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Die Isländersagas im Überblick

Sagen & Mythen Die Isländersagas im Überblick

Ein Bauer erschlägt einen Nachbarn, weil dessen Knecht sein Pferd geritten hat. Dreißig Seiten später sind vier Familien zerstritten, zwei Männer geächtet und einer tot. Kein Erzähler kommentiert, kein Held wird gelobt, niemand sagt, wie man das findet. So funktionieren die Isländersagas: rund vierzig anonyme Prosatexte des 13. und 14. Jahrhunderts über Menschen, die zweihundert Jahre früher gelebt haben sollen. Sie sind die größte Literatur des mittelalterlichen Nordens – und die schwierigste Quelle, die man sich für die Wikingerzeit aussuchen kann.

Reich verzierte Seite der Flateyjarbók
Eine Seite der Flateyjarbók (GKS 1005 fol.), Ende des 14. Jahrhunderts geschrieben. Sie ist die größte isländische Handschrift und zeigt, welchen Aufwand solche Bücher bedeuteten. Foto: Árni Magnússon Institut, CC BY 4.0.

Was eine Isländersaga ist

Saga heißt schlicht „das Gesagte", die Erzählung. Die Íslendingasögur, die Isländersagas, bilden davon eine eigene Gruppe: Prosaerzählungen über Bauern, Goden und Seefahrer auf Island, angesiedelt in den Jahren zwischen der Gründung des Allthings um 930 und der Christianisierung und ihren Folgen um 1030. Diesen Zeitraum nennt man die Sagazeit.

Man erkennt sie an ihrer Machart. Sie erzählen von außen: Was jemand denkt, erfährt man nicht, man erfährt, was er tut und sagt. Sie sind knapp bis zur Schroffheit und lieben die Untertreibung – „das war ein starker Schlag" sagt jemand, dem gerade der Arm abgehauen wurde. Sie beginnen fast immer mit Abstammung, oft über mehrere Generationen, weil in dieser Gesellschaft die Verwandtschaft festlegt, wer für wen einsteht. Und sie sind gebaut wie ein Rechtsfall: Anlass, Eskalation, Vergleichsversuch, Bruch, Rache, Vergleich. Dazwischen stehen Strophen in Skaldenmetrik, die die Saga den Figuren in den Mund legt.

Anonym sind sie alle. Kein einziger Autor einer Isländersaga ist bekannt.

Zweihundert Jahre Abstand

Das ist der Punkt, an dem sich entscheidet, wie man diese Texte liest. Die Sagazeit endet um 1030. Geschrieben wurden die Sagas überwiegend zwischen 1200 und 1350, die meisten im 13. Jahrhundert.

Dazwischen liegen sechs bis zehn Generationen. Island hatte in dieser Zeit das Christentum angenommen, Klöster und Schulen bekommen, das lateinische Alphabet gelernt und eine eigene Geschichtsschreibung entwickelt. Als die Njáls saga entstand, war der Freistaat gerade unter die norwegische Krone geraten. Wer damals über das 10. Jahrhundert schrieb, schrieb über eine Zeit, die er nur aus Erzählungen, Stammbäumen und älteren Büchern kannte – und er schrieb für Leser, die wissen wollten, woher sie kamen.

Was keine Isländersaga ist

Der Begriff wird im Alltag für alles Altnordische benutzt. Das führt in die Irre, denn die mittelalterliche isländische Prosa kennt klar unterscheidbare Gattungen.

Königssagas (konungasögur) erzählen von norwegischen und dänischen Herrschern – die Heimskringla des Snorri Sturluson, Morkinskinna, Fagrskinna. Sie stützen sich auf Skaldenstrophen, die teils aus der Lebenszeit der besungenen Könige stammen, und gelten deshalb in Teilen als bessere Quelle.

Vorzeitsagas (fornaldarsögur) spielen vor der Besiedlung Islands, auf dem Festland, in einer Welt aus Drachen, Zauberschwertern und Königen ohne Jahreszahl. Völsunga saga und Hrólfs saga kraka gehören dazu. Sie sind Heldendichtung, nicht Geschichtsschreibung, und sie wollen es auch nicht sein.

Bischofssagas (biskupasögur) erzählen von isländischen Bischöfen des 11. bis 14. Jahrhunderts, oft mit Wunderberichten, und sind zeitnah geschrieben.

Zeitgenossensagas (samtíðarsögur) behandeln das 12. und 13. Jahrhundert, also die Gegenwart ihrer Verfasser. Die große Sammlung heißt Sturlunga saga. Sie ist für die Verhältnisse, unter denen die Isländersagas entstanden, die wichtigste Quelle überhaupt – und sie liest sich stellenweise wie eine Isländersaga, nur brutaler.

