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Der Canterbury-Zauberspruch – wie Thor um 1073 in einer englischen Klosterhandschrift gegen einen Wunddämon antrat

Runen & Magie Der Canterbury-Zauberspruch – wie Thor um 1073 in einer englischen Klosterhandschrift gegen einen Wunddämon antrat

Der Canterbury-Zauberspruch ist ein altnordischer Heilzauber in Runenschrift, der am Rand einer englischen Handschrift aus Christ Church in Canterbury steht – geschrieben kurz nach 1073, heute London, British Library, Cotton Caligula A XV. Er befiehlt einem Krankheitswesen namens Gyrill, „Wundquirl“, zu verschwinden, ruft Thor an und richtet sich gegen „Aderneiter“, also eine eitrige, sich ausbreitende Entzündung. Wir zeigen dir den Text, was an der Übersetzung sicher ist und was nicht, und warum ein Zauber aus Schweden fast denselben Wortlaut hat.

Stell dir eine Buchseite vor, die eigentlich ganz brav ist. Ostertafeln, Mondtage, Berechnungen für den Kirchenkalender, Jahreseinträge über Erzbischöfe und Könige. Ein Arbeitsbuch von Mönchen für Mönche, geschrieben in Canterbury, dem geistlichen Herzen Englands. Und dann, unten am Rand, eine Zeile, die da nicht hingehört. Runen statt lateinischer Buchstaben, Altnordisch statt Englisch. Und kein Heiliger, sondern ein Name, den hier niemand erwarten würde: Þórr.

Diese Zeile ist der sogenannte Canterbury-Zauberspruch, in der englischen Forschung meist Canterbury Rune Charm oder Canterbury charm genannt. Kaum dreißig Wörter – aber er öffnet eine Tür in eine Welt, in der Kloster, Kalender und Kirchenjahr ganz selbstverständlich neben einem Donnergott standen, der Riesen den Schädel spaltet. Und er hat Verwandte auf Kupferblechen und Knochen aus Schweden und Dänemark.

Die Handschrift: ein Kalenderbuch aus Christ Church

Die Signatur klingt nach Behördenpost: London, British Library, Cotton Caligula A XV. Der Name stammt von Sir Robert Cotton, dem Sammler des 17. Jahrhunderts, dessen Bücherschränke nach römischen Kaiserbüsten benannt waren. Hinter dieser nüchternen Bezeichnung verbirgt sich ein zusammengebundener Band aus ganz verschiedenen Teilen. Der vordere, ältere Teil stammt aus dem 8. und 9. Jahrhundert und kam aus Nordostfrankreich nach England. Der hintere Teil, ungefähr ab Blatt 120, ist englisch und gehört ins 11. Jahrhundert.

Genau dieser hintere Teil interessiert uns. Er wurde nach heutigem Stand der Handschriftenforschung zumindest teilweise in Christ Church, der Kathedrale von Canterbury, geschrieben. Er enthält, was ein Kloster für seinen Alltag brauchte: Komputistik (die Berechnung des Osterdatums und der beweglichen Feste), Notizen zu Gottesdiensten, eine Jahrestabelle, Annalen der Kirche von Canterbury, Mondprognosen – und auch Segens- und Heilsprüche in Latein und Altenglisch.

Wie man auf „um 1073“ kommt: Die Annalen dieses Teils sind bis zum Jahr 1073 in derselben Hand und Tinte geschrieben wie der Rest des Abschnitts; der Eintrag zu 1076 stammt von derselben Hand mit anderer Tinte. Daraus schließt die Forschung, dass der Hauptschreiber kurz nach 1073 arbeitete. Der Runenzauber steht als Nachtrag am unteren Rand (meist mit fol. 123 angegeben). Ob er im selben Moment oder etwas später eingetragen wurde, lässt sich nicht exakt sagen – „um 1073“ ist eine gute Faustregel, kein Stempel.

