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Fafnir – vom Bruder zum Drachen

Sagen & Mythen Fafnir – vom Bruder zum Drachen

Fafnir ist nicht als Drache geboren. Er war der Sohn eines Bauern, der Bruder eines Schmieds, ein Mann mit einem Namen und einer Familie. Was ihn verwandelt, ist kein Zauber von außen, sondern eine Erbschaft: ein Haufen Gold, der als Buße für einen erschlagenen Otter gezahlt wurde und auf dem der Fluch eines Zwergs liegt. Fafnir bringt dafür seinen Vater um, vertreibt seinen Bruder, legt sich auf das Gold – und hört irgendwann auf, ein Mensch zu sein. Die Reihenfolge ist wichtig: erst die Gier, dann die Schuppen.

Die Ramsundsritzung Sö 101 mit Sigurd, dem Wurm und dem Runenband
Die Ramsundsritzung (Sö 101) in Södermanland, um 1030: Sigurd stößt von unten durch den Leib des Wurms, daneben Regin, der Vogel im Baum und das Pferd Grani. Das Runenband selbst erzählt von einer Brücke, nicht von Fafnir. Foto: Bengt A. Lundberg, Riksantikvarieämbetet, CC BY 2.5.

Ein Hof, drei Söhne, ein toter Otter

Am Anfang steht kein Ungeheuer, sondern eine Familie. Hreidmar hat drei Söhne: Fafnir, Regin und Otr. Otr geht in Ottergestalt fischen, und genau daran stirbt er – Loki erschlägt ihn mit einem Stein, während Odin und Hönir dabeistehen. Die Götter wissen nicht, wen sie getötet haben. Hreidmar weiß es.

Was folgt, ist das älteste Bußverfahren des Nordens in Reinform: Wergeld. Der Otterbalg wird mit Gold gefüllt und von außen bedeckt, bis kein Haar mehr zu sehen ist. Die ganze Geschichte des Goldes – wie Loki den Zwerg Andvari als Hecht aus dem Wasserfall fängt, wie Andvari den Ring hergibt und ihn verflucht, wie am Ende ein einziges Barthaar hervorschaut – haben wir eigens erzählt: Andvaris Fluchgold und die Otterbuße.

Wichtig für Fafnir ist nur der Satz, den Andvari dem Gold mitgibt. Sinngemäß: Dieser Schatz wird jedem den Tod bringen, der ihn besitzt. In der Dichtung des Nordens sind solche Sätze keine Drohung. Sie sind eine Zustandsbeschreibung der Zukunft.

Erst die Gier, dann die Schuppen

Hreidmar bekommt sein Gold – und behält es. Fafnir verlangt seinen Anteil, bekommt ihn nicht und erschlägt den Vater im Schlaf. Regin, der zweite Bruder, fordert daraufhin seinerseits einen Teil. Fafnir sagt Nein, setzt den Ægishjálmr auf, den „Schreckenshelm", und vertreibt ihn. Dann schleppt er alles auf die Gnitaheide, legt sich darauf und bleibt liegen.

Wie aus dem Mann der Wurm wird, sagen die Quellen nicht einheitlich. Die Völsunga saga berichtet schlicht, er sei zu einem Drachen geworden; Snorri erwähnt die Verwandlung in der Skáldskaparmál ebenfalls ohne Erklärung. Das Lied selbst, die Fáfnismál, beschreibt ihn als kriechende Schlange ohne Flügel. Das altnordische Wort ist ormr: Wurm, Schlange. Feuer speit er nirgends, er bläst Gift.

Das ist kein Detail für Nachtschichten der Textkritik, sondern der Kern der Figur. Der Drache der nordischen Dichtung ist ein Kriechtier mit Gift und Panzer, kein fliegender Feuerwerfer der späteren Buchmalerei. Mehr dazu bei Drachen und Schlangen in der nordischen Welt. Und Fafnir ist nicht der einzige seiner Art: An der Wurzel des Weltenbaums liegt Nidhöggr, der aus ganz anderem Stoff gemacht ist.

