Thincso et duabus Alaisiagis Bede et Fimmilene et N(umini) Aug(usti) Germ(ani) cives Tuihanti v(otum) s(olverunt) l(ibentes) m(erito).

„Dem Gott Mars Thincsus und den beiden Alaisiagen Beda und Fimmilena und dem göttlichen Walten des Kaisers haben die Germanen, Bürger der Tuihanti, ihr Gelübde gern und nach Gebühr eingelöst.“RIB 1593, Housesteads; eigene Übertragung

Achte auf die Schreibung: Auf dem Stein steht Thincsus mit „nc“, nicht „Thingsus“. Die Form „Thingsus“ ist eine moderne Normalisierung, die den Bezug zum Wort „Thing“ deutlicher macht. Lateinische Steinmetze hatten schlicht keinen Buchstaben für den germanischen Laut und behalfen sich, so gut es ging.

Der Altar RIB 1594 nennt als Stifter die Ger(mani) cives Tuihanti cunei Frisiorum Ver(covicianorum) Se(ve)r(iani) Alexand(riani) – die Germanen, Bürger der Tuihanti, aus dem friesischen Cuneus von Vercovicium, der sich „der Severus-Alexandrianische“ nannte. Truppen führten im 3. Jahrhundert gern den Namen des regierenden Kaisers als Ehrentitel. Kaiser Severus Alexander regierte von 222 bis 235. Damit ist dieser Altar sicher in diese Jahre datiert. Für den Pfeiler RIB 1593 gibt es keine eigene Datierung; da beide zusammen gefunden wurden und dieselben Stifter nennen, ist eine ähnliche Zeit naheliegend, aber nicht bewiesen.

Die Formel v. s. l. m. verrät die Frömmigkeit dahinter: Man hatte dem Gott etwas versprochen, die Bitte wurde erfüllt, nun hielt man Wort. Religion als Vertrag – passend für einen Gott von Recht und Versammlung.

Wer waren die cives Tuihanti?

Lange hieß es auch bei uns, Bataver hätten die Steine gesetzt. Das steht so nicht auf ihnen. Die Stifter nennen sich Tuihanti. Der Germanist Wilhelm Scherer verband den Namen schon 1884 mit der Landschaft Twente (deutsch oft Twenthe) im Osten der heutigen Niederlande, an der Grenze zum Münsterland und zur Grafschaft Bentheim. Die Region um Enschede, Hengelo und Almelo trägt den Namen bis heute.

In den antiken Texten begegnet uns in dieser Gegend der Stamm der Tubanten. Tacitus erwähnt sie in den Annalen (1,51), als Germanicus im Jahr 14 n. Chr. nach einem Überfall auf die Marser durch das Gebiet von Brukterern, Tubanten und Usipetern zurückmarschieren musste. Ob die Tuihanti von Housesteads direkte Nachfahren dieser Tubanten waren, ist eine plausible, aber nicht zweifelsfreie Verbindung. Sprachlich passt der Name gut zu Twente; die Stammesgeschichte über zwei Jahrhunderte hinweg bleibt lückenhaft.

Gedient haben sie im cuneus Frisiorum, einem „Keil“ von Friesen. Ein Cuneus war eine irreguläre Reitereinheit, oft aus einer bestimmten Herkunftsregion rekrutiert. Dass Männer aus Twente in einer friesischen Truppe ritten, zeigt, wie locker die Römer mit Volksnamen umgingen: „Friesen“ war für sie eher ein Etikett für Leute von der Nordseeküste und ihrem Hinterland. Mehr zu den Friesen selbst findest du in unserem Artikel über die Friesen und ihre Warften.

Housesteads, römisch Vercovicium, war damals ein volles Kastell. Seit Anfang des 3. Jahrhunderts lag dort als Stammbesatzung die cohors I Tungrorum, Fußsoldaten aus dem Gebiet um Tongern im heutigen Belgien. Dazu kamen der friesische Cuneus und der numerus Hnaudifridi, „die Truppe des Hnaudifridus“. Hnaudifridus ist ein germanischer Männername, vermutlich der Anführer oder Namensgeber dieser Einheit. Mindestens drei Gruppen vom Kontinent lebten hier zusammen, mit eigenen Göttern und einem gemeinsamen Dienstherrn.

Spannend ist eine archäologische Beobachtung im Umfeld des Kastells: Dort tauchte eine handgemachte Keramik auf, die in der Forschung als „Housesteads Ware“ bezeichnet wird und die Vergleichsstücken aus dem friesischen Küstenraum Nordhollands ähnelt. Offenbar kamen mit den Soldaten auch Angehörige, die ihre Kochgewohnheiten behielten.

