Die Merseburger Zaubersprüche sind zwei althochdeutsche Zaubersprüche, die im 10. Jahrhundert auf eine freie Seite einer geistlichen Handschrift geschrieben wurden: ein Lösezauber, in dem Frauen namens Idisi Fesseln lösen, und ein Heilzauber, in dem Wodan ein verrenktes Pferdebein bespricht. Sie liegen bis heute in der Domstiftsbibliothek Merseburg (Cod. 136, fol. 85r). Hier bekommst du beide Texte vollständig im Original und in unserer eigenen Übertragung, dazu die Geschichte des Funds und die großen Streitfragen: Wer ist Phol? Ist Balder ein Gott oder nur ein „Herr“?
Stell dir einen Schreiber im 10. Jahrhundert vor. Vor ihm liegt ein Messbuch, voll mit Gebeten, Messformularen und einem Taufgelöbnis, in dem man dem Teufel und all seinen Werken absagt. Ganz hinten ist noch Platz. Und genau dort, auf dieser Restfläche, schreibt er zwei kurze Sprüche hin, in denen Wodan reitet, Frija singt und geisterhafte Frauen Kriegern die Fesseln vom Leib reißen. Darunter setzt eine andere Hand später ein lateinisches Gebet.
Warum er das tat, wissen wir nicht. Aber ohne diesen Moment gäbe es keinen einzigen althochdeutschen Text, in dem heidnische Götter selbst auftreten und handeln. Die Sprüche sind keine späte Nacherzählung, sondern Gebrauchstexte zum Aufsagen. Wir gehen sie Zeile für Zeile durch und zeigen dir, wo die Forschung sicher ist und wo sie seit 180 Jahren streitet.
Die Sprüche stehen in der Handschrift Cod. I 136 der Domstiftsbibliothek Merseburg, auf Blatt 85 recto (in älterer Zählung, die Jacob Grimm benutzte, fol. 84r). Der Codex selbst ist ein Sakramentar – ein liturgisches Buch mit den Gebeten des Priesters für die Messe – und stammt aus dem 9. Jahrhundert. Als Entstehungsort gilt meist das Kloster Fulda; in Merseburg ist die Handschrift jedenfalls bis ins späte 10. Jahrhundert nachweisbar.
Die Zaubersprüche gehören nicht zum ursprünglichen Bestand. Sie wurden nach der Einschätzung des Paläographen Bernhard Bischoff im ersten oder zweiten Drittel des 10. Jahrhunderts nachgetragen, wohl von einer älteren Vorlage abgeschrieben. Die Texte selbst können also älter sein als ihre Niederschrift – wie viel älter, lässt sich nicht sagen.
Pikant: Im selben Band steht auf fol. 16r das Fränkische Taufgelöbnis, mit dem Täuflinge dem Teufel und seinen Werken entsagten. Ein paar Dutzend Blätter weiter reitet Wodan in den Wald. Mehr zur Glaubenswende dieser Zeit findest du im Artikel zur Christianisierung der Germanen.
Jahrhundertelang beachtete niemand die zwei Textblöcke. 1841 sah der junge Historiker Georg Waitz die Merseburger Bestände durch, stieß auf die Sprüche und gab den Fund an Jacob Grimm weiter.
Grimm hatte für seine „Deutsche Mythologie“ Götternamen mühsam aus Ortsnamen, Wochentagen und Bußbüchern zusammengekratzt. Jetzt lag ihm ein Text vor, in dem Wodan und Frija einfach genannt werden. 1842 veröffentlichte er ihn unter dem Titel „Über zwei entdeckte Gedichte aus der Zeit des deutschen Heidentums“. Seine Lesungen prägen die Diskussion bis heute. Mehr über Grimm als Mythensammler im Beitrag über die Brüder Grimm.
