Der Übergang vom heidnischen zum christlichen Norden geschah nicht über Nacht – und manchmal stehen beide Welten auf ein und demselben Stein. Zwei Kreuze zeigen das meisterhaft.
Der Übergang vom heidnischen zum christlichen Norden geschah nicht über Nacht. Er war kein Bruch, sondern ein langes, oft widersprüchliches Ineinanderfließen zweier Welten – und manchmal stehen diese beiden Welten buchstäblich auf ein und demselben Stein. Zwei berühmte steinerne Kreuze auf den Britischen Inseln zeigen das auf meisterhafte Weise: Sie sind christliche Denkmäler und erzählen doch die alten nordischen Mythen.
Dass ausgerechnet Ragnarök, der Untergang der alten Götter, auf einem Christuskreuz erscheint, ist kein Zufall. Für die frisch bekehrten Nordleute war das Ende der alten Welt und der Beginn einer neuen eine Erzählung, die sie kannten – und die sich mühelos auf den neuen Glauben übertragen ließ.
„Die Sonne verlischt, die Erde sinkt ins Meer; vom Himmel fallen die heiteren Sterne." — Völuspá, nach Simrock
Im englischen Cumbria steht ein schlankes, über vier Meter hohes Hochkreuz aus dem 10. Jahrhundert – eines der beeindruckendsten erhaltenen Steinkreuze überhaupt. Seine fein gearbeiteten Reliefs zeigen Szenen aus Ragnarök: Heimdall mit dem Horn, den Kampf der Götter gegen den Wolf, den gefesselten Loki mit seiner treuen Gemahlin Sigyn, die das Gift auffängt – und mitten unter all dem eine Kreuzigung.
Heidnischer Weltuntergang und christliche Erlösung stehen hier Seite an Seite, als wolle der Stein eine einzige große Botschaft verkünden: Die alte Welt endet, eine neue beginnt. Der christliche Bildhauer griff nicht die alten Mythen an, sondern nutzte sie – er erzählte den Sieg des neuen Glaubens in der vertrauten Bildsprache der alten Zeit.
Noch drastischer ist ein Kreuzfragment aus Kirk Andreas auf der Insel Man, benannt nach seinem Stifter Thorwald. Die eine Seite zeigt Odin, den Speer in der Hand und den Raben an der Schulter, in dem Augenblick, in dem der Wolf Fenrir ihn beim Ragnarök verschlingt – man sieht sogar den Fuß des Gottes im Rachen des Untiers. Die andere Seite trägt christliche Zeichen: eine Gestalt mit Kreuz und Buch, die den bösen Drachen niedertritt, dazu ein Fisch, altes Christussymbol.
Die Aussage ist von großer Wucht: Der alte Göttervater Odin wird vom Wolf verschlungen – seine Zeit ist vorbei –, während auf der Gegenseite Christus über das Böse triumphiert. Kaum ein Denkmal fasst den Glaubenswechsel so unmittelbar und so bildmächtig in Stein.
Die Deutung der einzelnen Szenen als Ragnarök ist weithin akzeptiert, im Detail aber immer wieder Diskussionsstoff – gerade beim Gosforth-Kreuz ist nicht jede Figur zweifelsfrei zu bestimmen. Sicher ist die Grundaussage: Christliche Auftraggeber setzten bewusst die heidnische Bildwelt ein, um den Sieg des neuen Glaubens verständlich zu machen. Das ist kein Rückfall ins Heidentum, sondern kluge Missionskunst.
Für uns sind diese Steinkreuze faszinierende Zeugen einer Zwischenzeit, in der Menschen mit zwei Bildwelten zugleich lebten. Sie zeigen, dass Kultur selten in klaren Schnitten verläuft, sondern in Übergängen, Mischungen und Weiterklängen. Genau diese Schichten machen die nordische Geschichte so reich – und sie sind ein Grund, warum wir ihre Motive so gern in dauerhaftes Material bannen.


Ragnarök · Der Fenriswolf · Odin · Bildsteine.
Gosforth-Kreuz; Thorwalds Kreuz (Manx-Kreuze). Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; Richard N. Bailey, Viking Age Sculpture. Bildnachweis Titelbild: Gosforth-Kreuz (Cumbria), Foto Dougsim, CC BY-SA 4.0 (Wikimedia Commons).