Mythos-Check: „Bataver-Soldaten haben Mars Thingsus verehrt.“ – Falsch, oder zumindest unbelegt. Die Inschriften nennen ausdrücklich Tuihanti und einen friesischen Cuneus. Die Bataver lebten im Rheindelta und stellten zwar viele Hilfstruppen, haben mit diesen Steinen aber nichts zu tun.

Thincsus: Was der Name verrät

Der Kern der ganzen Debatte ist ein einziges Wort. Thincsus wird in der Sprachwissenschaft als lateinische Wiedergabe eines germanischen *Þingsaz verstanden. Der Stern zeigt an, dass diese Form nicht belegt, sondern rekonstruiert ist. Das Wort hängt mit *þinga- zusammen, dem Grundwort hinter unserem „Ding“ und dem altnordischen þing: der Versammlung, in der die freien Männer eines Gebiets zusammenkamen, Streit schlichteten, Urteile fanden und gemeinsame Entscheidungen trafen.

Wie ein solches Thing ablief, erfährst du ausführlich in unserem Artikel Das Thing – wo Recht gesprochen wurde. Für unseren Gott genügt ein Gedanke: Wenn ein Gott nach der Versammlung benannt wird, dann ist er wohl derjenige, der über ihr steht, sie schützt, ihren Frieden garantiert. „Thing-Gott“ ist deshalb die gängige Übersetzung, die du auch im etymologischen Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer findest: ungefähr „der das Thing schützende Gott“.

Ganz eindeutig ist das nicht, denn das Wort konnte auch allgemeiner „Zusammenkunft“ oder „Sache“ bedeuten, wie unser „Ding“ zeigt. Man kann also auch an eine Heeresversammlung denken. Ein Gegensatz ist das kaum: Bei Tacitus sind Heer und Volksversammlung weitgehend dieselben bewaffneten Männer.

Ist Mars Thingsus Tiwaz?

Hier betreten wir das Feld der Deutung. Die Inschrift sagt „Mars“, nicht „Tiwaz“. Dass dahinter der germanische Gott Tiwaz steckt, im Norden später Týr genannt, im Althochdeutschen Ziu, ist eine These – allerdings eine mit guten Gründen.

Erstens die Gleichsetzung selbst. Römer und romanisierte Germanen setzten fremde Götter regelmäßig mit eigenen gleich, ein Verfahren, das Tacitus interpretatio Romana nennt. Wie das funktionierte, zeigen wir im Artikel Interpretatio Romana – germanische Götter unter römischen Namen. Merkur stand dabei meist für Wodan, Herkules für Donar (wie bei Hercules Magusanus), Mars für einen Kriegs- und Rechtsgott.

Zweitens der Wochentag. Als die Germanen die römische Planetenwoche übernahmen, übersetzten sie die Götternamen. Aus dies Martis, dem Tag des Mars, wurde ein germanisches *Tīwas-dagaz, der Tag des Tiwaz: altenglisch Tīwesdæg, englisch Tuesday, altnordisch Týsdagr, schwedisch tisdag, althochdeutsch ziestag, alemannisch bis heute „Zischtig“. Wer Mars mit Tiwaz übersetzte, sah in beiden offenkundig denselben Gott. Mehr dazu findest du in unserem Überblick über die germanischen Wochentage.

Drittens das Profil des nordischen Týr. In der Prosa-Edda erzählt Snorri Sturluson, wie die Götter den Wolf Fenrir fesseln wollen. Der Wolf traut der Fessel nicht und verlangt ein Pfand: Einer der Götter soll seine Hand in sein Maul legen. Nur Týr wagt es. Als der Wolf merkt, dass er betrogen wurde, beißt er die Hand ab. Das ist eine Geschichte über Eid, Bürgschaft und den Preis eines Vertrags. Ein Gott, der mit seinem eigenen Körper für das gegebene Wort einsteht – das klingt nach einem Schutzherrn der Versammlung, in der Eide geschworen werden.

Viertens die Forschungstradition. Georges Dumézil ordnete Týr dem Bereich von Recht, Vertrag und Herrschaft zu; sein Dreifunktionenmodell ist heute umstritten, hat aber nachgewirkt. Rudolf Simek führt Tiwaz als Himmels-, Kriegs- und Thinggott.

