Wikinger Blog / Sagen & Mythen
Aus dem Wissensarchiv

Njáls saga – die Fehde, der Brand und das Recht

Sagen & Mythen Njáls saga – die Fehde, der Brand und das Recht

Es fängt mit Hausdiebstahl an und endet mit elf Toten unter einem brennenden Dach. Dazwischen liegen fünfzig Jahre, zwei Dutzend Totschläge und sehr viele Prozesse. Die Njáls saga ist die längste der Isländersagas, die meistgelesene, die am besten überlieferte – und sie ist kein Heldenepos. Sie ist die Geschichte einer Gesellschaft, die ihre Konflikte über Recht und Geld lösen will und immer wieder scheitert, weil ein Einzelner die Kränkung höher hängt als den Vergleich. Wer wissen will, wie ein Rechtsstaat ohne König funktioniert und woran er zerbricht, liest dieses Buch.

Pergamentseite der Möðruvallabók
Eine Seite der Möðruvallabók (AM 132 fol.), der größten Sammelhandschrift der Isländersagas aus dem 14. Jahrhundert. Sie überliefert elf Sagas, darunter die Njáls saga. Bild: gemeinfrei.

Die längste Saga – und die, die alle kennen

Ihr vollständiger isländischer Name ist Brennu-Njáls saga, die Saga vom Brand-Njáll. Das Beiwort verrät schon das Ende. Der Text umfasst rund einhundertsechzig Kapitel und erzählt Ereignisse, die er selbst ungefähr zwischen 960 und 1020 ansiedelt. Kein anderer Text dieser Gattung ist so breit überliefert: etwa sechzig Handschriften und Fragmente, davon einundzwanzig aus dem Mittelalter. Auf Island ist die Njála bis heute Schullektüre.

Gunnarr von Hlíðarendi

Das erste Drittel gehört Gunnarr Hámundarson vom Hof Hlíðarendi. Die Saga beschreibt ihn als den besten Waffenmann seiner Zeit: springt in voller Rüstung mehr als seine eigene Höhe, trifft mit dem Bogen, was er sehen kann, und ist dabei gutmütig bis zur Naivität. Menschen einschätzen kann er nicht.

Er heiratet Hallgerðr langbrók. Die Saga hat sie lange vorher markiert: Als Kind sitzt sie ihrem Onkel Hrútr auf dem Schoß, der sie ansieht und sagt, er wisse nicht, woher Diebsaugen in die Familie gekommen seien. Jahre später lässt Hallgerðr auf Gunnars Hof stehlen. Gunnarr schlägt ihr ins Gesicht. Eine Ohrfeige, ein Satz, und die Saga vergisst nichts.

Zwei Totschläge später ist Gunnarr zu drei Jahren Landesverweisung verurteilt. Njáll hatte ihn gewarnt: zweimal in derselben Sippe töten und dann den Vergleich brechen, das kostet ihn das Leben. Gunnarr reitet zum Schiff. Unterwegs stolpert sein Pferd, er fällt herunter, und beim Aufstehen sieht er den Hang seines Hofes.

Fǫgr er hlíðin, svá at mér hefir hon aldri jafnfǫgr sýnzk, bleikir akrar ok slegin tún, ok mun ek ríða heim aftr ok fara hvergi.

„Schön ist der Hang, so schön kam er mir nie vor, bleiche Äcker und gemähte Wiesen – ich werde heimreiten und nirgendwohin fahren."Brennu-Njáls saga, Kap. 75; Übertragung von uns

Damit ist er vogelfrei. Seine Gegner umstellen das Haus, er wehrt sich vom Dachboden mit dem Bogen, bis jemand die Sehne durchschneidet. Er bittet Hallgerðr um zwei Strähnen ihres langen Haares für eine neue Sehne. Sie fragt, ob etwas davon abhänge. Er sagt, sein Leben. Sie erinnert ihn an die Ohrfeige und gibt ihm nichts. Gunnarr fällt.

Njáll, Bergþóra und die Spirale

Njáll Þorgeirsson sitzt auf Bergþórshvoll, einem Hof in den Landeyjar im Süden Islands. Er ist kein Kämpfer. Er kennt das Recht besser als jeder andere, er sieht Dinge voraus, und er hat keinen Bart – woraus seine Feinde einen Spott machen, der ihn und seine Söhne bis in den Tod verfolgt. Seine Frau Bergþóra ist ihm an Härte über.