Der Spruch wurde nicht „eingeritzt“, wie man manchmal liest. Runen waren eine Ritzschrift für Holz, Knochen, Metall und Stein. Hier aber hat jemand mit Feder und Tinte Runen auf Pergament geschrieben. Ein Gebrauchszauber in Runen mitten in einem englischen Klosterbuch ist eine echte Seltenheit.

Canterbury 1073: Dänen, Normannen, Mönche

Warum ausgerechnet Canterbury? 1011 hatten dänische Heere die Stadt erobert und Erzbischof Ælfheah verschleppt; im Jahr darauf wurde er in Greenwich von betrunkenen Kriegern erschlagen. Wenige Jahre später saß mit Knut dem Großen ein Däne auf dem englischen Thron, und ausgerechnet er wurde zum Förderer von Christ Church: Er ließ 1023 die Gebeine Ælfheahs feierlich nach Canterbury überführen und machte der Kathedrale Geschenke.

Dazu kam das große Hinterland skandinavischer Siedlung im Norden und Osten Englands, das Danelag. Und 1066 kam mit Wilhelm dem Eroberer die nächste Umwälzung; seit 1070 war der Italiener Lanfranc Erzbischof von Canterbury. Mehr zum Hintergrund findest du in unserem Überblick über die Wikinger in England.

In dieses Umfeld passt eine skandinavische Heilformel erstaunlich gut. Wer sie eingetragen hat, wissen wir nicht. Einige Forscher halten es für möglich, dass der Text selbst älter ist als die Handschrift und aus dem ostskandinavischen, also dänischen oder schwedischen Sprachraum stammt. Das ist plausibel, aber nicht bewiesen.

Der Text: was auf der Seite steht

Die Runen selbst sind klar lesbar, die Umschrift ist nicht strittig. In der üblichen Transliteration (Runen in lateinische Buchstaben übertragen) lautet sie:

kuril sarþuara far þu nu funtin is tu þur uigi þik þorsa trutin iuril sarþuara uiþr aþra uariCanterbury-Zauberspruch, British Library, Cotton Caligula A XV, Transliteration

Normalisiert ins Altnordische, also in eine einheitliche Wörterbuchschreibung gebracht, ergibt das etwa: Gyrils sárþvara, far þú nú! Fundinn ertu. Þórr vígi þik, þursa dróttinn! Gyrils sárþvara. Viðr æðravari. Eine eigene, möglichst wörtliche Übertragung:

Gyrills Wundquirl, geh jetzt fort! Du bist gefunden. Thor weihe dich, Herr der Thursen! Gyrills Wundquirl. Gegen Aderneiter.Eigene Übertragung nach der normalisierten Lesung

Wort für Wort:

Gyril / Gyrill. Im ersten Vorkommen steht kuril, im zweiten iuril. Die Runenschrift unterschied nicht zwischen k und g, daher die Lesung „Gyril“. Was der Name bedeutet, weiß niemand sicher. Meist wird er als Name eines Riesen oder Krankheitsdämons verstanden, dessen „Wundquirl“ hier angesprochen wird.

sárþvara. Sár ist die Wunde, þvara ein Rührstab oder Quirl, mit dem man Brei umrührt. Ein „Wundquirl“ wäre also etwas, das in der Wunde rührt und bohrt – ein sehr anschauliches Bild für pochenden, wühlenden Schmerz. Englische Übersetzungen schwanken zwischen „wound-tap“ und „wound-causer“ – beides Deutungen.

far þú nú, fundinn ertu. „Geh jetzt, du bist gefunden.“ Das ist das Herz vieler Bannsprüche: Wer das Übel benennt und entlarvt, hat Macht über es.

Þórr vígi þik. „Thor weihe dich.“ Dazu gleich mehr – diese drei Wörter sind die eigentliche Sensation.

