Jeder Gott hat eine Mutter. Heimdall hat neun – zugleich. Neun Schwestern, Riesentöchter, gebaren den Wächter der Götter „am Rand der Erde". Kein anderes Geburtswunder der nordischen Mythologie ist so rätselhaft – und kaum eines wird so oft falsch nacherzählt.
Die Geschichte steht in der Völuspá hin skamma, der „Kurzen Völuspá", die in das Eddalied Hyndluljod eingebettet ist. Dort heißt es von einem Mächtigen „göttlichen Stamms" – seinen Namen nennt die Strophe nicht, doch die Neunzahl verrät ihn:
„Geboren ward einer am Anfang der Tage,
Ein Wunder der Stärke, göttlichen Stamms.
Neune gebaren ihn, der Frieden verliehn hat,
Der Riesentöchter am Erdenrand.
[…]
Gialp gebar ihn, Greip gebar ihn,
Ihn gebar Eistla und Angeyja,
Ulfrun gebar ihn und Eyrgiafa,
Imd und Atla, und Jarnsaxa."
— Hyndluljod 35/37 (Simrock 34–35), Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)
Gestärkt wurde das Kind „mit der Kraft der Erde, mit eiskalter See" – und mit sonardreyri, nach heutiger Lesung dem Blut des Opferebers. Erde, Meer und Opferblut: Der künftige Grenzwächter trägt alle Sphären der Welt in sich. (Simrock übersetzte an dieser Stelle übrigens frei „Sonnenstrahlen" – eine der Stellen, an denen die alte Übersetzung schöner ist als genau.)
Dass der Namenlose Heimdall ist, bezeugt Snorri – und mit ihm ein Lied, das wir fast ganz verloren haben: das Heimdalargaldr, „Heimdalls Zauberlied". Nur zwei Zeilen davon sind erhalten, weil Snorri sie zitiert, und in ihnen spricht der Gott selbst: „Ich bin neun Mütter Sohn und von neun Schwestern geboren." Noch älter ist der dritte Zeuge: Um das Jahr 985 nennt der Skalde Ulf Uggason in seiner Husdrapa – gedichtet auf die geschnitzten Götterbilder einer isländischen Prunkhalle – Heimdall den „Sohn von acht Müttern und einer", eine skaldische Schleife um die Neun. Das Motiv ist also keine späte Erfindung, es war schon in der Wikingerzeit berühmt.
Die Namen der Mütter – Gjalp, Greip, Eistla, Eyrgjafa, Ulfrun, Angeyja, Imd, Atla, Jarnsaxa – sind durchweg als Riesinnennamen belegt; gedeutet werden sie als „die Brausende", „die Greiferin", „die Wölfin", „die mit dem Eisenmesser". Zwei davon kennt man aus anderen Geschichten: Gjalp und Greip heißen auch die Töchter des Riesen Geirröd, die Thor töten wollten, und Jarnsaxa ist andernorts Thors Geliebte und Mutter seines Sohnes Magni. Ob es jeweils dieselben Gestalten sind, sagt keine Quelle – die Edda lässt uns hier bewusst im Nebel stehen, wie so oft bei den Riesen. Einen Vater übrigens nennt die Hyndluljod gar nicht; erst Snorris Tradition macht Heimdall zum Odinssohn.
Die berühmteste Deutung klingt wie Poesie: Die neun Mütter seien die neun Töchter des Meerriesen Ägir und der Ran – die Wellen selbst. Heimdall wäre dann das Licht, das am Horizont aus der See geboren wird: weiß wie Gischt, geboren „am Rand der Erde", gestärkt von der kalten See. Georges Dumézil fügte eine verblüffende keltische Parallele hinzu: In walisischer Überlieferung sind die Wellen die Schafe der Meerfrau – und jede neunte Welle ist der Widder der Herde; in irischen Sagen gilt die neunte Welle als magische Grenze. Ausgerechnet ein Widder: Heimdalls Beiname Hallinskidi und das Dichterwort heimdali bedeuten „Widder", seine Zähne sind golden wie bei einem alten Bock, sein Schwert heißt „Haupt" – der Widder kämpft mit dem Kopf –, und er hört die Wolle auf den Schafen wachsen. Es passt fast zu gut.
Was wurde aus dem Kind der Neun? Der Gott der Grenzen schlechthin. Heimdall wohnt in Himinbjörg, den „Himmelsbergen", wo die Brücke Bifröst den Himmel erreicht, und „trinkt selig den süßen Met" – so das Grimnismal. Er braucht weniger Schlaf als ein Vogel, sieht hundert Tagesreisen weit, bei Nacht wie bei Tag, und hört das Gras in der Erde wachsen. Sein Horn, das Gjallarhorn, ist in allen Welten hörbar – sein Stoß wird Ragnarök eröffnen. Loki höhnt in der Lokasenna, Heimdall habe ein „hässliches Los": ewig wachen, „mit nassem Rücken". Und am Ende der Zeiten treffen die beiden ein letztes Mal aufeinander: Der Wächter und der Grenzverletzer töten einander – ein Duell wie eine Formel. Schon einmal hatten sie gerungen, in Robbengestalt am Meeresfelsen, um Freyjas Halsschmuck Brisingamen: Der Sohn der See kämpft im Wasser wie ein Meertier.
Ein zweites Erbe steckt gleich in der ersten Strophe der Edda. Wenn die Seherin der Völuspá anhebt, ruft sie „Hohe und Niedere von Heimdalls Geschlecht" – gemeint sind: alle Menschen. Die Rigsthula erzählt, warum. Unter dem Namen Rig wandert ein Gott zu drei Höfen, teilt Bett und Tisch mit den Paaren – und neun Monate später werden Thräll, Karl und Jarl geboren: Knecht, Bauer und Edelmann, die drei Stände der Welt. Dass Rig Heimdall ist, sagt allerdings nur die knappe Prosanotiz vor dem Lied; manche Forscher vermuten dahinter ursprünglich Odin. So oder so passt es zum Kind der neun Mütter: Wer selbst aus so vielen geboren wurde, taugt zum Ahnherrn aller.
Warum ausgerechnet neun? Die Neun ist die Zahl des Nordens: neun Welten trägt Yggdrasil, neun Nächte hing Odin am windigen Baum, alle neun Jahre feierte Uppsala sein großes Opferfest, neun Schritte geht Thor nach dem letzten Kampf mit der Midgardschlange, und vom Ring Draupnir tropfen jede neunte Nacht acht neue Ringe. Dreimal drei – die Zahl der Vollständigkeit. Wer von neun Müttern geboren ist, den hat gewissermaßen die ganze Welt zur Welt gebracht. Für einen, der an der Schwelle aller Welten Wache steht, gibt es keine bessere Herkunft.

Heimdall – der Wächter der Götter · Die neun Welten · Ägir und Ran · Die Riesen · Die drei Brunnen unter Yggdrasil · Das Götter-Pantheon.
Hyndluljod 35–38, Völuspá 1/27, Grimnismal 13, Thrymskvida 15, Lokasenna 47–48, Rigsthula (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning 27/51 (mit Heimdalargaldr-Fragment), Skaldskaparmal 8/16/25 (Husdrapa, Ägirs Töchter). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (3. Aufl. 2006); Sebastian Cöllen, Heimdallr – der rätselhafte Gott (2015); Georges Dumézil, Gods of the Ancient Northmen (1973); Karl Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde V (1883–91); Rudolf Much, „Der nordische Widdergott" (1930); John Lindow, Norse Mythology (2002); E. O. G. Turville-Petre, Myth and Religion of the North (1964); Birger Pering, Heimdall (1941).