Eiris sâzun idisi, sâzun hêra duoder.
suma hapt heptidun, suma heri lêzidun,
suma clûbodun umbi cuoniouuidi:
insprinc haptbandun, invar vîgandun!Erster Merseburger Zauberspruch, althochdeutsch, 10. Jh. (gemeinfrei)
Einst setzten sich Idisen, setzten sich hierhin und dorthin.
Manche legten Fesseln an, manche hemmten das Heer,
manche zerrten an den Banden:
Entspring den Fesseln, entfahr den Feinden!Eigene Übertragung, Glanz & Gravur
Ein paar Wörter brauchen Erklärung. Eiris heißt „einst“, wie ein „Es war einmal“. Idisi ist der Plural eines Wortes für „(vornehme) Frau“, verwandt mit altenglisch ides, das im „Beowulf“ für edle Frauen steht. Hapt ist die Fessel (vgl. „Haft“), heri das Heer. Bei cuoniouuidi bedeutet widi „Strick, Weidenband“; der erste Wortteil ist unsicher, meist übersetzt man „Fesseln, Bande“.
Die Schlusszeile ist der eigentliche Befehl: haptbandun und vîgandun („Feinde“) klingen im Endreim zusammen – eine kleine Formel, wie gemacht zum Flüstern.
Die Idisen sind das große Rätsel des ersten Spruchs. Der Text nennt nur ihr Handeln; alles Weitere ist Deutung.
Walkürenartige Schlachtfrauen. Schon Grimm sah in ihnen Verwandte der nordischen Walküren, die nach Edda und Skaldendichtung über Sieg und Tod entscheiden. Fesseln, Heer und Feinde passen zu einer Kriegsszene. Wolfgang Beck, Autor der maßgeblichen Monographie von 2003, lehnt die direkte Gleichsetzung jedoch ab – die Walküren sind Jahrhunderte später und in einer anderen Kultur überliefert.
Disen und Muttergöttinnen. Andere denken an die nordischen dísir, weibliche Schutzgeister, oder an die meist zu dritt dargestellten Matronen des Rheinlands. Gerhard Eis las duoder als verschriebenes muoder („Mütter“) und bezog das dreifache „manche“ auf drei Gruppen göttlicher Frauen. Elegant, aber nicht zwingend.
Menschliche Frauen. Sprachlich möglich ist auch die nüchterne Lesung „vornehme Frauen“. Der magische Rahmen lässt aber die meisten Forscher an übermenschliche Wesen denken.
Was genau soll der erste Spruch bewirken? Die Schlusszeile ist eindeutig: „Entspring den Fesseln, entfahr den Feinden.“ Ein Gefangener soll frei kommen. Man spricht deshalb von einem Lösesegen.
Schwieriger ist der Mittelteil. Die erste Gruppe der Idisen legt Fesseln an, die zweite „hemmt das Heer“ (lêzidun von einem Verb für „hindern, aufhalten“), die dritte zerrt an den Banden. Nur die dritte Gruppe befreit also. Die beiden anderen scheinen auf der Gegenseite zu arbeiten: Sie binden Feinde und lähmen ein Heer.
Hier kommt die nordische Heerfessel ins Spiel. Im Altnordischen gibt es das Wort herfjǫturr, wörtlich „Heerfessel“ – eine plötzliche Lähmung, die einen Krieger im Kampf überfällt. In der Liste der Walkürennamen im eddischen Lied Grímnismál (Strophe 36) taucht Herfjǫturr sogar als Name einer Walküre auf. Manche Forscher lesen den Merseburger Spruch deshalb als Zeugnis eines gemeingermanischen Glaubens an Schlachtfrauen, die Kämpfer durch magische Fesseln lähmen oder befreien können. Andere halten die Verbindung für zu dünn: Ein einzelner Walkürenname im Norden des 13. Jahrhunderts erklärt nicht automatisch einen Spruch aus dem Frankenreich des 10.
