Fast alles, was wir über die nordische Weltordnung zu wissen glauben, hängt an einem einzigen Gedicht von rund sechzig Strophen. Es steht ganz vorn im wichtigsten Handschriftenband der eddischen Dichtung, und gesprochen wird es nicht von einem Gott, sondern von einer Seherin, die Odin herbeigeholt hat. Sie erzählt ihm die Welt von ihrem ersten Morgen bis über ihr Ende hinaus – und sie tut es in einem Ton, als wüsste sie genau, wie unangenehm ihm die letzten Strophen sein werden.

Die Völuspá, „Die Weissagung der Seherin", ist das Eröffnungsgedicht des Codex Regius und das einzige Lied der Edda, das einen durchgehenden Bogen schlägt: Anfang, Mitte, Ende, Neuanfang. Der Sprecherin gibt das Gedicht selbst keinen Namen. Sie ist eine Völva, eine Seherin, und sie redet vor einem Publikum, das sie gleich in der ersten Strophe zur Ruhe ermahnt.
Hljóðs bið ek allar helgar kindir,
meiri ok minni mögu Heimdallar
„Um Gehör bitte ich alle heiligen Geschlechter, die größeren und die kleineren, die Söhne Heimdalls."Völuspá, Strophe 1 (Zählung nach den gängigen Ausgaben); Übertragung von uns
„Söhne Heimdalls" meint die Menschen. Die Seherin spricht also nicht nur zu Odin, sondern über seinen Kopf hinweg zu allen. Gleich danach sagt sie, woher ihr Wissen kommt: Sie erinnert sich an Riesen, die vor der Welt geboren wurden, und an neun Welten. Sie ist älter als das, worüber sie berichtet.
Das Gedicht steht im Fornyrðislag, dem knappen Stabreimvers der Erzähldichtung, und arbeitet mit Wiederholungen wie ein Lied: Mehrfach unterbricht der Kehrvers vom Hund Garm, der vor der Höhle Gnipahellir heult, den Fluss der Verse. Das ist keine Chronik, sondern ein gesprochenes Stück mit Taktgefühl.
Am Anfang steht die Leere. Keine Erde, kein Himmel, kein Gras – nur Ginnungagap, der gähnende Schlund. Dann heben Burs Söhne die Länder empor, Sonne und Mond finden ihre Plätze, die Götter benennen die Tageszeiten. Wie aus Ymirs Leib die Welt wurde, sagt die Völuspá nicht ausdrücklich – das ergänzt erst Snorri.
Es folgt die Goldzeit: Die Götter bauen auf dem Feld Iðavöllr, sie schmieden, sie errichten Hallen, und sie spielen mit goldenen Spielsteinen im Gras. Ihnen fehlt nichts. Beendet wird diese Zeit von drei Riesentöchtern, die aus Jötunheim kommen. Was sie tun, sagt das Gedicht nicht. Nur, dass danach nichts mehr so ist wie vorher.
Dann kommt der erste Krieg. Eine Gestalt namens Gullveig wird in Odins Halle dreimal mit Speeren durchbohrt und dreimal verbrannt – und lebt dreimal wieder auf. Sie heißt danach Heiðr und zieht als Zauberkundige über das Land. Odin schleudert seinen Speer in das Heer, und die Wand der Götterburg bricht. Das ist der Krieg zwischen Asen und Wanen, und das Gedicht nennt ihn den ersten Krieg der Welt.
Danach: Baldrs Tod. Die Seherin sieht das Schicksal des Gottes voraus, den Mistelzweig, der zur Waffe wird, den blinden Höðr als Werkzeug und den Rächer, der eine Nacht alt in den Kampf geht. Vier, fünf Strophen, mehr nicht. Alles Weitere – die Trauer, die Bestattung, der Ritt nach Hel – steht in anderen Quellen.
Von da an kippt das Gedicht. Es zählt Zeichen auf: Brüder erschlagen einander, der Hahn kräht, die Fesseln reißen. Die Seherin wechselt vom Rückblick in die Zukunft.
Bræðr munu berjask ok at bönum verðask,
munu systrungar sifjum spilla;
skeggöld, skálmöld, skildir ro klofnir,
vindöld, vargöld, áðr veröld steypisk
„Brüder werden kämpfen und einander zu Mördern werden, Geschwisterkinder die Sippe zerbrechen; Beilzeit, Schwertzeit, Schilde werden gespalten, Windzeit, Wolfszeit, ehe die Welt versinkt."Völuspá, Strophe 45; Übertragung von uns
„Beilzeit, Schwertzeit … Windzeit, Wolfszeit" – vier Wörter, und das Bild steht. Diese Reihe braucht keinen Kommentar.
Den Untergang selbst erzählen wir hier nicht nach; dafür haben wir einen eigenen Artikel über Ragnarök. Wichtig ist, wie die Völuspá ihn setzt: nicht als Katastrophe am Rand, sondern als Zielpunkt des ganzen Gedichts. Und sie gibt ihm Bilder, die in keiner anderen Quelle so stehen.