Rittersagas (riddarasögur) sind Übersetzungen und Nachdichtungen höfischer Stoffe aus Frankreich und England.

Die wichtigsten Titel

Ein knapper Überblick über die Texte, die man zuerst lesen sollte.

Njáls saga ist die längste und am breitesten überlieferte: eine Fehde, die im Brand eines Hofes endet, und über weite Strecken ein Buch über Prozessrecht. Egils saga erzählt das Leben des Kriegers und Dichters Egill Skallagrímsson, der sich mit dem norwegischen Königshaus anlegt und sich in York mit einem Gedicht freikauft. Laxdæla saga ist die Saga mit den stärksten Frauenfiguren: Guðrún Ósvífrsdóttir, vier Ehen, und am Schluss der Satz, sie sei dem am schlechtesten gewesen, den sie am meisten geliebt habe. Am Anfang steht dort Auðr die Tiefsinnige, die ihr Schiff selbst nach Island brachte.

Grettis saga ist die Geschichte eines Geächteten, der neunzehn Jahre in der Wildnis überlebt, und wahrscheinlich die jüngste der großen Sagas. Gísla saga ist ihr düsteres Gegenstück. Hrafnkels saga ist kurz, scharf und ein Klassiker der Forschung. Eyrbyggja saga ist die materialreichste, wenn es um Kult und Alltag geht. Gunnlaugs saga ormstungu erzählt von zwei Dichtern und einer Frau. Und die beiden Vinlandsagas, Grænlendinga saga und Eiríks saga rauða, berichten von den Fahrten nach Grönland und Nordamerika – dazu mehr bei Erik dem Roten.

Dazu kommen die þættir, kurze Einzelerzählungen von wenigen Seiten, meist überliefert als Einschub in Königssagas.

Buchprosa gegen Freiprosa

Über die Frage, woher diese Texte kommen, ist ein Jahrhundert lang gestritten worden. Der Streit hat zwei Namen bekommen.

Die Freiprosa-Lehre sagt: Die Sagas wurden mündlich erzählt, über Generationen, in einer Form, die dem geschriebenen Text schon sehr nahe kam. Der Schreiber des 13. Jahrhunderts habe im Wesentlichen aufgezeichnet. Ihr bekanntester Vertreter war der Schweizer Germanist Andreas Heusler, in Norwegen der Volkskundler Knut Liestøl.

Die Buchprosa-Lehre sagt: Die Sagas sind Literatur. Ein Verfasser hat aus mündlichen Erzählungen, Stammbäumen, Rechtskenntnis und älteren Büchern ein Werk gemacht, mit Aufbau, Motiven und Absicht. Diese Position wurde in Island entwickelt – Björn M. Ólsen, Sigurður Nordal, Einar Ólafur Sveinsson – und heißt deshalb oft die „isländische Schule".

Den entscheidenden Schlag führte Sigurður Nordal 1940 mit einer schmalen Studie über die Hrafnkels saga. Er zeigte, dass deren Geographie nicht stimmt: Die geschilderten Täler hätten so viele Höfe nicht getragen, und die Klippe, über die das Pferd Freyfaxi stürzt, gibt es nicht. Wer so erzählt, überliefert nicht, sondern erfindet. Nach 1940 galt die reine Freiprosa als erledigt.

Heute steht die Forschung dazwischen. Dass mündliche Überlieferung den Stoff geliefert hat, bestreitet kaum jemand; dass die erhaltenen Texte geschriebene Kunstwerke sind, auch nicht. Gestritten wird darüber, wie viel Substanz die Mündlichkeit transportieren konnte – und das lässt sich nicht messen, weil niemand die mündliche Fassung kennt.

Was sie als Quelle taugen

Für harte Fakten der Wikingerzeit sind die Isländersagas schlechte Zeugen. Sie nennen Zahlen, die niemand nachgerechnet hat, sie legen Figuren Reden in den Mund, sie ordnen Ereignisse nach dramatischem Bedarf. Wer eine Jahreszahl oder ein Ereignis nur in einer Saga findet, hat keinen Beleg, sondern eine Erzählung.

Als Quelle für anderes sind sie ausgezeichnet. Sie zeigen, wie Recht funktionierte und wie man es umging. Sie zeigen Hofwirtschaft, Kleidung, Schiffe, Reisewege, Essen, Krankheit, Arbeitsteilung. Sie zeigen, was als Ehre galt und was als Schande, und beides bis in die Wortwahl hinein. Und sie zeigen, wie Isländer des 13. Jahrhunderts über ihre Vorfahren dachten – was für sich genommen eine harte historische Tatsache ist.