þursa dróttinn. „Herr der Thursen“. Þurs ist ein altes Wort für einen Riesen, oft mit dem Beiklang von Unhold oder Schadenbringer (mehr dazu in unserem Artikel über die Riesen). Dróttinn ist der Gefolgsherr, der Fürst.

viðr æðravari. „Gegen Adern-Eiter“. Æðr ist die Ader, var eine Flüssigkeit, hier wohl Eiter. Gemeint ist vermutlich eine entzündete, eiternde Wunde, deren Infektion sich ausbreitet – modern gesprochen vielleicht eine Blutvergiftung. Die letzte Zeile ist die Gebrauchsanweisung.

Wer ist hier eigentlich „Herr der Thursen“?

An dieser Stelle müssen wir unseren eigenen älteren Text korrigieren. Dort stand, Thor werde im Spruch als „Herr der Thursen“ angerufen, weil er ihr größter Bezwinger sei. Das ist eine mögliche, aber nicht die wahrscheinlichste Lesart.

Schau auf den Satzbau: Þórr vígi þik, þursa dróttinn. „Þik“, also „dich“, ist das Wesen, das angesprochen wird – und das ist der Krankheitsdämon, dem man gerade befohlen hat, zu verschwinden. „Þursa dróttinn“ steht direkt daneben und wirkt wie eine Anrede an dieses „Du“: Thor soll dich weihen, du Herr der Thursen. Der Dämon ist also selbst der Fürst der Unholde, und Thor wird gegen ihn ins Feld geführt.

Den stärksten Grund für diese Lesung liefert ein Kupferblech aus Schweden, das wir gleich genauer anschauen. Dort heißt es in der ersten Zeile: Þurs sárriðu, þursa dróttinn! – „Thurs des Wundfiebers, Herr der Thursen!“ Hier gibt es keinen Zweifel: Mit „Herr der Thursen“ wird das Krankheitswesen angesprochen, nicht ein Gott. Deshalb liest man heute meist auch Canterbury so.

Mythos-Check: „Thor wird im Canterbury-Spruch als Herr der Riesen angerufen“ – so liest man es oft, und grammatisch ist es nicht völlig ausgeschlossen. Wahrscheinlicher ist aber: Der Krankheitsdämon wird als „Herr der Thursen“ angeredet und Thor gegen ihn aufgeboten. Thor als Gebieter der Riesen widerspräche zudem allem, was die Mythen über ihn erzählen.

„Þórr vígi“ – eine Formel von den Runensteinen

Die Wendung Þórr vígi, „Thor weihe“, hat der Schreiber nicht erfunden. Sie stand jahrhundertelang auf dänischen und schwedischen Runensteinen. Auf dem Stein von Glavendrup auf Fünen, einem der großen Denkmäler des 10. Jahrhunderts, heißt es am Ende: Þórr vígi þessi rúnar – „Thor weihe diese Runen“. Der Stein von Virring in Jütland schließt mit „Thor weihe dieses Denkmal“, der von Sønder Kirkeby auf Falster mit „Thor weihe die Runen“, und auch auf dem Stein von Velanda in Västergötland findet sich die Formel.

Auf den Steinen stellt die Formel Grabmal und Inschrift unter Thors Schutz. Im Canterbury-Spruch aber wird ein Dämon „geweiht“. Was soll das heißen?

Ein Blick in die Mythen hilft. Vígja ist das Wort, das Snorri Sturluson für Thors Hammerhandlungen benutzt. In der Gylfaginning erschlägt Thor auf einer Reise seine beiden Ziegenböcke zum Abendessen und erweckt sie am nächsten Morgen wieder, indem er mit Mjölnir die Felle weiht. Bei Balders Begräbnis tritt er an den Scheiterhaufen und weiht ihn mit dem Hammer. In der Þrymskviða soll der Hammer der „Braut“ in den Schoß gelegt werden, um die Ehe zu weihen. Weihen ist bei Thor also kein sanftes Segnen, sondern eine Handlung mit dem Hammer Mjölnir – und Mjölnirs eigentlicher Beruf ist das Zerschmettern von Riesenschädeln.