Zwischen Bergþóra und Hallgerðr beginnt ein Streit um den Sitzplatz an der Tafel, und daraus wird eine Kette: Jede lässt einen Mann des anderen Hofes erschlagen, und jedes neue Opfer steht eine Stufe höher als das vorige. Das Bemerkenswerte ist, was Gunnarr und Njáll daraus machen. Sie treffen sich, sie setzen die Buße fest, sie zahlen einander über den Tisch – abwechselnd, je nachdem, wer gerade dran ist – und bleiben Freunde. Das ist keine Ironie der Saga, das ist ihr Modell: Geld funktioniert, solange beide Seiten wollen.

Dann reißt es. Njálls Söhne erschlagen Þráinn Sigfússon; Njáll nimmt dessen Sohn Höskuldr als Pflegesohn an und macht ihn zum Goden. Der Mann ist untadelig. Genau das ist sein Problem. Mörðr Valgarðsson, neidisch und geduldig, redet den Njálssöhnen ein, Höskuldr plane ihren Tod. Sie erschlagen ihn früh am Morgen auf seinem Feld, beim Säen, und er hat nichts getan. Für diesen Totschlag gibt es keinen vorzeigbaren Grund. Damit ist der Mechanismus kaputt.

Der Brand

Die Klage übernimmt Flosi Þórðarson, Onkel der Witwe. Hildigunnr empfängt ihn, setzt ihn auf den Ehrenplatz und wirft ihm den blutigen Mantel ihres Mannes über die Schultern, mit dem geronnenen Blut nach oben. Ein Bild, das keine Wahl mehr lässt.

Auf dem Allthing wird trotzdem verhandelt. Schiedsrichter setzen das Dreifache der üblichen Mannbuße fest, eine sehr große Summe, sie wird auf dem Thingplatz aufgehäuft. Njáll legt ein seidenes Gewand obenauf. Flosi fragt, wer das gegeben habe. Niemand antwortet. Er nimmt es als Anspielung auf seine Männlichkeit, wirft es zurück, und der Vergleich platzt an einem Kleidungsstück.

Im Herbst darauf – die innere Zeitrechnung der Saga führt auf das Jahr 1011 – reitet Flosi mit rund hundert Mann nach Bergþórshvoll. Drinnen sind etwa dreißig. Njáll rät, sich im Haus zu verteidigen statt draußen; sein Sohn Skarphéðinn widerspricht offen und gehorcht trotzdem. Es ist die falsche Entscheidung, und die Saga sagt das selbst.

Flosi lässt Feuer legen. Frauen, Kinder und Knechte dürfen heraus. Bergþóra lehnt ab: Sie sei jung an Njáll gegeben worden und habe ihm versprochen, dass beide dasselbe Los haben würden. Njáll, Bergþóra und ihr kleiner Enkel Þórðr legen sich in die Kammer und ziehen eine Ochsenhaut über sich. Elf Menschen sterben. Einer kommt durch: Kári Sǫlmundarson, Njálls Schwiegersohn, läuft mit brennendem Haar über einen Querbalken durch den Rauch ins Freie und löscht sich in einem Bach.

Rache, Rom, Vergleich – und ein Krieg in Irland

Was folgt, ist der längste Prozess der altnordischen Literatur. Der Fall gegen die Mordbrenner wird auf dem Allthing verhandelt, an einem Formfehler zerrieben, und am Ende schlagen sich die Parteien auf dem Thingplatz selbst.

Kári nimmt jede Einigung nicht an und jagt die Brenner über Jahre, in Island, auf den Orkneys, in Wales. Flosi geht nach Rom, bekennt und erhält Absolution; Kári geht denselben Weg. Ganz am Schluss strandet Kári im Winter an der Südküste, geht zum nächsten Hof – es ist Svínafell, Flosis Hof – und tritt ein. Flosi springt auf, geht ihm entgegen und küsst ihn. Kári heiratet Hildigunnr, die Witwe des Mannes, für den alles begann. Die Saga endet nicht mit einem Sieg, sondern mit einem Vergleich.