Grimm zog einen Vergleich aus England heran: Beda erzählt (Kirchengeschichte IV, 22) vom Krieger Imma, der 679 gefangen wurde und dessen Fesseln immer wieder abfielen, weil sein Bruder, ein Abt, Messen für ihn las. Der Bewacher fragte, ob Imma litteras solutorias bei sich trage, „lösende Buchstaben“; die altenglische Übersetzung spricht von einer „lösenden Rune“. Die Vorstellung, Fesseln durch Worte zu lösen, war also geläufig – die Kirche erzählte sie mit eigenem Vorzeichen.
Der zweite Spruch ist der berühmtere. Hier der normalisierte Text:
Phol ende Uuodan uuorun zi holza.
dû uuart demo balderes uolon sîn uuoz birenkit.
thû biguolen Sinthgunt, Sunna era suister;
thû biguolen Frîia, Uolla era suister;
thû biguolen Uuodan, sô hê uuola conda:
sôse bênrenki, sôse bluotrenki,
sôse lidirenki:
bên zi bêna, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse gelîmida sîn.Zweiter Merseburger Zauberspruch, althochdeutsch, 10. Jh. (gemeinfrei)
Phol und Wodan ritten in den Wald.
Da wurde dem Fohlen Balders sein Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt, Sunna ihre Schwester;
da besprach ihn Frija, Volla ihre Schwester;
da besprach ihn Wodan, so wie er es gut konnte:
Sei es Knochenverrenkung, sei es Blutverrenkung,
sei es Gliederverrenkung:
Knochen zu Knochen, Blut zu Blut,
Glied zu Gliedern, als ob sie geleimt wären.Eigene Übertragung, Glanz & Gravur
Das Verb biguolen gehört zu althochdeutsch galan, „Zauber singen“ – derselben Wurzel wie altnordisch galdr, das Zauberlied, und unsere „Nachtigall“. Die Götter schienen das Bein nicht, sie besingen es. Dieselbe Vorstellung steckt hinter Odins Zauberliedern in der Hávamál, siehe das Runatal. Und althochdeutsch bên heißt „Knochen“, wie noch im „Gebein“.
Was den zweiten Spruch so einzigartig macht, ist seine Besetzung. In neun Zeilen treten sechs Namen auf – mehr als in jedem anderen althochdeutschen Text.
Wodan ist sicher: Es ist der westgermanische Name des Gottes, den der Norden als Odin kennt. Dass ausgerechnet er den Heilzauber beherrscht, „so wie er es gut konnte“, passt zu seinem Bild in der nordischen Überlieferung als Herr der Zauberlieder, Runen und des verborgenen Wissens. Mehr zu ihm bei Odin und, für die festländische Form, bei Wodan, Donar & Ziu.
Frija ist ebenso unumstritten. Sie entspricht der nordischen Frigg, Odins Gattin, und den Langobarden als Frea bekannt. Der Merseburger Spruch ist einer der ältesten Belege, in denen sie als handelnde Göttin erscheint. Ihr Porträt findest du bei Frigg und bei Frija.
Volla (Handschrift: uolla) wird „ihre Schwester“ genannt. Im Norden kennt Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert eine Fulla, die Frigg als Dienerin und Vertraute zur Seite steht, mit offenem Haar und goldenem Stirnband, und die Friggs Schmuckkästchen trägt. Der Name bedeutet wohl „Fülle“. Dass die südliche Volla und die nördliche Fulla dieselbe Gestalt sind, ist sehr wahrscheinlich; auffällig ist nur, dass aus der „Schwester“ im Norden eine Dienerin wurde.
Sunna ist die Sonne – als Göttin. Im Eddalied Alvíssmál heißt es, die Sonne werde bei den Menschen sól, bei den Göttern aber sunna genannt. Der Merseburger Spruch ist eines der wichtigsten Zeugnisse dafür, dass die Sonne auch auf dem Festland als weibliche Gottheit verehrt wurde. Die ganze Spurensuche, von der Bronzezeit bis zur Edda, steht im Artikel über Sunna und Sól.
