Wikinger Blog / Steinkreuze & Magie
Aus dem Wissensarchiv

Das Gosforth-Kreuz und Thorwalds Kreuz – Ragnarök auf christlichen Steinen

Steinkreuze & Magie Das Gosforth-Kreuz und Thorwalds Kreuz – Ragnarök auf christlichen Steinen

Das Gosforth-Kreuz in Cumbria und Thorwalds Kreuz aus Kirk Andreas auf der Isle of Man sind christliche Steinkreuze des 10. Jahrhunderts, auf denen Szenen aus Ragnarök erscheinen: In Gosforth reißt wohl Víðarr dem Wolf den Rachen auf, Loki liegt gefesselt, Heimdall hält sein Horn – und darunter hängt Christus am Kreuz. Auf Thorwalds Kreuz verschlingt der Wolf Odin samt Rabe, auf der Gegenseite steht eine Gestalt mit Kreuz und Buch. Wir zeigen dir, was auf den Steinen wirklich zu sehen ist, wie alt sie sind und wie die Forschung sie deutet.

Stell dir einen Friedhof an der Küste Cumbrias vor, irgendwann um das Jahr 930. Zwischen frischen Gräbern ragt ein schlanker Schaft aus rotem Sandstein auf, höher als zwei Männer übereinander. Oben trägt er ein Kreuz. Darunter aber kämpfen Wölfe, Schlangen und Reiter, ein Gefesselter windet sich, eine Frau kniet mit einer Schale. Wer damals aus Norwegen oder Irland hierher gekommen war, kannte diese Bilder. Es war das Ende der Welt – erzählt auf einem Denkmal für den neuen Gott.

Genau diese Spannung macht die beiden berühmtesten Steinkreuze der Wikingerzeit auf den Britischen Inseln so packend. Das Gosforth-Kreuz in Cumbria und Thorwalds Kreuz aus Kirk Andreas auf der Isle of Man zeigen Götter aus der Ragnarök-Überlieferung – und sie stehen trotzdem auf Kirchhöfen. Vorweg: Kein einziges Bild auf diesen Steinen ist beschriftet. Jede Benennung als „Víðarr“, „Loki“ oder „Odin“ ist eine Deutung, auch wenn manche davon sehr gut begründet sind. Wir sagen dir jeweils dazu, wie sicher sie ist.

Zwei Welten auf einem Stein – und ein Zeitproblem

Ein Punkt wird oft übersehen: Die Kreuze sind deutlich älter als die Texte, mit denen wir sie erklären. Das Gosforth-Kreuz entstand nach heutiger Einschätzung in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts, meist wird an die Jahre um 920 bis 950 gedacht. Die Lieder-Edda mit der Völuspá, dem „Lied der Seherin“, ist dagegen erst in einer isländischen Handschrift um 1270 erhalten, dem Codex Regius. Snorri Sturlusons Prosa-Edda mit der ausführlichen Ragnarök-Erzählung der Gylfaginning schrieb Snorri um 1220.

Zwischen Stein und Pergament liegen also rund drei Jahrhunderte. Das heißt: Die Bildhauer in Cumbria und auf Man haben nicht „die Edda“ illustriert. Sie kannten eine mündliche Fassung der Mythen, die der späteren schriftlichen ähnelte – wie sehr, wissen wir nicht. Umgekehrt sind diese Kreuze für die Forschung Gold wert: Sie beweisen, dass Erzählungen wie Lokis Fesselung oder Odins Tod durch den Wolf schon im 10. Jahrhundert im Umlauf waren, lange bevor ein christlicher Isländer sie aufschrieb.

„Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt ins Meer, / Vom Himmel fallen die heitern Sterne.“Völuspá, in der Übersetzung von Karl Simrock (Die Edda, 1851)
Thorwalds Kreuz aus Kirk Andreas, Isle of Man
Thorwalds Kreuz (Kirk Andreas): Odin mit Rabe, vom Wolf Fenrir verschlungen. Foto Malost, CC BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons).