Mythos-Check: „Týr war in der Edda der große Friedensstifter.“ – Eher nicht. Snorri sagt ausdrücklich, Týr gelte nicht als Versöhner der Menschen. In der Lokasenna (Strophe 38) spottet Loki, Týr habe nie zwischen zweien Frieden stiften können. Die Rolle als Rechtsgott erschließt die Forschung vor allem aus dem Fenrir-Mythos, dem Wochentag und eben aus Housesteads, nicht aus einer Edda-Stelle, die ihn als Richter zeigt.

Vorsichtigere Stimmen wie der Altphilologe Martin West betonen, dass *Tīwaz ursprünglich einfach „Gott“ bedeutete. Die Gleichung „Mars = Tiwaz“ bleibt trotzdem Standard, nur richtig eingeordnet: Housesteads beweist nicht, dass Mars Thingsus Tiwaz war. Es zeigt einen Kriegs- und Versammlungsgott unter dem Namen Mars – und alles andere, was wir über Tiwaz wissen, macht die Gleichsetzung sehr wahrscheinlich.

Die Alaisiagae: vier Göttinnen, zwei Paare

Mars steht auf dem Pfeiler nicht allein. Neben ihm nennt die Inschrift „die beiden Alaisiagae“, Beda und Fimmilena. Auf dem späteren Fund RIB 1576 erscheinen als „Göttinnen Alaisiagae“ zwei weitere Namen: Baudihillia und Friagabis. Ob es sich um vier verschiedene Göttinnen handelt, um zwei Paare einer größeren Gruppe oder um unterschiedliche Beinamen derselben Wesen, wissen wir nicht. Außerhalb von Housesteads sind keine der Namen belegt.

Der Gruppenname Alaisiagae ist selbst ein Rätsel: vielleicht „die Allverehrten“, gebildet aus „all-“ und einem Wort für Ehrfurcht, vielleicht abgeleitet von einem unbekannten Ortsnamen.

Bei den Einzelnamen wird es noch interessanter. Schon im späten 19. Jahrhundert brachte die germanistische Forschung Beda und Fimmilena mit zwei Begriffen aus dem mittelalterlichen friesischen Recht in Verbindung: dem bodthing und dem fimelthing. Das bodthing war wohl ein „gebotenes“, also ausdrücklich einberufenes Gericht, das fimelthing eine andere Form der Gerichtsversammlung; wie genau sich beide unterschieden, ist in der Forschung nicht einheitlich geklärt. Wenn die Deutung stimmt, wären Beda und Fimmilena Göttinnen zweier Arten von Thing – die perfekten Gefährtinnen eines Thing-Gottes.

Diese These ist elegant, und viele Lexika, darunter Simek, übernehmen sie. Sie hat aber eine Schwachstelle: Die friesischen Rechtstexte stammen aus dem Hochmittelalter, rund tausend Jahre nach den Steinen. Eine Brücke über ein Jahrtausend ist nicht unmöglich, Rechtswörter sind oft zäh. Aber sie bleibt eine Brücke aus Vermutungen.

Baudihillia wird meist als Mischung gedeutet: ein keltisches Element boudi-, „Sieg“, wie im Namen der Königin Boudicca, und das germanische -hildiz, „Kampf“. Das ergäbe etwa „Siegeskämpferin“. Theodor Siebs (1922) dachte dagegen an eine rein germanische Herleitung und sogar an Beadohild aus der Wieland-Sage. Friagabis wird meist als „die freundlich Gebende“ oder „die frei Gebende“ verstanden.

Aus diesen Namen haben Forscher ganz unterschiedliche Bilder gemacht. Hilda Ellis Davidson sah in den Alaisiagae Kriegsgöttinnen, Vorläuferinnen der Walküren. Andere, zuletzt etwa der niederländische Archäologe Daniël Gerrets, rücken sie in die Nähe der Matronen, der Muttergöttinnen des Rheinlands, die ebenfalls in Gruppen auftreten und mit Fruchtbarkeit und Ahnen verbunden sind. Ganz ausschließen müssen sich diese Deutungen nicht.

Mythos-Check: „Die Alaisiagae waren Walküren.“ – Eine reizvolle Idee, aber nicht belegt. Walküren kennen wir aus nordischen Quellen des 10. bis 13. Jahrhunderts. Für Housesteads haben wir nur Namen, keine Geschichten. Wer die Alaisiagae Walküren nennt, sollte ein „vielleicht“ dazusetzen.