Vorher aber springt sie nach Irland. Die letzten Kapitel erzählen die Schlacht von Clontarf vor Dublin am Karfreitag 1014: König Brjánn, Jarl Sigurðr von Orkney mit dem Rabenbanner, der Wikinger Bróðir. Einige der Brenner kämpfen dort mit. Die Forschung nimmt an, dass hier eine ältere, verlorene Erzählung eingearbeitet wurde, die man Brjáns saga nennt; Einar Ólafur Sveinsson hat sie erschlossen, Donnchadh Ó Corráin hat einen Ursprung im Dublin um 1100 vorgeschlagen. Erhalten ist sie nicht. In Kapitel 157 steckt außerdem das Darraðarljóð, elf Strophen, in denen Walküren an einem Webstuhl aus Gedärmen und Männerköpfen den Ausgang der Schlacht weben. Das Gedicht ist wahrscheinlich älter als die Saga.

Das eigentliche Thema ist das Recht

Wer die Njála nur als Fehdegeschichte liest, überblättert ihr Zentrum. Kapitel für Kapitel geht es um Ladungen, Zeugen, Nachbarngeschworene, Zuständigkeiten, Fristen, Einsprüche. Die Saga zitiert Prozessformeln, als läse jemand aus einem Rechtsbuch vor. Ihr berühmtester Satz steht nicht in einer Schlacht, sondern in einer Rechtsdebatte:

Með lǫgum skal land várt byggja, en með ólǫgum eyða.

„Mit Recht soll man unser Land aufbauen, mit Unrecht verwüsten."Brennu-Njáls saga, Kap. 70; Übertragung von uns

Der isländische Freistaat hatte keinen König, keine Polizei, keine Vollstreckungsbehörde. Auf dem Thing wurde geurteilt; durchsetzen musste das Urteil, wer es erstritten hatte. Genau deshalb kreist die Saga so hartnäckig um Vergleich, Schiedsspruch und Mannbuße. Sie sind nicht das Beiwerk der Gewalt, sie sind die Alternative dazu – und sie versagen jedes Mal an einer Kränkung, die sich nicht bezahlen lässt.

Die Saga schreibt Njáll dabei eine Leistung zu, die ihm die Geschichte nicht gibt. Sie lässt ihn den Fünftgerichtshof einrichten, den obersten Gerichtshof des Freistaats. Ari Þorgilsson, der um 1130 in der Íslendingabók schrieb, nennt dafür den Gesetzsprecher Skapti Þóroddsson, der das Amt von 1004 bis 1030 innehatte. Der Autor der Njála hat seinem Helden eine echte Reform in die Hand gegeben.

Das Recht selbst kennen wir aus der Grágás, der Sammlung des Freistaatsrechts, überliefert vor allem in der Konungsbók (GKS 1157 fol, um 1260) und der Staðarhólsbók (AM 334 fol, um 1280). Die Saga und die Grágás decken sich in vielem, in Einzelheiten aber nicht – der Text entstand, als der Freistaat schon Geschichte war. Mehr zu Goden, Allthing und Landnahme steht bei den Isländern.

Um 1280 geschrieben, in sechzig Handschriften überliefert

Der Autor ist unbekannt, wie bei allen Isländersagas. Die Forschung datiert die Niederschrift auf die Zeit zwischen 1270 und 1290. Vorgeschlagen wurden im Lauf der Jahrhunderte Sæmundr fróði, Snorri Sturluson, Brandr Jónsson und Þorvarðr Þórarinsson; keiner dieser Namen lässt sich belegen. Wer schreibt, kannte das Recht aus der Praxis und andere Sagas aus der Lektüre – Anleihen bei Laxdæla saga, Eyrbyggja saga und Ljósvetninga saga sind nachweisbar.

Die wichtigsten mittelalterlichen Pergamente: Gráskinna (GKS 2870 4to, um 1300), Þormóðsbók (AM 162 b fol, um 1300), Reykjabók (AM 468 4to, um 1300–1325), Möðruvallabók (AM 132 fol, um 1330–1370) und Kálfalækjarbók (AM 133 fol, um 1350). Keine einzige davon ist vollständig erhalten. Die Möðruvallabók enthält daneben die Egils saga und die Laxdæla saga und ist damit die größte mittelalterliche Sammlung von Isländersagas, die wir haben.