Gut möglich also, dass „Thor weihe dich“ für den Dämon eine sehr unangenehme Pointe hatte: Er wird nicht gesegnet, er wird unter den Hammer gestellt. Sicher ist diese Deutung nicht, aber sie passt zur Logik des Zaubers.

Thor als Riesentöter – warum ausgerechnet er?

Thor ist in den Quellen kein Heilgott. Keine Edda-Strophe zeigt ihn beim Verbinden von Wunden, kein Skalde lobt seine Arznei. Mindy MacLeod und Bernard Mees betonen in ihrem Standardwerk über Runenamulette genau diesen Punkt: Thors Rolle im Zauber kommt nicht aus der Heilkunde, sondern aus seiner Feindschaft gegen die Riesen und seiner Funktion als Beschützer der Menschen.

Diese Funktion ist gut belegt. Snorri erzählt, dass die Götter nur Thors Namen rufen müssen, wenn ein Riese in Asgard tobt, und schon steht er mit erhobenem Hammer im Saal – so geschieht es im Streit mit Hrungnir. Zwei Skaldenstrophen, die Snorri in der Skáldskaparmál überliefert, bestehen fast nur aus einer Liste von Riesen und Riesinnen, denen Thor die Knochen gebrochen oder den Schädel eingeschlagen hat. Mehr über ihn in unserem Porträt Thor – Donner über Midgard.

Und Krankheit gehörte im Denken vieler Menschen genau zu diesem wilden Draußen. Sie kam von feindlichen Wesen: Riesen, Zwergen, Alben, Hexen. Das Altenglische kennt dafür den Ausdruck vom „Geschoss“ – in einem Spruch gegen plötzliches Stechen ist die Rede vom Geschoss der Asen, der Alben und der Hexen. Sitzt ein Thurs im Fleisch, ruft man nicht den Bader, sondern den Riesentöter.

Das Sigtuna-Amulett: fast derselbe Spruch in Schweden

Im März 1931 kam in Sigtuna, der frühen Königsstadt am Mälarsee, im Viertel Granhäcken ein Kupferblech zutage, etwa 8 Zentimeter lang und keine 3 Zentimeter breit. Beide Seiten tragen Runen des jüngeren Futhark. Datiert wird es ins 11. Jahrhundert – also ungefähr in die Zeit des Canterbury-Spruchs.

Nach der Lesung von Sofia Pereswetoff-Morath (2019) beginnt die erste Seite: Þurs sárriðu, þursa dróttinn! Flý þú nú! Fundinn es. – sinngemäß: „Thurs des Wundfiebers, Herr der Thursen! Flieh jetzt! Du bist gefunden.“ Die zweite Seite droht einem „Wolf“ drei Qualen und neun Nöte an, enthält eine Reihe von íss-Runen (Eis-Runen, wohl um das Übel „festzufrieren“), und endet mit Njót lyfja! – „Nutze den Heilzauber!“

ElementCanterburySigtuna-Amulett
KrankheitswesenGyrills „Wundquirl“Thurs des „Wundfiebers“
Anredeþursa dróttinnþursa dróttinn
Befehlfar þú nú – geh jetztflý þú nú – flieh jetzt
Entlarvungfundinn ertufundinn es
Göttliche HilfeÞórr vígi þikkeine Götteranrufung, dafür Drohformeln

Das ist kein Zufall: Im 11. Jahrhundert gab es eine feste Formel, die über das Meer weitergegeben wurde – mündlich, auf Blech, auf Pergament. Canterbury ist ein englischer Ableger einer skandinavischen Heiltradition.