Sinthgunt (Handschrift: sinhtgunt) ist sonst nirgends belegt. Der Name lässt sich zerlegen in sinth, „Weg, Gang, Reise“, und gund, „Kampf“. Weil sie als Schwester der Sonne genannt wird, hat man in ihr eine Mond- oder Sterngottheit vermutet, etwa „die, die ihren Weg erkämpft“ über den Himmel. Das bleibt Spekulation. Der Text ist zudem doppeldeutig: „Sunna era suister“ kann heißen, dass Sunna Sinthgunts Schwester ist – oder umgekehrt.
Bleiben die zwei Namen, um die seit Grimm am heftigsten gestritten wird. Der erste Vers beginnt mit Phol. In der Handschrift steht ein großes P, darauf ol, und ein h ist nachträglich über die Zeile gesetzt. Schon diese Korrektur zeigt: Auch der Schreiber war sich offenbar nicht ganz sicher.
Die wichtigsten Deutungen im Überblick:
Keine dieser Lösungen hat sich durchgesetzt. Die ehrliche Antwort auf „Wer ist Phol?“ lautet: Wir wissen es nicht.
Ähnlich verzwickt ist die zweite Zeile: demo balderes uolon, „dem Fohlen des Balder“. Liest man Balder als Eigennamen, erscheint hier der Gott, den die Edda als Baldr kennt – Odins strahlenden Sohn, dessen Tod die Welt der Götter erschüttert. Das wäre der einzige Beleg für Balder als Gott auf dem Festland. Sein nordisches Porträt steht im Artikel über Balder.
Das Problem: In den westgermanischen Sprachen ist ein Gott Balder sonst nicht bezeugt. Es gibt aber ein Wort, das „Herr, Fürst“ bedeuten kann – altenglisch bealdor etwa wird so gebraucht, und auch im Altnordischen kann baldr in der Dichtung ein „Herr“ sein. Dann hieße die Zeile einfach: „dem Fohlen des Herrn“. Und der Herr wäre – je nach Lesart – Phol oder Wodan selbst.
Beide Lesarten haben Gewicht: Die eine gewinnt einen frühen Beleg für Balder außerhalb Islands, die andere vermeidet einen Einzelbeleg ohne Parallele. Viele Ausgaben schreiben deshalb bewusst klein: balderes.
Beide Sprüche folgen demselben Bauplan, und der ist für die Zauberforschung mindestens so wichtig wie die Götternamen. Zuerst kommt ein epischer Teil, eine kleine Geschichte aus der mythischen Vorzeit: Die Idisen sitzen und handeln; Phol und Wodan reiten, das Pferd verletzt sich, die Götter singen. Die Fachsprache nennt so etwas eine Historiola, eine „kleine Geschichte“. Darauf folgt die eigentliche Zauberformel, die den Fall der Vorzeit auf die Gegenwart überträgt: „Entspring den Fesseln“ – „Knochen zu Knochen“.
Die Logik: Was damals bei den Göttern geschah, soll jetzt wieder geschehen. Der Sprecher ruft den Präzedenzfall auf. Dazu kommt die Steigerung – zwei Göttinnenpaare versuchen es, erst Wodan gelingt es. Dreizahl und Steigerung sind typisch für mündliche Dichtung.
Wie lebendig dieser Bauplan blieb, zeigt ein christlicher Verwandter aus derselben Zeit. Der sogenannte Trierer Pferdesegen, ebenfalls althochdeutsch und ins 10. Jahrhundert datiert, erzählt nach demselben Muster: Christus und der heilige Stephan kommen in eine Stadt, Stephans Pferd erkrankt, Christus heilt es – und so, heißt es dann sinngemäß, möge auch dieses Pferd mit Christi Hilfe geheilt werden. Danach folgt ein Vaterunser.