Die Handschriften sind sich ähnlich, aber nicht gleich. Einzelne enthalten Strophen, die andere nicht haben; Wortlaut und Kapiteleinteilung schwanken. Einar Ólafur Sveinsson hat das Material 1953 geordnet, seine Ausgabe in der Reihe Íslenzk fornrit von 1954 ist bis heute die Referenz. Wer „die" Njála liest, liest immer eine Entscheidung eines Herausgebers.

Was in Bergþórshvoll gegraben wurde

Den Hof gibt es. Bergþórshvoll liegt auf einer flachen Erhebung in den Landeyjar und ist bis heute bewirtschaftet. Gegraben wurde dort dreimal.

Ende des 19. Jahrhunderts setzte Sigurður Vigfússon für die isländische Altertumsgesellschaft flache Schnitte an. Er fand verkohltes Holz und eine weißliche Masse, die er für Skyr hielt – die Saga erzählt, im Haus habe Molke gestanden, mit der man das Feuer zu löschen versuchte. Ein Lehrstück darüber, wie man findet, wonach man sucht.

Matthías Þórðarson grub 1927, 1928 und 1931 großflächig. Rund achthundert Fundstücke kamen zutage und etwa fünfzig Baubefunde von der Wikingerzeit bis ins 19. Jahrhundert. Eine Brandschicht, die sich mit der Brenna verbinden ließe, war nicht darunter.

Anfang der 1950er-Jahre arbeiteten Kristján Eldjárn und Gísli Gestsson dort. Sie legten die verbrannten Reste eines großen Gebäudes frei, das sie als Stall ansprachen und in die Wikingerzeit stellten, und fassten die älteren Befunde zusammen.

Was heißt das? Dass auf dem Hügel seit der Landnahme ein Gehöft stand, mehrfach um- und neu gebaut, und dass dort Gebäude abgebrannt sind. Feuer in Häusern aus Torf, Holz und Rasensoden war kein Ausnahmefall, sondern ein Berufsrisiko. Kein Befund lässt sich auf eine bestimmte Nacht um 1011 festnageln, und keiner nennt Namen. Die Archäologie bestätigt die Bühne, nicht das Stück.

Beleg, Überlieferung, Deutung – sortiert

Zeitgenössisch belegt ist von der Handlung so gut wie nichts. Keine Quelle des 11. Jahrhunderts beschreibt den Brand oder Gunnars Tod. Gut belegt ist dagegen die Schlacht von Clontarf 1014, aber durch irische Annalen – nicht durch die isländische Fassung davon.

Archäologisch belegt sind Besiedlung und Bauphasen auf Bergþórshvoll seit der Wikingerzeit, Brandspuren ohne passendes Datum, und der Thingplatz Þingvellir als Ort der Versammlung.

Spätere Überlieferung ist die Saga selbst: rund zweihundertsiebzig Jahre nach den Ereignissen geschrieben, aus mündlicher Tradition, älteren Texten und dem Kopf eines sehr guten Autors. Die Landnámabók kennt einen Teil der Personen und weicht in den Stammbäumen von der Saga ab – was zeigt, dass die Namen nicht frei erfunden sind, der Text aber frei damit umgeht.

Moderne Deutung sind alle Autorschaftsvorschläge, die Datierung auf ein Jahrzehnt genau, die Frage, ob die Saga Schicksalsglaube oder Christentum predigt, und die heute verbreitete Lesart, sie sei eine Kritik an einem Ehrbegriff, der Männer zwingt, sich für eine Bemerkung umbringen zu lassen.

Uns gefällt an diesem Text, dass er keine Helden braucht, um groß zu sein. Sein bester Mann ist ein Jurist ohne Bart, der am Ende stirbt, weil er einmal falsch geraten hat. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: Baumscheiben aus echtem Holz, handgeschliffen und lasergraviert - aus Alsdorf bei Aachen. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Die Schlacht von Clontarf 1014 · Das Thing · Die Isländer · Die Isländersagas · Snorri Sturluson · Egill Skallagrímsson.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge