Am Rand des Römischen Reiches, auf einem Weihestein in England, begegnet uns ein germanischer Gott unter römischem Namen, verbunden mit dem heiligen Ding.
Mars Thingsus ist einer der spannendsten Belege germanischen Götterglaubens, gefunden ausgerechnet weit weg von Germanien: auf Weihesteinen am Hadrianswall in Britannien (Housesteads/Vercovicium). Germanische Soldaten aus dem Bataverland hatten sie gesetzt.
„Mars Thingsus" ist kein römischer Gott, sondern ein germanischer unter römischem Namen. Die Römer sahen im germanischen Tiwaz/Ziu ihren Kriegsgott Mars (interpretatio Romana). Entscheidend ist der Beiname: Thingsus gehört zum germanischen Thing – der Volks- und Gerichtsversammlung. Tiwaz war also nicht nur Kriegs-, sondern vor allem Rechts- und Schwurgott: der Garant der Ordnung, unter dessen Auge Verträge geschlossen und Streit geschlichtet wurden. Genau das macht diesen Fund so kostbar – er zeigt einen germanischen Gott in einer Rolle, die die nordische Edda kaum noch kennt.
Die Belege stehen weit weg von Germanien: am Hadrianswall in Nordengland, im Kastell Vercovicium (heute Housesteads). Dort weihten germanische Hilfstruppen zwei Altäre (RIB 1593 und 1594). Die Stifter nennen sich cives Tuihanti – „Bürger der Twenthe", also Germanen aus dem Gebiet des heutigen Twente in den Niederlanden, die als cuneus Frisiorum in römischem Dienst standen. Sie brachten ihren Gott mit an die Reichsgrenze und setzten ihm im 3. Jahrhundert einen Altar. So kommt es, dass wir den germanischen Rechtsgott ausgerechnet aus römischem Stein am Rand Britanniens kennen.
Mars Thingsus tritt nicht allein auf: Neben ihm werden zwei Göttinnen genannt, Beda und Fimmilena (auf dem zweiten Altar Baudihillie und Friagabis), zusammengefasst als Alaisiagae. Ihre Namen klingen nach Rechtssprache: Manche Forscher deuten sie über die friesischen Rechtsbegriffe bodthing und fimelthing (angesetzte bzw. bewegliche Gerichtstermine) – Göttinnen des Things also, passend zum Gott des Things. Die beliebte Gleichsetzung mit Walküren ist reizvoll, aber unsicher; die Namen selbst weisen eher in die Welt von Recht und Versammlung.
Der Fund fügt sich in ein größeres Bild. Der französische Religionsforscher Georges Dumézil ordnete Tiwaz der „ersten Funktion" zu – der Sphäre von Recht, Eid und Souveränität. Dazu passt der berühmte nordische Mythos, in dem Týr seine Hand als Pfand in den Rachen des Wolfes legt, damit ein Eid gehalten wird: der Gott, der für die verbindliche Ordnung mit dem eigenen Leib bürgt. In Housesteads sehen wir dieselbe Idee, nur Jahrhunderte früher und auf dem Festland verwurzelt: der Gott, unter dessen Namen man Recht spricht.
Nicht zuletzt erzählt der Stein von Menschen. Die Tuihanti waren germanische Söldner, tausend Kilometer von der Heimat entfernt, im Dienst eines fremden Reiches – und doch hielten sie an ihrem Gott fest. Solche Weihungen aus dem römischen Grenzland sind unsere wichtigsten zeitgenössischen Zeugnisse für den kontinentalen Germanenglauben, lange vor der isländischen Überlieferung. Wo die Schriftquellen schweigen, spricht der Stein.
„Dem Mars Thingsus und den beiden Alaisiagae Beda und Fimmilena … die Bürger der Tuihanti."Weihinschrift Housesteads, RIB 1593, nach gemeinfreier Übersetzung

Tiwaz · Wodan, Donar & Ziu · Interpretatio Romana · Die germanische Religion · Die Matronen.
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