Gosforth: viereinhalb Meter Weltuntergang

Das Gosforth-Kreuz steht bis heute an seinem Platz auf dem Kirchhof von St Mary in Gosforth, im Westen Cumbrias, nahe der Irischen See. Laut dem Denkmalregister von Historic England misst es 4,42 Meter und ist aus rotem Sandstein gehauen. Es gilt als das höchste erhaltene Steinkreuz der Wikingerzeit in England – und als eines der vollständigsten. Der Schaft ist unten rund wie ein Baumstamm und geht nach oben in einen vierkantigen, sich verjüngenden Pfeiler über. Oben sitzt ein kleiner Kreuzkopf mit Ring, verziert mit Flechtwerk und einem Mittelbuckel.

Der Küstenstreifen Cumbrias hatte zu Northumbrien gehört; im 10. Jahrhundert ließen sich dort skandinavische Familien nieder, viele wohl über Irland und die Inseln der Irischen See. Die Kreuzform ist angelsächsisch-insular, viele Motive sind nordisch: ein anglo-skandinavisches Werk von Leuten, die beide Bildwelten beherrschten.

Bemerkenswert ist auch die Forschungsgeschichte. Schon 1799 beschrieb das Gentleman’s Magazine die schlanke Säule und hielt sie für ein christliches Grabdenkmal. Die Bilder waren unter Flechten kaum zu erkennen. Erst als der Pfarrer William Slater Calverley und der Arzt Charles Arundel Parker den Stein im Spätherbst 1881 behutsam von den Flechten befreien ließen, traten die Szenen klar hervor. Calverley verband sie mit der Edda und legte 1883 seine grundlegende Deutung vor. Gipsabgüsse kamen 1882 in das heutige Victoria and Albert Museum in London, und 1887 ließ Calverley eine lebensgroße Nachbildung für den Kirchhof von Aspatria anfertigen.

Gesicherter Befund: Gosforth-Kreuz, Kirchhof St Mary, Gosforth (Cumbria). Roter Sandstein, 4,42 m hoch, erste Hälfte 10. Jh. Vier figürlich und ornamental verzierte Seiten; die einzige eindeutig christliche Szene ist die Kreuzigung im unteren Feld der Ostseite. Geschütztes Denkmal (Scheduled Monument).

Die Westseite: Heimdall, Loki und Sigyn

Auf der Westseite steht oben eine Gestalt mit Stab und Horn, die zwei aufgerissene Tierrachen abwehrt. Seit Calverley wird sie als Heimdall gedeutet, der Wächter der Götter, der mit dem Gjallarhorn den Beginn des letzten Kampfes ankündigt. Die Völuspá sagt nur, dass Heimdall laut ins erhobene Horn bläst; dass er die Ungeheuer mit dem Stab zurückhält, steht in keinem Text. Hier erzählt der Stein also mehr, als die schriftliche Überlieferung hergibt – oder er erzählt etwas anderes, und unsere Benennung passt nur ungefähr.

Darunter folgt ein kopfüber stürzender Reiter mit Speer, und dann die Szene, die selbst skeptische Forscher kaum bestreiten: ein gefesselter Mann, um den sich eine Schlange windet, und neben ihm eine kniende Frau mit einer Schale. Das passt ungewöhnlich genau zu Lokis Strafe. Nach der Völuspá liegt der Gefesselte im Hain der Kessel, und Sigyn sitzt freudlos bei ihrem Mann. Die Prosa am Ende der Lokasenna und Snorris Gylfaginning malen es weiter aus: Die Götter binden Loki mit den Därmen seines eigenen Sohnes an Felsen, Skadi hängt eine Giftschlange über ihn, und Sigyn fängt das tropfende Gift in einer Schale auf. Wenn sie die Schale leeren muss, trifft ihn das Gift – und seine Zuckungen sind die Erdbeben.