Zwei Reisende, ein krankes Pferd, göttliche Heilung, dann die Übertragung auf den aktuellen Fall – nur die Darsteller sind ausgetauscht. Grimm vermutete schon 1842, dass christliche Segen ältere heidnische Vorbilder umbesetzten. Ob Merseburg das Vorbild war oder beide aus einer gemeinsamen Tradition schöpfen, lässt sich nicht entscheiden.
Die Umbesetzung reicht bis in die Neuzeit: In einem norwegischen Text von 1787 heilt Jesus das gebrochene Bein eines Fohlens, „Mark zu Mark, Bein zu Bein“; in einem schwedischen Spruch von 1672 reiten „unser Herr und Sankt Peter“. Der Reiter wechselt, die Formel bleibt. Einen englischen Verwandten stellen wir im Beitrag über den Canterbury-Zauberspruch vor.
Noch weiter zurück führt eine Parallele, die der Sprachforscher Adalbert Kuhn im 19. Jahrhundert bekannt gemacht hat. Im Atharvaveda, einer altindischen Sammlung von Zauber- und Segensliedern, steht ein Heilspruch (Buch IV, Lied 12) für gebrochene Glieder. Er ruft eine Heilpflanze an und formuliert, in der gemeinfreien englischen Übersetzung von William Dwight Whitney (1905) und hier von uns sinngemäß übertragen:
Mark werde mit Mark zusammengefügt, Gelenk mit Gelenk; was von deinem Fleisch abgefallen ist, das wachse zusammen, und dein Knochen wachse zusammen.Atharvaveda IV, 12, nach Whitney 1905, eigene Übertragung
Die Ähnlichkeit zum Merseburger „Knochen zu Knochen, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern“ springt ins Auge. Kuhn schloss daraus auf ein gemeinsames indogermanisches Erbe – eine Heilformel, die über Jahrtausende in Indien wie in Germanien weitergegeben worden wäre. Diese Sicht hat viele Anhänger. Es gibt aber auch gewichtige Gegenstimmen: Der Indologe Klaus Mylius hält die Übereinstimmungen für zufällig. Wer ein gebrochenes Bein heilen will, landet eben fast zwangsläufig bei Knochen, Blut und Gliedern – die Formel liegt in der Sache selbst.
Der Vergleich beweist kein gemeinsames Urgedicht, zeigt aber, dass der Merseburger Spruch zu einer weit verbreiteten Familie von Heilformeln gehört – bis hin zu irischen, finnischen und baltischen Segen. Wie Heilen und Zauberworte im Norden ineinandergriffen, zeigt unser Beitrag über die Heilkunde der Wikinger.
Der Wert der Merseburger Zaubersprüche ist kaum zu überschätzen – gerade deshalb lohnt es sich, ihn genau zu beschreiben. Aus dem Festland gibt es durchaus andere Zeugnisse für die alten Götter: Die Bügelfibel von Nordendorf aus dem 6./7. Jahrhundert trägt eine Runeninschrift mit den Namen Wodan und Wigiþonar (wohl Donar); das altsächsische Taufgelöbnis lässt den Täufling Thunaer, Woden und Saxnot abschwören. Dazu kommen Wochentagsnamen, Ortsnamen und Berichte römischer und christlicher Autoren.
Aber all das sind Namenslisten, kurze Weihungen oder Texte von Gegnern. Die Merseburger Zaubersprüche sind die einzigen Texte in althochdeutscher Sprache, in denen vorchristliche Götter in einer eigenen kleinen Erzählung auftreten und handeln – Wodan reitet und singt, Frija und Sunna besprechen ein Pferd. Hier spricht kein Missionar über die Heiden, hier sprechen die Anwender selbst. Zum Vergleich: Fast alles, was wir über die Götter des Nordens wissen, stammt aus der Edda und von Snorri, also aus dem christlichen Island des 13. Jahrhunderts. Die Merseburger Sprüche sind rund 300 Jahre älter und kommen aus einem ganz anderen Raum. Wie die nordischen Quellen entstanden, erklären wir im Artikel über die Edda.
Daraus ergibt sich ein Prüfstein: Wenn Frija als Wodans Partnerin, Fulla/Volla als ihre Begleiterin und Sunna als Göttin sowohl in Merseburg als auch in Island auftauchen, dann ist das ein starkes Argument dafür, dass Snorri diese Figuren nicht erfunden hat. Die Sprüche sind so etwas wie eine Gegenprobe für die nordische Mythologie.
Seit Grimm gehören die Sprüche zum Kanon der althochdeutschen Literatur. Walter Benjamin griff den zweiten Spruch in seinem Denkbild „Erzählung und Heilung“ auf – als Beispiel dafür, dass Erzählen selbst heilen kann.
In der Musik wurden sie mehrfach vertont, etwa von Ougenweide in den 1970er-Jahren und von In Extremo (1999). Was von der Musik der frühen Zeit wirklich überliefert ist, klärt unser Beitrag über Musik der Wikingerzeit.
Und auch die Handschrift selbst rückt wieder ins Licht. 2021 stellten die Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und das Kollegiatstift Zeitz einen Antrag, die Merseburger Zaubersprüche in das UNESCO-Register des Weltdokumentenerbes („Memory of the World“) aufzunehmen. Die Deutsche UNESCO-Kommission hat ihn unterstützt; eine Entscheidung steht nach unserem Kenntnisstand noch aus.
Wir gravieren viele Motive aus dem Norden. Die Merseburger Sprüche sind für uns besonders, weil sie aus unserer eigenen Sprachgeschichte stammen: Wer „bên zi bêna, bluot zi bluoda“ laut liest, hört ein Deutsch von vor über tausend Jahren. Und das Pferd war in dieser Welt weit mehr als ein Nutztier, wie unser Artikel über heilige Pferde zeigt.
Der Schreiber von Merseburg war Christ und schrieb in ein Messbuch – und hielt die alten Sprüche trotzdem fest. Ohne ihn wäre eine ganze Welt stumm geblieben.

Was sind die Merseburger Zaubersprüche? Zwei kurze althochdeutsche Zaubersprüche aus dem 10. Jahrhundert: ein Lösezauber für Gefangene und ein Heilzauber für ein verrenktes Pferdebein. Sie sind die einzigen althochdeutschen Texte, in denen heidnische Götter selbst handeln.
Wo werden die Merseburger Zaubersprüche aufbewahrt? In der Domstiftsbibliothek Merseburg in Sachsen-Anhalt, in der Handschrift Cod. I 136 auf Blatt 85r. Die Trägerhandschrift ist ein Sakramentar aus dem 9. Jahrhundert.
Wer hat die Merseburger Zaubersprüche entdeckt? Der Historiker Georg Waitz fand sie 1841. Jacob Grimm veröffentlichte sie 1842 erstmals und deutete sie als Zeugnisse aus der Zeit des deutschen Heidentums.
Was bedeutet „Phol ende Wodan vuorun zi holza“? „Phol und Wodan ritten in den Wald.“ Wer Phol ist, ist ungeklärt: ein sonst unbekannter Gott, ein männliches Gegenstück zu Volla, ein gelehrter Name wie Apollo oder Paulus – oder schlicht das Fohlen.
Kommt Balder in den Merseburger Zaubersprüchen vor? Vielleicht. Das Wort balderes kann als Name des Gottes Balder oder als „des Herrn“ gelesen werden. Die Forschung ist sich darüber bis heute nicht einig.
Wer sind die Idisi? Übermenschliche Frauen, die im ersten Spruch Fesseln anlegen, ein Heer hemmen und Bande lösen. Man vergleicht sie mit Walküren, Disen oder Matronen; eine sichere Gleichsetzung gibt es nicht.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Wodan, Donar & Ziu · Frija – Göttin der Woche · Die germanische Religion · Donar · Runenzauber – alu, laukaʀ und die Formelwörter.