Der Fieberknochen aus Sigtuna und der Name Gyrill

1996 kam in Sigtuna ein weiterer Fund ans Licht: eine Rinderrippe, beidseitig mit über hundert Runen beschrieben, gefunden bei Ausgrabungen im Viertel Professorn und stratigrafisch ins späte 11. oder frühe 12. Jahrhundert gesetzt. Der Runologe Helmer Gustavson hat sie 2010 ausführlich gedeutet. Auch hier geht es um ein Krankheitswesen, das aus einem Menschen vertrieben werden soll, und auch hier ist von Fieber die Rede.

Spannend wird es beim Namen. Auf der Rippe erscheint ein Wesen, dessen Name als Iorils gelesen wird. Gustavson verband ihn mit dem Gyril/Iuril von Canterbury – erinnere dich: Dort steht beim zweiten Mal iuril. Magnus Källström hat dem 2012 widersprochen und den Sigtuna-Namen eher als eigenständiges Wort gedeutet, möglicherweise verwandt mit einem alten Wort für Wasser. Wer recht hat, ist offen.

Befund: Canterbury (Pergament, um 1073), Sigtuna-Amulett I (Kupferblech, 11. Jh.) und der Sigtuna-Fieberknochen (Rinderrippe, spätes 11./frühes 12. Jh.) teilen Formelteile: Anrede eines Krankheitswesens, Befehl zum Weichen, „du bist gefunden“. Das spricht für eine verbreitete, feste Spruchtradition in Skandinavien und England.

Kvinneby: Thor mit dem Hammer aus dem Meer

Thors Anrufung im Canterbury-Spruch hat ebenfalls eine Parallele. Auf der Insel Öland wurde in den 1950er-Jahren beim Dorf Södra Kvinneby ein kleines quadratisches Kupferblech gefunden, etwa 5 mal 5 Zentimeter groß, mit einem Loch zum Umhängen. Es trägt rund 140 Runen und einen geritzten Fisch. Datiert wird es etwa in die Zeit um 1050–1130, also ungefähr zeitgleich mit Canterbury.

Der Text ist schwierig und wurde sehr unterschiedlich gelesen. Weitgehend einig ist man sich bei einem Kernsatz: Thor möge einen Mann namens Bófi schützen, und zwar mit dem Hammer, der aus dem Meer kam. Manche Forscher sehen darin einen Bezug auf Thors Fischzug, bei dem er die Midgardschlange an die Angel bekam; ältere Lesungen fanden im Text zudem einen Krankheitsdämon, den neuere Lesungen nicht mehr bestätigen.

Zusammen zeigen Kvinneby und Canterbury: Noch im offiziell christlichen 11. Jahrhundert galt Thor in privaten Schutzzaubern als bewährte Hilfe gegen Übel.

Ribe: Schädelstück und Heilstab

Wie alt diese Art von Zauber im Norden ist, zeigt Ribe in Jütland, die älteste Stadt Dänemarks. 1973 fand man dort ein Stück eines menschlichen Schädeldachs, etwa 6 mal 8,5 Zentimeter groß, mit einem gebohrten Loch und einer Runeninschrift. Es wird ins 8. Jahrhundert datiert, um 725, und gehört damit zu den frühesten Zeugnissen des jüngeren Futhark.

Die Inschrift nennt Ulfr, Odin und „Hoch-Tyr“ und bittet um Hilfe gegen ein Übel. Früher las man „gegen diesen Schmerz“; die Runologin Jackie Nordström hat 2021 gezeigt, dass an der entscheidenden Stelle eher von einem Zwerg und einer Zwergin die Rede ist. Das passt bestens zu einer Vorstellung, die wir auch aus England kennen: Zwerge als Verursacher von Krankheit, besonders von Fieber. Das Altenglische hat einen eigenen Spruch „Gegen einen Zwerg“. Mehr dazu in unserem Artikel über Zwerge als Krankheitsdämonen.