Därme oder Erdbeben zeigt der Stein nicht. Aber Gefesselter, Schlange und Frau mit Schale sind so spezifisch, dass ein Zufall kaum vorstellbar ist. Daraus folgt die wichtigste Erkenntnis von Gosforth: Die Geschichte von Lokis Bestrafung samt Sigyns Schale existierte bereits um 930, und zwar in einer Form, die der Fassung Snorris drei Jahrhunderte später erstaunlich nahekommt.

Die Ostseite: Víðarr, der Wolf – und Christus

Oben auf der Ostseite reckt ein Ungeheuer seinen Rachen auf. Eine menschliche Gestalt steht davor, hält einen Speer oder Stab und hat offenbar einen Fuß in den Kiefer des Tieres gesetzt. Calverley schrieb 1899, hier stehe Víðarr, Odins Sohn, mit seinem Schuh auf dem Kiefer des Fenriswolfs, um ihn zu töten. Diese Lesung hat sich weitgehend gehalten.

Spannend ist der Vergleich mit den Texten. Die Völuspá lässt Víðarr den Wolf mit dem Schwert erledigen:

„Er stößt dem Hwedrungssohn den Stahl ins Herz / Durch gähnenden Rachen: so rächt er den Vater.“Völuspá, übers. Karl Simrock (1851)

Snorri dagegen erzählt in der Gylfaginning, Víðarr trete dem Wolf mit einem Fuß in den Unterkiefer – an diesem Fuß trägt er einen dicken Schuh, für den alle Zeiten hindurch Lederreste gesammelt wurden – und reiße mit der Hand den Oberkiefer auf. Der Gosforth-Bildhauer scheint also eine Version zu kennen, die dem Bericht Snorris ähnelt, nicht nur der Völuspá. Vorsicht bleibt geboten: Die Figur ist klein und verwittert.

Darunter, im unteren Feld derselben Seite, folgt die einzige eindeutig christliche Szene: die Kreuzigung. Christus steht mit ausgebreiteten Armen, aus seiner Seite strömt Blut. Links von ihm ein Mann mit Speer, rechts eine Frauengestalt mit langem, schleppendem Gewand oder Haar, unten zwei Tiere. Die meisten deuten die Begleiter christlich: Der Speerträger ist Longinus, der nach dem Johannesevangelium die Seite Christi öffnete, die Frau ist Maria Magdalena oder Maria. Calverley erwog sogar eine nordische Doppellesung als Baldrs Tod mit Höðr und Nanna – heute gilt das als zu weit hergeholt.

Auffällig ist die Anordnung: Víðarrs Sieg über den Wolf steht direkt über der Kreuzigung. Eine bewusste Gegenüberstellung – der Sohn, der den Vater rächt, und der Sohn, der durch seinen Tod das Böse besiegt – ist möglich, aber nicht beweisbar.

Süd- und Nordseite: Reiter, Wölfe, ein geflügeltes Ungeheuer

Die beiden Schmalseiten sind schwieriger. Auf der Südseite zeigt der Stein nach der Beschreibung von Historic England einen Hirsch, einen Wolf oder Hund und einen Reiter; manche haben hier Odin gesehen, darüber einen Wolf, gelegentlich als Garmr benannt, den Höllenhund der Völuspá. Die Nordseite trägt einen langen Stab, der in einem Tierkopf mit flügelartigen Fortsätzen endet, und zwei Reiter, einer davon wieder kopfüber. Für das Flügelwesen wurde Surtr vorgeschlagen, der Feuerriese.

Diese Benennungen sind deutlich unsicherer als Loki und Sigyn. Der kopfüber gezeigte Reiter wird oft als Bild für Tod oder Niederlage gelesen. Und unten am runden Schaft wächst ein baumartiges Muster empor: für manche der Weltenbaum Yggdrasil, für andere der Lebensbaum der christlichen Kunst. Belegen lässt sich keins von beiden.