Vieles davon lässt sich gegenprüfen. Die Stammbäume der Sagas stehen zum Teil auch in der Landnámabók und in der Íslendingabók des Ari Þorgilsson, dem ältesten isländischen Geschichtswerk. Archäologie bestätigt Hoflagen, Bauweisen und Handelsgüter. Wo Saga, Landnámabók und Boden zusammenpassen, wird eine Aussage belastbar. Wo eine Saga allein steht, bleibt sie ein Text. Wie die Gesellschaft aussah, in der das spielt, haben wir bei den Isländern beschrieben.

Pergament, Feuer und Kopisten

Kein einziges Original ist erhalten. Was wir lesen, sind Abschriften von Abschriften, geschrieben auf Kalbspergament, meist im 14. und 15. Jahrhundert, oft Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach der Entstehung des Textes.

Die wichtigste Sammelhandschrift ist die Möðruvallabók (AM 132 fol), entstanden im 14. Jahrhundert, benannt nach dem Hof Möðruvellir in Eyjafjörður. Sie enthält unter anderem Njáls saga, Egils saga und Laxdæla saga und ist damit die größte mittelalterliche Sammlung von Isländersagas überhaupt. Mehrere Texte kennen wir vor allem oder ausschließlich durch sie.

Der Rest ist eine Geschichte von Verlusten. Der isländische Gelehrte Árni Magnússon trug ab dem späten 17. Jahrhundert alles zusammen, was er bekommen konnte, und brachte es nach Kopenhagen. 1728 brannte die Stadt, und ein Teil der Sammlung verbrannte mit. Die Handschrift Vatnshyrna ging dabei unter; von einigen Sagas existieren nur deshalb noch Texte, weil vorher abgeschrieben worden war. Von der Heiðarvíga saga verbrannten zwölf Blätter samt der einzigen Abschrift – Jón Ólafsson aus Grunnavík schrieb den verlorenen Teil aus dem Gedächtnis nach. In dieser Form steht er bis heute in den Ausgaben.

Zwischen 1971 und 1997 gab Dänemark den größten Teil der Handschriften an Island zurück. Heute liegen sie im Árni-Magnússon-Institut in Reykjavík, und wer will, kann viele davon Seite für Seite im Netz ansehen.

Wie man sie heute liest

Die wissenschaftliche Standardausgabe ist die Reihe Íslenzk fornrit, seit 1933 in Reykjavík, mit isländischem Text und ausführlicher Einleitung. Auf Deutsch gab es zuerst die Sammlung Thule, vierundzwanzig Bände, herausgegeben von Felix Niedner, erschienen bei Eugen Diederichs zwischen 1911 und 1930 – sprachlich altertümelnd, aber lange die einzige breite Ausgabe. 2011 erschien eine vollständige Neuübersetzung in fünf Bänden, herausgegeben von Klaus Böldl, Andreas Vollmer und Julia Zernack. Englisch gibt es seit 1997 The Complete Sagas of Icelanders aus Reykjavík.

Ein Rat aus eigener Erfahrung: Nicht mit der Njáls saga anfangen. Die Namen erschlagen einen. Besser mit Hrafnkels saga oder Gunnlaugs saga beginnen, beide kurz, und danach zur Laxdæla greifen.

Beleg, Überlieferung, Deutung – sortiert

Zeitgenössisch zur Sagazeit sind die Sagas nicht. Zeitgenössisch sind einzelne Skaldenstrophen, die in ihnen zitiert werden und teils älter sein dürften als die Prosa – nachweisen lässt sich das nur im Einzelfall, über Metrik und Sprachform.

Archäologisch belegt sind Rahmenbedingungen: Landnahme ab dem späten 9. Jahrhundert, Hofstrukturen, Langhäuser, Gräber, Handelswaren, der Thingplatz Þingvellir, die Siedlung L'Anse aux Meadows auf Neufundland als Beweis für nordische Präsenz in Nordamerika.

Spätere Überlieferung sind die Sagas selbst, zweihundert bis vierhundert Jahre nach den erzählten Ereignissen geschrieben, dazu Landnámabók und Íslendingabók, die näher dran, aber auch nicht zeitgenössisch sind.

Moderne Deutung ist die Datierung der einzelnen Sagas, jede Aussage über Autoren, das ganze Gebäude der Freiprosa- und Buchprosa-Theorien und die Frage, wie viel Erinnerung mündliche Überlieferung über zehn Generationen tragen kann.

Uns gefällt an diesen Texten, dass sie ihre Figuren nicht erklären. Man sieht, was jemand tut, und muss selbst entscheiden, was man davon hält. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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