Gut fünfhundert Jahre jünger ist der Ribe-Heilstab, ein Kiefernholzstab aus der Zeit um 1300 mit einem langen Spruch in Runen. Er beginnt mit einer Anrufung von Erde und „Hochhimmel“, Sonne, der heiligen Maria und Gott dem Herrn, bittet um „heilende Hände“ und „heilende Zunge“ gegen den „Zitterer“, offenbar eine Fieberkrankheit, und erwähnt einen schwarzen Stein im Meer, auf dem neun Nöte liegen. Er endet mit „Amen“. Die „neun Nöte“ kennen wir schon vom Sigtuna-Amulett, und die „heilenden Hände“ erinnern an die Sigrdrífumál der Edda.

Heilzauber im Mittelalter: Kirche, Kräuter, Runen

Es wäre zu einfach, den Canterbury-Spruch als heimliches Heidentum zu deuten, das sich in ein Klosterbuch geschmuggelt hat. Die mittelalterliche Heilkunde war ein Feld, auf dem Gebet, Kräuter, Segen und Zauber ganz selbstverständlich nebeneinanderstanden. Englische Heilbücher wie Bald’s Leechbook (10. Jahrhundert) oder die Lacnunga-Sammlung mischen Arzneirezepte, Kräuter, lateinische Gebete und altenglische Beschwörungen. Im berühmten Neunkräutersegen erscheint sogar Woden, der neun „Glanzzweige“ nimmt und damit eine Schlange zerschlägt.

Die Handschrift Cotton Caligula A XV selbst enthält neben dem Runenzauber weitere Segens- und Heilsprüche in Latein und Altenglisch. Ein Schreiber, der so etwas notierte, verstand sich nicht als Ketzer, sondern als jemand, der nützliches Wissen sammelt.

Daneben standen die praktischen Mittel: Wundpflege, Kräuter, Umschläge. Was wir darüber aus Funden und Quellen des Nordens wissen, haben wir in Kräuter & Heilkunde der Wikinger und in Heilkunde der Wikinger: zwischen Kräutern und Zauber zusammengetragen. Wer eine eiternde Wunde hatte, bekam vermutlich beides: einen Umschlag und einen Spruch.

Auch die Edda kennt diese Verbindung. Im Runatal der Hávamál zählt Odin seine Zaubersprüche auf, und einer davon ist für die, die als Ärzte leben wollen (siehe unseren Artikel über das Runatal). Und die Egils saga erzählt warnend von einem kranken Mädchen, dem falsch geritzte Runen auf einem Walknochen noch mehr geschadet hatten – bis Egil sie entfernte und neue ritzte.

Merseburg und Canterbury: ein Vergleich

Wer sich für germanische Heilzauber interessiert, landet früher oder später bei den Merseburger Zaubersprüchen. Die beiden Sprüche aus einer Handschrift des 10. Jahrhunderts in Merseburg sind auf Althochdeutsch geschrieben, nicht in Runen. Der zweite ist ein Heilspruch für ein verrenktes Pferdebein: Phol und Wodan reiten in den Wald, das Fohlen Balders verrenkt sich den Fuß, mehrere Göttinnen besprechen es, und schließlich heilt Wodan es mit der Formel „Knochen zu Knochen, Blut zu Blut, Glied zu Glied“.

Merseburg erzählt eine kleine Göttergeschichte und überträgt sie auf den aktuellen Fall – die Forschung spricht von einer „Historiola“. Canterbury erzählt nichts, er befiehlt, entlarvt und droht. Wodan heilt, Thor bannt: zwei Methoden, ein Weltbild, beide überliefert in christlichen Büchern.

Runen als Zauberschrift – und was davon stimmt

Bleibt die Frage, warum der Spruch in Runen geschrieben wurde. Hatten Runen in sich magische Kraft? Die nüchterne Antwort: Runen waren in erster Linie eine Schrift, mit der man Namen, Besitz, Gedenken und Botschaften festhielt. Auf vielen Objekten steht ganz Alltägliches. Daneben gibt es aber eine Gruppe von Inschriften, in denen Runen eindeutig zu Schutz und Heilung eingesetzt wurden – mit Formelwörtern wie alu, mit Göttern, mit Bannsprüchen. Einen Überblick gibt unser Artikel Runenzauber – alu, laukaz und die Formelwörter der Runen.