Thors Fischzug: der zweite Stein von Gosforth

Im März 1882, beim Vermessen des Kreuzes, entdeckte Parker eine abgetretene Steinplatte, die als Stufe am Sockel lag. Auf ihrer verborgenen Unterseite waren Bilder. George Stephens, der Runenforscher aus Kopenhagen, erkannte darin eine Szene, die du aus der Edda kennst: Thor und der Riese Hymir beim Fischen. Zwei Gestalten sitzen in einem Boot, eine Angelschnur hängt ins Wasser, als Köder dient ein Ochsenkopf. Darunter kämpft ein Hirsch mit einer Schlange. Der Stein, möglicherweise der Rest eines zweiten Kreuzes, wird heute in der Kirche gezeigt.

Die Geschichte ist eines der beliebtesten Motive der nordischen Bildkunst. Thor will die Midgardschlange aus dem Meer ziehen; nach Snorri tritt er dabei mit solcher Kraft auf, dass seine Füße den Bootsboden durchstoßen, bis Hymir in Panik die Schnur kappt. Dieselbe Erzählung findet sich auf dem Runenstein von Altuna in Uppland, auf dem dänischen Stein von Hørdum, wo man Thors Fuß durch den Rumpf stoßen sieht, und auf dem gotländischen Bildstein Ardre VIII, den du aus unserem Artikel über die Bildsteine von Gotland kennst.

Warum dieses Bild auf einem Kreuz? Eine verbreitete Deutung verweist auf Papst Gregor den Großen: Bei ihm wird der Teufel als Leviathan beschrieben, den Gott mit Christus als Köder an den Haken nimmt. Thors Fischzug konnte so zum vertrauten Gleichnis werden. Ob jemand in Gosforth tatsächlich so dachte, wissen wir nicht.

In der Kirche liegen außerdem zwei sogenannte Hogbacks: Grabsteine in Form eines Hauses mit gewölbtem „Dachfirst“, eine typische Schöpfung der Wikingerzeit in Nordengland und Südschottland. Sie wurden 1896/97 bei Bauarbeiten unter einer Mauer des 12. Jahrhunderts gefunden. Der größere zeigt Menschen im Kampf mit Schlangen, der kleinere zwei bewaffnete Gruppen. Zusammen mit Kreuzkopf-Fragmenten belegen sie, dass Gosforth im 10. Jahrhundert ein bedeutender kirchlicher Ort mit einer leistungsfähigen Bildhauerwerkstatt war.

Thorwalds Kreuz: Odin im Rachen des Wolfs

Auf der anderen Seite der Irischen See, in der Kirche von Andreas im Norden der Isle of Man, wird ein Fragment aufbewahrt, das noch drastischer ist. Es ist eine kleine, stark beschädigte Platte aus Schiefer, in der Manx-Zählung die Nummer 128. Am Rand läuft eine Runeninschrift, von der nur der Anfang erhalten ist: Þorvaldr reisti kross … – „Thorwald errichtete (dieses) Kreuz …“. Wem er es setzte, ist mit dem Bruchstück verloren.

Die Datierung schwankt. Die schwedische Runendatenbank Rundata setzt den Stein um 940 an, der Archäologe Aleks Pluskowski dagegen ins 11. Jahrhundert; andere denken an das späte 10. Jahrhundert. Sicher ist nur: Er gehört in die Generationen nach der skandinavischen Ansiedlung auf Man, die um 900 einsetzte und anfangs noch heidnische Bestattungen wie das Bootsgrab von Balladoole hervorbrachte.

Auf der einen Seite des Schafts steht ein bärtiger Mann mit einem Speer, dessen Spitze nach unten auf einen Wolf zeigt. Sein rechter Fuß steckt im Rachen des Tiers. Auf seiner Schulter sitzt ein großer Vogel. Die übliche Deutung: Odin mit seinem Speer Gungnir wird bei Ragnarök vom Fenriswolf verschlungen, der Vogel ist einer seiner Raben – Hugin oder Munin, wie Andy Orchard vorgeschlagen hat. Die Völuspá kennt die Szene als „Hlíns zweiten Harm“: Frigg verliert nach Baldr ein zweites Mal, als Odin zum Kampf mit dem Wolf auszieht.