Das Bild über der Tür

Zum Fund von 1883 gehörte der bogenförmige Türsturz, der wohl über dem Eingang des kleinen Heiligtums saß. Nach der Zeichnung, die der Grundbesitzer und Altertumsforscher John Clayton anfertigen ließ und die die RIB-Herausgeber beschreiben, zeigt das Mittelfeld Mars als Krieger mit Schwert, Schild und Speer. An seiner rechten Seite steht ein Gänsevogel. Links und rechts von ihm schweben zwei nackte Figuren mit überkreuzten Beinen; jede hält einen Palmzweig zu Mars hin und in der anderen Hand einen Kranz. Das sind mit großer Wahrscheinlichkeit die beiden Alaisiagae.

Die Bildsprache ist durch und durch römisch: Palmzweig und Kranz sind klassische Siegeszeichen, die schwebenden Figuren erinnern an Victorien, die römischen Siegesgöttinnen. Was die Gans bedeutet, ist offen. Die Soldaten aus Twente haben ihre Götter also nicht in „germanischem Stil“ dargestellt, sondern in der Bildsprache, die ihnen ein römischer Steinmetz anbieten konnte. Germanisch sind die Namen, römisch ist die Form. So funktionierte Religion an der Reichsgrenze.

Wo das Heiligtum genau stand, ist übrigens nicht endgültig geklärt. Ein von der Familie Birley im 20. Jahrhundert ausgegrabenes Gebäude galt zeitweise als sein Tempel; diese Zuweisung wird heute angezweifelt.

Thing und Heer: Warum ein Rechtsgott im Feldlager?

Ein Gott der Versammlung, verehrt von Reitern im Kriegsdienst – passt das zusammen? Ein Blick in die Germania des Tacitus, geschrieben um 98 n. Chr., hilft weiter. Dort beschreibt er die Versammlungen der Germanen: Man komme bewaffnet, Ruhe gebiete der Priester, der in diesem Moment auch Zwangsgewalt habe. Missfalle ein Vorschlag, murre die Menge; gefalle er, schlage man die Speere aneinander (Germania 11). Vor dieser Versammlung könne man auch Anklage erheben und Kapitalverbrechen verhandeln (Germania 12).

An anderer Stelle (Germania 7) schreibt Tacitus, im Krieg dürfe niemand außer den Priestern strafen, fesseln oder schlagen, und zwar nicht auf Befehl des Anführers, sondern gleichsam auf Geheiß des Gottes, von dem man glaube, er sei bei den Kämpfenden anwesend. Der Gott, der über dem Recht der Versammlung wacht, wacht also auch über die Ordnung im Heer. Recht und Krieg waren keine getrennten Sphären, sondern zwei Gesichter derselben Gemeinschaft freier, bewaffneter Männer.

Damit wird Housesteads verständlich. Eine Einheit wie der friesische Cuneus war auch eine Gemeinschaft mit eigener Herkunft und eigenen Bräuchen. Ein Thing-Gott war für sie kein exotischer Rechtsgelehrter, sondern der Gott, unter dessen Augen sie Eide schworen – auch den Eid auf den Kaiser.

Wer sehen will, wie solche Versammlungsorte im Norden später aussahen, findet in unserem Artikel über Bällsta und Anundshög schwedische Thing- und Kultplätze der Wikingerzeit, und im Beitrag über die Isländer und ihr Allthing die berühmteste Versammlung des Mittelalters. Dass auch ein heiliger Ort direkt nach Týr benannt sein kann, zeigt der dänische See Tissø.

Dienstag, Dingsdag und dies Martis

Warum heißt der Dienstag nicht „Ziustag“, wie man nach Tuesday und tisdag erwarten könnte?

Im Süden hieß er tatsächlich lange so: althochdeutsch ziestag, mittelhochdeutsch ziestac, alemannisch bis heute „Zischtig“. In Bayern und Österreich sagte man dagegen „Ertag“ oder „Erchtag“, ein Wort, das meist auf den griechischen Kriegsgott Ares zurückgeführt wird und wohl über gotische Vermittlung in den Donauraum kam. Und im Nordwesten, am Niederrhein und in den Niederlanden, entstand die Form, die sich durchsetzen sollte: mittelniederdeutsch dingesdach und dinstach, mittelniederländisch dinxendach und dinsdach. Heute sagen die Niederländer dinsdag.

Seit dem 19. Jahrhundert liegt eine verlockende Erklärung auf dem Tisch: dingesdach sei der Tag des Thingsus, also des Thing-Gottes. Der Gott vom Hadrianswall hätte dann bei den Nachbarn der Tuihanti in unserem Dienstag weitergelebt.

