England, das Jahr 1073 – sieben Jahre nach der normannischen Eroberung. Am Rand einer christlichen Handschrift ritzt jemand einen Zauber in Runen. Und er ruft nicht Christus an, sondern Thor.
Stellen wir uns die Szene vor: England, das Jahr 1073, sieben Jahre nach der normannischen Eroberung. In einem Skriptorium sitzt jemand über einer angelsächsischen Handschrift – einem christlichen Buch, in einem längst christlichen Land. Und auf eine freie Stelle am Rand ritzt diese Hand einen Zauberspruch. Nicht in lateinischen Buchstaben, sondern in altnordischen Runen. Und er ruft nicht Christus an, nicht die Heiligen, sondern den alten Donnergott Thor.
Dieser Canterbury-Zauberspruch, heute in der British Library aufbewahrt, ist eines der erstaunlichsten Zeugnisse dafür, wie lange und wie unauffällig der alte Glaube im Alltag weiterlebte – mitten im christlichen Mittelalter.
Der Spruch ist eine Heilformel. Er richtet sich gegen ein konkretes Leiden – einen „Blutgefäß-Eiter", also eine entzündete, eiternde Wunde, wie sie in einer Welt ohne Antibiotika lebensgefährlich werden konnte. Nach dem Muster vieler magischer Sprüche benennt und bannt er zunächst den Krankheitsdämon, das schädliche Wesen, das die Entzündung verursacht. Dann ruft er die höchste Schutzmacht an, die man kannte.
„Thor weihe dich, Herr der Thursen!" — Canterbury-Zauberspruch (1073), þórr uīki þik, þursa dróttinn
Die Logik dahinter ist klar und alt: So wie Thor mit seinem Hammer die Riesen – die Thursen – erschlägt, so soll er auch diesen Krankheitsdämon vertreiben. Thor ist hier der „Herr der Thursen" nicht, weil er über sie herrscht, sondern weil er ihr größter Feind und Bezwinger ist. Man rief also den Bezwinger der Unholde gegen den kleinen Unhold in der Wunde. Ganz ähnlich funktioniert das etwas ältere Kvinneby-Amulett aus Schweden, das ebenfalls Thors Schutz beschwört.
Das eigentlich Bemerkenswerte ist der Zeitpunkt. Der Spruch entstand nicht in heidnischer Frühzeit, sondern lange nach der offiziellen Christianisierung Englands und Skandinaviens, in einem christlichen Buch, geschrieben von einer schriftkundigen, also gebildeten Hand. Das zeigt: Der alte Glaube verschwand nicht mit der Taufe. Er lebte weiter, nicht als offenes Bekenntnis, sondern als vertraute, praktische Heilmagie im Untergrund des Alltags.
Wenn es um Krankheit, Schmerz und nackte Not ging, griffen die Menschen nach dem, was half – oder von dem sie glaubten, dass es half. Und für viele war Thor, der starke Beschützer, offenbar noch immer eine verlässliche Adresse, auch wenn man sonntags in die Kirche ging. Religion war im Alltag selten so eindeutig, wie die offiziellen Bekenntnisse es wollten.
Text und Datierung des Canterbury-Spruchs sind gesichert; nur die genaue Übersetzung einzelner Wörter, etwa des Dämonennamens, ist umstritten. Doch die Grundtatsache ist eindeutig und stark: eine heidnische Götteranrufung, in Runen, im christlichen England des 11. Jahrhunderts. Es ist ein seltener, unmittelbarer Blick in die gelebte, gemischte Religiosität der einfachen wie der gebildeten Leute.
Für uns steckt darin auch etwas zutiefst Menschliches: der Wunsch, in Angst und Krankheit auf eine schützende Macht zurückgreifen zu können, und der Glaube an die Kraft des richtigen Wortes, richtig geritzt. Genau diese uralte Verbindung von Schrift, Schutz und Hoffnung ist einer der Gründe, warum Runen bis heute so stark auf uns wirken – und warum wir sie so gern in dauerhaftes Material bannen.

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Canterbury-Zauberspruch (BL Cotton Caligula A.xv). Mindy MacLeod & Bernard Mees, Runic Amulets and Magic Objects; Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.