Die Gegenseite zeigt ein großes Kreuz und daneben eine Gestalt, die in einer Hand ein Kreuz, in der anderen ein Buch hält und auf eine Schlange tritt. Dazu kommt ein Fisch, das alte Christussymbol, und verschlungene Schlangen. Hier denken die meisten an Christus, der das Böse niedertritt. Die Bildformel ist in der christlichen Kunst verbreitet und geht auf Psalm 91 zurück, in dem es heißt, der Gerechte werde Löwe und Drachen zertreten. Manche sehen in der Figur eher einen Missionar oder Heiligen mit dem Evangelienbuch.

Gesicherter Befund: Thorwalds Kreuz, Andreas (Isle of Man), Manx-Kreuz Nr. 128. Fragment einer Schieferplatte mit Runeninschrift „Þorvaldr reisti kross …“. Seite A: Mann mit Speer, Fuß im Rachen eines Wolfs, Vogel auf der Schulter. Seite B: Gestalt mit Kreuz und Buch, die auf eine Schlange tritt, dazu Fisch. Datierung zwischen 10. und 11. Jh. umstritten.

Liest man beide Seiten zusammen, entsteht ein starkes Bild: Auf der einen Seite stirbt der alte Göttervater, auf der anderen triumphiert der neue Herr über die Schlange. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Odins Tod gehört in der nordischen Überlieferung selbst zum Ablauf des Weltendes; danach folgt eine neue, grüne Welt, die du in unserem Artikel Was kommt nach Ragnarök? nachlesen kannst. Der Stein muss also kein „Sieg über die Heiden“ sein. Er kann auch zwei Erzählungen vom Ende und vom Neubeginn nebeneinanderstellen.

Eine Parallele steht in Schweden: Auf dem Runenstein von Ledberg in Östergötland (wohl 11. Jahrhundert) setzt eine Gestalt ihren Fuß in das Maul eines Tiers – meist ebenfalls als Odin und Fenrir gelesen, von manchen aber auf das Schicksal des Verstorbenen bezogen.

Gautr und die Werkstätten der Isle of Man

Die Isle of Man ist ein Sonderfall. Auf der kleinen Insel sind mehr Runensteine der Wikingerzeit erhalten als in vielen Regionen Skandinaviens: R. I. Page zählte in den 1980er-Jahren 26, gegenüber 33 aus ganz Norwegen. Die Manx-Kreuze verbinden die Form der keltischen Kreuzplatte mit skandinavischer Ornamentik und Runeninschriften in altnordischer Sprache.

Ein Bildhauer hat sich selbst ein Denkmal gesetzt. Auf einem Kreuz in Kirk Michael steht, dass Melbrigði, Sohn Aðakáns des Schmieds, es für seine Seele errichtete – „aber Gautr machte es und alle auf Man“. Melbrigði ist der gälische Name Máel Brigte, „Diener der heiligen Brigida“; ein Mann mit irischem Namen ließ also bei einem Nordmann ein Kreuz mit nordischer Inschrift arbeiten. Ein zweites signiertes Kreuz in Andreas, für einen Vater namens Ófeigr, nennt Gautr als Sohn Bjǫrns aus Kuli oder Kolli. Wo dieser Ort lag, ist strittig: Cooley auf Man wurde vorgeschlagen, ebenso die Hebrideninsel Coll.

Was „alle auf Man“ bedeutet, wird ebenfalls diskutiert. Meist versteht man es als stolzen Anspruch, der erste oder maßgebliche Kreuzbildhauer der Nordleute auf der Insel gewesen zu sein. Der norwegische Archäologe Haakon Shetelig schrieb Gautr oder seinem Umfeld mehrere weitere Kreuze zu und verband ihren Dekor mit dem Borre-Stil, einem Tierstil des 10. Jahrhunderts mit Ringketten und Flechtbändern. Thorwalds Kreuz trägt selbst eine Ringkette auf dem Schaft. Ob es aus Gautrs Werkstatt stammt, ist nicht belegt; es gehört aber in dieselbe Bildhauertradition.