Was der Name Fáfnir bedeutet, lässt sich nicht sicher sagen. Deutungen gibt es mehrere, keine ist gesichert. Wir lassen das offen.

Regin, das Schwert und die Grube

Regin, um sein Erbe gebracht, wird Schmied am Hof des Königs Hjálprek und zieht dort einen Pflegesohn auf: Sigurd, den nachgeborenen Sohn des erschlagenen Sigmund. Regin schmiedet ihm aus den Bruchstücken von Sigmunds Schwert die Klinge Gram – nachdem Sigurd zwei vorherige Versuche des Schmieds am Amboss zerschlagen hat. Gram spaltet den Amboss und zerteilt eine Flocke Wolle, die im Fluss gegen die Schneide treibt. Erst jetzt taugt das Schwert.

Regins Plan ist einfach: Der Junge soll den Bruder töten, das Gold soll zurückkommen. Sigurd rächt zuerst seinen eigenen Vater, dann reitet er zur Gnitaheide.

Der Rat, den er dort bekommt, ist zweigeteilt. Regin sagt: Grab eine Grube auf dem Weg zum Wasser und stich von unten zu. Ein alter Mann mit Bart – die Texte lassen keinen Zweifel, wer das ist – sagt: Grab mehrere Gruben, sonst ertrinkst du im Blut. Sigurd hört auf beide. Er sticht von unten in das Herz, während der Wurm über ihn hinwegkriecht.

Das Gespräch mit dem Sterbenden

Hier wird die Sache ungewöhnlich. Die Fáfnismál verschwenden keine Strophe auf den Kampf – die Prosaeinleitung erledigt ihn in einem Satz. Das Lied beginnt danach, und es besteht fast ganz aus einem Gespräch zwischen dem tödlich verwundeten Drachen und seinem Mörder.

Sveinn ok sveinn! Hverjum ertu sveini um borinn?
Hverra ertu manna mögr?

„Junge, Junge! Welchem Jungen bist du geboren? Von welchen Leuten bist du der Sohn?"Fáfnismál, Strophe 1; Übertragung von uns

Sigurd antwortet ausweichend, er nennt sich „edles Tier" und behauptet, weder Vater noch Mutter zu haben. Der Grund steht im Prosakommentar der Handschrift: Man glaubte, der Fluch eines Sterbenden treffe härter, wenn er den Namen des Gegners kennt. Erst danach gibt Sigurd sich zu erkennen.

Was folgt, ist kein Todeskampf, sondern Unterricht. Sigurd fragt den Wurm nach den Nornen, nach der Ebene, auf der die Götter fallen werden – Stoff, den sonst die Völuspá liefert. Fafnir antwortet. Und dann sagt er den Satz, um den sich die ganze Sage dreht:

Ræð ek þér nú, Sigurðr, en þú ráð nemir
ok ríð heim heðan!
It gjalla gull ok it glóðrauða fé —
þér verða þeir baugar at bana

„Ich rate dir nun, Sigurd, und du nimm den Rat an: Reite von hier nach Hause! Das gellende Gold und das glutrote Gut – diese Ringe werden dir zum Tod."Fáfnismál, Strophe 20; Übertragung von uns

Der Sterbende warnt den Sieger. Das ist der Grund, warum diese Szene in der nordischen Dichtung so fest sitzt: Fafnir ist kein Monster, das besiegt wird, sondern ein Zeuge, der am Ende recht behält.

Den Rest kennt man: Regin schneidet das Herz heraus, trinkt vom Blut und lässt Sigurd braten. Sigurd verbrennt sich den Daumen, steckt ihn in den Mund – und versteht auf einmal die Vögel im Baum. Die warnen ihn vor Regin. Sigurd schlägt dem Ziehvater den Kopf ab, packt das Gold auf sein Pferd Grani und reitet weiter. Wohin, steht in unserem Artikel über Sigurd und die Völsungensage.