Sól tér sortna, sígr fold í mar,
hverfa af himni heiðar stjörnur;
geisar eimi ok aldrnari,
leikr hár hiti við himin sjalfan
„Die Sonne beginnt sich zu schwärzen, das Land sinkt ins Meer, vom Himmel schwinden die hellen Sterne; Dampf tobt und der Lebensnährer, hohe Hitze spielt bis an den Himmel selbst."Völuspá, Strophe 57; Übertragung von uns. Aldrnari, „der das Leben nährt", ist eine Umschreibung für das Feuer.
Und dann hört das Gedicht nicht auf. Die Seherin sieht eine zweite Erde aus dem Meer steigen, grün, mit fallenden Wasserfällen und einem Adler, der über den Felsen Fische jagt. Die überlebenden Asen finden im Gras die goldenen Spielsteine wieder, die sie in der Goldzeit verloren hatten. Baldr kehrt zurück. Was aus dieser neuen Welt wird, haben wir gesondert behandelt: Was kommt nach Ragnarök?
Die letzte Strophe des Codex Regius aber ist keine Erlösung. Sie zeigt den dunklen Drachen, der von den Niðafjöll heranfliegt, Leichen im Gefieder. Dann bricht die Seherin ab. Über die Deutung dieses Schlusses streitet die Forschung seit über hundert Jahren.
Zwischen der Goldzeit und dem ersten Krieg steht ein Block von sechs, sieben Strophen, der anders klingt als alles ringsum: das Dvergatal, das Zwergenverzeichnis. Die Götter beraten, wer die Zwerge schaffen soll; Mótsognir wird der mächtigste von ihnen, Durinn der zweite. Dann folgen Namen. Dutzende von Namen, in Reihen aufgesagt, ohne Handlung.
Viele Herausgeber halten diesen Block für eingefügt. Er unterbricht den Erzählfaden, er wiederholt sich, und er liest sich wie ein eigenständiges Merkgedicht, das jemand in die Völuspá hineingestellt hat. Sicher ist auch das nicht – Listen dieser Art gehören zur eddischen Dichtung dazu. Wer mehr über diese Wesen wissen will: die Zwerge haben bei uns einen eigenen Artikel.
Eine Nebenwirkung des Dvergatals kennt fast jeder, ohne es zu wissen. J. R. R. Tolkien, von Haus aus Philologe, hat sich hier bedient: Þorinn, Fíli, Kíli, Óinn, Glóinn, Dvalinn, Bifurr, Bafurr, Bömburr – und, drei Zeilen weiter, Gandálfr. Die Zwerge des Hobbit tragen die Namen einer Strophenreihe aus dem 13. Jahrhundert.
Die Völuspá ist uns in drei Gestalten überliefert, und keine davon stimmt mit den anderen überein.
Der Codex Regius (Signatur GKS 2365 4to) wurde in den 1270er-Jahren auf Island geschrieben und enthält die Völuspá als erstes Stück, gezählt werden dort 62 Strophen. Die Handschrift galt lange als verschollen; 1643 fand sie Brynjólfur Sveinsson, Bischof von Skálholt, 1662 ging sie als Geschenk an den dänischen König, und erst am 21. April 1971 kam sie nach Reykjavík zurück.
Die Hauksbók (AM 544 4to), zusammengestellt vom isländischen Gesetzsprecher Haukr Erlendsson im frühen 14. Jahrhundert, bringt eine deutlich abweichende Fassung mit 59 Strophen. Ihr fehlt die ausdrückliche Schilderung von Baldrs Tod, und die Reihenfolge weicht an mehreren Stellen ab. Dafür hat sie eine Strophe, die im Codex Regius nicht steht: Da kommt inn ríki, „der Mächtige", von oben zum Gericht, „der über alles herrscht". Wer damit gemeint ist, wird bis heute diskutiert.
Snorri Sturluson schließlich zitiert in der Gylfaginning seiner Prosa-Edda um 1220 zahlreiche Strophen der Völuspá – und zwar in Lesarten, die weder genau zum Codex Regius noch genau zur Hauksbók passen. Er kannte offenbar eine dritte Version. An einer Stelle ist das ein Glücksfall: Was Thor im Kampf gegen die Midgardschlange widerfährt, steht bei ihm vollständiger als in den Liederhandschriften.
Moderne Ausgaben setzen aus allen dreien einen Text zusammen, der seit Sophus Bugge auf 66 Strophen kommt. Das ist bequem und zugleich ein Problem: Der Text, den wir heute lesen, ist eine Herstellung des 19. und 20. Jahrhunderts. Im Mittelalter hat ihn in dieser Form niemand gekannt. Wie die Edda-Überlieferung insgesamt zustande kam, haben wir in unserem Artikel über die Edda aufgeschrieben.
Die Handschriften sind christlich, isländisch, 13. bis 14. Jahrhundert. Das Gedicht ist älter – wie viel älter, ist die Streitfrage.