Weitere Kreuze mit nordischen Motiven

Gosforth und Andreas sind keine Einzelfälle. Auf Man gibt es vier Kreuze mit Szenen aus der Sigurdsage: in Andreas, Jurby, Malew und Maughold. Auf dem Andreas-Kreuz (Nr. 121) stößt Sigurd dem Drachen Fáfnir von unten das Schwert in den Leib, darüber brät er dessen Herz und steckt den verbrannten Finger in den Mund, wodurch er die Vogelsprache versteht; sein Pferd Grani steht dabei. Die Rückseite zeigt wohl Gunnar in der Schlangengrube. In Jurby hält eine Gestalt ein Horn und ein kurzes Schwert, ein Vogel schwebt darüber – Heimdall mit dem Gjallarhorn ist eine vorgeschlagene, keine gesicherte Deutung.

In Nordengland finden sich ebenfalls Spuren. In der Kirche von Kirkby Stephen (Cumbria) steht ein Stein des 10. Jahrhunderts mit einer gefesselten Gestalt, im Volksmund „The Bound Devil“. Ob Loki, Satan oder beides gemeint ist, bleibt umstritten. Auch Sigurd-Szenen und der Schmied Weland erscheinen auf Steinen in Nordengland. Und in Skandinavien selbst erzählen Runensteine wie der von Skarpåker in Schweden mit einer Ragnarök-Formel vom Schmerz eines Vaters. Auch das Christusbild auf dem Jellingstein spricht christlich in nordischer Bildsprache.

Wie deutet die Forschung die Kreuze?

Über die Grundfrage – warum heidnische Götter auf Kreuzen? – gibt es mehrere Forschungspositionen, die sich nicht ausschließen.

Christliche Typologie. Schon Calverley sah Parallelen: Lokis Fesselung entspreche dem gefesselten Satan der Johannesoffenbarung, Víðarrs Sieg über den Wolf dem Sieg Christi über das Böse. Der Archäologe Richard N. Bailey hat diesen Ansatz in mehreren Arbeiten weiterentwickelt. Die Idee dahinter: Kirchliche Auftraggeber wählten aus dem heimischen Mythos gezielt Szenen, die sich als Gleichnis für die christliche Heilsgeschichte und das Weltgericht lesen ließen. Der Mythos wird nicht widerlegt, sondern als Vorbild in Dienst genommen – so wie mittelalterliche Theologen Ereignisse des Alten Testaments als Vorausdeutung auf Christus lasen.

Synkretismus. Andere betonen, dass Menschen im 10. Jahrhundert beide Welten nebeneinander lebten, ohne darin einen Widerspruch zu sehen. Thorwalds Kreuz wird deshalb oft als „synkretische Kunst“ bezeichnet. Thomas DuBois hat gezeigt, wie lange sich in der nordischen Bekehrungszeit alte und neue Praktiken überlagerten. Ein Stifter konnte Christus vertrauen und trotzdem Odins Ende für wahr halten.

Siedler-Identität. Die Kunsthistorikerin Lilla Kopár hat in ihrem Buch Gods and Settlers (2012) die nordischen Mythenbilder in der anglo-skandinavischen Steinplastik untersucht. Sie fragt auch, was diese Bilder für eine Gemeinschaft von Neuankömmlingen bedeuteten, die sich in einer christlichen Umgebung neu verortete. Die Bilder sprechen zwei Publikumsgruppen zugleich an: Klerus und Siedler.

Offen bleibt, ob das Weltende mit anschließender neuer Welt überhaupt „rein heidnisch“ ist – manche vermuten christlichen Einfluss auf die Völuspá. Die Kreuze belegen Teile der Erzählung für das 10. Jahrhundert, aber eben in einem Milieu, in dem beide Vorstellungswelten längst ineinandergriffen. Mehr zum Hintergrund findest du in unserem Artikel über die Christianisierung der Germanen.