Drei Texte, drei Stufen

Die Fafnir-Geschichte steht nicht in einem Werk, sondern in dreien, und sie stehen nicht gleichrangig nebeneinander.

Reginsmál und Fáfnismál sind Lieder im Codex Regius, der isländischen Sammelhandschrift der 1270er-Jahre. Beide Titel sind neuzeitlich; die Handschrift selbst setzt an dieser Stelle keine Trennung, sondern lässt Vers und erklärende Prosa ineinander übergehen. Die Fáfnismál umfassen in der gängigen Zählung 44 Strophen.

Die Völsunga saga ist Prosa des späten 13. Jahrhunderts, erhalten in einer einzigen mittelalterlichen Handschrift um 1400. Ihr Verfasser hat eddische Lieder vor sich gehabt und zu einer durchlaufenden Erzählung verarbeitet. Das macht sie bequem – und gefährlich: Wo sie ausführlicher ist als die Lieder, ist sie nicht unbedingt älter, sondern oft einfach erzählfreudiger.

Snorri Sturluson schließlich fasst den Stoff in der Skáldskaparmál zusammen, weil er erklären muss, warum Skalden Gold „Otterbuße" oder „Fafnirs Lager" nennen. Für ihn ist die Geschichte Werkzeug, nicht Selbstzweck.

Wichtig ist noch eine Lücke: Dem Codex Regius fehlt eine ganze Lage Pergament, acht Blätter, mitten im Sigurd-Zyklus. Was darin stand, wissen wir nur, weil die Völsunga saga es in Prosa nacherzählt. Ohne diese Saga wäre ein Teil der Geschichte weg.

Der andere Strang: das Nibelungenlied

Südlich der Nordsee läuft derselbe Stoff anders. Im mittelhochdeutschen Nibelungenlied, um 1200 im Donauraum entstanden, heißt der Held Sîfrit, und der Drachenkampf ist keine Szene, sondern eine Nebenbemerkung. Hagen erzählt am Wormser Hof, was er über den Fremden gehört hat:

Noch weiz ich an im mêre, daz mir ist bekant.
einen lintrachen den sluoc des heldes hant.

„Noch mehr weiß ich von ihm, das mir bekannt ist: Einen Lindwurm hat die Hand des Helden erschlagen."Nibelungenlied, Strophe 100; Übertragung von uns

Zwei Zeilen, und weiter geht es. Entscheidend ist der Unterschied im Bauplan: Im Nibelungenlied hat der Drache mit dem Hort nichts zu tun. Den Nibelungenschatz gewinnt Sîfrit bei einer ganz anderen Gelegenheit, im Streit der Brüder Schilbung und Nibelung. Der Drache liefert nur das Blutbad, das die Haut hörnen macht – mit der bekannten Stelle zwischen den Schultern, auf die ein Lindenblatt fiel.

Im Norden gehören Drache und Gold zusammen und sind Teil desselben Fluchs. Im deutschen Epos sind es zwei getrennte Vorgeschichten. Das ist kein Übersetzungsfehler, sondern ein Hinweis darauf, dass beide Fassungen auf ältere, unterschiedlich erzählte Überlieferungen zurückgehen. Eine dritte Variante bietet die norwegische Þiðreks saga des 13. Jahrhunderts, die aus norddeutschen Quellen schöpft und beide Motive mischt.

Im Stein und im Holz: was wirklich zu sehen ist

Fafnir ist einer der wenigen Sagenstoffe des Nordens, die man nicht nur lesen, sondern anschauen kann. Beim Anschauen ist allerdings Vorsicht geboten.

Die Ramsundsritzung in Södermanland, katalogisiert als Sö 101, ist keine Runensteinplatte, sondern eine Felsritzung, geschaffen um 1030. Der Körper des Wurms bildet das Runenband. Zu erkennen sind: ein Mann, der von unten in den Wurm sticht; ein Mann, der einen Daumen in den Mund steckt, vor einem Feuer mit Spießen; Vögel in einem Baum; ein beladenes Pferd; ein kopfloser Mann neben Schmiedewerkzeug; ein vierbeiniges Tier, das man als Otr deutet.