Im Fall Canterbury hat die Runenschrift wohl einen einfachen Grund: Der Spruch kam aus Skandinavien, und dort schrieb man solche Texte eben in Runen – auf Blech, auf Knochen, auf Holz. Der Schreiber in Canterbury übernahm die Schriftform mit. Ob die fremde Schrift zusätzlich geheimnisvoll wirken sollte, ist Vermutung. Die Runen gehören übrigens zum jüngeren Futhark mit seinen 16 Zeichen, das in der Wikingerzeit gebräuchlich war.

Was der Spruch über den Glaubenswandel verrät

England war 1073 seit gut vier Jahrhunderten christlich, Dänemark seit über hundert Jahren offiziell bekehrt. Und doch steht in einem Buch der wichtigsten Kirche Englands Thors Name. Das heißt nicht, dass in Canterbury Heiden lebten. Es heißt, dass der Übergang vom alten zum neuen Glauben viel länger dauerte und viel weicher verlief, als es Bekehrungsberichte erzählen. Wie sich dieser Wandel im Ganzen vollzog, beschreiben wir in Die Christianisierung der Germanen.

Für die Benutzer war das vermutlich kein Widerspruch: Gott für das Seelenheil, die Heiligen für Fürsprache – und gegen den Unhold in der Wunde den, der seit jeher mit Unholden fertig wurde. Wer eine Wunde hat, die nicht heilen will, fragt nicht nach Dogmatik, sondern nach Hilfe.

Für uns in der Werkstatt hat der Spruch noch eine andere Seite. Er zeigt, wie eng Schrift und Schutz im Denken unserer Vorfahren zusammengehörten: Was geschrieben steht, bleibt, und was bleibt, wirkt. Wenn wir Runen in Schiefer gravieren, tun wir das als Zeichen und Erinnerung, nicht als Zauber – aber das Gefühl, dass ein festgehaltenes Wort mehr ist als ein gesprochenes, teilen wir mit dem Schreiber von Canterbury.

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Häufige Fragen

Was ist der Canterbury-Zauberspruch? Ein altnordischer Heilspruch in Runen, der um 1073 als Nachtrag in eine englische Handschrift aus Christ Church, Canterbury, eingetragen wurde (British Library, Cotton Caligula A XV). Er bannt ein Krankheitswesen und ruft Thor gegen eine eiternde Entzündung an.

Was bedeutet „þursa dróttinn“? Wörtlich „Herr der Thursen“, also der Riesen oder Unholde. Nach dem Vergleich mit dem Sigtuna-Amulett ist damit sehr wahrscheinlich der Krankheitsdämon gemeint, nicht Thor.

In welcher Sprache ist der Canterbury-Spruch geschrieben? In Altnordisch, mit Runen des jüngeren Futhark, aber mit Feder und Tinte in einer englischen Handschrift. Sprachliche Merkmale deuten auf eine ostskandinavische, also dänische oder schwedische Herkunft der Formel.

Gegen welche Krankheit hilft der Spruch? Die Schlusszeile nennt „Aderneiter“ (æðravari). Gemeint ist wohl eine eiternde Wunde mit sich ausbreitender Infektion, modern vielleicht eine Blutvergiftung. Eine exakte medizinische Gleichsetzung ist nicht möglich.

Gibt es ähnliche Runenzauber? Ja. Das Sigtuna-Amulett aus dem 11. Jahrhundert hat fast denselben Wortlaut, das Kvinneby-Amulett von Öland ruft Thor mit dem Hammer an, und aus Ribe kennt man ein Schädelstück um 725 und einen Heilstab um 1300.

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