Mythos-Check: „Die Kreuze zeigen, dass die Wikinger heimlich Heiden blieben.“ – Das gibt der Befund nicht her. Beide Denkmäler stehen bzw. standen auf christlichen Kirchhöfen, tragen Kreuze, und Gosforth zeigt die Kreuzigung. Ebenso wenig sind sie reine Propaganda gegen die alten Götter. Die meisten Fachleute sehen eine bewusste Verbindung beider Bildwelten. Wie genau die Zeitgenossen sie verstanden, lässt sich nicht mehr sicher sagen.

Was uns diese Steine heute sagen

Für uns in der Werkstatt in Alsdorf zeigen Gosforth und Andreas, wie ein Bildhauer vor tausend Jahren mit wenigen Linien eine ganze Geschichte in Stein bannte: ein Fuß im Rachen, eine Schale über einem Gesicht, ein Rabe auf der Schulter. Kein Wort, und doch versteht man die Szene. Genau das reizt uns an einer guten Gravur. Und die Steine erinnern daran, dass der Norden nicht über Nacht christlich wurde. Wenn du das nächste Mal ein Kreuz mit Flechtwerk siehst, schau genauer hin. Vielleicht wartet dort ein Wolf.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Schieferplatte: nordische Symbole
Nordische Symbole & Bildstein-Motive auf Naturschiefer, lasergraviert. Im Shop →

Häufige Fragen

Wie alt ist das Gosforth-Kreuz? Das Gosforth-Kreuz stammt aus der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts, meist wird es auf etwa 920 bis 950 datiert. Es ist damit rund 300 Jahre älter als die Handschrift der Lieder-Edda.

Was ist auf dem Gosforth-Kreuz abgebildet? Neben Flechtwerk und Tieren zeigt es Szenen, die meist als Ragnarök gedeutet werden: Heimdall mit Horn, Loki gefesselt mit Sigyn und ihrer Schale, Víðarr am Rachen des Wolfs – und auf der Ostseite unten die Kreuzigung Christi.

Wo steht Thorwalds Kreuz? Das Fragment wird in der Kirche von Andreas im Norden der Isle of Man aufbewahrt.

Ist auf Thorwalds Kreuz wirklich Odin zu sehen? Die Figur ist nicht beschriftet. Ein Mann mit Speer und Vogel auf der Schulter, dessen Fuß im Rachen eines Wolfs steckt, passt aber so gut zu Odins Tod bei Ragnarök, dass diese Deutung allgemein vertreten wird.

Warum stehen heidnische Götter auf christlichen Kreuzen? Die Forschung nennt mehrere Gründe: Nordische Mythen wurden als Gleichnis für christliche Inhalte genutzt, die Gesellschaft lebte in einer Übergangszeit mit beiden Glaubenswelten, und die Bilder sprachen skandinavische Siedler in ihrer eigenen Bildsprache an.

Wer war Gautr? Gautr war ein Bildhauer der Wikingerzeit auf der Isle of Man. Er signierte zwei Runenkreuze und behauptete auf dem Kreuz von Kirk Michael, er habe dieses „und alle auf Man“ gemacht.

Weiterlesen bei uns

Ragnarök · Der Fenriswolf · Odin · Bildsteine.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus dem Gebiet Runenkunde

Alle Runenkunde-Artikel →

Welche Rune soll ich gravieren lassen?

Eine einzige Rune, sauber in Schiefer oder Holz gelasert, ist ein starkes Motiv: reduziert, alt, voller Bedeutung. Nur …

Weiterlesen →

Wikinger-Namen und ihre Bedeutung

Leifr Eiríksson, Guðrún Ósvífrsdóttir, Ragnar Loðbrók: Namen aus dem Norden klingen wie kleine Geschichten – und genau …

Weiterlesen →

Der Canterbury-Zauberspruch – Thor gegen die Wunde

England, das Jahr 1073 – sieben Jahre nach der normannischen Eroberung. Am Rand einer christlichen Handschrift ritzt …

Weiterlesen →

Glavendrup & Tryggevælde – Ragnhildrs Steine

Auf der dänischen Insel Fünen steht der Glavendrup-Stein – er trägt die längste Runeninschrift Dänemarks, dazu eine …

Weiterlesen →