Diese Kombination – Daumen, Vögel, Pferd, Schmiedewerkzeug – ist der Grund, warum die Deutung hier ungewöhnlich sicher ist. Nicht ein Motiv, sondern ein ganzes Motivbündel passt auf eine einzige Erzählung. Der Text der Inschrift selbst sagt dazu übrigens kein Wort: Er berichtet, dass Sigrid, Alriks Mutter und Orms Tochter, diese Brücke für die Seele Holmgeirs machen ließ, des Vaters ihres Mannes Sigröd. Bild und Text gehören verschiedenen Welten an und stehen trotzdem auf demselben Fels.

Der Gökstein (Sö 327) wenige Kilometer entfernt wiederholt dieselben Motive, aber durcheinander, und dazu kommt ein christliches Kreuz. Die Forschung vermutet, dass der Ritzer die Vorlage nicht verstand – oder sie bewusst umbaute. Sicher ist das nicht.

Das Portal von Hylestad aus dem Setesdal in Norwegen, geschnitzt in der zweiten Hälfte des 12. oder um die Wende zum 13. Jahrhundert, ist das ausführlichste Bildzeugnis überhaupt. Die Stabkirche wurde im 17. Jahrhundert abgebrochen; die geschnitzten Planken kamen später in die Sammlungen in Oslo. Zu sehen sind nacheinander: Regin am Amboss, Sigurd beim Erproben der Klinge, der Stich von unten, das Braten des Herzens mit dem Daumen im Mund, die Vögel, der enthauptete Regin, Grani mit der Last und Gunnar in der Schlangengrube. Eine christliche Kirchentür mit einer ganzen Bilderfolge aus einer heidnischen Heldensage – dass das kein Widerspruch war, ist die eigentliche Auskunft dieses Portals.

Bei anderen Steinen ist die Deutung dünner. Wo nur ein einzelnes Motiv erscheint – ein Mann mit erhobenem Schwert, eine Schlange, ein Vogel –, lässt sich Fafnir nicht beweisen. Mehrere skandinavische Steine gelten als „Sigurdsteine"; bei einigen ist das gut begründet, bei anderen bleibt es ein Vorschlag.

Dichtung, Handschrift, Deutung – sauber getrennt

Bildlich belegt ist der Stoff seit der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts: Ramsund um 1030, der Gökstein etwas später, Hylestad gegen Ende des 12. Jahrhunderts. Das ist die älteste datierbare Spur der Erzählung überhaupt – zwei Jahrhunderte vor der ältesten Handschrift.

Handschriftlich überliefert sind Reginsmál und Fáfnismál im Codex Regius der 1270er-Jahre, die Völsunga saga aus dem späten 13. Jahrhundert und Snorris Prosa um 1220. Alle drei sind christlich-isländische Aufzeichnungen, mehrere Jahrhunderte jünger als die Wikingerzeit.

Anderer Überlieferungsstrang ist das deutsche Nibelungenlied um 1200 mit seiner völlig anders gebauten Vorgeschichte, dazu die Þiðreks saga als Mischform.

Moderne Deutung sind die Datierung der einzelnen Lieder, die Frage, welche Fassung die ältere ist, die Bedeutung des Namens Fáfnir und jede Zuordnung von Bildern zu Textstellen dort, wo nur ein einzelnes Motiv erhalten ist.

Was bleibt, ist eine Geschichte, die ohne Ungeheuer auskommt. Ein Bruder bringt den Vater um, bewacht sein Gold, bis er nicht mehr aufrecht gehen kann, und warnt im Sterben den Mann, der als Nächster daran zugrunde geht. Wer die Zwerge und ihren Fluch kennt, weiß, dass die Warnung nichts nützt. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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