Das maßgebliche etymologische Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer (online im DWDS) ist zurückhaltender. Es nennt die Thingsus-Herleitung, gibt aber zu bedenken, dass man sie angesichts der gut belegten anderen Formen vielleicht besser aufgibt. Danach hätten auch die niederrheinischen Namen ursprünglich auf *Tīwas-dagaz zurückgegangen. Das anlautende t- sei, um den Heidengott zu tilgen, durch d- ersetzt worden; über Zwischenformen wie dīsdach und dīsendach und in Anlehnung an woensdach (Mittwoch) sei schließlich dinsdach entstanden. Die Form dinstach ist seit dem 13. Jahrhundert belegt, wanderte im 14. Jahrhundert nach Osten und dann allmählich nach Süden. Als allgemeine Schriftform setzte sich „Dienstag“ erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts durch.

Stand der Forschung: Sicher ist, dass der Dienstag dem römischen dies Martis nachgebildet ist und dass die Germanen Mars dabei durch Tiwaz wiedergaben. Ob in „Dienstag“ zusätzlich der Beiname Thingsus steckt, ist offen und eher fraglich. Es ist eine schöne Hypothese, kein Beleg.

Wann die Germanen die Planetenwoche übernahmen, lässt sich nicht aufs Jahr festlegen; meist wird an die ersten Jahrhunderte nach Christus gedacht, die Zeit, in der auch Männer aus Twente in römischen Einheiten dienten.

Was die Steine wirklich leisten

Nimm alle Unsicherheiten zusammen, und es bleibt erstaunlich viel: ein germanischer Göttername aus der Hand seiner eigenen Verehrer, Herkunft und Einheit der Stifter, vier sonst unbekannte Göttinnen. Und wir haben einen Hinweis darauf, dass der Gott, den die Wikinger später Týr nannten, einmal mehr war als der einarmige Nebendarsteller der Edda. Für die kontinentalen Germanen war er womöglich der Hüter der Versammlung, der Gott, vor dem man sein Wort gab. Wie er sich in der Wikingerzeit verändert hat und warum Odin ihn verdrängte, kannst du in Wodan, Donar & Ziu nachlesen. Den nordischen Rechtsgott schlechthin stellen wir in Forseti vor.

Für uns in der Werkstatt in Alsdorf ist das mehr als Theorie. Wenn jemand bei uns die Tiwaz-Rune auf Schiefer gravieren lässt, fragen wir gern nach, warum. Manche denken an Kampf und Mut. Andere, und die werden mehr, denken an etwas Älteres: an ein gehaltenes Versprechen, an ein Wort, für das man einsteht. Mars Thingsus gibt beiden recht.

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Häufige Fragen

Wer war Mars Thingsus? Ein germanischer Gott, den wir nur aus einer Inschrift aus Housesteads am Hadrianswall kennen (RIB 1593, Schreibung „Thincsus“). Sein Beiname wird als „Thing-Gott“ gedeutet; die meisten Forscher sehen in ihm Tiwaz, den späteren Týr.

Wo wurden die Mars-Thingsus-Steine gefunden? 1883 am Fuß des Nordhangs von Chapel Hill unterhalb des Kastells Housesteads (Vercovicium) in Northumberland. Ein dritter Stein für die Alaisiagae (RIB 1576) kam 1920 wenige Meter westlich zutage.

Wer hat die Altäre für Mars Thingsus gestiftet? Germanen, die sich „cives Tuihanti“ nennen und wohl aus Twente im Osten der Niederlande stammten. Sie dienten im friesischen Cuneus von Housesteads; ihr Altar RIB 1594 stammt aus der Zeit des Kaisers Severus Alexander (222–235).

Wer sind die Alaisiagae? Germanische Göttinnen, die in Housesteads paarweise genannt werden: Beda und Fimmilena sowie Baudihillia und Friagabis. Ihre Deutung als Göttinnen des Things, als Kriegsgöttinnen oder als Verwandte der Matronen ist umstritten.

Hat der Dienstag etwas mit dem Thing zu tun? Vielleicht, aber das ist unsicher. Sicher geht der Dienstag auf den römischen „dies Martis“ zurück, den die Germanen als Tag des Tiwaz übersetzten; ob in „Dingsdag“ zusätzlich Thingsus steckt, bezweifelt das Wörterbuch von Pfeifer.

Ist Mars Thingsus dasselbe wie Týr? Wahrscheinlich, aber nicht bewiesen. Für die Gleichsetzung sprechen der Wochentag, das Bild des eidbürgenden Týr im Fenrir-Mythos und die römische Praxis, Tiwaz mit Mars gleichzusetzen.

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Tiwaz · Wodan, Donar & Ziu · Interpretatio Romana · Die germanische Religion · Die Matronen.

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