Im 19. Jahrhundert setzte man es gern sehr früh an. Im 20. Jahrhundert folgte die Mehrheit Sigurður Nordal, der die Entstehung um das Jahr 1000 vermutete, in den Jahrzehnten der isländischen Bekehrung, und die Weltuntergangsbilder mit der Stimmung dieser Zeit verband. Andere gehen weiter zurück, ins 10. Jahrhundert. Sveinbjörn Rafnsson hat 1999 sogar für das 12. Jahrhundert plädiert. John McKinnell hält dagegen: Snorri hätte sich kaum so stark auf ein Gedicht gestützt, das er für neu gehalten hätte.
Für hohes Alter spricht die Sprache. Dagegen spricht die Logik der Überlieferung: Zwischen Entstehung und erster Niederschrift liegen mindestens zweieinhalb Jahrhunderte mündlicher Weitergabe. Was darin dazukam oder wegfiel, lässt sich nicht mehr auseinanderrechnen.
Seit Sophus Bugge im späten 19. Jahrhundert die These aufbrachte, die nordische Mythologie sei weitgehend aus christlichen und antiken Stoffen gebaut, ist die Völuspá das Hauptschlachtfeld dieser Debatte.
Die Kandidaten sind schnell genannt: eine Seherin, die eine Endzeit ansagt, erinnert an die Sibyllen der lateinischen Tradition – Ursula Dronke und Kees Samplonius haben auf den Cantus Sibyllae verwiesen. Der Weltenbrand erinnert an das Jüngste Gericht; Wolfgang Butt führte die Ragnarök-Schilderung 1969 auf altenglische Predigtliteratur zurück, vor allem auf Wulfstan von York – eine Herleitung, die sich nicht durchgesetzt hat. Und die Hauksbók-Strophe vom Mächtigen, der von oben zum Gericht kommt, liest sich für manche wie die Wiederkunft Christi.
Dagegen steht: Vieles in der Völuspá hat keine christliche Entsprechung. Der Wolf, der die Sonne frisst, der Weltenbaum, die Nornen, der erste Krieg zwischen zwei Göttergeschlechtern – das ist kein biblisches Material. McKinnell schätzt, dass etwa zwanzig der Strophen christlich beeinflusst sein könnten, und beschreibt den Dichter als „christlich beeinflusst, aber nicht christlich". Das trifft die Lage vermutlich gut: ein Gedicht aus der Umbruchzeit, von jemandem, der beide Welten kannte.
Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Christlicher Einfluss auf einzelne Bilder ist wahrscheinlich, das Ausmaß ist umstritten, und kein einziger Nachweis ist zwingend.
2018 legte ein Team um Clive Oppenheimer in Climatic Change eine Studie zur Eldgjá-Eruption vor. Eis- und Baumringdaten datieren diesen gewaltigen Ausbruch im Süden Islands auf das Frühjahr 939 bis mindestens den Herbst 940. Die Autoren setzen ihn mit den Strophen vom verdunkelten Himmel in Beziehung: eine Erinnerung an eine real erlebte Katastrophe, die man eine Generation später zu Versen gemacht und – so ihre weitergehende These – im Ringen um die Christianisierung ins Feld geführt habe.
Die Datierung des Ausbruchs ist solide. Der Schritt von dort zum Gedicht ist es nicht: Verdunkelte Sonne, fallende Sterne und Feuer bis zum Himmel sind Bilder, die in der Weltuntergangsdichtung mehrerer Kulturen vorkommen. Eine gut begründete Vermutung, nicht mehr.
Handschriftlich belegt sind drei voneinander abweichende Fassungen: Codex Regius (1270er-Jahre, 62 Strophen), Hauksbók (frühes 14. Jahrhundert, 59 Strophen) und die Strophenzitate in Snorris Gylfaginning (um 1220).
Zeitgenössisch aus der Wikingerzeit ist an der Völuspá nichts. Es gibt keine Handschrift und keine Runeninschrift, die das Gedicht überliefert. Einzelne Ragnarök-Motive lassen sich allerdings unabhängig in Stein nachweisen – etwa auf dem Gosforth-Kreuz und auf Thorwalds Kreuz.
Spätere Überlieferung ist der Prosarahmen, in den das 13. Jahrhundert die Mythen stellt, Snorris ordnende Hand und das sogenannte „kurze Völuspá" in den Hyndluljóð, ein jüngeres Gedicht mit ähnlichem Aufbau.
Moderne Deutung sind die Datierungen von 900 bis 1150, das Ausmaß christlichen Einflusses, die Einordnung des Dvergatals als Einschub, die Eldgjá-These – und nicht zuletzt der zusammengesetzte 66-Strophen-Text, den wir heute selbstverständlich zitieren.
Was bleibt, ist ein Gedicht, in dem eine Frau einem Gott sein eigenes Ende ansagt und ihm dabei keine Silbe schenkt. Die Nornen unter Yggdrasil, der erste Krieg, der Weltenbrand, die grüne Erde danach: Vieles, was heute als „nordische Mythologie" gilt, hängt an diesen sechzig Strophen. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Snorri Sturluson · Die Nornen · Yggdrasil – der Weltenbaum · Ragnarök · Hávamál – die Sprüche des Hohen · Die Zwerge.